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Full text of "Geistliches und weltliches aus dem türkischgriechischen Orient: Selbsterlebtes und selbstgesehenes"

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GEISTLICHES 
UND WELTLICHES 

AUS DEM TÜRKISCH- 
GRIECHISCHEN ORIENT 



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SELBSTERLEBTES 
UND SELBSTGESEHENES VON 

HEINRICH GELZER 



MIT EINEM PORTRÄT IN LICHTDRUCK 
SOWIE ZWÖLF ZEICHNUNGEN IM TEXT 




1900 

DRUCK UND VERLAG VON 
B. G. TEUBNER IN LEIPZIG 



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THEODOR NOELDEKE 



IN DANKBARER VEREHRUNG 



ALLE RECHTE, 
EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZÜNGSRECHTS, VORBEHALTEN. 



THEODOR NOELDEKE 



IN DANKBARER VEREHRUNG 



Inhaltsübersicht. 



Bilder aus dem geistlichen Konstantinopel. 

Seite. 

I. Der ökumenische Patriarchat 3 — 30 

1. Einleitendes i — 4 

2. Einkommen und Organisation der orthodoxen 

Kirche in der Türkei 5 — 13 

Konfiskation der ehemaligen grofsen Güter durch 

die Rumänen. Einnahmen des Patriarchen und seiner 
Beamten. Die Metropoliten und die Bischöfe. Ein- 
nahmen der Metropoliten. Einnähmen der Bischöfe. 
Munificenz der Laien gegen die Kirche. Gaben der 
russischen Regienmg. Zuschüsse der Pforte. 

3. Die frühere Geschichte des Phanars .... 13 — 17 
Der Wechsel der Patriarchalresidenz. Mohammeds II. 
Mafsregeln. Die Phanarioten. Kompagniegeschäft der 
Phanarioten, des hohen Klerus und der Türken. Eine 
griechische Prälatur bei Arabern und Slawen. 

4. Der Phanar als Residenz des ökumenischen 
Patriarchen 17 — 19 

5. Der Konstitutionalismus des Patriarchalregi- 

ments 19 — 24 

Die heilige S3mode. Der gemischte Rat. Die National- 
versammlung. Unheilvolle Politik dieser Körper- 
schaften. Der ökumenische Patriarch und die auto- 
kephalen Kirchen. 

6. Der gegenwärtige Inhaber des Patriarchats 

• und seine Reformen 25 — 30 

Patriarch Konstantinos V. Seine Reform des Titelwesens. 



VI 

Seite. 
Mafsregeln gegen die vagierenden Priester. Seine Hal- 
tung im Nationalitätenhader. Audienz beim Patriar- 
chen. Der Archivar Dr. Phoropulos. Der Metro- 
polit von Amasia. 

II. Das Metochion des heiligen Grabes 31 — 43 

1. Die russischen Besitzungen der Kirche von 

Jerusalem 31 — 36 

Die Metochia. Die Güter in Bessarabien. Der Ar- 
tikel der Petersburger Novosti. Die Antwort des Klerus 

von Jerusalem. Berechtigung der griechischen Klagen. 

2. Mein Aufenthalt im Kloster (Sept. 1899) • • 3^ — 43 
Bestand des Klosters. Die Dienerschaft. Die Arbeit 

im Zimmer des Bibliothekars. Lokalpatriotismus 
der Griechen. Der Verkehr mit dem Klerus des 
heiligen Grabes. 

III. Die Prinzeninseln und Halki 44 — 55 

1. Die Prinzeninseln 44 — 46 

2. MeinAufenthalt inder theologischen Schule 

von Halki 46 — 48 

3. Der Besuch bei den beiden Expatriarchen 48 — 50 

4. Der Besuch bei Nikodimos von Jerusalem 50 — 55 
Der Nationalitätenkampf in den orientalischen Diö- 

cesen. Verschiedene Hindemisse. Gespräch mit 
dem Patriarchen. 

IV. Zwei griechische Kirchenfeste 56 — 64 

1. Das Gedächtnisfest des Patriarchen Sophro- 

nios von Alexandrien 56 — 61 

Der Patriarch als Nachfolger des Kaisers. Die 
Kirchenceremonie. Die Akklamationen. Die Ge- 
dächtnisrede. 

2. Der Tag des heiligen Nikolaos auf Halki 62 — 64 

V. Religiosität und Kirchenpolitik der Griechen .... 65 — 102 

1. Kirche und Volk 65 — 66 

Einflufs der Kirche. Griechische Maffia. 

2. Das Verhältnis der orthodoxen Geistlich- 
lichkeit zur anglikanischen Kirche .... 66 — 69 
Unionsverhandlungen. Die Ritualisten. Der Brief- 
wechsel zwischen dem ökumenischen Patriarchen 

und dem Erzbischof von Canterbury. 



VII 

Seite. 

3. Der orthodoxe Klerus in seinen Bezie- 
hungen zu Deutschland und Rufsland . . 70 — 71 
Der griechische Klerus auf deutschen Hoch- 
schulen. Griechische Wertschätzung der theo- 
logischen Wissenschaft Rufslands. 

4. Der Hafs der Griechen gegen Prosely- 
tenmacherei 71 — 74 

5. Der religiöse Sinn des griechischen 

Volkes und die Eusebeia 74 — 82 

Neuerwachtes kirchliches Leben bei den Griechen 

durch Vermehrung der Predigt. Die Thätigkeit 
der Eusebeia in Smyma. Mifstrauen des hohen 
Klerus. 

6. Die verkehrte Kirchenpolitik der Re- 
gierung des freien Griechenlands .... 82 — 89 
Die bureaukratische Knebelung der Kirche durch 
Staatsrat Maurer. Der Fehler von 1850. Bevor- 
mundung der Kirche durch die Minister. Zer- 
störung der alten Kirchenverfassung. Die 
Kirchenpolitik des Königreichs eine der Ursachen 

der nationalen Schwäche der Griechen. 

7. Das religiöse Volksleben im freien 

Griechenland 90 — 93 

Zunehmende Indifferenz in den Städten. Gläubig- 
keit in der Provinz. Der Erzbischof von Patras 

im Kampfe gegen die Freimaurer. 

8. Die Hauptmängel der orthodoxen Kirche 93 — 96 
Die katholischen Orden ein Vorbild für die grie- 
chischen Mönche. Die Klöster des Königreichs. 

Verfall des Mönchtums. 

9. Die Autokephalie der orthodoxen Kirche 

und das Russentum 96 — 102 

Die Gefahren des Prinzips der Autokephalie. Die 
Verhandlungen über die Einberufung eines öku- 
menischen Konzils 

VI. Der armenische Patriarchat von Konstantinopel . 103 — 11 o 

1. Organisation der armenischen Kirche . . 103 — 104 

2. Patriarch Malakhia Ormanian 104 — 107 

Sein Lebensgang. Sein Verhältnis zu den Grie- 



— vra — 

Seite, 
chen. Neue Bestrebungen in den alten Kirclien 

des Orients. 

3. Mein Besuch heim Patriarchen 108 — iio 

VII. Der bu^fariache Bzatch 1 11— 132 

1. Mein Besuch beim Exarchen iii — 116 

Die Tü];)k:en von Ortaköi. Die Unterhaltung mit 

dem Exarchen. 

2. DieGeschichtedesbulgarischenSchismas 116 — 120 
Patriarch Samuel Chantzeris. Die Fhanarioten 

auf den bulgarischen Stühlen. Barbarei und 
Vandalismus des griechischen Klerus. Erhebung 
der Bulgaren. Die Union mit Rom. Frucht- 
lose Verhandlungen mit dem Patriarchat. Der 
Ferman vom 27. Febr. 1870. 

3. Die Doppelstellung des Exarchen seit 
der Unabhängigkeitserklärung Bulga- 
riens 120 — 122 

4. Der Natiomalitätenstreit in Macedonien 122 — 129 
Das Völkergemisch in den Nordprovinzen der 
Türkeirund die Schwierigkeiten einer zuverlässigen 
ethnographischen Statistik. Die Patriarchisten 

un^ die Exarchisten. Der Berat für die bulga- 
rischen Metropoliten. Der Streit in Üsküb. 
Msgr. Finmlianos. 

5. Die Bedeutung der Synode von 1872 . . 129 — 132 
VIII. Die römisch-katholisclic Kirche in dcar Türkei . . 133 — 150 

1. Der apostolische Delegat von Konstan- 
tinopel 133—136 

Aufschwung der Katholiken. Die Hierarchie 

in Bosnien, Montenegro und Albanien. Die 
Politik der Kurie im Orient. Gründung des 
Patriarchalvikariats von Konstantinopiel. Die 
Verwandlung in eine Delegation. 

2. Die klösterlichen Institute der Kattho- 

liken im Orient 136 — 138 

Duldsamkeit der Türken. Frankreichs Protektorat. 
Die AlUance fran9aise zu KonlsantLnopel. Po- 
pularität der Orden. 

3. Die Unionsbestvebungen Leos XIU. . . 138 — 141 



IX 

Seite. 
Die Folgen des eucharistischen Kongresses von 

1893. I^ic Aufgabe der Assumptionisten. Ein 
griechischer Igumen über die Union. Aussichten 
der Union. Beschränktheit der Griechen und ihre 
Folgen. Verkehrte Politik bei den frühem Unions- 
versuchen. 

4. Die Augustiner de l'Assomption 141 — 147 

Die neuen Unions versuche. Die fechos d'Orient. 

Besuch in Kadiköi. Das Seminar der Augustiner. 
Die . leitenden Männer. Einflufs der französischen 
Revolution auf die Denkweise aller Franzosen. 
Protestantische Vorurteile gegen die Orden. Das 
Symposion mit den Ordenspriestem. 

5. Die östreichischen Mechitharisten .... 147 — 150 



Die Türken. 



I. Das türkische Volk . 153 — 176 

1. Die heutige Türkenschwärmerei 153 — .154 

2. Die Sandaldschis 154 — 168 

Der Verkehr mit den Bootsleuten, Das Feilschen 

der Orientalen. Berechtigung des Bakschischs. 
Die Franken als höhere Rasse. Die angebliche 
Verderbtheit der Orientalen. Die Schulbildung des 
türkischen Volks. Kedir und Astlan. Mäfsigkeit 
der Türken. Züge aus ihrem Familienleben. Die 
süfsen Wasser Europas. Ismail. Das Rauchen. 

3. Die Frömmigkeit der Türken 168 — 176 

Die Derwische. Ihr Ursprung. Die Narren um 

Christi willen. Der Kybeledienst und die Monta- 
nisten. Der Diakon Glykerius. Ramsay über den 
Ursprung der Derwische. Eindruck des Zikr der 
heulenden Derwische in Smyma. Aufrichtigkeit 
ihrer Religiosität. Beschreibung ihres Gottesdienstes. 
Teilnahme der Laien. „Wissenschaftliche" Erklä- 
rung der Derwischübungen durch einen Mohamme- 
daner. Ein Gebildeter, der die Gebräuche mit- 
macht. 



Seite. 

II. Die türkischen Bfendis 177 — 198 

1. Der Fortschritt in der Türkei 177 — 179 

Der Gegensatz von europäischer Kultur und asia- 
tischer Barbarei in Konstantinopel und Smyma. 

Der Fortschritt geschieht nicht durch die Türken, 
sondern trotz derselben. 

2. Ursachen der Gröfse des alttürkischen 

Reichs 179 — 185 

Die grolsen Staatsmänner und Generale meist 
Nicht-Türken. Die Liste der Grofsveziere voij 

1453 — 1623. Verfiall des Reichs infolge Auf- 
hörens des Bluttributs. Avancement der Beamten. 

3. Die Rasse 185 — 186 

Die Türken heute eine Mischrasse. Stabilität der 
Bevölkerung in Kleinasien. 

4. Das Kapitel jawasch, jawasch 186 — 189 

Die Faulheit der Beamten. Der Geschäftsbetrieb 

in den Bureaux. Liebenswürdigkeit und dilato- 
risches Verfahren auf den Bureaux. Mühselig- 
keiten zur Erlangung eines Irad6. Dadurch ver- 
anlafste Gesetzesübertretungen. 

5. Der Orient als Schule der Geduld für den 
Europäer 190 — 193 

6. Aufgeklärte Türken 193 — 198 

Der Wert der reformtürkischen Bewegung. Meine 
Bekanntschaft mit gebildeten Muslimen. Legende 

vom Pascha mit den sechs Frauen. Der Kanzler 
des persischen Konsulats. Feier des Geburtstags 
S. M. des Schahs. Einflufs der europäischen 
Civilisation auf die gebildeten Muslime. 

III. Die türkische Regierung 199 — 214 

I. Die Türkei als Klientelstaat unter der 

Obervormundschaft der Grofsmächte . . 199 — 205 
Fallmerayer über das Ende des selbständigen 
OsmaneHreichs. Der Klientelstaat und dieHexarchie. 
Die Stationäre. Beaufsichtigung der türkischen 
Regierungsmafsregeln. Der Fall von Artak. Be- 
scheidene Stellung Deutschlands. Präponderanz 
der Russen. Ursachen ihrer Bedeutung, Ihr 
Auftreten während der Armeniermorde. 



XI 

Seite. 

2. Sultan Abdul-Hamid Khan 206 — 212 

Sein hohes Herrschertalcnt. Sein Verfolgungs- 
wahnsinn. Das Aufblühen Kleinasiens durch die 
Eisenbahnen. Abdul -Hamids Zurücksetzung der 
christlichen Notabein durch die Staatsratsent- 
schliefsung vom 21. Oktober 1899. Die Politik 
Abdul-Hamid Khans. Seine Behandlung der asia- 
tischen Christen. Versuch die Kurden zu türki- 

sieren. 

3. Die Armee 212 — 214 

Die Grarde beim Selamlik. Die Reiterei. Die 
Leistungen der deutschen Offiziere. 



Die unterworfenen Völker. 

I. Die Griechen (innerhalb und auTserhalb der Türkei) . 217 — 240 

1. Die verderbliche Politik der Grofsmächte 217 — 222 
Niedergang des Philhellenismus. Verfehlte Form 

der Gründung des Griechenstaats. Urteil Leopolds 
von Coburg. Parallele mit dem Verfahren des rö- 
mischen Senats gegen Macedonien. Die ungenü- 
gende wirtschaftliche Unterstützung des neuen 
Griechenstaates. Die Brechung des russischen Ein- 
flusses durch England und Frankreich für Grie- 
chenland ein Unglück. 

2. Das heutige Griechenland 222 — 228 

Griechenlands sittliche Erhebung seit der Kriegs- 
katastrophe. Abnahme des nationalen Hochmuts. 

Die ^efdXii \bia und ihre Verkehrtheit. Kampf 
der Griechen gegen die altererbte Rhetorik. Das 
gelehrte Proletariat. Die mit den Ministerwechseln 
verbundenen Beamtenabsetzungen. Ihre Ausdehnung 
auf die Schulen. Reformen des Ministers Evtaxias. 
Die Pädagogik. Wunsch der Griechen nach deutschen 
Offizieren. Kein Deutschenhafs in Hellas. 

3. Griechische Besonderheiten 228 — 230 

Der Streit um die Aussprache. Wo spricht man 

das eleganteste Griechisch? 



— xn — 

Seite. 

4. Die Griechen in der Türkei 230 — 233 

Ihr Selbstgefühl. Ihr Wachstum in Kleinasien. 

Die türkisch Redenden lernen wieder Griechisch. 
Das Italienische als lingua franca durch das 
Französische nnd das Griechische verdrängt. 

5. Die Griechen in Smyrna 234 — 240 

Das Treiben im Bazar. Ein Smymiotenexemplar. 

II. Die spanischen Juden 241 — 243 

III. Die Armenier 244 — 251 

1. Die Armenier in den Augen Europas . . 244 — 246 
Die starke Armenierfeindschaft in Deutschland 

und ihre Gründe. Durch die Morde werden 
hauptsächlich die Bauern getroffen. Urteil Moltkes 
über sie. Jetziger Zustand der verwüsteten Vilajets. 
Englands Verschulden. Die Haltung der Grofs- 
mächte im Vergleich gegen 1860. 

2. Die armenischen Kaufleute 246 — 248 

Ihre Begabung für den Handel. Ihre Übeln Seiten. 

Mangel an Gemeinsinn bei den reichen Arme- 
niern. Die Waisen und Vorwürfe über ihre Er- 
ziehung. 

3. Die wirtschaftlichenFolgen der Armenier- 
morde 248 — 251 

Kein Geschäft in Konstantinopel. Eine Feuers- 
brunst. Die freiwilligen Feuerwehren. Roheit 

dieses Gesindels. Erzählungen eines Augenzeugen 
über die Armeniermorde. Die unierten Armenier. 
Schlufs 251 — 253 



BILDER AUS DEM GEISTLICHEN 



KONSTANTINOPEL 



Geiz er, Selbsterlebtes u. Selbstgesohenes 




I. DER ÖKUMENISCHE PATRIARCHAT. 



I. EINLEITENDES. 

Seit der Vollendung des nach der türkischen 
Reichshauptstadt führenden Schienenstranges hat sich 
ein von Jahr zu Jahr zunehmender Fremdenstrom 
nach dem Bosporus ergossen, unter dem die Deutschen 
nicht den kleinsten Teil bilden, Aja Sofia und der 
Atmeidan, das Museum des alten Serail, die Pracht- 
moscheen und Türbes der grofsen Eroberer und 
ihrer geringeren Nachfahren, die süfsen Wasser 
Europas und Asiens und die zahlreichen Schlösser 
und Paläste des Padischah sind bald der Mehrzahl 
der Gebildeten höchst geläufige Dinge; freilich in 
den vom heutigen Beherrscher aller Gläubigen be- 
wohnten „Stemenpavillon" {Jyldyz-kjöschk) kann ein 
gewöhnlicher Sterblicher nicht so leicht Zutritt er- 
langen. Noch verschlossener ist der weifshin schim- 
mernde Palast am Meeresufer bei Beschiktasch; den 
Namen seines geheimnisvollen Bewohners spricht 
der Einheimische nur mit Zittern aus; denn überall 
lauem die Spione einer stets Verschwörung oder 



Hochverrat witternden Polizei. Es ist Dolman- 
Bagtsche, die Residenz des unglücklichen Exkaisers i 
Murad, der zwar offiziell als geisteskrank gilt, aber 1 
nach gut unterrichteten Gewährsmännern vollkommen 4 
bei Verstand sein soll. 

Indessen neben der offiziellen Türkenwelt der 
Paschas und Efendis, welche dem Konstantinopel 
besuchenden Fremdling zuerst ins Auge fallt, existiert 
noch ein zweites, das christliche Konstantinopel, von 
dem der gewöhnliche Orientreisende wenig oder gar i 
keine Notiz nimmt. Was kümmern ihn die unter- 
drückten Rajas? Er interessiert sich nur für die 
heute in Mode gekommenen Türken und träumt. 
wenn er halbgebildet ist, von Haremen, Eunuchen 
und dem Kislar-Äga; leider bekommt er diese orien- i 
talischen Merkwürdigkeiten nur in den seltensten 
Fällen zu Gesichte. Von christlichen Denkmälern 
besucht er höchstens die Kahrije Dschami mit ihren ■ 
wunderbaren Mosaiks, woselbst ein biederer, ziem- 
lich geläufig deutsch und französisch sprechender 
Chodscha die biblischen Scenen meist richtig erklärt; 
dafs er die Ahnen Christi, die Könige Judas von 
David und Salomo an, als 'les douze apötres' deutet, 
darf man ihm nicht gar zu sehr verübeln. Dagegen 
das Phanar, das Griechenquartier, oder Kum-Kapu, 
den Sitz der Armenier, betritt der Reisende gar 
nicht öder durcheilt sie flüchtig, und doch zeigt sich 
hier neben der offiziellen türkischen Welt eine alt- 
l christlich orientalische von kaum minderem Interesse 
lund zweifellos gröfserer Zukunft. In die Gedanken 
und Bestrebungen dieser Constantinopolis Christiana 
möchte ich den Leser einführen und mit den leiten- 
den Männern derselben vertraut machen. 



— 5 — 

2. EINKOMMEN UND ORGANISATION DER ORTHODOXEN 

KIRCHE IN DER TÜRKEI. 

„Herr, es sind Heiden in dein Erbe gefallen, 
die haben deinen heiligen Tempel verunreiniget 
und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht." Mit diesen 
Worten des Psalmisten hat mir gegenüber ein ehr- 
würdiger Prälat der orthodoxen Kirche ihre heutige 
Lage gekennzeichnet. Die grofsen Reichtümer der- 
selben gehören heute der Legende an. Die liegenden 
Gründe sind im vorigen Jahrhundert grofsenteils se- 
questriert imd den Moscheen zugewiesen worden. 
Daneben allerdings besafsen der Athos, das heilige 
Grab, der Sinai, der ökumenische und der Patriarchat 
von Antiochien u. s. f. ungeheuren Grrundbesitz in 
den Donaufiirstentümem, den ihnen die Frömmigkeit 
der alten Woiwoden und Hospodaren teils bei Leb- 
zeiten, teils letztwillig vergabt hatte. Durch den 
Gewaltstreich des Fürsten Alexander Cuza wurde 
dieser gesamte Besitz der griechisch orthodoxen 
Stiftimgen für Staatsgut erklärt. Eine innere Berech- 
tigung kann dieser harten Mafsregel nicht abge- 
sprochen werden. Vom wirtschaftlichen Standpunkte 
aus mufs es als ein unerträglicher Zustand bezeichnet 
werden, wenn ein Drittel des gesamten Grundeigen- 
tums im Besitz der toten Hand und noch dazu aus- 
wärtiger Stiftungen ist. Die Rumänen hatten sich 
seit langem aufs bitterste beschwert, dafs das Geld 
milder Stiftimgen, welche die Werke der einheimi- 
schen Wohlthätigkeit imterstützen sollten, imverkürzt 
ins Ausland flofs. So berechtigt daher ein staatlicher 
Eingriff gegenüber diesen Mifsbräuchen war, eine 
billige Entschädigung für die ehemaligen Besitzer 



— 6 — 

wäre doch die unbedingte Pflicht des Staates ge- 
wesen. In der That bot Cuzas Regierung 27 Millionen 
Franken, um den Patriarchat und die heiligen Orte 
zu entschädigen. Allein das Hellenentum nahm die 
Sache prinzipiell. Wie der römische Papst die Civil- 
liste des Königreichs Italien, so wies der Phanar die 
Entschädigungsan erbietungen der rumänischen Re- 
gierung schroff zurück. Das war nun freilich ebenso 
grofsartig wie unpraktisch. Die rumänische Regie- 
rung zeigte nicht dieselbe Langmut, wie die italie- 
nische. Im Jahre 1867 unter der Regierung des 
Fürsten Karol erklärten die rumänischen Kammern 
die Frage wegen der geweihten Klöster für end- 
gültig abgeschlossen. Alle Proteste des Phanars bei 
der Hohen Pforte — der damals Rumänien noch als 
Vasallenstaat unterstand — und bei den Grofsmächten 
verhallten wirkungslos. Im Gegenteil, man verwendet 
diese reichen Einkünfte jetzt zur Propaganda unter 
den Kutzovlachen, der rumänischen Hirtenbevölkerung 
der Pinduslandschaften Epirus und Thessalien; man 
gründet kaum oder schlecht besuchte rumänische 
Gymnasien und Schulen; aber die sehr praktischen 
Kutzovlachen wollen von ihnen nichts wissen, indem 
sie teils im Hirtenleben verharren und auf jegliche 
Bildung verzichten, oder aber, wenn sie höher streben. 
Griechisch lernen, wodurch ihr Fortkommen anders 
gefördert wird als durch das in der Türkei nirgends 
verstandene Rumänisch. 

Man begreift daher die hochgradige Erbitterung 
der Grriechen über „Cuzas Diebstahl", wie sie etwas 
unceremoniös zu sagen pflegen. Sie spüren es eben 
allzusehr am eigenen Leibe, wie hart ihnen mi^fe- 
spielt worden ist. Heute würden sie wohl gerne 



den grofsartigen prinzipiellen Standpunkt aufgeben 
und würden auch eine geringere Entschädig^ung als 
die von Fürst Cuza angebotene mit Freuden an- 
nehmen. Allein jetzt ist es zu spät. Der einmal be- 
gangene Fehler läfst sich nicht wieder gut machen. 
Die Griechen leiden hart darunter. Ist doch durch 
Cuzas Mafsregeln die Existenz des Stolzes des grie- 
chischen Volkes, „der grofsen Schule der Nation" 
(f) )Li€TaXn ToO T^vouc cxoXri), des Gymnasiums im Phanar, 
eine Zeit lang völlig in Frage gestellt worden. „Wir 
werden von der äufsersten Armut gepeitscht" schrieb 
mir ein hoher Würdenträger des Phanars. Gegen- 
wärtig bezieht nach den Kanonismen ^), dem von der 
türkischen Regierung der Kirche oktroyierten Regu- 
lativ, der Patriarch eine Besoldimg von 500 000 Piaster ^ ; 
1 30 000 bringen die Christen der Eparchie Konstanti- 
nopel auf, 370000 betragen die Beiträge der ihm 
unterstellten Metropoliten und Bischöfe. Daraus mufs 
er aber das ihm speziell unterstellte Sekretariat, den 
Archidiakonos, den zweiten Diakonos (6 beirrepeuttjv) 
und die übrigen Angestellten besolden, während „die 
Beamten des Patriarchats" (01 TiaTpiapxiKoi ÖTraWriXci), 
so der Protosynkellos mit 24000 Piaster, die Gramma- 
teis der heiligen S)mode mit 27000 Piaster, von der 
„Nation" besoldet werden. Aus jenen 500 000 Piaster 



1) TeVlKOi KQVOVlCjLlOl 1T€pl 6l€U6€Tf)C€U)C TlIlV ^KXXllCiaCTlKUtV 

Kai ^BvtKdiv irpaxjLidTUJv Türv (mö t6v oiKOUjLieviKÖv 6pövov 6iaT€Xo0v- 
Tiuv öp0o6öSujv xpicTiaviöv Oioiköujv Tf\c A. McroXciöniTOc toO ZouX- 
Tdvou. 1888. '€v KiDvcravTivouiröXci ^k toO irarpiapxtKoO Turroxpo- 
q>€{ou. 70 S. Mehr&ch sind die Bestimmungen veraltet. 

2) Der türkische Piaster (ToupxiKÖv xpöcaov) gilt gegenwärtig 
etwa Yg Franc. 5 Piaster Gold werden mit i Franc 5 Cts. berechnet 
(ca. 82 Pfg.). 



murs aber auch der Patriarch „alle für die kirchliche 
und nationale Würde notwendigen Ausgaben" be- 
streiten. Die Beiträge der Diöcesen sind erheblich 
heruntergegangen. Der Phanar hat die sehr hohen 
Beiträge verloren, welche die Eparchien des Fürsten- 
tums Bulgarien zahlten; auch in Macedonien sind 
durch das Schisma vielfach, wie die Einkünfte, so 
auch die Beiträge reduziert; ebenso wurden die thessa- 
lischen und einige epirotische Bistümer mit Griechen- 
land vereinigt. Für die gleichfalls aus dem unmittel- 
baren Verband des Patriarchats losgelösten Eparchien 
Bosniens und Altserbiens zahlt die östreichische Re- 
gierung jährlich 88 ooo Piaster Gold an den ökume- 
nischen Patriarchat 1), 

Die dem ökumenischen Patriarchat unmittelbar 
unterstellten Prälaten zerfallen in Metropoliten und 
Bischöfe. Eingegangen ist die Klasse der Erzbischöfe. 
Die alte Kirche nannte Metropoliten Prälaten, welche 
eine Anzahl Bischöfe als Suffragane besafsen, Erz- 
bischöfe solche, welche, ohne selbst Suffragane zu 
besitzen, doch keinem Metropoliten, sondern unmittel- 
bar dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt 
waren. Als erstes Erzbistum dieser Art ist Smyma 
bereits im V. Jahrhundert nachweisbar, das freilich 
seit bald einem Jahrtausend zur Würde der Metro- 



1} Eb iat nicht richtig, weim M. Th£arce4c in seinem vortrefT- 
lichen Artikel: Le patnarcat oecumfmquc dans les Ues, eu Bulgarie 
et en Bosnie (Eclios d'Oricnt 1S99 S. 244] behauptet: ses pr^kts ... 
ne figiuent plus au STUtagmalion. Das neuste mir zugaagliche Syn- 
lagmation van 1896 zählt unter den dem äkumenischen Patriarchat 
unterstellten Metropoliten als 19 ü Böcvtic nnd aJs 53 ö '€pceKiou 
auf. Se fehlen nur im Verzeichnis der periodisch zur heiligen 
Synode deputierten Metropoliten. 



— 9 — 

polis emporgestiiegen ist. Seit den beiden letzten 
Erzbistümern Lititza und Karpathos dieselbe Rang- 
erhöhung zuteil geworden ist, ist diese den katho- 
lischen exempten Bistümern vergleichbare Rangstufe 
der Hierarchie überhaupt verschwunden. Aber auch 
die Metropolen haben im Lauf der Zeit eine Wand- 
lung durchgemacht. Die wenigsten besitzen heute 
noch Suffraganbistümer. In Asien ist ein grofser 
Teil der Gläubigen dem Schwert erlegen oder zum 
Islam übergetreten; die Bistümer gingen ein. Mit 
Mühe und Not hat man eine Anzahl der berühmtesten 
]\i[etropolitankirchen erhalten können. Andrerseits 
sind auf den Inseln und in Europa viele ehemalige 
Bischofskirchen zu Metropolen erhoben worden; so 
besitzen die alten Metropoliten oft keine Suffragane 
mehr. Rhodus z. B. hatte einst 14 Suffragane; von 
diesen sind acht eingegangen oder mit anderen Bis- 
tümern vereinigt; zwei (Naxos und Thera) gehören 
zu Griechenland, und vier (Samos und Ikaria, Chios, 
Kos, Leros und Kalymna) sind jetzt selbständige 
Metropolen. Bischöfe unter sich haben nur noch 
Ephesus (3), Heraklea (3), Thessalonike (5), Kreta (8) 
und Smyma (i). Larissa mit seinen vier Bistümern 
ist an Griechenland gekommen^). 

Weis nun die Einkünfte der Metropoliten betrifft, 



I) Aiifser den ordentlichen Metropoliten und Bischöfen giebt es, 
wie in der römischen, so auch in der orthodoxen Kirche zahlreiche 
Titularbischöfe, so von Klaudiupolis , Laodikeia, Chariupolis, Melitu- 
polis, Xanthopolis, Arkadiupolis , Synada, Lampsakos u. s. f. Diese 
sind teils Generalvikare alternder oder überlasteter Prälaten, oder sie 
verwalten als Chorbischöfe einen Teil einer sehr weitläufigen Diöcese. 
So hat z. B. Pera, das doch ein integrierender Teil der Erzdiöcese 
Konstantinopel ist, seinen besonderen Titularbischof. 



lO 



so schwanken diese von looooo bis 20000 Piaster 
(ca. 16000 bis 3200 Mk.). Es beziehen nämlich: 
100 000 Piaster: Ephesus und Adrianopel. 



90000 
85000 
80000 

70000 



65000 
60000 



50000 



45000 



40000 



35000 
30000 

25000 

24000 
20000 



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Heraklea — Kyzikus— Thessalonike. 

Serrä. 

Derkos — Amasia — Joannina — 
Pelagonia. 

Chalkedon — Prusa — Didymoti- 
chos — Kreta — Philippopel — 
Drama — Smyma — Mitylene — 
Melenikos — Strumnitza. 

Skopia — Raskoprisrena. 

Cäsarea — Nikomedia — Nicäa — 
Prespä — Vama — Anchialos — 
Maronea — Bodena. 

Neocäsarea — Ikonion — Berröa — 
Rhodus — Bizye — Xanthe — 
Dryinupolis — Keistoria — Bele- 
grada — Serbia und Kozane. 

Trapezunt — Mesembria — Selybria 
— Sozopolis — Chios — Imbros. 

Pissidia — Methymna — Samos — 
Sisanion — Lemnos — Elasson — 
KcLSsandrea — Korytsa — Gre- 
bena — Moglena — Lititza — 
Paramythia. 

Debra. 

Philadelphia — Chaldia — Ganos 
und Chora — Kos. 

Anos — Prokonnesus — Karpa- 
thos — Eleutheropolis. 

Dyrrachion — Nikopolis, 

Ancyra. 



— II — 

Ein Gehalt unter 40000 Piaster (ca. 6500 Mk.) 
kann für einen Kirchenfiirsten nicht anders als 
höchst ärmlich bezeichnet werden. 

Noch niedriger sind die Bezüge der Bischöfe. 
Nur die von Kampania und Kydonia haben 60000 
die von Rhethymna und Polyane 50000 und der 
von Heliupolis 46 000 Piaster. Auf 40 000 Piaster be- 
laufen sich die Einnahmen der Bischöfe von Kjene, 
Kalliupolis, Hiera imd Siteia; 35 000 Piaster beziehen 
Petra in Kreta imd Cherronesos; sieben Bistümer sind 
nur mit 30000 Piaster dotiert; Arkadia auf Kreta hat 
24 000 Piaster imd Moschonesia, der einzige Suffragan 
von Smyma, gar nur 12 000 Piaster Einkommen (noch 
nicht 2000 Mk.). Dabei ist zu bemerken, dafs seit 
dem bulgarischen Schisma viele der macedonischen 
Bischöfe oft auf die Hälfte oder ein Vierteil des 
offiziellen Anschlages ihrer Einkünfte herunter- 
gekommen sind. ^ 

Da die wenigsten Metropolen über eignen 
gröfsem Grundbesitz verfügen, kommen diese Ein- 
künfte durch Steuern der Gläubigen zusammen. Von 
Konstantinopel ergehen gleichlautende Anweisungen 
an die (einzelnen Kirchenfürsten, welche diese auf- 
fordern, gemeinsam mit den Demogeronten eine Ver- 
sammlung von Vertretern der einzelnen Städte und 
Dörfer der Eparchie zusammenzuberufen. Da wird 
dann der zu entrichtende Betrag im Verhältnis zur 
Bevölkerungszahl der einzelnen Ortschaften ange- 
wiesen. 

Die daneben den Prälaten zukommenden Ge- 
bühren für Kasualien bewegen sich in einer sehr 
mäfsigen Höhe. Das sind bei den vielen unumgäng- 
lichen Repräsentations- imd Wohlthätigkeitsverpflich- 



tungeoderKirchenfiirsten sehr bescheidene Dotationen, 
und man kann von einer fast apostolischen Armut 
sprechen. Die Kirche wäre in einer noch viel be- 
drängteren T.age, wenn nicht der Wohlthätigkeittsinn 
reicher Privatleute ihr immer wieder zu Hufe käme. 
So hat in seinem Testament der athenische Bankier 
Andreas Syngros, „der gröfste und unvergefs liehe 
Wohlthäter seiner Volksgenossen", neben kolossalen 
andren Schenkungen für Konstantinopel 45 000 Pfd. 
Sterl. vermacht, und zwar 5000 für die griechischen 
Wohlthätigkeitsinstitute, 15000 an die Patriarchats- 
kasse zur Gründung eines Waisenhauses, 15000 für 
die Bedürftiisse des Patriarchats und je 5000 für die 
grofse Schule der Nation und die Joakimische Töchter- 
schide. Auch Rufsland, so wenig die Griechen ihm 
wohlgesinnt sind, leistet für die Besserung der äufsem 
Lage des griechischen Klerus nicht Unerhebliches. 
Die rus^nfreundlichen Bischöfe in Syrien und Pa- 
lästina empfangen Unterstützungen der russischen 
Regierung von 3 — 4000 Francs, Auf Veranlassung 
des Grriechenfreundes Filippow tilgte Kaiser Alexan- 
der III. die grofse Schuldenlast von 180000 Rubel, 
welche das Metochion des ökumenischen Patriarchats 
in Moskau auf sich geladen hatte ^). Auch die tür- 
kische Regierung thut einiges für den griechischen 
Klerus. Sie zahlt den ehemaligen Patriarchen eine 
Monatspension von 30, dem auf dem Athos in einer 
reizenden Villa residierenden Joakira III. eine solche 
von 50 türkischen Pfund, was ungefähr einem Jahres- 



I) Ätmlicb sind nach dem griecbiscli-tärlciEchen Kriege iaht- 
reitlie nisBiächc Spenden nach Thessalien enr Herslellnng der ver- 
a oder zerstötten KJrclieD abgegangen. 



— 13 — 

einkommen von 7 — 12000 Mk. entspricht. Das wäre 
ja ganz anständig; indessen die Auszahlungen finden 
höchst unregelmäfsig, bisweilen gar nicht statt Als 
der Metropolit von Samos wegen seiner Gesundheit 
ein französisches Bad besuchen mufste, gab sie ihm 
10 000 Piaster Reiseunterstützung. Wie man sieht, 
ist es vom finanziellen Standpunkt aus keineswegs 
als ein glänzendes Geschäft zu bezeichnen, die grie- 
chische Kirche zu leiten. Dafs die Prälaten dies mit 
einem gewissen Anstand durchzuführen vermögen, 
erklärt sich nur aus der grofsen Bedürfnislosigkeit 
des Südländers überhaupt und dem im Ganzen sehr 
ascetischen Leben, welches diese Mönchspriester 
führen. 



3. DIE FRÜHERE GESCHICHTE DES PHANARS. 

Als Mohammed der Eroberer 1453 Konstanti- 
nopel genommen, verwandelte er den Tempel der 
himmlischen Weisheit in ein Bethaus der Diener 
Allahs. Allein der neue Patriarch Gennadius erhielt 
die zweitschönste Kirche, die vom grofsen Konstantin 
erbaute Apostelkirche als Patriarchion. Doch schon 
nach zwei Jahren wurde dieselbe niedergerissen, und 
ihre Stelle nimmt heute die Grabtürbe des gewaltigen 
Reichsgründers ein. Der Patriarch wurde nach der 
Kirche der Allerheiligsten Jung^au (Panagia Pamma- 
karistos) verwiesen. 1591 verfiel auch diese herrliche 
Kirche dem Lose, in eine Moschee umgewandelt zu 
werden; der Patriarch bezog jetzt provisorisch ein 
ehemaliges Frauenkloster. Endlich 1606 erhielten die 
Christen im Phanar, dem am Westufer des Goldnen 
Homs gelegenen Griechenquartier, ihr neues heiliges 



Centrum, die bescheidene St. Georgskirche des Pa-1 
triarchats, noch heute der Mittelpunkt der grie- 1 
chischen Hierarchie. Hier hat der ökumenische 1 
Patriarch seinen Sitz, laut kirchlicher I-ehre der ] 
erste Prälat der Christenheit nächst dem Papste von J 
Alt-Rom. 

Man braucht nur die gewaltige Peterskirche oder I 
das glanzvolle Patriarchium des Laterans zum Ver- 
gleich heranzuziehen, um zu erkennen, wie aufser- 
ordentlich bescheiden wenigstens äufserlich dieser I 
Sitz des Nachfolgers der einst über den gesamten [ 
Osten gebietenden geistlichen Hierarchen sich aus- 
nimmt. Während vier "Wochen hat mich der leichte ' 
Sandal, die türkische Barke, aus Pera, dem Franken- 
quartier, nach dem geistlichen Viertel der Neohellenen j 
hinübergetragen, und so habe ich einen lebendigen 
Eindruck von dem dortigen Leben und Treiben er- J 
halten, von dem ich hier eine kurze Skizze zu ent-J 
werfen versuche. 

Der Europäer wohnt in Pera, der vollkommen 1 
europäisierten und in den 28 Jahren, in denen ich 
sie nicht mehr besucht habe, gänzlich umgewandelten 
und unglaublich verschönerten Vorstadt Konstanli- 
nopels. Von ihren Höhen steigt man bequem durch 
die unterirdische Drahtseilbahn nach der ungeheuer 
lebhaften, handel- und gewerbreichen Strandstadt ' 
Galata hinunter. Zahlreiche mit Kaiks und .Sandais , 
dichtbesetzte Skalen laden uns ein, nach der jensei- 
tigen Stadt Stambul hinüberzufahren. In 20 Minuten ' 
tri^ uns der Kahn durch das Goldne Hom unter > 
der Eski-Köprü, der alten Brücke, hindurch nach dem 1 
im nordwestlichen Teile Stambuls gelegenen Vor- 
stadt Phanarion, dem Griechen viertel, welches seinen J 



— 15 — 

Namen von einem längst verschwundenen Leuchtturm 
empfangen hat. Hieher hat Mohammed nach der 
Ausmordung der alten Bevölkerung die griechischen 
vornehmen Familien aus Trapezimt, Kafa, Amastris 
und andern Griechenstädten verpflanzt; bei aller Ro- 
heit war Mohammed ein Herrschergenie und Organi- 
sationstalent ersten Ranges, merkwürdig empfanglich 
selbst für griechische Bildung, und er wollte nicht 
über menschenleere Trümmerhaufen regieren. Die 
hier angesiedelten Familien bildeten bald eine aristo- 
kratische Plutokratie; als Bankiers wurden sie der 
allzeit geldbedürftigen osmanischen Regierung iment- 
behrlich. Panajoti, der Stammherr der Muzuros, war 
der erste imter ihnen. Seit Ende des XVI. und be- 
sonders im XVn. und XVIIL Jahrhundert haben die 
Griechen einen politischen Frontwechsel vorgenommen. 
Ihre ehemaligen Hoffnungen auf eine Rettimg des 
christlichen Volkes, sei es durch das Abendland, sei 
es durch Rufsland, hatten sie völlig aufgegeben. 
Vielmehr haben sich die hohem geistlichen und welt- 
lichen Schichten des Griechentums mit ihren islami- 
tischen Oberherren zu einem einträglichen Kompagnie- 
geschäft zusammengethan und die Rajas, die imter- 
thänige Bevölkerung, nach Herzenslust ausgeplündert. 
Bisher waren von der Kirche die Nationalitäten leid- 
lich geschont worden. S5n:ien und Palästina hatten 
als Vorstände ihrer Kirchen sjrrisch-arabische Prä^ 
laten besessen, welche zwar tadellos rechtgläubig,, 
aber des Griechischen oft nur sehr notdürftig mächtig 
waren. Ahnlich war auch in dem nahezu ausschliefs- 
lich slawischen Norden der Balkanhalbinsel das bul- 
garische und vor allem das serbische Volkstum teil- 
weise berücksichtigt worden — die Patriarchen von 



— i6 — 

Pe6 und ihre Suffragane waren in der Regel National-' 
Serben. Jetzt tritt ein völliger Umschwung ein. 1 
Griechen aus Konstantinopel und Smyma, aus dem | 
Peloponnes, von Kreta und den Inseln besetzen immer ] 
regelmärsiger, seit Mitte des vorigen Jahrhunderts | 
ausnahmslos alle Bischofstühle im türkischen Reich, j 
ganz einerlei, ob die untergebenen Gläubigen grie- ] 
chisch, arabisch, bulgarisch oder serbisch sprachen. 
Damit im Zusammenhang stand es, dafe in die reichen ] 
Klöster des Athos und anderer Orte, welche stiftungs- 1 
gemäfs den Bulgaren, Georgiern und sonstigen nicht- | 
griechischen Völkern angehörten, allmählich Griechen I 
sich einnisteten und teilweise die ausschliefslicheii i 
Besitzer wurden. Der „phanariotische" Klerus, mit I 
seinen Diöcesanen durch kein nationales und sprach- 
liches Band verknüpft, stand diesen oft völlig fremd | 
gegenüber und ging nur auf möglichste Bereicherung 1 
aus. Ähnlich war die Stellung der weltlichen Digni- 1 
täre, des Vlachobei und des Bogdanbei, welche die [ 
Vasalle nfurstentümer an der Donau regierten. Die I 
Türken ersetzten die einheimischen Herr s che rfamilien | 
durch in rascher Succession einander folgende grie- 
chische „Fürsten", Diese haben für ihre eigne Nation J 
Grol'sartiges geleistet, aber ihre rumänischen Unter-, 
thanen in schmählichster Weise ausgesogen. Noch ] 
Fürst Ipsilanti, der in den Donaufürs tentümem kopf- 
los genug die griechische Erhebung organisieren I 
wollte, behandelte die Rumänen auf das verächt- 
lichste als „Natives" und hat so durch sein unkluges I 
Auftreten das Unternehmen von vornherein zu einem ] 
völlig verfehlten gemacht. Diese geistliche und weit- j 
Uche Herrschaft der Griechen über Slawen, Rumänen [ 
und Araber hat — was man nicht vergessen darf - 



— 17 — 

«ine wahre Unsumme von Hafs allmählich erzeugt 
und ist die Ursache der jetzt so verworrenen und 
beklagenswerten Verhältnisse, seit das Griechentum 
aus dieser seiner herrschenden Stellung immer mehr 
zurückgedrängt worden ist. 

Die sogenannten Phanariotenfamilien sind eben 
als ehemalige Beherrscher der Moldau imd der Wal- 
lachei heute meist mit dem Fürsten- oder Prinzen- 
titel geschmückt, obschon diese Familien ihren Stamm- 
baum nicht über das XVII. Jahrhimdert hinauf ver- 
folgen können. In der Regel steht an der Spitze 
als erlauchter Stammhalter irgend ein etwas zweifel- 
hafter Geldwechsler, der sein Glück in Geschäften 
mit der türkischen Regierung machte, oder ein kaiser- 
licher Leibarzt Unsere westeuropäische Aristokratie 
ist so gutmütig, diese Fürsten- imd Prinzentitel als 
den abendländischen gleichwertig anzuerkennen. 



4. DER PHANAR' ALS RESIDENZ DES ÖKUMENISCHEN 

PATRIARCHEN. 

Heute haben diese Primatenfamilien den Phanar 
längst verlassen; sie sitzen in Pera, in Athen oder 
Bukarest Kleine Händler und Gewerbtreibende 
wohnen in den alten Fürstenhäusern; aber auch in 
seiner heutigen Einfachheit und Bescheidenheit — 
der Phanar ist eines der wohlfeilsten Quartiere Kon- 
stantinopels — hat derselbe doch noch einen Schimmer 
seines alten Glanzes behalten, weil er das geistliche 
Centrum der orthodoxen Welt geblieben ist. Der 
Phanar mit seinen schmalen imd lebhaften Geissen, 
seinen zahlreichen, meist nach der Strafse offenen 
Kj-amläden, Gemüsehallen, Fleischläden und sonstigen 

G e 1 z e r , Selbsterlebte« u. Selbstgesehenes. 2 



\ 



Handwerkerbuden und seinen Kaffenia macht ganz 
den Eindruck einer grofsstädüschen Vorstadt Doch 
das Menschengewühl ist nur in den unmittelbar den 
Strand umsäumenden Strafsen vorhanden. In zahl- 
reichen Terrassen steigt das Stadtviertel an dem 
Höhenrücken von Stambul empor; wir kommen in 
ruhigere Quartiere, Klöster und stille, eine gewisse 
Vornehmheit bekundende Häuser treten an ihre Stelle. 
Meist erheben sich unter, neben und oberhalb der 
Häuser Gartenterrassen; uralte Bäume wiegen ihre 
Kronen in den lauen Lüften; wohlriechende Kräuter 
und duftende Blumen werden hier mit Liebe gezogen. 
Wie oft habe ich von der Terrasse des Klosters 
zum heiligen Grabe mit Entzücken auf das bäume- 
umrankte Häusermeer zu meinen Füfsen, den azurnen. 
von unzähligen Barken und Dampfboten belebten 
Spiegel des Goldnen Homs und die gegenüber- 
liegenden Höhen von Pera geblickt! Im anstofsenden 
Garten mit seiner Blütenpracht, seinen Granaten- und 
Limonenbäumen safsen die beiden ehrwürdigen Greise, 
der Statthalter des Patriarchen von Jerusalem und der 
Metropolit von Diocäsarea, sich mit KafFeetrinken 
und Cigarettenrauchen die Zeit vertreibend. 

Den Mittelpunkt dieses Griechenviertels bildet, 
wie schon erwähnt, das Patriarchion, die bescheidene, 
aber im Innern aufaerordentUch reich und kostbar 
geschmückte Patriarchatskirche, und dann ein geräu- 
miger Hof; wo das Terrain ansteigt, sind verschiedene 
schmale und durchaus nicht umfangreiche Häuser < 
die Berglehne angeklebt, die Residenz und die Amt^ 
lokale des ökumenischen Patriarchats. 

Der allerh eiligste Gebieter, Herr Konstantin!^ 
Erzbischof- von Konstantinupolis-Neu-Rom und i 



menischer Patriarch, Imt erst vor drei Jahren die 
Mitra von Ephesus mit dem Hohenpriesterstuhle ver- 
tauscht. Man kann nicht leugnen , dafs er mit 
grofsem Geschick bisher das Steuer des Kirchen- 
schiffs oft durch recht gefahrliche nationale Bran- 
dungen hindurchgelenkt hat. 



5, DER KONSTITUTIONALISMUS DES PATEIARCHAL- 
REGIMENT5. 

Von der Machtfülle des römischen Papstes ist 
der ökumenische Patriarch freilich weit entfernt; 
denn die orthodoxe Kirche ist durchaus konstitutio- 
nell organisiert. Wie der Papst die Kardinäle, so 
hat er neben sich den Beirat der heiligen Synode, 
„Die heilige Synode", heifst es in den Kanonismen, 
„besteht aus zwölf Metropoliten des ökumenischen 
Patriarchalthrones und steht unter der Leitung des 
ökumenischen Patriarchen; und weil man allezeit die 
geistliche Leitimg aller der dem ökumenischen Pa- 
triarchen unterstellten christlichen Volksgenossen 
wahrzunehmen hat, wird sie allen Fleifs und Eifer 
auf alle geistlichen Angelegenheiten der Nation ver- 
wenden," So hat sie dariiber zu wachen, dafs die 
orthodoxen Christen nicht fremden Angriffen anheim- 
fallen, welche die kirchlichen und religiösen Ord- 
nungen stören; sie hat die Aufsicht über die Klöster 
und über die theologische Schule, und — was das 
Wichtigste ist — sie stellt bei Verwaisung einer 
Metropole oder eines Bistums einen Dreiervorschlag 
auf, aus dem sie den neuen Prälaten wählt. Also 
keine freie Wahl der {nicht existierenden) Domkapitel 
oder freie Ernennung durch das Kirch enoberhaupt, 



wie im Westen, sondern alles Wahlrecht bleibt dieseiq 
kleinen, aber darum hoch einflufsreichen Prälatei 
ausschufe vorbehalten. Er besteht verfassungsmäfsig 
aus zwölf auf je zwei Jahre nach einer bestimmtei 
Reihenfolge gewählten Prälaten*), von denen jahrlic] 
die Hälfte ausscheidet. 

Neben der Synode besteht noch „der national 
immerwährende gemischte Rat" {t6 iöviKÖv biapitl 
HiKTÖv cuMßoüXiov); ihm gehören an vier Metropoliten 
aus der Zahl der Synodalen und acht Laien, zu deren 
Wahl die orthodoxe Bevölkerung von Konstantin opel 
und dem Bosporus in bestimmte Wahlbezirke < 
geteilt ist. Diese wöchentlich zweimal zusamm 
tretende Versammlung hat die Aufsicht über 
Temporalien des Patriarchats. Sie überwacht 
Schulen und Krankenhäuser und die übrigen gemeiü 
nützigen Institute der Nation; sie prüft die Ausgabe^ 
und Einnahmen der Kirchen von Konstantinopel, en4 
scheidet Streitigkeiten über Testamente, Vergabung^ 
für milde Stiftimgen u. s. f. Sie ist also der weltlic! 
geistliche Aufsichtsrat speziell für die hauptstädtisch! 
Patriarchaldiöcese. Solche gemischte Räte, nach da 
Vorbild des konstantinopolitanischen gebildet, besitz 
jede Eparchie. Schon Patriarch Samuel I. (1763— 
hatte iiir die Finanzen einen Aufsichtsrat von vifli 



1) Die Synode hat sich im 27. Februar 1900 neu konstitu 
und besteht gegenwärtig uns den Metropoliten von Derkos , Adittt- 
□opel, Amasia, Berroa, Smyma, Maronea, Selybris, Imbros, Korylsa 
Grebena, Leros und Kolymna und EleutheropolJs. In Ausfall wäret 
die bisberigen Synodalen von Rbodus (nach Kyzikus versetzt) 
thopolls, Cbaldia, Serbia und Kozane gekommen. Aufserdem wa|l 
die von Felagonia und Prokonnesas vor Ablauf der Synodalzeit ] 
ihie Eparcliien verreist. 



Notabein bestellt Indessen da dieser den Metropo- 
liten lästig war, wurde er wieder aufgehoben. Aber 
1856 wurde dieser Aufsichtsrat von neuem eingeführt, 
und i86z bestätigte die Pforte das organische Regu- 
lativ des gemischten Rates. Das war ein Triumph 
des Laienelements. Denn damit war diesem die Ent- 
scheidung über den wichtigsten Teil der Kirchen- 
verwaltung, über das Kirch en vermögen , gesichert. 
Indessen damit ist die Aufzählung der parlamen- 
tarischen Körperschaften der orthodoxen Kirche noch 
nicht erschöpft. Für die gesamte DiÖcese des Öku- 
menischen Patriarchats, d. h. für sämtliche orthodoxe 
zu des Patriarchen Obedienz im Reiche gehörende 
Christen, existiert noch ein weiterer Rat, die National- 
versammlung (tö ^eviKÖv Kpocujpivöv cuußoüXiov), deren 
Vorsitzender der Patriarch und in dessen Abwesen- 
heit der vornehmste Metropolit ist, Sie besteht aus 
sieben von der heiligen Synode gewählten Metropo- 
liten, zehn Deputierten von Konstantinopel, fünf aus 
den Notabein und fünf aus den Kaufmanns- und 
Handwerkergilden, und einer Anzahl Deputierter aus 
den Eparchien des Reichs') und einem Sekretär. 
Was die Befugnisse dieser Versammlung betrifft, so 
zeichnen sich die Bestimmungen der Kanonismen 
mehr durch Weitläufigkeit (und schlechtes Griechisch), 
als durch besondere Bestimmtheit aus. Der mit ihnen 
sich befassende Paragraph spricht sich nur negativ aus. 
Er reserviert der türkischen Regierung die eigent- 
liche Nationalverwaltung und den Priestern die geist- 
lichen Sachen. Was der Versammlung da viel zu 



i) oi Ik tiIiv {Eiu licpiLv dvTHipüduito 
i lESS zäUen deren elf Mitglieder auf. 



■■ KQVOVICIJOi des 



verwalten bleibt, da sie doch wöchentlich zusammen^ 
kommt, ist mir etwas unklar; in der Hauptsache^ 
scheinen ihr die finanziellen Bewilligungen zu-i 
zustehen'). Für die Patriarchenwahl wird endlichj 
eine noch bedeutend zahlreichere Versammlui 
(f] ^KXoTurfi cuv^Xeucie) zusammenberufen. 

Man kann sich leicht vorstellen, dafa diese zahl- 
reichen aus Priestern und Laien gemischten Körper- 
schaften ein nicht ganz einfach zu handhabender Or- 
ganismus sind. Nach Axt der meisten parlamenta- 
rischen Versammlungen erschweren sie vielfach die 
Regierung, ohne im Gnmde viel zu nützen. Für diw 
Finanz Verwaltung ist die Mitwirkung der Laien gewif 
nützlich. Andemteils sind aber gerade diese Ver-1 
Sammlungen auch der Tummelplatz von allerlei '. 
triganten, welche zur Freude der türkischen Reg^ 
rung keine feste und zielbewufste Exekutive und 
Centralgewalt aufkommen lassen. Was wäre den 
Papst, wenn er in allen finanziellen Fragen von eineid 
derartigen gemischten Priester- und Laienparlameid 



I) Vgl. reviKol Kovovicuol 1888 S. 9 § iß: 'Girsib^, Koed>c 1 
ii]v fsviK^iv öiolnrieiv dqiopiIivTa dv^Kouci cpuciMüc elc tiyv 
KußipvTieiv, oÖTiu Kai t4 fipncKeuTmä dvriKDUCiv elc Totic irveufiati 
Ko{)c dpxriTodc ^Kdcrou '€6vouc, koI kutA cuviireiav al I&iairepad 
fiXiKdl fidvov Imoöictic eaauctv ÜTiaßd^Xeceai ' 
tlptlji^vov cufipoi!iXiov ..., Bttuic SiaKpi9ilici toüto 6e6vTmc « 
TpdiTQv lüicre vi ixt] inrepTnibiüci lifyrt tA tilc Kußepvficouc biKaiifr 
jiaTO, (liiTe TÄ 6pticKeuTiKd ävTiKelneva, itpiitei vi cuErixnOiS" 
kqI vä npoc&iopicSiIia iä Ka&f\KO\na toO Elpi)^^ou cuiißouXlou 
Das ist ciDC recht nnklare Definitiau des Geschäftsumfanges. 
den nacbfolgendeu Paragraphen scheint sich allerdings zu ergeben 
daTs die NatioDaJversommlung sich hauptsächlich mit den Finani 
geschähen, der Fiiierutig der Fralatengehalte und der Nationnlachulcd 
zn beschäftigen hat. 



— 23 — 

abhinge? Der gemischte Rat und die Nationalver- 
sammlung sind daher die eigentlichen Souveräne im 
Phanar und die Hauptursache der Schwäche der dor- 
tigen orthodoxen Kirchengewalt. Alle drei bis vier 
Jahre wird der ökumenische Patriarch zur Abdankimg 
veranlafst; so lebten bis vergangenen September nebein 
dem regierenden nicht weniger als vier Expatriarchen, 
Jetzt giebt es deren noch drei. Dieser ewige Per- 
sonen- und Systemwechsel läfst keine einheitliche 
Regierungspolitik aufkommen, wie sie nur ein lebens- 
längliches Patriarchat ermöglichen könnte^), und der 
Ehrgeiz dieser gewissenlosen geistlichen und welt- 
lichen Streber verhindert jede Thätigkeit in der Politik 



l) Es ist freilich zu bemerken, dafs auch Patriarch und Synode 
in derselben Weise nach wenigen Jahren die Inhaber der einzelnen 
Metropolen zu wechseln pflegen. Es ist das allerdings Zuwiderhand- 
lung gegen eine alte kanonische Vorschrift; indessen ist dieselbe, wie 
bei den Orthodoxen, so auch bei den Katholiken längst völlig obsolet 
geworden. Im Interesse der straffen Unterordnung unter die Central- 
gewalt mag dieses rasche Tempo des Wechsels empfehlenswert sein; 
es hindert aber offenbar jede fruchtbare Wirksamkeit eines Hirten, 
die nur bei geistigem Zusammenwachsen mit seiner Herde denkbar 
ist. So ist der 1899 verstorbene Metropolit Konstantinos von Didy- 
motichos 1885 nach Maronea, 1888 nach Serrä, 1892 nach Niko- 
polis und Preveza und 1896 nach Did3rmotichos versetzt worden. 
Wie kann dieser „ausgezeichnetste Krieger der Kirche" da eine irgend 
erspriefsliche Wirksamkeit ausgeübt haben? Konstantinos war eine 
Kreatur Joakims lU. Wenn er 1892 unter Neoph3rtos von Serrä 
(75 000 Piaster) auf die magere Pfründe von Nikopolis (24 ooo Piaster) 
versetzt wird, so zeigt diese Strafversetzung noch einen andern, 
schweren Übelstand. Die Inhaber der Throne wechseln je nach den 
Strömungen, welche den einen oder andern Patriarchen ans Ruder 
bringen. Auch hier ist keine Rettung, so lange nicht dem Prinzip 
der Lebenslänglichkeit für die Inhaber der Metropolitanstühle thun- 
liehst Rechnung getragen wird. 



des Universalpatriarchats. In den Äugten der Grieche» 

gilt der Patriarch aber doch als ihr erster Mann; ist 
er doch nach türkischem Staatsrecht auch in welt- 
licher Beziehung der Chef seiner Nation, und seine 
civile Jurisdiktion ist trotz der starken Eingriffe, 
welche in neuerer Zeit die türkische Regierung sich 
hierin erlaubt hat, immer noch eine sehr grofse. Ein, i 
gescheiter junger türkischer Diplomat griechischer 1 
Herkunft erklärte mir; 'Le chef de notre natioa ] 
n'est pas ce petit roitelet ä Äthanes, mais le pa- 1 
triarche oecoimi^nique'. Diese Ansicht wird auch v 
den sehr einflufsreichen geistlichen Kreisen des Kö- 1 
nigreichs teilweise geteilt Ein grofser Schaden ist J 
aber, dafs nach griechischem Kirchenrecht jedes po- j 
litisch selbständige Gemeinwesen auch kirchlich selb- ] 
ständig ist; der Patriarch übt bei den nicht unter j 
türkischer Herrschaft stehenden Orthodoxen keinerlei j 
Herrschaftsrechte aus-, sondern geniefst nur einen 
Ehrenvorrang, So ist nicht nur die russische Kirche 1 
autokephal, d. h. selbständig, sondern ebenso die vott I 
Griechenland, Serbien, Montenegro, Rumänien und ! 
Ostreich-Ungarn; endlich sind auch die Bulgaren selb- j 
ständig, welche freilich im Schisma leben. Während 
Rom einen bewundernswürdig gegliederten, einheit- 
lich central isierten Organismus darstellt, strebt und 
fällt hier alles auseinander. Die Griechen und Slawen 
jammern periodisch über Roms Fortschritte, ohne zu 
bedenken, dafs ihre systematische Schwächung des 
byzantinischen Patriarchats die Hauptschuld daran 
trägt. 



— 25 — 

6. DER GEGENWÄRTIGE INHABER DES PATRIARCHATS 

UND SEINE REFORMEN. 

Die Macht des Weltpatriarchen erstreckt sich 
also thatsächlich nur auf die Unterthanen des türki- 
schen Reichs, und auch hier sind ihm im Osten die 
drei Patriarchen von Antiochien, Jerusalem imd 
Alexandrien theoretisch als gleichberechtigt bei- 
geordnet. Indessen faktisch schwingen diese Prä^- 
laten ihren Hirtenstab nur über eine verschwindend 
kleine Anzahl von Gläubigen, und bis in die neueste 
Zeit hat entgegen den Kanones ihre Wahl mehrfach 
in Konstantinopel stattgefunden. So ist thatsächlich 
nur noch ein schwacher Abglanz der ehemaligen 
Patriarchalherrlichkeit vorhanden. Allein der jetzt re- 
gierende Patriarch Konstantinos V. hat es verstan- 
den, durch eine Reihe sehr verständiger politischer 
Mafsnahmen das Ansehen seines Stuhles zu heben. 
Er hat in Strafsburg und Heidelberg studiert; mit 
hoher Verehrung und Liebe gedenkt er seiner Lehrer 
Reufs, Baum und Cunitz. Das Französische spricht 
er sehr geläufig, während er das Deutsche, wie er 
sagt, ziemlich vergessen hat Konstantin ist ein mo- 
demer Mensch. Die alten, den orientalischen Sklaven- 
sinn zum Ausdruck bringenden Anreden mifsfaUen 
ihm. Bis dahin hatten die Prälaten ihre Schreiben 
an den AUerheiligsten unterzeichnet als „niedrigster 
Knecht" (boCXoc TaTreivÖTaroc), als „gehorsames Kind" 
(tckvov 7T€i9fiviov) oder „als geringster und der Befehle 
Ew. Allheiligkeit gewärtiger Diener** (GepdTTiwv ^Xdxi- 
CTOC Kai Tujv biaTatOüv auific ÖTipTTm^voc)^). Diese An- 

i) Noch viel schwülstiger klang die Anrede in früherer Zeit: 
„Allerheiligster Gebieter, glorwürdiger , gottgekrönter, von Gott er- 



reden hat er als unzeitg-emärs abgeschafft und dafür ^ 
eingeführt: „Kw. göttlichsten Allheiligkeit demütiger I 
Bruder in Christo und ganz ergebener fN" (ific ü^ie- J 
T^pac eEioTÖTric TravaTiörriTOC raneivöc ^v Xpicrilp dbeXtpöc i 
Kai öXuiC ^rp6eb^oc f N). 

Wie in Rom, treibt sich auch in Konstantinopel -1 
ein bettelndes Priesterproletariat herum, welches das [ 
heilige Gewand zum Ärgernis der Gläubigen und | 
zum Spott der Türken trägt. Nach einer Entschei- 
dung des Patriarchen werden solche Priester, die in \ 
Konstantin opel ohne Erlaubnis ihres Bischofs 
kommen, auf polizeilichem Wege nach dem Patriar- 
chat gebracht. Die katholischen Blätter beschwerten I 
sich, dafs der Hilfsbischof von Pera einem greisen, ' 
unionistisch gesinnten Priester die Haare scheren I 
liefs— die höchste Beschimpfung für den Geweihten—; 
sie müssen aber selbst zugeben, dafs derselbe einen \ 
skandalösen I-ebenswandel geführt hatte. Sehr weise ] 
ist der Patriarch auch in dem unglücklichen Natio- I 
nalitätenhader verfahren. Bei der Todfeindschaft, die 1 
nun einmal zwischen Griechen imd Bulgaren besteht, ] 
ist für die numerisch schwachen Griechen die einz^ 1 
richtige Politik das 'divide et impera'. Da die Serben [ 
gegen die rücksichtslos vordringenden Bulgaren von 
genau demselben Hafs, wie die Griechen, erfüllt sind, 
ist engster Anschlufs an diese geboten. Ihre Positionen I 
in Macedonien können die Griechen gegenüber den 1 



hohter und gottbcgnadeler, sklavisch werfe ich mich vor Dir nieder ] 
und Icüsse Deine heiligen Hände und Deine ehrwürdigen Fürse". 
'"Q Tf)c KoXaxclQc' schreibt Cbcimonios, der Verfasser des Hand- 
schriftcntatBloes von Halki, als er diese Formel in einem Codex las. . 
Sie war im XVII. und XVin. Jahrhundert, wie zahllose Handschriftea ] 
beweisen, die durchaus übhche. 



Bulgaren nur im engsten Bündnis mit den Serben, 
Albanesen und Vlachen behaupten. So hat der Pa- 
triarch, wie später näher ausgeführt werden soll, in 
der Angelegenheit des Stuhles von Üsküb aufs ent- 
schiedenste die serbische Sache vertreten. Er hat 
hiebei grofsen Mut bewiesen; denn es galt, den Wider- 
stand einer mächtigen, borniert nationalen Partei zu 
brechen, welche vor drei Jahren aus demselben An- 
lafs den Sturz des trefflichen Patriarchen Anthimos 
veranlafst hat. 

In dreimaliger Audienz war es mir vergönnt, 
dem ehrwürdigen Oberhaupt der orthodoxen Kirche 
näher zu treten. Er interes-sierte sich lebhaft für meine 
wissenschaftlichen Pläne; ich mufste ihm dieselben 
detailliert auseinandersetzen, und als ich den Wunsch 
aussprach, meine geplante Sammlung der orthodoxen 
Bistümerverzeichnisse ihm und der heiligen Synode 
zu widmen, erteilte er mir seinen väterlichen Segen. 

Der Verkehr mit ihm ist ein durchaus zwang- 
loser. An der Pforte empfangt uns ein Schwärm 
von Kawassen; einer führt uns ziun Archidiakonos, 
einem auffallend schönen und interessanten Christus- 
kopfe, oder zum Protosynkellos Chrysostomos , der 
Seele der jetzigen Regierung, wie man sagt, und 
nach wenig Minuten wird man beim All erbe iligsten 
eingeführt Hat man seinen Empfangssaal gesehen, 
so kennt man die aller orientalischen Prälaten. 
Ein geräumiges Gemach, in der Mitte ohne Möbel; 
an den Wänden entlang ziehen sich niedrige Di- 
vane, abwechselnd mit einigen europäischen Lehn- 
stühlen. Den einzigen Schmuck bilden schlechte 01- 
porträts, Bilder von Patriarchen im Ornat, die Brust 
mit zahlreichen Orden geschmückt. Einige kleine 



— 28 — 

Rauchtischchen befinden sich noch im Saale. Denn^ 
kaum hat man sich gesetzt, erscheint nach orienta- 
lischer Sitte ein Diener mit silbernem Tablett und -l 
bietet das bekannte Glyko, eingemachte Früchte, 
welche Kenner entzücken. Hierauf folgt der Kaffee 
und die unvermeidliche Cigarette. Als ich beim ar- 
menischen Patriarchen, der selbst Nichtraucher ist, I 
anstand, in der Privataudienz zu rauchen, meinte er: j 
„Cela ne fait rien. Chez nous en Orient on fume ' 
partout". 

Sehr gefordert wurden meine Arbeiten durch ] 
das liebenswürdige Entgegenkommen des Archivars | 
des Patriarchats, des Archimandriten Dr. Joaldm j 
Phoropulos aus Chios. Dieser ist ein besonders fein- j 
gebildeter Grieche, der geläufig englisch und deutsch 1 
spricht. Er war zwei Jahre in London und Oxford | 
und hat in Jena doktoriert. Natürlich wurde ich als ] 
sein alter Lehrer von ihm mit offenen Armen auf- 
genommen. Bei einem kleinen Diner, das er mir zu 
Ehren veranstaltete, setzte er den anwesenden Pa- 
pades auseinander, dafs zwar Berlin als Hauptstadt I 
und durch seine Kunstschätze unendlich viel biete, | 
dafs aber, wer ganz der Arbeit leben wolle, nach i 
Jena ziehen müsse. Ich hatte persönlich keinen, J 
Grund, gegen diese überaus freundliche Aufserung ■ 
des alten Jenensers zu protestieren. Es war für mich 
überhaupt eine ebenso überraschende als erfreuliche 
Wahrnehmung, dafs nicht nur in Kons tantin opel. 
sondern auch in Halki. Athen und Patras die zahl- 
reichen ehemaligen Jenenser mit einer wahren 
Zärtlichkeit von Jena und ihren früheren Lehrern 
sprachen. Die Griechen sind entschieden ein sehr , 
dankbares Volk. 



— 29 — 

Auch mehrere Mitglieder der Synode lernte ich 
kennen, so den Metropoliten von Derkos, den alten 
und sehr liebenswürdigen Metropoliten von Silivria, 
den von Eleutheropolis und vor allem den sehr ge- 
lehrten und als Historiker eines namhaften Rufes 
sich erfreuenden Anthimos von Amasia im Pontus. 
Auf Wunsch des Patriarchen besuchte ich diesen; 
ich traf einen kleinen, äufserlich recht unscheinbaren, 
in einen Fuchspelz gehüllten Priester, dem aber die 
Klugheit aus den Augen blitzte. 

Ein vornehmer Laie war gerade anwesend, der 
ihm beim Kommen und Gehen devot die Hand küfste. 
Die orientalischen Prälaten sind sehr duldsam und 
finden es selbstverständlich, dafs wir Häretiker diesen 
Brauch nicht mitmachen. Sofort, nachdem ich den 
Ehrenplatz zur Rechten erhalten, klatschte der Metro- 
polit in die Hände, imd das Pädi erschien mit den 
üblichen Erfrischimgen. Macht man viele Besuche, 
wird es einem ganz schwül. Als ich mich vor meiner 
Abreise nach Halki im Phanar verabschiedete, mufste 
ich siebenmal Süfsigkeit essen und Kaffee trinken; 
den achten Gastfreund bat ich, mit dem grausamen 
Spiel innezuhalten; allein um einen Cognac kam ich 
nicht herum. Er war übrigens ausgezeichnet Mit 
dem Heiligen von Amasia (das ist die offizielle Be- 
zeichnung der Metropoliten und Bischöfe) sprach ich 
über einen interessanten Codex des Patriarchalarchivs, 
den er demselben zum Geschenk gemacht hatte. An- 
thimos war früher Metropolit von Berat (Belgrad) in 
Albanien gewesen und hatte in der Handschrift eine 
Reihe hochinteressanter, auf die Geschichte des bul- 
garischen Patriarchats von Ochrida bezüglicher Akten- 
stücke vereinigt, die ich gern excerpiert hätte. In- 



— 30 — 

dessen es wurden dagegen allerlei Schwierigkeiten 
erhoben, sodafs ich verzichtete. Allein in Halki 
fand ich eine vortreffliche Kopie, die ich ganz ab- 
schrieb, sodafs das Unglück nicht grofs war. Ich 
begriff nicht recht, warum man gerade mir die Ori- 
ginalakten nicht zeigen wollte, während die Russen 
und selbst die Todfeinde der hellenischen Nation, die 
Bulgaren, sie längst kopiert und in unzugänglichen 
Schriften und imverständlichen Sprachen veröffent- 
licht haben. 




n. DAS METOCHION DES HEILIGEN GRABES. 



I, DIE RUSSISCHEN BESITZUNGEN DEK KIKCHE VON 
JERUSALEM. 

Am vertrautesten wurde ich mit dem Klerus von 
Jerusalem, Das heilige Grab besitzt nämlich zahl- 
reiche Güter bis nach Bessarabien und der Bukowina 
hin. Die Verwaltung derselben erfordert ein ansehn- 
liches Personal. Bis nach Moskau erstrecken sich 
nun die Metochia des heiligen Grabes. Die Prinzen- 
inseln haben eines, ebenso Adrianopel, das wichtigste 
ist das von Konstantinopel im Phanar. Diese Me- 
tochia sind den Propsteien oder Statthalte reien zu 
vergleichen, welche auch unsre abendländischen 
Klöster als Verwaltungscentren für abgelegene Güter- 
komplexe besafsen, so St. Gallen zu Ebringen im 
Breisgau, Rheinau in Mammem und jetzt noch Ein- 
siedeln in Fahr. Heute ist daher Metochion oft 
gleichbedeutend mit Pachthof oder Vorwerk; die 
Hauptperson ist der Administrationsdirektor, in Kon- 
stantinopel Herr Demosthenes Nikolaidis. der deutsch 



spricht und mir auch mitteilte, dafs er in Deutsch-l 
land, allerdings im östlichen Deutschland, gewesen I 
sei und da die Sprache gelernt habe. „Wo denn?' 
„In der Bukowina!" Also die Rusnaken als Pioniere 1 
deutscher Kultur. Er hatte nämlich als Vertreter \ 
des heiligen Grabes einen Prozefs mit den rumäni- ■ 
sehen Freiherren von Hurmuzaki zu führen, welche ] 
die Lorbeern ihres Landsmanns Fürst Alexander I 
Cuza nicht schlafen Hefsen. Indessen Ostreich ist einJ 
Rechtsstaat, und das heilige Grab blieb in seinena 
Besitzrechten ungekränkt. 

Dagegen lebt die Kirche von Jerusalem in bangerJ 
Sorge bezüglich ihrer in Rufsland gelegenen Be- ■ 
Sitzungen. Bessarabien, ehemals ein Bestandteil des| 
rumänischen Fürstentums Moldau, wurde 1812 
Rufsland abgetreten. Die dort gelegenen Güter des I 
heiligen Grabes und des Patriarchats Antiochien ent- 1 
gingen daher der Einziehung durch den Fürsten Cuza. I 
Die Güter sind sehr ansehnlich und sollen den zehnten 1 
Teil des bessarabischen Grundbesitzes umfassen. Dem 1 
heiligen Grab gehören 28 zum Teil sehr umfangreiche I 
Güter. Bis 1873 war dasselbe auch im uneinge-J 
schränkten Genufs derselben. Damals hat aber die I 
russische Regierung ihr Oberaufsichtsrecht geltend | 
gemacht und -^ der Einnahmen für die Verwaltungs- 
kosten, j für fromme und nützliche Zwecke abgezogen, i 
sodafs die heiligen Orte nur noch über | der ehe- 
maligen Einkünfte gegenwärtig verfügen. Aber auch 
dieser geringe Rest scheint bedroht Grofse Auf- 
regung hat unter dem Klerus des heiligen Grabes 
ein Artikel der Petersburger Novosti hervorgerufen 
vom 32. Juli i8g8, worin ausgeführt wurde, dafo die J 
phanariotischen Fürsten Rumäniens ihre grokartigeal 



— 33 — 

Stiftungen für die heiligen Orte nur zu politischen 
Zwecken gemacht hätten, nämlich zur Schaffung von 
Mitteln für die Herstellimg ihres Traumbildes, des 
byzantinischen Kaiserreichs. Der Vertrag von Buka^ 
rest von 1812 und der Ukas von 181 7 hätten die 
Klöster als fremde juristische Persönlichkeiten keines- 
wegs von jeder Verpflichtung und Leistung für ein- 
heimische Zwecke entbunden. Die seit 1873 ein- 
getretene Belastung sei daher eine durchaus gerechte, 
und zwischen dem Benehmen der russischen Regie- 
rung und der Beraubung durch Cuza gähne eine 
imüberbrückbare Kluft. Zum Schlüsse macht dann 
der Artikel darauf aufmerksam, welch gewaltige Fort- 
schritte Katholiken und Protestanten im Orient durch 
ihre Unterrichtsanstalten in Konstantinopel, Smyma 
und Beirut gemacht hätten, und wie sie dadurch zahl- 
reiche Orthodoxe ihrem Glauben entfremdeten. Er 
reg^ die Gründung ähnlicher Institute von orthodoxer 
Seite an und giebt ziemlich unverblümt zu verstehen, 
dafs die reichen Mittel der bessarabischen Klöster 
hier eine nutzbringende Verwendimg finden würden. 
Natürlich hat dieser Artikel, hinter dem man vielleicht 
nicht mit Unrecht offizielle Gedankengänge vermutet, 
den Klerus von Jerusalem stark erregt Offenbar aus 
diesen Kreisen ist eine Antwort mit der Unterschrift: 
„Ein Orthodoxer" erschienen^). Die Antwort ist be- 



I) 'AirdvTTjac clc t6 (m-ö Tf^c ^q)ri)Li€p{6oc „€l6i^C€ic Tf\c TTcxpou- 
iTÖXeiuc" tmö i[\i€po\ir\yiay 22 ac 'louXiou 1898 6rmoa€u6iv dpGpov 
iT€pl tCöv ^v B€ccapaß{^ icniiuuiTUiv xdiv äfiüjv töttuiv. 1899. 54 S. 
Charakteristisch für die Ängstlichkeit, mit der man gegenwärtig Rufs- 
land nicht zu verletzen sucht, ist der Umstandi dafs eine zustimmende 
Anzeige der Broschüre in der 'CiocXiiaacTiKf) dXi^8€ta, dem offiziellen 
Organ des Phanars, von diesem nachträglich dementiert ward. 
G e 1 z e r , Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 3 



— 3+ — 

greiflicherweise sehr scharf ausgefallen. Der Ver* 
fasser gesteht aber ein, dafs die Verwaltung vert 
schiedener Äbte zu wünschen übrig gelassen habe und ' 
dafs der landwirtschaftliche Betrieb ein nicht immer 
zufriedenstellender gewesen sei. Interessant ist auch 
die beiläufige Bemerkung, dafs die russische Regie- 
rung, das Unrecht der Mafsnahmen von 1S73 ein- 
sehend, von den in Anspruch genommenen ^ der 
Einnahmen \ an die Verwaltung des heiligen Grabes 
zurückgegeben habe. Indessen das ist nur eine ad- 
ministrative Vergünstigung der russischen Regierung, 
die jeden Moment zurückgenommen werden kann. 
Denn die 1873 beliebte Besitznahme der - besteht 
nach wie vor zu Recht, Der Verfasser zeigt sodann, . 
dafs die wenigsten Vergabungen von den sog. Phani 
riotenfürsten herrühren, sondern teils von Privat* 
personen, teils von den frühem einheimischen FürstemJ 
der Moldau gemacht sind. Er betont mit Schärfei|| 
den Rechtsstandpunkt. Durch den Vertrag von i8iz.| 
und den Ukas von 1817 sind die Besitzrechte der- 
heiligen Orte feierlich und ausdrücklich anerkannt"! 
worden. Gültige Verpflichtungen sind nur die in den , 
Stiftungsbriefen aufgezählten, und diese bestehen 
einzig in dem Gebot, für die Donatoren zu beten. 
Ziemlich bissig bemerkt er in Bezug auf die unüber- 
brückbare lOuft, welche das Benehmen der russischen. , 
Regierung von dem Cuzas unterscheide, die unüber- 
brückbare Kluft bestehe in j des Ertrages. Juristisch 
hat der Verfasser zweifellos Recht. Es fragt sich nur, 
ob diese schroffe Betonung des Rechtsstandpunktes 
von Seiten eines Kleinen und Machtlosen gegenüber 
dem gewaltigen Rufsland sehr geschickt ist. Seit I 
der französischen Revolution hat man sich daran ge- 



I 



— 35 — 

wohnt, Klostergut „aus Gründen der hohem Staats- 
raison" so ziemlich als vogelfrei anzusehen und zu 
andern als den von den Stiftern gewollten Zwecken 
zu verwenden. Rufsland, vorab die heute am Ruder 
befindlichen Kreise wollen sonst von dem Westen 
und seiner „absterbenden Kultur" nicht viel wissen. 
Aber in Geldsachen ist jede Bureaukratie fiskalisch 
gesinnt, und fromme Stiftungen pflegen auf sie eine 
ganz magische Anziehungskraft zu üben. Die Ver- 
waltung der heiligen Orte thäte vielleicht gut daran, 
wenn sie die gegenwärtige günstige Gesinnung Rufs- 
lands mit Ausdrücken warmen Dankes erwiderte 
und durch Gegenleistungen sich zu erhalten suchte. 
Juristisch ist sie ihrer Verpflichtungen mit den Ge- 
beten für die verstorbenen Wohlthater ledig; aber 
sie hat daneben auch moralische Verpflichtungen. 
Mit dem Hinweis auf Schulgründungen in Palästina 
und Syrien trifft der Artikel einen wunden Punkt. 
Thatsächlich sollte hier der Klerus der heiligen Orte 
mehr Rührigkeit entfalten; statt dessen erhebt der 
Verfasser nur bittere Klagen über die russische Pa- 
lästinagesellschaft, die, weit entfernt, den griechischen 
Klerus des Patriarchats Jerusalem zu unterstützen, 
nur Konkurrenz anstalten gegen ihn herstelle. So be- 
gründet gewifs diese Klagen vielfach sind, der grie- 
chische Klerus mufs unter allen Umständen, wenn er 
sich nicht noch mehr schädigen will, Fühlung mit 
Ruisland suchen und darf Vorschläge, wie die be- 
treffs der Schulgründungen, nicht schroff zurückweisen. 
Er läuft sonst Gefahr, dafs seine bessarabischen Güter 
ihm doch entzogen werden. Die Politik des starren 
Rechtes gegenüber Rumänien hat trotz der Unter- 
stützung der Grofstnächte nur zu einem höchst 



_ 36 - 

schlimmen Ende gefuhrt Das sollte die heiligen 
Orte warnen, eine ähnliche schroffe Haltung in der 
bessarabischen Frage einzimehmen. Auch hier heilst 
es: Schickt euch in die Zeit; denn es ist eine böse Zeit 

2. MEIN AUFENTHALT IM KLOSTER (SEPT. 1 899). 

Das Metochion des heiligen Grabes zu Stambul 
hat noch vollkommen seinen klösterlichen Charakter 
erhalten; es enthielt zur Zeit meiner Anwesenheit 
aber nur drei Mönche: i) Herrn Germanos Aposto- 
latos, Archimandrit und Vikar des Patriarchen von 
Jerusalem^), 2) Herrn Jakobos Archatzikakis, den 
Bibliothekar, und 3) einen Priester für die Kirche. 
Zum Klloster gehört eine kleine, aber höchst inter- 
essante, altertümliche Kirche. Sie besitzt eine hoch- 
berühmte Reliquie, die Reste des wahren Kreuzes 
Christi, welche Chosrau Parwez 614 nach Ktesiphon 
schleppte und 629 sein Nachfolger Schahr Baräz an 
Kaiser Heraklius herausgab. Unter ungeheurem Jubel 
wurde „das lebenspendende Holz", wie Griechen und 
Armenier die Reliquie nennen, nach Jerusalem zu- 
rückgebracht, und seitdem begeht die Kirche am 
14. September das Fest der Kreuzeserhöhung. Leider 
habe ich derselben nicht beigewohnt, da die sehr 
rücksichtsvollen Priester mich Ketzer in meiner 
Arbeit nicht stören wollten. Ich hätte das Fest gern 
mitgemacht, da es die einzige Gelegenheit ist, die 
Reliquie zu sehen. Ebenso habe ich leider in Ker- 
kyra den heiligen Spyridon, den Bischof von Trimi- 
thunt, nicht gesehen und nicht einmal zur gerechten 



i) Gregenwärtig durch Nikodimos, Erzbischof von Diocäsarea, 
ersetzt. 



— 37 — 

Entrüstung meines Führers Niko Moraitis, eines rö- 
mischen Katholiken, dessen silbernen Schrein ge- 
küfst; immerhin zündete ich zu seiner Erbauung eine 
Kerze an; dagegen er selbst imd eine Anzahl alter 
und junger Griechen küfsten den Schrein mit wahrer 
Inbrunst. Das Öffnen desselben, sodafs man den edel- 
steinbesetzten Leib des Heiligen zu sehen bekommt, 
kostet lo Drachmen, und diese auszugeben war ich 
zu geizig, was den übrigens ebenso liebenswürdigen 
als frommen Gauner tief betrübte. Wahrscheinlich 
pflegt er, wenn einer ins Garn gelockt worden ist, 
von dem Küster gewisse Prozente zu beziehen. 

Das Metochion hat übrigens seine Verdienste. 
In einem Nebengebäude, in das ich mich einmal bei 
der furchtbaren Winkelei dieser Gassen und Gäfschen, 
Höfchen, Häuschen und Terrassen verirrte, besteht 
eine Mädchenschule, die das Kloster unterhält und 
wo z. B. der Bibliothekar Unterricht erteilt. Es ist 
die älteste griechische Mädchenschule (Parthenago- 
gion), angeblich bereits 1806 gegründet Im eigent- 
lichen Metochion wohnten nur der Igumen Germanos 
und der Bibliothekar; für diese beiden sehr einfach 
lebenden Mönche waren aber sieben dienende Geister 
vorhanden. Ein auffälliger Unterschied der ortho- 
doxen gegenüber den abendländischen IClöstem ist, 
dafs erstere das Institut der dienenden Laienbrüder 
nicht zu kennen scheinen. Vielmehr verrichten deren 
Obliegenheiten wirkliche Laien, meist junge Leute, 
teilweise auch im Dienste des Klosters ergraute 
Männer. So war es auch im Metochion. 

Trat man in die geräumige, saalähnliche Vor- 
halle, so standen oder safsen Nikolaos, Charalampos 
und Christodulos hier herum, rauchten Cigaretten, 



tranken Kaffee und schwatzten nach Herzenslusta 
Die beiden ersten pflegten bei Tisch anfzuwartenü 
der alte Christodulos gehörte zu den geistig ArmeniJ 
war aber unheimlich gesprächig. Aufserdem warei 
noch ein Koch und zwei Pädia niedrigen Rangesfl 
für "Wasserholen, Holzspalten u. s, f. vorhanden, unda 
daneben der kleine Niko, eine vater- und mutterlos*| 
Waise, der im ICloster aus Mitleid aufgenommen i 
für gewöhnlich die Schule besuchte und bei Tisch 
aushalf, wenn einer der andren Diener verhindert war. 
Was dieser Dienerchor eigentlich machte, war mir 
rätselhaft. Nikolaos, der vornehmste, übrigens eic 
gutmütiger und ziemlich gebildeter Mensch, ging oft 
sehr elegant gekleidet spazieren. 

„So ist es in allen vornehmen orientalischenA 
Häusern; man hat eine Menge Diener, aber mal 
wird nicht bedient, denn sie thun nichts" sagte mi» 
vollkommen richtig einer der östreichischen MechiJl 
tharisten. Beiläufig vielleicht auch ein Gnind, waruiB 
der Orient eine unsrer sozialen Schwierigkeiten, di^fl 
Dienstbotennot, nicht kennt Der orientalische Dienei 
geniefst wirklich ein behagliches und wenig arbeit* 
reiches Dasein, was von seinem europäischen Kelle' 
gen nur mit einiger Einschränkung kann behauptel 
werden. 

Der Bibliothekar stellte mir zu meinen ArbeiteuJ 
in liebenswürdigster Weise sein nicht übermäfsigfj 
grofses Privatzimmer zur Verfügung. Ich safs 
seinem Schreibtisch, während er häufig auf dem! 
nahen Sofa, der Ablage meiner Codices, zugleichf 
Fremde und Audienzsuchende empfing. Ihre Unter- 1 
haltung störte mich im Kollationieren weiter nicht;! 
nichtsdestoweniger war es bisweilen ein Arbeiten mi^ 



— 39 — 

Hindernissen. Das unaufhörliche Kommen und Gehen 
und das oft sehr laute Geschwätz namentlich der 
Weiber, welche hoffnungsvolle Tochterlein für die 
Schule anmeldeten und um den Preis des Schul- 
gelds markteten, war oft etwas störend. Einmal kam 
ein Schiffskapitän aus Solon; er mufste eine halbe 
Stunde warten, streckte sich daher aufs Sofa und 
begann aus langer Weile in meinen Codices zu blättern. 
„Sieh!" sagte er, „das ist doch merkwürdig. Diese 
Handschriften sind griechisch; ich bin ein Grieche 
und kann sie nicht lesen, und du bist ein Fremder 
und liest das ganz leicht." „Dafür kann ich kein 
Schiff kommandieren" erwiederte ich; dieser Trost 
erleichterte sein Herz, er schlug mir einen gemein- 
samen Spaziergang vor, nachdem er mich vorher um 
Cigaretten gebeten. Er belohnte mich durch sorg- 
faltige Verbesserung meiner neugriechischen Aus- 
sprache, wenn ich bei unsren Wandelgängen im Hof 
und auf der Terrasse äwli statt awli (aOXri), der Hof, 
sagte. Nach zehn Minuten verabschiedete ich den 
biedern Atolier, und er fand das ganz in der Ordnung. 
Eines warmen Nachmittags arbeitete ich auch 
nicht gerade in seliger Lust. Plötzlich spüre ich 
hinter mir einen heifsen Atem, ich drehe mich um 
und blicke in die grinsenden Gesichter Nikes und 
seines Freundes Photios, die nun Leseprobe machen 
muisten, sie aber gar nicht übel bestanden. Niko, 
das kleine zehnjährige Seelenkind des Klosters, hatte 
mir überhaupt seine besondre Freundschaft gewidmet; 
er schenkte mir gleich am ersten Tage zwei Nüsse, 
seine ganze Habe; ich regalierte ihn mit Chokolade 
und Ansichtskarten, die ihm besondere Freude be- 
reiteten, namentlich wenn sie Tiere darstellten. Eine 




J^ 



— 40 — 

mit drei bunten Aras versetzte ihn in einen fon 
liehen SeligkeitataumeL Das ganze Klösteriein hallte 
von seiner Freude wieder. Unter lautem Jubelgesch: 
eilte er in die Vorhalle: „Nikolae, Christodule, Cha 
lampe, i papagalli, vlepete, i papagalli." (Die Pap; 
geien, schaut, die Papageien!) Als alter Schulmeisti 
wollte ich auch für seine Bildung sorgen; er muls 
Bistum und Provinz seines heiligen Schutzpatroi 
Nikolaos mir täglich wiederholen. Der Name 
Stadt Myra ging schwer in den kleinen Hellenetlj 
köpf. Unter den ergötzlichsten Seufzern und Grimasse] 
brachte er immer eine falsche Form, bis endlich < 
Name haftete. Indessen meine Vermutung, dafs i 
der Schule das Bastuni, der Stock, wohl viel 
seinem Rücken tanze, widerlegte er durch die via| 
leicht in Bezug auf historische Treue nicht ganz ; 
verlässige Angabe, dafs er nie geschlagen würd 
da er immer alles sehr gut wisse; schlimmer geh» 
es leider seinen Freunden Miltiades und I.eonidat 
welcher edlen Hellenen Bekanntschaft zu machen id 
gleichfalls die Ehre hatte. 

Einen rührenden Zug von Lokal Patriotismus e 
ich auch im Metochion. Der eine Diener, Nikola* 
Papadopulos, kam öfter in mein Arbeitszimmer, 
sich mit mir oder dem Bibliothekar zu unterhalt« 
Da ich den einzigen Stuhl, Herr Jakobos das Soi 
okkupierte, setzte er sich ungeniert auf Jako1 
Bett; die Griechen sind in dieser Beziehung grob 
Freunde demokratischer Gleichheit; daneben 
sind diese Diener doch äufserst taktvoll; eine gewis 
Grenzlinie überschreiten sie ihren Vorgesetzten gegei 
über nie. Einmal kam mm Nikolaos und fragte micJ 
ob es eine Geschichte von Kyzikos gebe, „Gew 



— 41 — 

sagte ich, „ein berühmter deutscher Gelehrter, Joachim 
Marquardt, den ich noch gut gekannt habe, hat sie 
geschrieben, aber deutsch." „O! das verstehe ich 
nicht Würde Ew. Hochwohlgeboren nicht schnell 
eine für mich schreiben; Kyzikos ist nämlich meine 
Vaterstadt." I. Hochwohlgeboren war gerade mit 
ihrem Tagewerk fertig und schrieb in einer halben 
Stunde ex memoria einen wohl nicht ganz einwand- 
freien Aufsatz über die Geschichte der Stadt Kyzikos, 
welche den biedern Bürger derselben ausnehmend 
erfreute. Er ging ins Nebenzinmier, legte sich auf 
den Divan und las sie laut und mit Andacht von 
Anfang bis zu Ende durch. Folgenden Tages kam 
Charalampos und brachte einen grofsen Wälzer, eine 
uralte griechische Ausgabe der Geographie des 
Strabo. „Autöc elve 6 CTpdßiwv" („Das ist Strabo") sagte 
er; ich nickte und schrieb weiter. „Strabon spricht 
auch über Sinope und seinen Thunfischfang und die 
berühmten Männer aus Sinope." Nim merkte ich, 
wo der Biedere hinaus wollte. „Du stammst wohl 
aus Sinope?" „MdXicra, KÜpie. („Gewifs, Herrl") Sie 
haben meinem Freunde Nikolaos eine so herrliche 
(Xa^TTpd) Historie von Kyzikos geschrieben; würden 
Sie nicht die g^rofse Güte haben, mir eine von Sinope 
zu schreiben? Aber, ich bitte Sie, erwähnen Sie darin . 
Diogenes den Kyniker, Diphilos den Komiker und 
Baton den Historiker. Alle drei sind Sinopeer." Ich 
versprach, seinen Wunsch zu erfüllen, und schrieb 
folgenden Sonntag Nachmittag eine ziemlich ausführ- 
liche Geschichte von Sinope. Ich hatte auch eine 
gute Quelle, die meinem Gedächtnis nachhalf. Hotel 
Bristol besitzt nämlich Brockhaus' Konversations- 
lexikon in der neusten Auflage. Charalampos' Glück 



— 42 — 
kannte keine Grenzen, als ich ihm das Elaborat über^l 
reichte. Ich mufste eine Dedikation mit meine 
Namen und allen Titeln — das betonte er zweimal - 
und dem Datum darunter setzen. Er sagte, er werde 1 
das Schriftstück als grofsen Schatz |i€'xpi ÖavaTou (bisl 
zu seinem Tode) aufbewahren und es kalligraphisch i 
kopieren. Als ich nach drei Wochen von Halkiv 
zurück nach Konstantiopel kam, zeigte er mir stralilend'l 
das Opus. Folgenden Tages drängelte sich der altefl 
Christodulos an mich heran; aber dessen Vaterstadt^ 
wollte ich nicht kennen lernen, und ich kaufte mic^ 
mit einem Chirek (82 Pfg.) los. 

Bei all der unfreiwilligen Komik eines solch»i>l 
Erlebnisses hat dieser echt hellenische Lokalpatrio-I 
tismus der beiden Klosterdiener doch etwas Rührendes^* 
Würden wir einem dienenden Geiste aus einer StadtS 
der deutschen Heimat eine Geschichte seiner VaterwJ 
Stadt anbieten, würde er uns antworten: „Ein Zehi^-.<g 
markstück wäre mir lieber". 

Fast täglich wurde ich von dem Patriarcha] 
vikar zum npÖTCUjia (Dejeuner) eingeladen, wo deiTfl 
jüngste Geistliche das Eingangsgebet sprach, dasf 
der Vikar mit der Doxologie schlofs. Aufser 
drei Priestern waren der Administrator und g-e- ] 
wohnlich sonst einige Laien anwesend. Spater kam J 
noch aus Palästina der Erzbischof von Diocäsa» I 
rea; er konnte ruhig in Konstantinopel weilen, da I 
die vernünftige Herde des Oberhirten von Diocäsarea ] 
seit Jahrhunderten nicht mehr existiert. Er ist nur 
Titularerzbischof. Ich meinte mit diesen hohen Digni- 
tären über Geschichte und kirchliche Dinge reden ' 
zu müssen, fand aber wenig Gegenliebe. Einmal \ 
kam der sonst so schweigsame Oberpriester von Dio- ^ 



— 43 — 

cäsarea ganz begeistert zum Mahl; er war auf dem 
Fischmarkt gewesen und hatte prachtvolle Thunfische 
und- einen grofsen Sägehai gesehen. Er konnte nicht 
genug diese Prachtbestien verherrlichen. Von da an 
erzählte ich meine Erlebnisse und namentlich meine 
in jammervollstem Türkisch geführten Unterhaltungen 
mit den Sandaltschis, den Bootsleuten. Wenn wir 
dann nach dem Essen in den Empfangssalon des 
Vikars traten, um den Kaffee zu trinken, begann 
dieser, sobald ich die überreichte Cigarre in Brand 
gesetzt: „Kupie f^Xtep, ti ibmXrjcaTe ixk touc ToupKouc;" 
(„Herr G., was haben Sie mit den Türken gesprochen?"), 
und er wollte sich ausschütten vor Lachen über mein 
vorzügliches Türkisch. Monsignore Germanos war 
mir überhaupt sehr gewogen. Einmal schenkte er 
mir „einen Segen von Jerusalem", einen weifsen Rosen- 
kranz, wie ihn Laien tragen. Die Kleriker haben 
schwarze. 

Die Trennung vom Phanar und vom Metochion 
des heiligen Grabes, wo ich g^rofse Gastfreundschaft 
und Liebe genossen, wurde mir aufserordentlich schwer. 




Er^^ 



I. DIE PRINZENINSELN. 

Meine zweite Station war auf den Prinzenins« 
der Sommerfrische der türkischen Residenz. Dii 
kleine Insel archipel , vier bewohnte und drei unl 
wohnte Eilande, ist einer der entzückendsten Eri 
flecke, Grundherren sind hier überall noch die in 
der Zeit des sinkenden Reiches gegründeten Klöster 
des heiligen Nikolaos, des Erlösers, der Panagia, der 
heiligen Dreifaltigkeit u. s, f. Prinkipo, die Haupt- 
insel, ist mit den prachtvollsten Villen der reichen 
Griechen, Armenier und Levantiner geschmückt; sorg- 
fältig gepflegte Gärten mit herrlichen Bäumen, sel- 
tenen Pflanzen und berauschend duftenden Blumen 
ziehen sich in Terrassen mit Marmor stiegen bis an 
den Meeressaum hinunter. Es sind gesegnete Plätze, 
bewohnt von einer fast ausschliefslich griechischen, 
liebenswürdigen, anmutigen und sanften Bevölkerung, 
welche an die begeisterungstninkenen Schildening-en 
Polynesiens durch Lord Anson und Cook erinnern. 
Prinkipo und Halki sind die bevorzugten Sommer- 
frischen der KoQstantinopolitaner. Sonntags strömt 



— 45 — 

die ganze Bevölkerung der Hauptstadt nach den 
Inseln aus, sodafs man in den Restaurants der Haupt- 
stadt an diesem Tage weder Grranito noch Pagoto (Eis) 
bekommen kann. Während sonst alles so still und 
menschenleer auf den Inseln ist und höchstens auf 
dem Fischmarkt ein buntes Leben sich abspielt, 
wimmelt es heute in allen Strafsen von Menschen; 
auch die Eingebomen scheinen sich an Zahl ver- 
dreifacht zu haben. Man kann sich weder durch die 
Strafsen bewegen, noch in ein Kaffenion setzen, ohne 
dafs Fischer und ähnliches Volk uns mit seinen 
Waren heimsucht. Der eine bietet Seefische, der 
andere gebackene ICrabben als Zukost zum Masticha 
oder zur Limonade, der dritte lebendige oder tote 
Wachteln zum Kaufe an. Junge Bursche mit stark duf- 
tenden imd sehr geschmackvoll geordneten Sträufsen 
machen bei den Damen oder deren Verehrern gute 
Geschäfte. Beliebt sind namentlich die Gazies oder, 
wie sie in Chios heifsen, die Moscholuludia, gelbe 
aufeerordentlich stark duftende Blumen, welche sich 
lange erhalten und ihren unangenehm kräftigen, aber 
bei den Griechen sehr beliebten Wohlgeruch aufser- 
gewöhnlich lang bewahren. 

Zur Besteigung der entzückenden Berghöhen 
laden Wagen imd Esel ein. 

Charakteristisch fiir die kastenartige ethnische 
Absonderung aller Berufe im Orient ist, dafs z. B. 
auf Halki sämtliche Eseltreiber Tziganen (Zigeuner) 
sind. Das ehemals hochgefeierte stauropegische 
Kloster der Theotokos Kamariotissa hatte grofse 
Besitzungen in Bulgarien. Eine Anzahl Familien der 
dortigen Hörigen hat die Grundherrin nach der Insel 
verpflanzt, wo sie den ausgerodeten Wsddboden zu 



- 46 - 

urbarisieren hatten. Diese bulgarischen Zigeuner sil 
längst vollkommen hellenisiert und stolz auf 
Griechentum. Als ich meinen Eseltreiber ein. 
fragte, ob er ein Türke sei, antwortete er mit tiefst^ 
Entrüstung: „'Pujjiaioc etfiail" („Ich bin ein Grieche!" 
offenbar meinte er, ich wolle seine Zigeunerabstam- 
mung verspotten. Allein obschon seit Jahrhunderten 
orthodox, halten diese Sippen noch immer zusammen, 
heiraten nur unter sich und betreiben ausschliefsltcl 
den Saumtierdienst auf der Insel. 



THEOLOGI5CBEN 5CHOI.H 



Auf Halki, der zweiten Insel, deren gesamtl 
Grundeigentum drei Klöstern gehört, habe ich midi 
J4 Tage unbeschreiblich wohl gefühlt Die Türkeir 
nennen die Erzinsel Hejbeli Ada, weil sie die beiden 
Bergkuppen und die dazwischen liegende Einsenkung 
in einer für den tief poetischen Sinn dieser Nation 
charakteristischen Weise mit einem türkischen Samiiri 
und seinen beiden Satteltaschen vergleichen. Eine 
dieser Kuppen nimmt das I'Qoster der heiligen Drei- 
faltigkeit ein. In lo Minuten steigt man von der 
Skala beim Flecken Halki nach dem Kloster hinauf, 
und hier bietet sich ein hinreifsender Anblick. Ein 
Teil der Berglehne ist mit einem prächtigen Kiefern- 
wald besetzt. Uralte Cypressen und Pinien umgeben 
das Kloster, von dem man einen entzückenden Rund- 
blick auf das tiefblaue Marmarameer und die beiden 
Nachbareilande Prinkipo und Antigoni hat; gegen- 
über liegt die bithynische Küste mit ihren zahlreichen 
Dörfern und Städten und im Hintergnmd in zartestem 



» 



— 47 — 

Blauviolett die scharfgeschnittenen, feinen Linien der 
bithyuischen Berge. Acht Tage hatte ich das Glück, 
auf diesem paradiesischen Fleck Erde in der klöster- 
lichen Gemeinschaft zu leben. Ich vervollkommnete 
dabei mein Neugriechisch; denn der Direktor Archi- 
mandrit Apostolos Christodulu, spricht nur neugrie- 
chisch und russisch. Über letzteres verfugte ich 
leider nicht. 

Das Kloster Aja Triada ist jetzt die theologische 
Schule des Patriarchats. Neben den theologischen 
Lehrern, Priestern oder Mönchen, die das grofse 
Engelskleid tragen, sind auch Vertreter für die meisten 
der bei uns in der philosophischen Fakultät gelehrten 
Disciplinen in den Lehrkörper aufgenommen. Diese 
Professoren sind sämtlich Laien, leben aber, wenn 
unverheiratet, auch im Kloster. 1893 wurde das alte 
Kloster durch ein furchtbares Erdbeben fast voll- 
ständig zerstört; indessen der russische Grieche Stefa- 
nowitsch baute es auf seine Kosten von Grund aus 
wieder auf. Der Neubau ist nun ein grofsartiges, 
allen modernen Anforderungen entsprechendes Schlofs 
mit weiten, luftigen und hohen Hallen und Korridoren, 
Hier hatte ich ein geräumiges Zimmer, einen förm- 
lichen Saal, mit Doppelfenstern als Wohn- und 
Arbeitsraum zur Verfügung, und Anfang Oktober, 
als plötzlich ein starker Witterungsumschwung ein- 
trat, ward sogar für mich geheizt. Ich hatte anfangs 
nicht im Kloster gewohnt, weil ich vor der „engel- 
gleichen Lebens Ordnung", d. h. den vielen Fasten- 
speisen der Mönche, einen gewissen Respekt hatte. 
Bei den Griechen ist nämlich das Fasten nicht, wie 
bei den römischen Katholiken, eine sehr angenehme 
Abwechslung des Menüs, sondern man ifst wenig 



und schlecht. Ich erklärte, ich sei ein venveichlichteri 
Westeuropäer und könne diese spartanische Discipliii 
nicht ertragen; die griechischen Gemüse sind zum Teill 
wahrhaft fürchterlich. Allein die Einladung wurde iramerJ 
wiederholt. Ich hatte ein grofses Empfehlungsschreiben J 
S. Heiligkeit mitgebracht, und ich sah ein, dafs ich« 
einfach aus Schicklichkeitsgründen die Behausunga 
der Träger des Engelkleides teilen müsse. Indesseoj 
auf Verordnung des Direktors als ich allein und täg'-d 
lieh Gebratenes; mein schwaches Fleisch ward j 
auf keine harte Probe gesetzt. 

Ein grofser Vorzug war, dafs der Professor den 
Patristik, Archimandrit J. Evstratiu, ein alter Jenens« 
war, der bei uns den Doktor gemacht hatte und allet 
that, um mir den Aufenthalt zu erleichtem und 
verschönem. Oft machten wir zusammen Spazie 
gange durch die Wälder der Insel und längs ded 
Meeresufers, deutsch oder griechisch unsre Gedankei 
austauschend. 

3. DER BESUCH BEI DEN BEIDEN EXPATRIARCHS». 

Eines Sonnt^s stiegen der Direktor, Prcrfesst 

Evstratiu und der zum Besuch anwesende Archiman- 
drit Phoropulos mit mir zu der westlichen Ska] 
hinunter; wir nahmen ein Boot, um die beiden 
der Nachbarinsel Antigoni in stiller Zurückgezog'eii- 
heit hausenden Expatriarchen Neophytos und Ant± 
mos zu besuchen. 

Unser Fährmann war ein liebenswürdiger Nati 
bursche, dem die Lebenslust aus den Augen blitzte 
eines jener glücklichen Kinder des Südens, weicht 
in einer fast animalischen Naivetät jenseits von Gut] 
und Böse leben. Ohne alle Ziererei und Pose, wiay 



— 49 — 

sie einer solchen gerade gewachsenen Natur ferne 
liegt, erzählte er uns haarklein die Erlebnisse der 
letzten Nacht. Er hatte sich schwer bezecht, dazu 
mit ähnlichen edeln Brüdern ein bifschen gerauft und 
war jedenfalls um seine ganze Barschaft gekommen, 
sodafs er nun sehr zu seinem Schmerze am heiligen 
Sonntage doppelt fieifsig sein mufste. Interessant 
war mir nun das Benehmen der drei geistlichen 
Herren. Schon die natürliche, von aller Salbung 
oder Betonimg der Angehörigkeit zur gebildeten Ge- 
sellschaftsklasse freie Art, wie sich der allerhoch- 
würdigste Archimandrit Apostolos Christodulu mit 
dem einfachen Sohne des Volkes unterhielt, war echt 
griechisch. Zu den Bekenntnissen des jugendfrischen 
Sünders lachten die Papades sehr herzlich und fragten 
mich um meine Meinung. Als Angehöriger der trink- 
frohen deutschen Nation war ich für die Südländer 
zum voraus gestempelt und sagte, was ich bei einem 
ähnlichen Erlebnis einst zu meinem Gondoliere in 
Venedig geäufsert hatte: „Non e peccato, ma sola- 
mente peccadiglio". Die Priester lachten, und der 
Barkenfiihrer schien nicht ganz unzufrieden mit dem 
Ausgang des Scherbengerichtes zu sein. 

In kaum halbstündiger Fahrt brachte uns die 
wie ein Pfeil dahinschiefsende Barke nach der Skala 
von Antigoni, wo sich unseren Blicken ein reizendes 
Bild bot. 

Nur einen Steinwurf von der Lände entfernt, 
erhebt sich ein bescheidenes Landhaus, von Ulmen 
und Maulbeerbäumen umschattet. Auf der Bank vor 
dem Hause, von wo man einen herrlichen Blick nach 
Halki imd über das blaue Meer nach den bithynischen 
Gebirgen hat, safsen zwei ehrwürdige Greise, in dem 

G e 1 z e r , Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 4 



— 50 — 

schwarzen hohen Hut der griechischen Kleriker und 
in die langen geistlichen Gewänder gehüllt; bis auf 
die Brust fiofs ihnen der silberweifse Bart Un'will- 
kürlich mufste ich an die Schilderungen Tolstois in 
seinen Legenden denken. Patriarch Neophytos hat 
in München studiert und spricht vortrefflich deutsch; 
dagegen mit dem sehr klugen Anthimos konnte ich 
weniger sprechen, da er nur des Griechischen mächtig 
ist. Neophytos wohnt hier bei seinem Neffen, der 
Arzt ist. Bald erschienen noch zwei Besucher, ein 
Arzt aus Ochrida und ein Geschäftsmann aus Bitolia- 
Monastir; beide küfsten den Expatriarchen nach grie- 
chischer Sitte ehrfurchtsvoll die Hand und erzählten 
dann sehr interessant von der bedrängten Lage der 
kleinen griechischen Bevölkerung in Nordmacedonien, 
wo sie wie Inselchen von dem gewedtigen bulgari- 
schen Meere umbrandet werden. Doch die Sonne 
warf breite Schatten, und wir mufsten an den Ab- 
schied denken. 

4, DER BESUCH BEI NIKODIMOS VON JERUSALEM. 

Auf Halki, im dortigen Metochion des heiligen 
Grabes, wohnt Nikodimos, der Expatriarch von Jeru- 
salem. Er gehört zur russischen Partei unter dem 
griechischen Klerus und war deshalb von der fana^ 
tisch die griechischen Interessen vertretenden He- 
tärie des heiligen Kreuzes zur Abdankung gezwungen 
worden. In den Sprengein von Antiochien und Jeru- 
salem ist nur ein Teil des hohem Klerus, der sich 
aus Konstantinopel und von den Inseln rekrutiert, 
griechisch; die ganze orthodoxe Bevölkerung spricht 
nur arabisch, und es ist sehr ungeschickt von den 
Griechen, dafs sie gegen deren berechtigte Wünsche, 



— 51 — 

arabische Oberhirten an ihrer Spitze zu sehen, taube 
Ohren zeigen, zumal diese Vorherrschaft der Griechen 
in den Ostlandschaften des Reichs eine Neuerung 
ist und erst im XVII. und XVIII. Jahrhundert sich 
eingebürgert hat. Da sind die Katholiken viel klüger. 
Die Melchiten, die mit Rom imierten Orthodoxen 
des Sprengeis von Antiochien, haben eine national- 
arabische Prälatur^). Aufserdem haben sich die in 
Jerusalem hochmächtigen Russen der arabischen Na^ 
tionalpartei in dem Streit um die Besetzung des Pa- 
triarchenstuhls von Antiochien angenommen. Die 
Mehrzahl der Diöcesan- Metropoliten ist arabischer 
Nationalität und wollte durchaus einen Landsmann 
auf den Thron erheben. Durch die Hilfe der Russen 
hat sie jetzt thatsächlich den Sieg davongetragen. 
Es ist darum im wohlverstandenen griechischen In- 
teresse sehr bedauerlich, dafs man Nikodimos, der 
noch immer persona gratissima in Petersburg ist, 
beiseite geschoben hat. Die Gunst der Russen 
geniefst er übrigens nach wie vor. Kein Grofsfürst, 
kein Mitglied der Botschaft oder sonstiger hoher 
russischer Würdenträger besucht die Prinzeninseln, 
ohne Nikodimos seine Aufwartung zu machen. Er 
erhält aus St Petersburg die prachtvollsten Gesohenke. 
Die Insulaner erzählten mir, dafs seine Kelche, Ci- 
borien und sonstigen Altargerätschaften — alles 
russische Geschenke — viel kostbarer und herrlicher 
als selbst die des ökumenischen Patriarchen im Pha^ 
nar seien. 



I) Alle Prälaten, soweit ich nach der Gerarchia cattolica ihr 
Nationale feststellen konnte, gehören der syrischen, arabisch redenden 
Bevölkerung des Libanon an. 



4* 






— $2 — 

Da man mir allgemein versichert hatte, dafs 
zu den bedeutendsten Köpfen der griechischen Hit 
rarchie gehöre, beschlofs ich, ihn zu besuchen. Di 
Metochion ist keine Viertelstunde von dem Oi 
Halki entfernt; ein prächtiger Weg führt hin, di 
alte Bäume umsäumen. Man hat stets den Blick 
auf das Meer und das gegenüberliegende entzückende 
Prinkipo. Das Kloster liegt unmittelbar am Saume 
eines alten Pinienwaldes, in dem sich der griechische 
Friedhof ausdehnt. Die mit schlanken Cy pressen 
und Pinien besetzte Klosterterrasse zeigt dieselbe 
herrliche Aussicht, wie die Strafse. Auch die 
chen rühmen die prachtvolle Lage des Klosters, 
geht durch das erste Haus, Dienerwohnungen und- 
Amtsbureaux, wie mir schien, dann kommt die be- 
scheidene Kirche, und erst hinter dieser tritt man in 
einen blumenreichen Garten, hinter dem die eigent- 
liche Residenz des Patriarchen liegt. Bei meinem 
ersten Besuche war er gerade ausgefahren; indessen 
der geläufig französisch sprechende Hieropresbyteros 
bestellte mich auf 3 Uhr des folgenden Tages. Als 
ich pünktlich erschien, stand mir nur ein etwas jugend- 
liches Pädi Rede und beantwortete meine Frage, ob 
der allerseligste Gebieter zu sprechen sei, mit einem 
lakonischen „KOl^äTa^" {er schläft). Nun, ich setzte 
mich behaglich auf eine Gartenbank und harrte der 
Dinge, die da kommen sollten. Es kam aber nur 
ein etwas älterer Diener und bemerkte barsch: „Afev 
?Xti KOipöv" (Er hat keine Zeit), Ich erwiederte, dafe 
ich auf diese Stunde ausdrücklich bestellt sei; aber 
er wiederholte nur mehrfach sein albernes „bfev ^x^i 
Kaip6v", sodafs ich in würdevoller Entrüstung auf- 
brach und schwur, den Heiligen von Jerusalem nie 



— 53 — 

mehr zu besuchen. Indessen mein nicht ganz unbe- 
rechtigter Grimm verrauchte, und am letzten Nach- 
mittag vor meiner Abreise von der Erzinsel machte 
ich noch einmal den mir so lieb gewordenen Gang 
längs der Ostküste und befand mich plötzlich vor 
dem Klosterthor. Ich durchschritt dasselbe; alles 
menschenleer, ebenso die Kirche und die Residenz. 
Ich schritt die Stufen hinauf in den Korridor. Hinter 
einer halbgeöffneten Thür in einer dunkeln Kammer 
lag ein Mensch faul ausgestreckt auf einer Matratze 
im nachmittäglichen Halbschlununer. Er hörte mich 
und sprang blitzschnell auf. Es war das kleine Pädi. 
Wieder fragte ich, ob der all erseligste Gebieter zu 
sprechen sei. „Clve eic tö Kpaßßdri" (Er liegt zu Bette). 
„Ist er krank?" „MdXicra, Kupie" (Gewifs, Herr). Ich 
sagte Adieu und machte mich auf den Weg. Im 
Garten brannte ich mir ungeniert eine Cigarre an, 
das war mein Glück. Denn plötzlich kam das g^röfsere 
Pädi atemlos herangesprungen: „Auf der Stelle 
kommen Sie zu Sr. Seligkeit" „Er liegt ja im Bette 
und ist krank." „O bewahre! er ist nicht krank und 
erwartet Sie; schnell! schnell!" Nun endlich sah ich 
Se. Seligkeit, die sich in der liebenswürdigsten Weise 
wegen der verschiedenen „Mifsverständnisse" entschul- 
digte und mich aufserordentlich herzlich bewillkomm- 
nete. Über meine wissenschaftlichen Pläne und meine 
Arbeit im Metochion von Konstantinopel war er völlig 
unterrichtet, offenbar durch Msgr. Germanos, der ihn 
die Woche zuvor besucht hatte. Ich blieb fast eine 
Stunde bei dem wirklich bedeutenden und geistvollen 
Manne. Die Unterhaltung wurde griechisch geführt; 
indessen verhielt ich mich mehr hörend als mitteilend 
aus bewegenden Ursachen. Patriarch Nikodimos ist 



— 54 — 

ein warmer Patriot; aber er sieht trüb in die ZukunJ 
„Wir Griechen haben unter den Grofsmächten keinel 
Freund, keinen" wiederholte er mehrmals; für seii]| 
Landsleute ist er dabei ein strenger Richter: „Allq 
haben wir verloren, nur nicht unsem Hochmut", Ici( 
bemerkte ihm, dafs die schweren Erfahnmgen da 
letzten ICrieges läuternd und sittlichend auf die ed] 
griechische Nation gewirkt hatten. „Gott gebe esll 
sagte er. Auch auf die deutsche Orientpolitik kam^ 
wir zu sprechen, und da äulserte er sich sehr 
merkenswert: „Kaiser Wilhelm ist in seinen polit 
sehen Mafsnahmen weder durch seine Freundscha) 
zu den Türken, noch durch Antipathie gegen di^ 
Hellenen bestimmt Er hat nur ein Ziel, den V< 
teil der Deutschen, und darin hat er Rec 
Sehen Sie diese anatolischen Eisenbahnen, das 
ein Meisterstück der Deutschen. Die Russen hätteo 
gern gehabt, wenn von Angora die Bahn nach Trap< 
zunt und Erzerum wäre fortgesetzt worden; doch däj 
fällt den Deutschen nicht ein; sie haben ihre Bah; 
von Angora direkt südlich nach Konie gebaut, un« 
von da wird sie durch Cilicien und Syrien weit« 
nach Bagdad gehen. Diese Linie liegt weder 
Interesse der Russen, noch der Engländer, wohl ab 
der Deutschen. Die Deutschen sind klug." Nur i 
gern verabschiedete ich mich von dem ehrwürdig 
Greise, der ohne beschränkt nationale Voreingenoit 
menheit so kühl realpolitisch urteilte. Es ist walii 
haft bedauerlich, dafs kurzsichtige kirchenpolitiscM 
Gegner ihn vor der Zeit seinem Wirkungskreise en^ 
hoben haben. 

Die lange Audienz hatte mein Ansehn in doj 
untergeordneten Kreisen sehr gehoben, und der kleii 



— 55 — 

Diener fühlte sich verpflichtet, mich durch alle drei 
Gebäude bis zur vordem Terrasse zu begleiten. Unter- 
wegs knurrte ich ihn an, dafs er ein ipeücTtic (Lügner) 
sei. Er fand kein Wort der Entschuldigung, blickte 
mich aber so flehentlich ängstlich aus seinen ver- 
schüchterten Augen an, dafs mein Grrimm schmolz. 
Zum Abschied drückte ich ihm einen Chirek in seine 
Rechte. Nun die Wandlung. Das alte Wort: „Geld 
macht selig" hat nirgends mehr Wahrheit als in 
Griechenland. Er wollte mir durchaus die Hand 
küssen, doch ich wehrte das mit ruhigem Ernste ab: 
„Aev eliLiai xXripiKÖc" (Ich bin kein Priester). Der arme 
Junge war weniger schuldig, als es den Anschein 
hatte. Der Expatriarch wird von lästigen Audienz- 
suchem und zudringlichen Bittstellern in halbem Be- 
lagerungszustand gehalten. Daher erhalten die Diener 
häufig die Weisung, ihn zu verleugnen. Indessen 
mich zählte der allerseligste Gebieter glücklicher- 
weise nicht in die Kategorie der Lästigen. Folgenden 
Tages verliefs ich das Eiland. 




IV. ZWEI GRIECHISCHE KIRCHENFESTE. 



I. DAR GEDÄCHTNISFEST DES PATRIARCHEN 
ALEXANDRIEN. 

Einen rechten Gegensatz zu dieser beschaulich« 
Idylle bildete ein g'lanzvoUes Kirchenfest, dem ' 
beiwohnen konnte, die Gedächtnisfeier für den 
geblich losjährig- verstorbenen Patriarchen Sophi 
nios von Alexandrien, der einst gleichfalls Okumei 
kus gewesen war. Das Fest interessierte mich 
so mehr, als ich mit dem Verstorbenen in Korrespt« 
denz gestanden haue. 

Eines Sonntags machten wir uns, ein befreundete 
Gelehrter und ich, schon frühe auf den Weg, da ( 
Feier, wie mir der Patriarchalarchivar versichert hatt 
schon 4 9 Uhr beginnen solle und stark besucl^ 
werde. Der ökumenische Patriarch celebrierte selbst 
die Seelenmesse, während er sonst nur Weihnachtei 



— 57 — 

Ostern und Pfingsten das Hochamt zu halten pflegt^). 
Konstantinos war nämlich Sophronios' Schüler und 
hängt an ihm mit rührender Pietät; sein Bild befindet 
sich im Empfangssalon des Patriarchats. Er bestreitet 
auch die Authenticität der mythisch klingenden Alters- 
angabe; nach ihm ist Sophronios 97 jährig gestorben. 
Sophronios, der in seinem Uralter geistig etwas ab- 
genommen hatte, pflegte zu sagen, er habe nur einen 
Ehrgeiz, nämlich dafs der Papst von Alexandrien — 
diesen Titel führt der ägyptische Patriarch — den 
Papst von Rom überleben möge. Dieses Ziel ist ihm 
nun allerdings versagt geblieben. Als wir an die 
Pforten der Patriarchatskirche kamen, stand diese 
bis in die Vorhalle gedrängt voll Menschen. Indessen 
höflich und liebenswürdig, wie die Griechen auch aus 
dem Volke sind, machten sie uns gleich Platz und 
wiesen uns nach vom, damit wir besser sähen. Das 
Laienpublikum ist durch eine Vergitterung von den 
Seitenschiffen abgesperrt; in diesen befinden sich 
Chorstühle, auf denen die Notabein safsen oder stan- 
den, rechts zuvorderst gegen das sogenannte Ikonostas, 
die den Hochaltar abtrennende Bilderwand, befindet 
sich der mehrstufige, aus dem XL Jahrhundert 
stammende Prachthron des Patriarchen, daneben der 
niedrigere des Grofslogotheten, gegenwärtig S. Exe. 
Senator Prinz Aristarchi-Bey, der heute indessen 
fehlte. Sobald man uns gewahr wurde, öffnete ein 



I) Das grofsartigste Kirchenfest ist zweifellos Ostern, wo, bei 
dem Zusammenströmen so vieler Fremden und um den ökumenischen 
Charakter des Patriarchats zu zeigen, in der St. Greorgskirche das 
Evangelium in zehn Sprachen verlesen wird: griechisch, slawonisch, 
französisch, türkisch, lateinisch, russisch, deutsch, serbisch, rumänisch 
und armenisch. 



- 58 - 
Kawafs die Schranken, und wir wurden in die l 
tabelnstühle befördert; mein Nachbar, der vortrefElig 
deutsch sprechende Professor Amaxopulot 
mich mit all den hinter dem Ikonostas befindliclx 
Würdenträgem bekannt Zuerst las ein reich 
kleideter Priester oder Hierodiakonos vom Amborf 
das Evangelium des Tages — es ist Johannis des 
Täufers Enthauptung-. Vorne gegenüber dem Pa- 
triarchalthron war der Katafalk des Patriarchen So- 
phronios aufgebahrt, darauf zwei Schüsseln mit KoUyba, 
einem Gebäck mit Beeren, der Totenspeise, welche 
die Teilnehmer der Exequien zum Schlufs verzehren. 
Plötzlich öffnet sich „die schöne Pforte" des Iko- 
nostas, und heraus tritt der Patriarch im reichsten 
Priesterornat, angethan mit dem Sakkos, dem Priester- 
gewand aus violettem Samt, auf dem goldne und 
silberne Lilien gestickt sind, unten von einem Kranz 
goldener und silberner Stemenblumen umsäumt; um 
die Schultern trug er das ebenfalls von Goldstickerei 
starrende weifse Omophorion, imd auf dem Haupte 
hatte er nach byzantinischer Sitte eine prachtvolle, 
edelsteingeschmückte Krone. Sein Wappen, das an 
der Fassade der Patriarchatskirche und auf den Grab- 
monumenten der Patriarchen im Kloster „der leben- 
spendenden Quelle von Valukli" ausgehauen ist, zeigt 
den gekrönten Doppeladler mit Reichsapfel und 
Scepter in den Klauen. Dasselbe Emblem ziert das 
grofee Patriarchatssiegel. Seit dem Untergang des 
römischen Kaiserreichs ist der Patriarch ja nicht nur 
das geistliche, sondern auch das weltliche Ober- 
haupt der griechischen Nation, wie ganz ähnlich der 
jüdische Hohepriester in nachexilischer Zeit an die 
Stelle des Königs getreten und ebenso nach Aiifteilung 



— 59 — 

des armenischen Reichs der Katholikus das geistlich- 
weltliche Oberhaupt aller Armenier geworden ist. 
In seinem langen weifsen Bart sah „der allerheiligste 
Gebieter" ungemein ehrwürdig aus. Er sprach die 
rituellen Formulare mit tief bewegter, manchmal 
zitternder Stimme; die ganze Ceremonie griff ihn 
sichtlich an. Die physische Anstrengung, in diesen 
schweren Samt- und Goldbrokatgewändem das Hoch- 
amt zu celebrieren, ist keine geringe. Dazu kam der 
Seelenschmerz um den Tod des geliebten Lehrers. 
Nach ihm sangen der Reihe nach die vier assistie- 
renden Metropoliten von Derkos, Amasia, Beröa und 
Rhodus, alle gleichfalls in Seidengewändem, die von 
Goldstickereien strotzten, bei Derkos auf weifsem, 
bei Amasia auf rotem, bei den beiden andern auf 
blauem Grunde. Dazu hielten zwei Priester die flor- 
umwundenen Leuchter; auch sie hatten Goldbrokat- 
gewande und sahen in ihren langen, schwarzen Locken 
imd den wohlgepflegten Barten prachtvoll aus und 
wufsten es auch, wie mein Reisegefährte richtig 
bemerkte. 

Nach einem Gesang im Altarraum wurde ein 
Vorhang aus rotem Samt, auf dem Christus in Gold 
gestickt war, vor die 'Qpaia TTüXri (die schöne Pforte) 
gezogen; nach Entfernung desselben sprach der Pa- 
triarch das Formular der Totenmesse und streckte 
ein edelsteinbesetztes Klreuz hin, welches die Metro- 
politen imd Priester küfsten. Alles schlug dazu im- 
aufhörlich Kreuze. Unterdessen sammelte ein Priester 
auf silberner Patene das Opfer; da wir an den No- 
tabelnplätzen safsen, mufsten wir einen Medjid dar- 
bringen, das erforderte der Anstand. Jeder Anwesende 
erhielt nun eine dünne Wachskerze in die Hand. Der 



— 6o — 

Patriarch mit seinen Akoluthen trat aus der schönäl 
Pforte heraus; es wurde stark geräuchert. Zw 
Männer- und Knabenchöre sangen in der unange- 
nehmen, näselnden Weise der Griechen abwechselnd 
geistliche Hymnen. Endlich kam der Segensspruch 
und dann die Akklamationen: „Konstantin dem öku- 
menischen Patriarchen viele Jahre", „Sophronios se- 
ligen Gedächtnisses ew'ige Erinnerung" u. s. f. Alles 
das etwa zwanzigmal; es war ein Responsorium der 
beiden Chöre. Wenn der eine Chor aufhörte, fiel 
der andere singend ein. So habe ich eine lebendige 
Vorstellung von den iipoc<pujvT|C£ic, den Akklamationen, 
erhalten, welche in den Verhandlungen des römischen 
Senats und genau so in den nach seinem Vorbilde 
eingerichteten geistlichen Reichsparlamenten, 
ökumenischen Konzilien, eine so grofse Rolle spielet 
und uns so eigentümlich und fremdartig anmutet 
Für den byzantinischen Historiker ist die Kenntü 
von Land. Leuten und Bräuchen der Gegenwart ^ 
unschätzbarem Werte. In Byzanz sind noch 
richtungen des alten Reiches und der alten 1 
lebendig, von denen sonst aus dem Staube der ] 
bliotheken und den Worten der alten Schriftstell 
nur eine dunkle, verworrene Kunde zu uns 
Hier hat alles looojähriges Leben. Der Spruch ( 
Väter von Nicäa: „Das Alte soll gelten", hier ist t 
Wahrheit. Während dieses ganzen Aktes hielte 
wir die brennende Wachskerze in der Hand. 
„Häretiker" kam ich mir dabei etwas sonderbar i 
mochte aber mich nicht ausschliefsen. Nim wurdh 
wir von einem Kirchendiener von der rechten {geisi 
liehen) Seite der Ehrensitze auf die linke {weltliche) 
befördert Denn die schöne Pforte öffnete sich von 



— 6i — 

neuem, und heraus schritten die amtierenden Ober- 
hirten. Der Patriarch, unterstützt von zwei Priestern, 
bestieg in seinem schweren Prachtgewande die Stufen 
seines Thrones. Neben ihn, auf tiefere Sitze, setzten 
sich die neun Metropoliten der allerheiligsten Synode. 
Darauf bestieg Chrysostomus, der Protosynkellos 
(General vikar) des Patriarchen, den Ambon und las 
eine rhetorisch vortreffliche Gedächtnisrede in klassi- 
schem Griechisch ab. Konstantinopel und besonders 
die Geistlichkeit des Phanars stehen im Rufe, dafs 
hier das eleganteste Grriechisch gesprochen und ge- 
schrieben werde. Die Leichenrede auf den Patriar- 
chen von Alexandrien war der sprechende Beleg 
dafür. Ihr Inhalt freilich, der sich eigentlich aus- 
schliefslich an die Gebildeten richtete, erschien mir 
weniger zweckentsprechend. Ich mufste mich imwill- 
kürlich fragen, was hat mm das gute Volk, das völlig 
still und, wie mir schien, recht andächtig, Kopf an 
Kopf eingepfercht, innerhalb des Gitters stand, von 
dieser heiligen Handlung? imd im griechischen Volke, 
wie nachher soll ausgeführt werden, regt sich doch 
machtvoll das religiöse Bedürfnis, der Himger nach 
der wahren Seelenspeise. Hier hat der Klerus eine 
hohe und lohnende Aufgabe zu erfüllen. Auf den 
Emporen, „dem Frauenplatz", sah man zahlreiche, 
hochelegante Damentoiletten. Die perotische imd 
phanariotische Aristokratie war hier oben vertreten. 
Die Feierlichkeit hatte nahezu zwei Stunden gedauert, 
und so waren wir froh, als auf den Wink des liebens- 
würdigen Professors Amaxopulos ein Kawafs erschien, 
die Menge teilte und uns ins Freie führte. 



— 62 — 
2. DER TAG DES HEILIGEN NIKOLAOS AUF HALKI. 

Grundverschieden von dieser aristokratischen 
Feier des hohen Klerus war ein demokratisches 
Kirchenfest, die Feier des heiligen Nikolaos, des all- 
gemeinen Schifferpatrons, der ich auf der Insel Halki 
beiwohnte. Meine Wirtsleute, eifrige orthodoxe 
Christen, hatten ihren besten Staat angethan und 
fragten mich, ob ich mich an der Nikolaosfeier be- 
teiligen wolle. Nikolaos, der Metropolit von Myra 
in Lykien, ist in der ganzen orthodoxen Welt der 
hochheilige Schutzpatron der Schiffer imd der KLinder. 
Auch im Westen hat er bekanntiich grofse Popula- 
rität errungen, seit sein Leichnam nach Italien kam. 
Im Mittelalter trieb man Reliquienraub, wie in neuerer 
Zeit den Raub von Kunstdenkmälem. Die frömmsten 
Leute hatten bei solchen Unternehmungen ein elasti- 
sches Gewissen. Die Venetianer stahlen im IX. Jahr- 
hundert den heiligen Markus aus seiner Bischofstadt 
Alexandrien; Raynald von Dassel, der Erzbischof 
von Köln, raubte die heiligen drei Könige aus Mai- 
land; und so stahlen die Leute von Barletta den 
heiligen Nikolaos aus Myra. Alle diese Sancti haben 
sich diese gewaltsame Verpflanzung gefallen lassen 
und bürgerten sich in der neuen Heimat rasch ein. 
Aber der Osten blieb seinem Nikolaos trotzdem treu. 
Gräfin Bagr^eff-Speransky erzählt von einer armen 
russischen Bäuerin, welche, ohne ein Wort einer 
fremden Sprache zu verstehen, durch Polen, Ostreich 
und Italien bis nach Barletta pilgerte und welcher 
Papst Gregor XVL, voll Staunens über diesen Berge 
versetzenden Glauben, eine besondre Audienz be- 
willigte. In frühem Zeiten — heute sind sie wohl 



- 63 — 

bereits zu aufgeklärt — pflegten die frommen Bul- 
garen zu sagen: „Sollte Gott je sterben, so wählen 
wir St. Nikolaos an seiner Stelle als unsem Gott". 
So dauert seine Verehrung noch ungebrochen fort, 
und bei einer Fischer- imd Schifferbevölkenmg, wie 
auf Halki, ist natürlich sein Ansehen noch ein ge- 
waltiges. Ein solches Fest versprach interessant zu 
werden, und danmi sagte ich meinen Freunden gerne 
zu; gegen 9 Uhr Abends gingen wir nach der 
hellerleuchteten Pfarrkirche. Die Strafsen, sonst um 
diese Zeit fast ausgestorben, waren noch von einer 
ziemlich ausgelassenen und etwas zweifelhaften Be- 
völkerung belebt; in der Kirche wogte eine grofse 
Menschenmenge. Kopf an Kopf füllte dieselbe deö 
Raum. Wir zwängten uns bis gegen das Ikonostas 
und die schöne Pforte durch und standen nun zwischen 
Fischern, Schiffern, Früchten- und Fischhändlern sehr 
demokratisch in einer Enge und Glut und einer At- 
mosphäre, wie ich das noch nie erlebt hatte, welche 
wenigstens bei mir entschieden die Andacht nicht 
förderte. Zwei Protopsalten der Patriarchatskirche 
waren eigens von Konstantinopel herübergekommen; 
ihre Leistungen wie die der mit aller Anstrengimg 
ihrer Lungen mehr schreienden als singenden Eoiaben 
waren entsetzlich. Ermüdend ist auch die Länge der 
diversen Kanones und Kontakia, der liturgpischen 
Hymnen zu Ehren des Tagesheiligen, welche während 
des Officiums abgesimgen wurden. Während die 
anderen Prister im Altarraum sangen und funktio- 
nierten, traten zwei Hierodiakone hinaus in den 
Kirchenraum, um lange Gebete „für die Lisel Halki, 
Klerus imd Volk der Insel Halki" u. s. £ zu recitieren. 
Der eine, ein zwerghaft kleiner Mann mit einer 



- 64 — 

dröhnenden Stentorstimme, zeichnete sich durch eine 
ganz kolossale Lockenperücke und einen phänome- 
ncilen Bart aus. Irgend etwas an eine Predigt oder 
Ansprache Erinnerndes wurde in der ganzen Feier 
vermifst Als Leiter der heiligen Handlung war von 
Konstantinopel der Metropolit von Eleutheropolis, 
Dionysios, in seinem Prachtomat imd dem schwarzen 
Priesterhut mit Schleier erschienen. Er sprach eine Art 
kurzes Schlufswort oder Segenspruch wenigstens des 
ersten Teils der Feier. Sie dauerte noch eine gute WeUe 
fort, aber ich hielt die ebenso heifse als kräftige Luft 
nicht länger aus. Während des Gottesdienstes wurde 
nicht weniger als fünfmal für die Kirche, das Hospital, die 
Schule u. s. f. gesammelt. Dieser unaufhörlich wieder- 
holte Appell an die christliche Bruderliebe brachte natur- 
gemäfs eine Freigebigkeit in absteigender Linie hervor. 
Die Haltimg der Männer, mit verschwindenden 
Ausnahmen Angehöriger der untern Klasse, war eine 
musterhafte; sie schienen mit wirklicher Andacht 
oder wenigstens mit Interesse der heiligen Handlung 
zu folgen. Dagegen die Frauen waren in unaufhör- 
licher Bewegung und in endlose Gespräche vertieft 
Man begreift hier, dafs die Jesuiten, wenn sie ihre Ko- 
mödien aufführten, dies damit begründeten, es müsse 
auch etwas für die Frauen oder, wie sie etwas unhöflich 
sagten, pro garrulo sexu (für das schwatzhafte Ge- 
schlecht) geschehen. Ein mir befreundeter Priester, der 
als lepoKfipuH (Prediger) mehrere Jahre in einer gröfsem 
Stadt Macedoniens gewirkt hat, erzählte mir, dafs er 
j ede Predigt unterbrechen und die Frauen zur Ruhe habe 
mahnen müssen. Erhob dem gegenüber die Würde und 
den Anstand des evangelischen Gottesdienstes hervor. 




V. RELIGIOSITÄT UND KIRCHENPOLITIK DER 
GRIECHEN. 

I. KIRCHE UND VOLK. 

Das Volk hängt noch aulserordentlich an seiner 
Kirche. Eine Kirche, welche durch Jahrhunderte der 
Knechtschaft Freud und Leid mit ihrem Volke ge- 
teilt hat, ist diesem aufs innigste ans Herz gewachsen. 
Sie gilt — und dies mit Recht — vorzugsweise als 
die Tr^erin der nationalen Idee, und darum halten 
auch viele Gebildete, die innerlich den Lehren der 
orthodoxen Kirche, ja jedem christlichen Glauben 
entfremdet sind, aus nationalen Gründen äufserlich 
zur Kirche. Im Volke aber ist sie eine Macht nicht 
allein in der Türkei, sondern auch im freien Griechen- 
land. So mächtig aber auch der Klerus noch ist, 
vor gewissen, an die sicilianische Maffia erinnernden 
Organisationen zittert auch er. Smyma mit seiner 
zur Hälfte griechischen Bevölkerung wt die vorzugs- 
weise, hellenische Stadt des türkischen Reichs. Na- 
türlich be&ndet sich unter der griechLschen Hafen- 
bevölkerung ein wahrer Abschaum von Menschen. 
Ein Bravo, der schon zahlreiche Morde auf i-. 

Gelier, SeliHtaTlebte* a. SellstceHbeBa. 



_ 66 ~ 

Gewissen hatte und immer jedem Gerichts verfahr« 
durch geheime Protektion entgangen war, fand seinej 
Tod in einer gewöhnlichen Messeraffaire Betrunkene^* 
Seine Freunde und Genossen baten den Metropoliten 
von Smyma, die Totenmesse zu halten. Dieser wei- 
gerte sich natürHch, die kirchlichen Ehren einem Ver- 
brecher zu erweisen; da erschien aber der Capo der 
Gilde im erzbischöflichen Palast und drang bis zum 
Metropoliten vor: „Wir haben Dich gebeten, unsrem 
ermordeten Bruder die Totenmesse zu lesen. Ich 
weifs", setzte er mit drohendem Tone hinzu, „der 
allerhoch würdigste Gebieter wird unsren Wunsch 
sicher erfüllen". Der fürchterliche Mensch setzte 
seinen Willen durch; der Metropolit las die Messe. 



2. DAS VERHÄLTNIS DER ORTHODOXEN GEISTLIl 

KEIT ZUR ANGLIKANISCHEN KIRCHE, 

Was das Verhältnis der griechischen Prälal 
zu den andern Konfessionen betrifft, so besteht dal 
Protestantismus gegenüber meist ein sehr freundlich^ 
Mit der anglikanischen Kirche haben sich nach langi 
Verhandlungen, die schon unter Joakim JH. (1878 — &^ 
begonnen hatten und diesen Herbst ihren Abschlal 
erreichten, sehr herzliche Beziehungen gebildet. Dem 
gemäfs erkennen sich die griechische und die engliscfH 
Kirche, ohne in engere Glaubensgemeinschaft 
treten, als Schwesterkirchen an. Der Erzbischof % 
Canterbury mit seinem mächtigen Episkopat 
seinen zahlreichen über Afrika, Amerika, Indien uiw 
Australien sich erstreckenden Kolonialbistümem 
heute in der That ein ökumenischer Patriarch ge- ' 
worden, der sich dem neurömischen ebenbürtig an die 
Seite stellen kann. 



J 



- 67 - 

Die ritualis tische Partei, welche mit die bedeu- 
tendsten Köpfe und die opferwilligsten Priester in 
der established church enthält, hat immer eine grofse 
Vorliebe für die Kirchen des Orients bewiesen und 
einst mit zahlreichen Unterschriften gegen die ver- 
unglückte Stiftung des Bistums Jerusalem protestiert, 
da die Puseyiten dies als einen Eingriff in die Rechte 
der apostolischen Throne des Ostens betrachteten. 
Die gänzlich ungebildeten griechischen Prälaten der 
50er Jahre besalsen hiefür nicht das leiseste Ver- 
ständnis. Heute ist der griechische Klerus geistig 
und sittlich gehoben, und Konstantinos hat die dar- 
gebotene Hand freudig ergriffen. Bereits 1898 hatte 
der in dieser Beziehung sehr thatige und von den 
Altkatholikenkongressen her bekannte Bischof von 
Salisbury Konstantinopel besucht und brüderliche 
Grüfse des Erzbischofs von Canterbury überbracht. 
Daran knüpfte sich nun ein Briefwechsel, welcher 
keine vollständige Union (KOtvuivia), sondern ein freund- 
liches, brüderliches Verhältnis (^iriKoivuuvia) herstellen 
sollte. Charakteristisch für die Griechen ist dabei 
übrigens ein Umstand. Wir wissen aus Liudprands Ge- 
sandtschaftsbericht und aus dem Ceremonienbuch des 
Kaisers Konstantin, dafs die damaügen Romäer dem 
abendländischen Imperator nicht den Titel ßaciXeüc 
(Kaiser), sondern nur pr|f {König) zugestanden. Genau 
so wird auch heute eine reinliche Titulardistinktion 
festgehalten, was den feierlichen Engländern gewifs 
einigen Kummer bereitet. Erzbischof Temple adressiert 
seinen Brief „an Seine Allheiligkeit Konstantin V., 
^m Erzbischof von Konstantinupolis und Ökumenischen 
^M Patriarchen". Dagegen der Patriarch schreibt: „Hoch- 
^B würdigster (ceßacmüJTaie) Erzbischof von Canterbury 

LZ- ' 



I 



— 68 — 

und Primiis (TTpujTiepapxa) von England, Lord Frederic4 
Es ist allerdings die genaue Obersetzimg der enj 
lischen Titulatur; immerhin ist das ceßacmuiTaToc etwaj 
dürftig, da doch jeder kleine 'griechische Metropolü 
TiovicpLOTaroc ist. In seinem Briefe vom 7. August 1 
spricht der Erzbischof seine Bewunderung für die 
orthodoxe östliche Kirche aus, welche — das ist 
echt englisch — „eine fortdauernde und ununter- 
brochene Reihe seit den Aposteln bildet". Er er- 
wähnt die schon in frühem Zeiten bestandenen Brief- 
wechsel zwischen anglikanischen und orthodoxen 
Prälaten und verwahrt sich gegen jegliche Proselyten- 
macherei. Er schlägt nun zur Mehrung der brüder- 
lichen Liebe vor, dafs an hohen Festtagen der ortho- 
doxe Klerus in London dem Erzbischof und der angli- 
kanische in Konstantinopel dem Patriarchen seine 
Verehrung erweise. Femer befürwortet er einen Aus- 
tausch offizieller kirchlicher Nachrichten imd macht 
einen Anfang damit. Ebenso empfiehlt er, sie möchten 
in Erziehungssachen und in der Verbreitung der 
heiligen Schriften zusammenwirken. Der Patriarch 
antwortete sehr entgegenkommend am 1 5. September 
i8(jg; er wünscht, dafs das brüderliche Verhältnis 
und die Annäherung (^mKoiviuvia) „zu einem grofsen 
und früchtetragenden Baum auswachse, in dessen 
tauspendendem und lebenbringendem Schatten die 
frommen und christusliebenden christlichen Nationen, 
den Weltheiland preisend, lagern werden". Die Vor- 
schläge des Erzbischofs von Canterbury betreffend 
näherer Verbindung, gegenseitiger Begrüfsung durch 
den der andern Gemeinschaft angehÖrigen Residenz- 
klerus und Mitteilung wichtiger kirchlicher Nach- 
richten nimmt er an und macht den Anfang 1 



;her Nach- 

J 



- 69 - 

offiziellen Mitteilung des Todes des Patriarchen So- 
phronios von Alexandria. Sehr erfreut ist er, zu ver- 
nehmen, dafs die anglikanische Kirche keine Be- 
kehrungsversuche machen will. Für die Herausgabe 
und Verbreitxmg der heiligen Schriften ist bereits 
eine Kommission eingesetzt Dann kommt noch ein 
scharfer Ausfall auf die Sendboten der Bibelgesell- 
schaft und „ihre schändlichen Traktätchen" (cKavba- 
XiJübTi ßißXidpia); das ist übrigens der einzige Rückfall 
in die übliche kirchliche Phraseologie. Freundliche 
Beziehungen zwischen einzelnen anglikanischen und 
orthodoxen Prälaten bestanden ja längst. Indessen 
eine solche offizielle Annäherung ist etwas vollkommen 
Neues und als erster thatsächlicher Erfolg vieler ähn- 
licher Bestrebungen immerhin als äufserst bemerkens- 
wert zu betrachten. Einige höhere englische Prälaten 
waren während meiner Anwesenheit in Konstanti- 
nopel erschienen, um diese Beziehimgen durch per- 
sönlichen Meinungsaustausch noch zu stärken. 

In Smyma besuchte ich den Metropoliten Basi- 
lius, einen der edelsten und würdigsten Prälaten der 
anatolischen Kirche. Früher Professor an der theo- 
logischen Schule zu Halki, hat er grofsen Ruf auch 
als Kanzelredner xmd zwei Bände seiner Xötoi im 
Druck herausgegeben. Ich wurde im Episkopion mit 
der ausgesuchtesten Aufmerksamkeit aufgenommen, 
weil man mich für einen der dort angemeldeten eng- 
lischen Clergymen hielt. Ich mufs aber bemerken, 
dafs die Liebenswürdigkeit sich nicht verminderte, 
auch als es sich herausstellte, dafs man es nur mit 
einem simpeln deutschen Professor zu thun habe. 



3. DER ORTH 



! KLERUS IN SEINEN 
CHLAND UND KUSSL 



Deutschland wirkt ebenso stark, ja vielleicht noq 
nachhaltiger auf die griechische Kirche als England 
weil ein grofser Bruchteil der höhern Geistlichke|| 
bei uns studiert hat. Viele der orthodoxen Würdei 
träger haben in Halle, Leipzig, Berlin, Jena, Täj 
hingen u. s, f. ihre Studien gemacht, und die deutscbi 
theologische Wissenschaft hat unter den Orientalol 
zahlreiche gelehrige Schüler gefunden. Wem es { 
Mittel oder andre Umstände nicht erlaubten, andersw 
als in Halki oder Athen zu studieren, der beklaj 
das als ein schweres Mifsgeschick , wie ich mehi 
fach aus bischöflichem Munde zu erfahren Gelegei 
heit hatte. 

Es ist wahr, viele Archimandriten und Bischöl 
haben ihre Studien auch in Rufsland vollendet, 
bei der Präponderanz dieser Macht im Orient 
allein schon die geläufige Kenntnis des Kussischei 
und infolge dessen die Beherrschung der russischoi 
Litteratur ein wichtiges Förderungsmitte!. Aber am 
durchaus nicht antirussisch gesinnte Geistliche, welclfl 
wohl einsehen, dafs dem Russentum auf politischei 
wie kirchlichem Gebiete einst im Orient die fuhreiuj 
Stellung zukommen wird, halten von der nissisch« 
theologischen Wissenschaft wenig. Ein Kenner ! 
mir versichert, dafs die russischen dogmatische! 
exegetischen imd kirchenhistorischen Handbücher i 
ziemlicher Unparteilichkeit aus den Werken 
deutschen katholischen wie protestantischen Theo«" 
logen abgeschrieben seien; die einzige originelle 
Zuthat bilden die üblichen Tadelsergüsse auf diese 



— 71 — 

verkommenen abendländischen Kirchen gegenüber der 
jungfräulich reinen, unbefleckten Kirche des Ostens. 

Da ich des Russischen unkundig bin, vermag ich 
die Richtigkeit dieses Werturteils nicht zu prüfen. 
Inmierhin zeigen zahlreiche aus russischen Händen 
hervorgegangene Ausgaben von Heiligenviten und 
ähnlichen kirchlichen Texten, wie sie im letzten Jahr- 
zehnt durch russische Archimandriten besorgt worden 
sind, dafs sich dieselben nicht immer auf der Höhe 
der Zeit halten. Neben so ausgezeichneten histo- 
rischen Werken, wie denen Golubinskis, trifft man 
auf diesem Gebiete auch solche, welche mich bei der 
mühsamen Nachprüfung mit Hilfe eines sprachkun- 
digen Dolmetsches beinahe die aufgewandte Zeit 
und Mühe bereuen liefeen. 

Während auf politischem und kirchlichem Ge- 
biete Rufsland fragelos einen sehr hervorragenden 
Platz einnimmt, kann dies von seinen wissenschaft- 
lichen Leistungen nur mit einigen Einschränkungen 
gesagt werden. Und doch ist die russische Kultur 
nicht jung. Zwei volle Jahrhunderte sind verflossen, 
seit Peter der Grofse seinem Volke die europäische 
Gesittung aufzwang. Das giebt immerhin zu denken. 
Und man versteht es, dafs eine scharfsichtige Nation, 
wie die Griechen, ihre Bildung vielfach lieber in 
Deutschland als in dem ihr durch Geschichte und 
Glauben engverbundenen Rufsland sucht 

4. DER HASS DER GRIECHEN GEGEN DIE PROSELYTEN- 

MACHEREI.' 

Darum ist auch die einzig richtige Art, wie die 
deutsche Kirche und theologische Wissenschaft das 
Griechentum beeinflussen kann und soll, die Einwir- 



— 12 — 

kung auf die Erziehung der hohem griechischen Geis 
lichkeit. Wenn die Griechen, die Armenier und i 
übrigen orientalischen Christen einen besser gebil 
deten, seine Aufgaben ernst nehmenden und da 
schwierigen Forderungen der Neuzeit ge wachs enai 
Klerus erhalten, dann bricht sich eine Wiedergebu 
und Reform dieser alt ehrwürdigen , aber auch vie^ 
fach altersschwachen Kirchen von innen heraus Bai 
Aber ganz verunglückt ist die englisch-methodistischl 
und namentlich amerikanische Idee, Griechen mxA i 
menier dem protestantischen Bekenntnis zu gewinne) 
Wie wenig — relativ betrachtet - — hat die römischrf 
Kirche mit ihrer nun achthundertjährigen Proselytei 
werberei erreichtl Solche Lehren der Geschichte 
darf kein Verständiger unbeachtet lassen. Ich habi 
den Grinun auch griechischer Laien über die grofsal 
Schule des American board bei Rumili Hissar woU 
verstanden. Griechische und armenische Jünglingi 
werden hier erzogen, mit 18 oder 19 Jahren nacl 
Amerika geschafft, dort zu Ärzten, Rechtsanwälten u.s.^ 
ausgebildet. Sie kommen nun zurück, erfüllt vi 
meist unmotivierten westeuropäischen BildungsdünkeH 
sehen auf ihre Volksgenossen hochmütig herab 1 
sind voUstindig aus dem Heimatsboden, dem s 
stammen, losgerissen und entu-urzelt. 

Aber bei Griechen und Armeniern ist die Kircl 
eine vorzugsweise nationaJe Sache. Wer zum '. 
testantismus übertritt, sagt sich los vom Volksgai 
Das ist für den Griechen wie den Armenier etwa^ 
fast Unerträgliches. 

Die Griechen und ihnen beistimmend die i 
tischen Ritualisten betrachten es auch als eine Üb« 
hebung der abendländischen Christen, wenn sie statt h 



— 73 — 

blinden Heiden bei Völkern missionieren wollen, deren 
Christentum viel altem Ursprungs als das der Westeuro- 
päer und Amerikaner ist. Es ist darum ein sehr kluger 
Schritt vom Erzbischof Temple, dafs er bei seinen An- 
näherungsversuchen zur orthodoxen Kirche von vorn- 
herein und offiziell gegen jede Glaubenswerbxmg pro- 
testiert. Dazu kommt das fanatisch calvinistische Be- 
kenntnis vieler dieser Missionare, das in Schottland und 
Nordamerika fragelos seine historische Berechtigimg 
hat, nimmermehr aber in den altchristlichen Süden pafst. 
Wie kann man einem Griechen den calvinisti- 
schen Hafs gegen die Kreuzesverehrung als einer 
Abgötterei einflöfsen? ihm, der im Kreuz das Symbol 
des Christentums sieht und dem die Todfeindschaft 
des Türken gegen dieses Sinnbild diese Anschauung 
immer felsenfester einprägt? Man begreift das mifs- 
vergnügte Staunen griechischer Prälaten, welche, in 
eine reformierte Schule tretend, nirgends das Kreuzes- 
zeichen erblicken. Die Armenier hat Gregor Lusavo- 
ritsch bekehrt. Die ganze Nation schaut mit gläu- 
biger Verehnmg auf diesen heiligen Apostel und 
Gründer ihrer Kirche. Was wir durch gleichzeitige 
Zeugnisse von ihm wissen, ist, dafs er aufs eifrigste 
den Heiligen- und Reliquienkult pflegte, und da soll 
die armenische Kirche ihr eigenstes Eigentum den 
nüchternen Anschauungen der reformatorischen Lehrer 
zulieb aufgeben? Der Kultus der Panag^a mit dem 
wunderbaren Duft ihrer poetischen Verklärung ist so 
sehr mit der griechischen Volksseele verwachsen, dafs 
man die Hellenen eher zum Islam bekehren könnte 
als ihnen ein Christentum bieten, welches die seit 
der Vorzeit hochverehrte Gottesmutter ihrer heiligen 
Weihe und gottähnlichen Stellimg berauben wollte. 



— 74 — 

Ich mufs daher bekennen, dafs ich den Wldei 
willen der griechischen und armenischen GeisÜichkei] 
gegen die anmalsende protestantische Missionsarb^ 
nicht nur verständlich, sondern auch durchaus 
rechtigt finde. 



GlÖSE SINN DEB 
UND DIE EU. 



GRIECHISCHEN 



Man glaube übrigens nicht, dafs das griechische 
Volk alles innern religiösen Lebens bar sei. Die 
Deklamationen von der versteinerten und verknöcher-__ 
len byzantinischen Kirche sind vielfach von Mannen 
ausgegangen, welche dieselbe nur aus der Studieq 
Stube gekannt haben. Ich darf wohl sagen, dafs mein 
Anschauungen im persönlichen Verkehr mit griechi 
sehen Geistlichen und Laien sich in diesem Punktfl 
stark geändert haben. Mag auch für die ältere Zei 
dieser Vorwurf seine Berechtigung gehabt habeq 
heute trifft er entschieden nicht mehr in seinem vollei 
Umfang zu. Im griechischen Volke besteht ein fort 
lieber Durst nach dem lebendigen Worte Gottes, i 
man ähnliches von Italien oder Spanien kaum ' 
behaupten können. In weiten ICreisen wird es 
ein schwerer Mangel empfunden, dafs in der Heim 
der grofsen Kanzelredner Johannes Chrysostomus i 
Photius die Predigt so vollkommen vernachlässigt 
wurde, In der That ist bis dahin, während die abeni 
ländischen Christen mit Kanzelreden förmlich übel 
füttert worden sind, in der orthodoxen Kirche vi^ 
zu wenig gepredigt worden. Einer der eifrigsM 
Prediger des Königreichs, Msgr. Latas, war Anfai 
der siebziger Jahre als kpoKiipuE des Piräus hocH 
gefeiert, wurde aber von dem fanatisch altgläa 



— 75 — 

bigen Metropoliten Theophilos darum als verdäch- 
tig vor die Synode citiert. Indessen seine Richtung 
siegte, und er wiu-de zum Erzbischof von Zakynthos 
bestellt Er selbst klagte bitter: „In Wahrheit ist 
die griechische Kirche seit Jahrhunderten die Kirche 
des vertrockneten Wortes und der Formen geworden, 
imd sie fahrt fort so bis heute zu bleiben. In dieser 
Kirche ist das Wort seit lange tot und begraben. 
Aber auch im Grabe ist der Tote heilig und kann 
daraus hervorgehen, um zu heiligen und zu stärken. 
Er hat unter dem Staube und unter dem Grabe all 
seine Tugend und Heiligkeit bewahrt". Solche Selbst- 
erkenntnis ist der Anfang der Umkehr. Es ist be- 
deutsam, dafs der alte Hochmut, welcher früher die 
orthodoxe Kirche in den Augen ihrer Gläubigen über 
alle andern stellte, jetzt vielfach geschwunden ist 
und dafs Geistliche und Laien mit Entschiedenheit 
diesen Hauptmangel rügen. Während ehemals Ver- 
suche dieser Art, ähnlich wie in Athen durch den 
Metropoliten, in Konstantinopel durch den Patriarchen 
Joakim II. (1860 — 1863 und 1873 — 1878) verdammt 
wurden, hat der jetzige Patriarch Konstantinos V., 
unterstützt von seinem Protosynkellos, dem Archi- 
mandriten Chrysostomus, vieles für die Hebung und 
Belebung des Predigtwesens gethan, natürlich nicht 
ohne in dem an dem altgewohnten Schlendrian 
hängenden Teile des Klerus anzustofsen. In den 
Schulen der grofsen Pfarrgemeinden werden Sonntag 
Nachmittags Religionskurse abgehalten. Besonders 
bedeutsam ist aber, dafs gerade von seiten der Laien 
das Bedürfnis, den Gottesdienst durch Verkündigung 
des göttlichen Wortes lebendiger zu gestalten, am 
stärksten empfunden wird. In Smyma, der geistigen 



— 76 - 

Metropole Kleinasiens, hat eine merkwürdige religio! 
Bewegung ihren Ursprung genommen, welche 
I.^en, und zwar Männern der untersten Volksschic 
ausgegangen ist. Ein interessanter Artikel der 'Kw 
stantinupolis' giebt darüber nähere Auskunft^) 

„Die Freunde von Gottes Wort und die, welchi 
an seiner Ausbreitung arbeiten, werden mit Freudea 
einen nähern Bericht über die geistliche BruderschaJ 
'Eusebeia' zu Smyma hören, deren einziger Zweck die 
Ausbreitung des göttlichen Wortes ist. 

Diese Bruderschaft wurde iSg^ von einigen Laien, 
meistens Angehörigen der Arbeiterklasse, gegründet, 
Früchte verkauf er und kleine Krämer hatten den Grund 
derselben gelegt. Gott segnete die kleine Herde, 
welche er auserwählt hatte, unsre seit langem stummen 
Kanzeln neu zu beleben. Die Bruderschaft zählt heute 
700 Mitglieder, unter ihnen einige ausgezeichnete 
Personen. Auch der Bischof von Chariupolis imd der 
ehrwürdigePatriarchvonAlexandriahaben ihre Beihilfe 
zugesagt. Das Reservekapital beträgt 78000 Piaster 
(17000 Francs), die Ausgaben für die Diener und die 
Honorare für die Prediger inbegriffen. 

Die Gesellschaft besitzt schon drei regelmäfsige 
Prediger: Herrn Papadimos, Herrn Papagrigoriadis 
und den Priester Methodios Kurkulis. Mit ihrer Hilfe 
verbreitet sie das Wort Gottes in der ganzen DiS 
cese von Smyma. Bald predigen sie im Herzen def 
Stadt, bald in den Aufsenquartieren , bald 
Smyma benachbarten Döri'em, Die Prediger redd 
in schlichter Sprache und einem natürlichen Sd 



1) Ich gebe den Tesl mit 
d'Orient 1897 S. 87ff.: La prtdici 



nigea KQrzungeii nach Ech« 



— 77 — 

und mit einem ganz apostolischen Eifer. Sie ver- 
meiden dunkle Fragen xmd philosophische Gedanken, 
womit einige Prediger sehr verkehrt ihre Unbekannt- 
schaft hiit ihrer eigenen Aufgabe zu verhüllen suchen. 

Diese tapfem Vorkämpfer des göttlichen Wortes 
predigen nicht allein in den Kirchen, sondern auch 
in den Sonntagsschulen und aufserdem mit grolser 
Regelmäfsigkeit in der Katechismusschule für das 
Volk. Das Gute, welches diese Predigten in der 
imtem Volksklasse stiften, ist über alles Lob erhaben. 
Der ganze Sonntag ist in Sm3niia wahrhaftig und 
vollkommen geheiligt wenigstens durch die Bruder- 
schaftsmitglieder der Eusebeia. 

Jedes Mitglied durchmustert schon den Abend 
vorher in den Zeitimgen den Kirchenzettel; es trifft 
danach seine Wahl, imd Tags darauf begiebt es sich 
mit der Familie zu seinem Lieblingsprediger. Abends 
nimmt es noch an einer Sonntagskonferenz teil. Mufs 
ein solcher Mensch nicht sittlich umgewandelt werden, 
wenn er jeden Sonntag mit solchem Eifer Gottes 
Wort hört? 

Ich mufs insbesondere der schon erwähnten Kate- 
chismusschule gedenken. Sie hat schon bemerkens- 
werte Erfolge zu verzeichnen. Bei der Eröffnxmg war 
der Aufsichtsrat von einigem Bangen erfüllt, er müsse 
aus Mangel an Zuhörern die Schule bald wieder 
schliefsen. Als aber ihr Dasein bekannter wurde, 
kamen Männer und Frauen, Greise, Kinder imd jxmge 
Mädchen in Scharen, um den Katechismus zu lernen. 
Der Saal wurde um das Doppelte und Dreifache ver- 
gröfsert und vermochte doch die Zuhörer nicht zu 
fassen. Viele mufsten betrübt abziehen. 

Unser Volk bedarf wirklich des Katechismus- 



— 78 — 

Unterrichts; man raufs ihm die Gmndzüge des Glaubens. 
auf den es sich stützen soll, beibringen. Die Morgen- 
predigten in der Kirche mit ihren wohlgefeilten Wen- 
dungen, ihrer regelrechten Einteilung und ihrem i 
habenen und gesuchten Stil haben auch ihre Liefaj 
haber; das Volk aber zieht den Unterricht in ein 
einfältigen und apostolischen Sprache vor, wo 
Glaube, der Berge versetzt, den ersten Rang ei^ 
nimmt, wo die kunstvolle Beredsamkeit als 
Nebensächliches gilt und wo das Wort Gottes 
ein praktischer Unterricht in den evangelischen Wal 
heiten angesehen wird, welche der Seele zum ewigi 
Leben verhelfen. 

So segne ich von ganzem Herzen den geheiligtei 
Augenblick, wo wir von neuem die Sonntagspredigteit^ 
und den Kate chi Sinusunterricht in der Weise unsrerl 
Väter aufgenommen haben. Sie allein sind aposto^J 
lischen Ursprungs, haben sich aber bis heute, bei i 
verloren gegangen, in den Protestantismus und Kathoi 
lizismus geflüchtet. Unter Beistimmung und Billig 
der geistlichen Lokalbehörde hat die PrivatinitiatiTi 
eine methodische und regelmäfsige Ausbreitung dd 
Wortes Gottes in Magnesia, in Serres, in Smymj^ 
in Pera und Kum-Kapu begonnen. 

Während der beiden letzten Jahre war Vot^ 
sitzender der Eusebeia Herr Gregor Vaphiadis, eiri 
eifriger Christ, der sich selbst dem Predigtdiei 
widmet. Von Anfang an hatte den Ehrenvorsitz da^ 
ehrwürdige Metropolit von Smyma, den wir gö 
mit mehr Eifer an der Arbeit dieser frommen 
Seilschaft teilnehmen sähen , sodafs er nicht 
Ehrenpräsident, sondern thatsächlicher Leiter dei 
selben wäre." 



— 79 — 

Der Verfasser führt dann des weiteren aus, dafs 
er wohl verstehe, wenn die kirchliche Autorität Laien- 
predigem die Kanzel verbiete; aber um so mehr 
müsse sich die Geistlichkeit selbst an diesem wahr- 
haft evangelischen Werke beteiligen. „Der Klerus 
mufs bei dieser geistlichen Wiedergeburt zuerst Hand 
anlegen. Aber wenn Laien, von göttlichem Eifer be- 
seelt, das Beispiel geben und das Vernachlässigte 
xmd Verfallene zu bessern suchen, dann ist es wenig 
ermutigend, ja geradezu bedauernswert, wenn Prä- 
laten von der Bedeutung, der Lauterkeit und Weis- 
heit des Metropoliten von Smyma sich an dem ge- 
meinsamen Werke nicht beteiligen." 

Dieser warme Appell an die Mitwirkung der 
Bischöfe verhallte nicht ungehört Einen Monat 
später erliefs der Metropolit von Smyma ein Rund- 
schreiben, worin er zum Beitritt in die Bruderschaft 
'Eusebeia' aufforderte. Auch in Konstantinopel trat 
eine ähnliche Bewegung ins Leben; an ihrer Spitze 
stand ein sehr beliebter Prediger, der Priester Kon- 
stantinos Kallinikos, welchen der Titularbischof von 
Chariupolis, der Chorbischof von Pera, Msgr. Germa- 
nos Karavangelis, in die Hauptstadt berufen hatte. 
Der feurige Freund dieser Unternehmung, welcher 
darüber in der 'Konstantinupolis' berichtet, stellt als 
Programm des Bischofs von Pera geradezu auf, „eine 
besondre Schar von Katecheten und Predigern aus- 
zubilden, welche sich in apostolischer Weise zu Rimd- 
reisen in den Diöcesen verpflichten sollen, um das 
Volk im Glauben seiner Väter zu stärken und zu 
befestigen". 

Es ist mm ein historisches Grundgesetz, dafs die 
geordneten Kirchengewalten solchen von einer mehr 



demokratischen Grundlage ausgehenden religiösen Be- 
wegungen in der Regel mifstrauisch oder feindlich 
gegenüberstehen. Das haben die Euchiten des Alter- 
tums, die Quietisten in Frankreich, die Pietisten in 
der deutschen Lutherkirche, die Methodisten in Eng- 
land, die Haugianer und Läsare im Norden alle gleich- 
mäfsig erfahren. So mufste es auch in Konstantinopel 
kommen. Der Phanar hat gegen den hochverdienten 
Bischof von Pera ein ungewöhnlich scharfes Mandat i 
erlassen. Er wird ausdrücklich angehalten, mit seiner 1 
Evangelisationsthätigkeit nicht über die Grenzen seines J 
Sprengeis hinauszugreifen, da die kirchliche Central- I 
kommission in der Erzdiöcese von Konstantinopel J 
bereits eine lebendige Thätigkeit entfalte und auch 1 
in andren Diöcesen, wie das Beispiel des Metropo- 1 
Uten von Smyma zeige, die geistlichen Oberhirt«! I 
den rührigsten Eifer und die gröfste Wachsamkeit^ 
bewiesen^). 

Solche jugendfrische Bewegungen pflegen 
ersten Feuer der heiligen Liebe" gewöhnlich etwas | 
stürmisch vorzugehen. Wenn nun der Phanar die B&- 1 
wegung nicht zu unterdrücken, sondern lediglich lal 
den Schranken einer gewissen kirchlichen Ordnung I 
zu halten sich bemüht, so ist nichts dagegen zu er-T 
innem. Wenn aber der Geist eines Joakim II. oderl 
eines Theophilos von Athen wieder erwachen soUt^fl 
würden wir das als ein höchst bekl^enswertes ] 



1} Das hat der Popdftrität des Msgr. Karavangelis nicht | 
schadet; eine starke Partei tat ihn tiii den erledigten Thron i 
Aleumdrien vorgeschlagen. Allerdings ist dieser Plan nicht ■Wlrfcliclp 
kcit geworden, angeblich wegcD der verhältnismäfsigen Jugend deol 
Prälaten; er beweist aber, wie viel derselbe gilt. 



— 8i — 

eigTiis ansehen, und niemand würde darüber mehr 
sich freuen als die zahlreichen Feinde der orthodoxen 
anatolischen Kirche. Eine Bewegimg, die aus dem 
innersten Geiste des Volksbewufstseins herausge- 
wachsen ist, darf von der kirchlichen Obrigkeit wohl 
geregelt, aber nicht gehemmt xmd gelähmt werden. 
Gerade die wahren Freunde der orthodoxen Kirche, 
welche allen zudringlichen Bekehnmgsversuchen von 
aufsen abhold sind, freuen sich von ganzem Herzen, 
wenn dieselbe eine Reform an Haupt und Gliedern 
von sich aus und von innen heraus unternimmt. 
Warum ist die abendländische Kirchenspaltung zum 
unermefslichen, unwiderbringlichen Schaden der rö- 
mischen Kirche eingetreten? Weil die Kurie und 
ihre Bevollmächtigten mit verschmitzter Italiener- 
schlauheit und allen Kniffen gewandter politischer 
Intriganten jeden Versuch von Geistlichen und Laien, 
die Kirche von innen heraus zu reformieren, lahm zu 
legen verstanden. Die Siege über Konstanz und 
Basel waren P3aThussiege; denn sie machten die Re- 
formation, die Lostrennimg von Deutschland, England 
und dem Norden, zur geschichtlichen Notwendigkeit. 
Auch die orthodoxe Kirche steht an einem wichtigen 
Scheidewege. Ihr hoher Klerus lebt nicht mehr in 
der tiefen Unwissenheit der ersten Hälfte des ver- 
gangenen Jahrhunderts. Er ist grofsenteils im Aus- 
land und zwar gründlich gebildet. Aber was man 
bisher an ihm vermifste, das war „mehr Herz fürs 
Volk". Keine gekünstelte, rhetorische Predigt in der 
toten Sprache eines Demosthenes oder der grofsen 
Kirchenlehrer der frühem Jahrhunderte, sondern eine 
echt volksmäfsige Redeweise i^ einer schlichten und 

einfaltigen, auch dem Ungebildeten und dem Ge- 
Geiz e r , Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 6 



— 82 — 

ringsten aus dem Volke verständlichen Sprache, das 
ist es, was der Kirche not thut. 

Die Engländer haben das durch ihre Erweckung-s- 
prediger und die Salutisten, die Katholiken durch die 
Kapuziner und ähnliche mit den Bedürfhissen der 
untern Volksschichten vertraute Orden in glänzender 
Weise erreicht 

Die von Smyma ausgehende Evangelisations- 
bewegung ist ein ähnlicher hoffnungsvoller Anfang, 
wohl geeignet, die altehrwürdige Kirche des Ostens 
zu beleben und zu erneuern. Es ist eine der wich- 
tigsten Lebensfragen für die anatoHsche Kirche. Ver- 
steht sie es, diesen neuerwachten apostolischen Geist 
in die richtigen Wege zu leiten, dann steht ihr eine 
Wiedergeburt bevor, und sie, die durch ihren natio- 
nalen Charakter so innig mit ihrem Volke verknüpft 
ist, wird auch durch die femern Jahrhunderte die 
geistige Leiterin desselben bleiben. Wenn sie aber 
in engherzigem Hierarchenstolz diese ihre treuesten 
und besten Söhne von sich stöfst, dann arbeitet sie 
zur Freude ihrer zahlreichen Feinde nur an ihrem 
eignen Ruin. Indessen so lange der ebenso kluge 
als wahrhaft fromme Patriarch Konstantinos V, das 
Steuer der anatolischen Kirche lenkt, sind solche 
Besorgnisse wohl unbegründet. 



6. DIE VERKEHKTE KIRCHENPOLITIK DES FREIEN 
GRIECHENLANDS. 

Vollkommen unabhängig von der Gewalt des 
ökumenischen Patriarchats ist die autokephale Kirche 
des Königreichs Griechenland; die Schöpfimg 
selbständigen Kirche ist ohne alle Frage eines 



e Kirche M 

lg dieser ^^H 
:ines der ^^H 



- 83 — 

unglücklichsten und für die griechische Nation ver- 
derblichsten Ereignisse gewesen. Ihr geistiger Vater 
ist der Staatsrat Georg Ludwig von Maurer, welcher 
in seinem dreibändigen Werke über Grriechenland*) 
etwas selbstgefällig die durch ihn ins Werk gesetzte 
Organisation dieser Kirche erzählt hat. Auf seine In- 
spiration geht die 1833 durch die Synode vonNauplia 
entworfene Verfassung zurück, wonach „die orthodoxe 
anatolische apostolische Kirche im Königreich Grie- 
chenland, indem sie geistig kein andres Haupt als 
den Stifter des christlichen Glaubens, unsem Herrn 
und Heiland Jesus Christus, anerkennt, hinsichtlich der 
Leitung und Verwaltung der Kirche aber den König 
von Grriechenland zu ihrem Oberhaupte hat, frei und 
unabhängig von jeder andern Gewalt ist, unbeschadet 
der Einheit des Dogmas, wie solches von allen ortho- 
doxen anatolischen Kirchen von jeher anerkannt 
worden ist". 

Das alles klingt aufserordentlich schön, die 
geistige Abhängigkeit einzig von Christus geradezu 
erbaulich; allein man wird nur zu bald die im Grase 
sich ringelnde Schlange gewahr. Es war durchaus 
nicht beschränkter Fanatismus, sondern Verteidigung 
der wohlverstandenen kirchlichen Interessen, wenn 
ein grofser Teil der Bischöfe von dieser Losreifsung 
vom Patriztrchat nichts wissen wollte. Thatsächlich 
kam die Kirche durch diese neue Verfassung in die 
allenmwürdigste Staatsknechtschaft. Das Vorbild von 
Rufsland imd die bureaukratischen Ideale des bayri- 



I) G. L. von Maurer, Das griechische Volk in öffentlicher, kirch- 
licher und privatrechtlicher Beziehung vor und nach dem Freiheits- 
kampfe bis zum 31. Juli 1834. Heidelberg 1836. 

6* 



sehen Juristen haben hier eine ganz ung-lGckliche 
Mifsgeburt erzeugt, welche der von sich sehr einge- 
nommene Schöpfer der Kirchen Verfassung aber als 
„einen grofsen welthistorischen Schritt, der Epoche 
machen wird" ansah. Die heilige Synode wird vom 
König ernannt; in allen ihren Handlungen wird sie 
vom Staate bevormundet; ein Staatsprokurator beauf- 
sichtigt sie, sodafs Beschlüsse, nicht in seiner Gegen- 
wart abgefafst, ungültig sind. Jede Korrespondenz 
mit auswärtigen geistlichen Behörden (d. h, mit dem 
Patriarchen) geht durch das Staatsministerium. 1850 
trat dann ein grofser Fortschritt ein, als durch den 
zwischen dem ökumenischen Patriarchat und der 
griechischen Regierung vereinbarten tömoc die grie- 
chische Kirche, unbeschadet ihrer Unabhängigkeit, sich 
wieder in geistigen Zusammenhang mit der Grofsen 
Kirche setzte. Ich kann aber in diesem Konkordat, 
von griechischer Seite aus betrachtet, nur einen ver- 
hängnisvollen Fehler sehen. Das Schreiben der Re- 
gierung teilte mit, dafs eine Versammlung sämtlicher 
Bischöfe des Königreichs erklärt habe, dafs die Verwal- 
tung der orthodoxen Kirche durch eine dirigierende 
SjTiode, wie sie in der orthodoxen Kirche des 
im Glauben vereinten Rufslands bestehe, auch 
zweckentsprechend und nützlich für das durch Grott 
zusammengefügte Königreich Hellas sei. Darum er- 
sucht das Schreiben den Patriarchat um Bestätigung 
der bestehenden Kirchenordnung und bittet ihn, die 
demgemäfs eingerichtete heilige Synode des König- 
reichs Hellas anzuerkennen als „Schwester in Christo", 
und die Synode von Konstantinopel unter Vorsitz 
des Patriarchen Anthimos und in Gegenwart von fünf 
Expatriarchen und dem Patriarchen von Jerusalem 



— 85 - 

und 13 Metropoliten hat am 29, Jtmi 1850 wirklich 
durch Synodalerlafs die heilige Synode von Hellas 
als ihre geistliche Schwester anerkannt und prokla- 
miert. Man kann vom kirchlichen Standpunkt aus 
die Nachgiebigkeit des ökumenischen Patriarchats 
nur billigen; dadurch wurde die Glaubenseinheit der 
anatolischen Kirche feierlich wiederhergestellt Vom 
nationalen Standpunkt aus betrachtet, war es ein un- 
verzeihlicher Fehler, und dieser mufs ganz und voll 
der sehr kurzsichtigen griechischen Regierung ins 
Kontobuch eingetragen werden. Bei dem engen Zu- 
sammenhang, welcher zwischen kirchlichen und natio- 
nalen Fragen bei den Hellenen besteht, war eine 
einheitliche Organisation des Kirchenwesens von 
höchstem Werte für die nationale Sache gewesen. 
Die Griechen hätten ihre Kirche, wie vor 1821, 
wieder völlig dem Patriarchen unterordnen und das 
kindliche Synodenspiel aufgeben sollen. Dieser Fehler 
hat sich schwer gerächt. 

Andrerseits soll nicht geleugnet werden, dafs die 
griechische Staatsregierung den kirchlichen Dingen 
entschiedenes Wohlwollen entgegenbringt; aber die 
alte unwürdige Abhängigkeit der Kirche von der 
Staatsregierung ist geblieben. Merkwürdig trat mir 
im Gespräch mit Laien, wie auch mit Geistlichen, 
der Umstand hervor, dafs ihnen für die Unwürdig- 
keit dieses Zustandes jedes Verständnis abgeht, ja 
dafs sie diese synodale Unabhängigkeit von auswär- 
tigen Kirchenobem als einen besondem Vorzug der 
hellenischen Kirche rühmen. i8g8 eröffnete der in- 
terimistische Kultusminister Mompheratos die Sitzung 
der Synode und tadelte sie heftig, dafs sie sich nicht 
mit der Reform dea Klerus beschäftige und in Un- 



— 86 — 

thätigkeit verharre. Darauf hat der g^eg^enwärtige 
Metropolit von Athen, Prokopios, ebenso energisch 
als offen geantwortet, der Vorwurf der Unthätigkeit 
treffe vielmehr die Regierung, welche der Synode 
jede Handlungsfreiheit raube und sich in alles hinein- 
mische. Nach den jetzt gültigen Gesetzen kann die 
Bischofsynode von sich aus nichts thun, sondern mufs 
alle ihre Vorschläge der Regierung zur Genehmigung 
vorlegen. So ist die Kirche nichts als ein Werkzeug 
der Regierung, während nur eine freie Synode die 
Reform des Klerus in die Hand nehmen kann. Mit 
vollem Recht beklagte der Metropolit den verzwei- 
felten Zustand der Religion in Griechenland; allein, 
fuhr er fort, alle Reformvorschläge, welche die 
Synode machte, hat die Regierung zurückgewiesen. 
Der Metropolit hat darauf seine Vorschläge noch 
einmal zusammengefafst : „Besetzung der verwaisten 
Bischof Stühle, Ememiung von Theologieprofessoren 
an der Universität, Vermehrung der Zahl der Pre- 
diger, Auswahl von Religionslehrem für die hohem 
Schulen aus der Zahl der studierten Theologen, und 
vor allem Reform der Kloster, welche so, wie sie 
jetzt sind, nur zur Mästung der Mönche dienen". 
Eine so freie und mutige Sprache macht dem grie- 
chischen Kirchenfiirsten alle Ehre; es ist aber sehr 
fraglich, ob die griechische Regierung zu einer ver- 
ständigeren Kirchenpolitik übergehen wird. Sie meint, 
mit ihrem cäsaropapistischen, alle kirchliche h-eie Ent- 
wicklung hemmenden Regierungs System die gröfste 
politische Weisheit zu bekunden. Wir haben schon 
oben die im Abendland vielfach festgewurzelte An- 
sicht geprüft, als wäre die orthodoxe Kirche seit 
looo Jahren unverändert imd gleichsam in Form und 



^1. 




- 87 - 

Leben versteinert. In der Behandlung kirchenpoliti- 
scher Fragen hat sie jedenfalls sich stark verändert, 
und zwar zu ihren Ungimsten, Das Geschick und 
der Geist, welche sie bei diesen schwierigen, viel 
Takt erfordernden Gegenständen in frühem Jahr- 
hunderten bewiesen hat, sind ihr heute ziemlich ab- 
handen gekommen. Wie verständig und taktvoll 
lösten im XHL Jahrhundert die griechischen Prä- 
laten die auch damals brennende Bulgarenfr^e, 
während heute der Patriarchat grofse Fehler gemacht 
hat. Genau so die kirchenleitenden Laien des König- 
reichs Griechenland. Ihre thörichte Sucht, den Staats- 
omnipotenzge danken der Landeskirche gegenüber recht 
nachdrücklich zur Geltung zu bringen, ist der Haupt- 
gnmd der Schwäche für die griechische Nation. Auch 
im XIII. und XIV, Jahrhundert war das hellenische 
Volk in zweiHälften zerfallen; es gab zwei byzantinische 
Reiche: das konstantinopoHtanische Kaisertum der 
Paläologen und daneben das Kaisertum des Komnenen- 
hauses von Trapezunt. Der Grofskomnene hätte so 
gut. als der serbische oder der bulgarische Zar, für 
seinen selbständigen Staat nach den Grundsätzen der 
anatolischen Kirche auch ein unabhängiges Kirchen- 
wesen mit einem autokephalen Erzbischof oder Pa- 
triarchen an der Spitze einrichten können. Allein so 
selbstmörderisch dachten die Griechen des XIII, und 
XIV. Jahrhunderts nicht. Der Metropolit von Tra- 
penunt blieb nach wie vor dem ökumenischen Pa- 
triarchen untergeordnet und besuchte dessen Synoden. 
So hat die Zweiteilung des Reichs keine Schwächung 
der Kirche zur Folge gehabt. 

Wie kopflos handeln dagegen die heutigen helle- 
nischen Kirchenpolitiker! Es ist vollkommen begreif- 



lieh, dafe unmittelbar nach dem Aufstande man nichts 

vom Phanar wissen wollte. Mit dem feilen Türken- 
knecht Eugenios, der auf den von der türkischen Re- , 
gierimg ermordeten heiligen Märtyrer Gregorios ge- \ 
folgt war, konnte der junge Freistaat nicht paktier 
Aber um so beklagenswerter ist, wie schon erwähnt, j 
der Fehler von 1850, Der bayrische Bureaukrat hatte 
die uralten Metropolen und Bistümer des Landes durch 
einen Federstrich beseitigt und durch Erzbistümer . 
und Bistümer eigner Erfindung nach der Art des 1 
katholischen Westens ersetzt. Und das setzt die 
heutige Regierung fröhlich fort^). Larissa ist eine 
der wenigen Metropolen, welche noch wie Heraklea 
und Thessalonike mit ihren zahlreichen Suffraganen 
die alte und wahre Kirchenordnung der Urkirche dar- 
stellt; natürlich wartet man nur den Tod der jetzigen , 
Inhaber ab, um auch die thessalischen Bistümer in 
die bureaukratisch-pedantische Schablone , wie die 
andern Bistümer des Königreichs, zu zwängen. Die 
jonischen Inseln, Thessalien und Arta hat man nun 
glücklich ebenfalls vom ökumenischen Patriarchat los- ; 
gerissen. Aber die politischen Führer von Hellas 1 
sehen nicht ein, dafe sie durch ihre gnmdverkehrte | 
Politik die Machtstellung und Aktionsfähigkeit der j 
griechischen Nation dauernd schwächen. Jeder Griecha 
giebt zu, dafs bei seinem Volke das nationale und 
das kirchliche Bewufstsein zusammenfallen. Eben 
darum kann man dreist behaupten, dafs die kirchlich . 
selbständige Konstituierung des Königreichs der Ruüi | 

I) Nach einem neuen GesetzentwiiTf sollen sämüiche Prälaten 
aufter dem von Athen nur den Titel Bischof (ühren. Weiter kann 
man die thöricbte und unhistatische bureaukraCiEche Gleichmacherei 
in der That uichl treiben. 



- 89 - 

der griechischen Nationalität gewesen ist. Die Bul- 
garen sind hierin viel klüger. Die freien Bulgaren 
des Fürstentums ordnen sich mit denen des türkischen 
Reichs ihrem gemeinsamen Oberhaupte, dem Exarchen^ 
unter. Wenn die Griechen des Königreichs politisch 
wirklich klug wären, würden sie einfach die alte 
Kirchenverfassung vor der Trennung wiederherstellen 
und sich voll und ganz, wie ehemals, dem ökumeni- 
schen Patricirchat wieder unterordnen. Welch ein 
Machtzuwachs wäre das für den gebomen Vertreter 
der hellenischen Interessen im türkischen Reiche! 
Dafs die freien Hellenen, indem sie zuerst systema- 
tisch die Macht des ökumenischen Patriarchats für 
ihr Land aufhoben, den Slawen den richtigen Weg 
zu parallelen Schritten wiesen imd nur die Geschäfte 
der Türken besorgten, sollte für jeden nicht völlig 
Verblendeten nachgerade sonnenklar sein. Indessen 
da siebenzig Jahre Geschichte die Augen der freien 
Hellenen nicht geöffnet haben, wird die Blindheit 
auch fernerhin andauern. Sind doch sogar selbst die 
griechischen Athosmönche, denen von selten der Bul- 
garen imd namentlich der Russen Gefahren aller Art 
drohen, in zwei sich heftig befehdende Gruppen der 
Angehörigen des Königreichs imd der Türkei ge- 
spalten. Wenn aber in nationalen Fragen Nieder- 
lage auf Niederlage folgt, so können die politischen 
Führer von Griechenland sich ruhig eingestehen, 
dafs dieselben durch ihre gründlich verfehlte, aller 
hohem Gesichtspunkte bare Kirchenpolitik hervor- 
gerufen sind. 



— 90 — 



7. DAS RELIGIÖSE VOLKSLEBEN IM FREIEN GRIECHEN- 
LAND. 

Was die Anhänglichkeit des Volkes an seine 
Kirche betrijEFt, so schien es mir, dafe die moderne 
Indifferenz in den 28 Jahren, seit ich das Land nicht 
mehr betreten, Fortschritte gemacht habe. Als ich 
das erstemal Griechenland besuchte, schlugen zu 
Athen vor der Metropolis, der Kapnikarea und andren 
Kirchen einfache Leute beim Vorübergehen regel- 
mäfsig das Kreuz. Heute sah ich das nicht mehr. 
Indessen kann das auf Zufall beruhen. Jedenfalls auf 
dem Lande imd in der Provinz herrscht der alte 
Glaube noch imgebrochen, wie ich in Patras und 
Umgebung zu beobachten Gelegenheit hatte. Ich 
wohnte einer kirchlichen Feier in der ehemaligen 
Burgmoschee, der Pantokratorkirche, bei. Nach dem 
Gottesdienste imd der Verteilung der Eulogia (Weihe- 
brote) rutschten Frauen, junge Männer und Kinder 
von Bild zu Bild des Ikonostcis, imaufhörlich sich 
bückend und bekreuzigend und die Bilder küssend. 
Bei der Kapelle des heiligen Andreas, des hoch- 
gefeierten Schutzpatrons von Paträ, ging kein Mann 
des Volkes, aber auch kein Mitglied der hohem 
Stände vorbei, ohne regelmäfsig sein Kreuz zu 
schlagen. Besonders rührend war der Anblick eines 
alten Limonenverkäufers, welcher im Schweilse seines 
Angesichts seinen Karren führte. Vor der Kirche 
machte er Halt, nahm seine Schiffermütze ab, be- 
kreuzigte sich achtmal in grofser Andacht, und dann 
erst setzte er seine Wanderung fort. Als ich mit 
der Eisenbahn nach Olympia fuhr, bekreuzigte sich 



— 91 — 

eine im gleichen Coup6 sitzende hochelegante Dame 
vor jeder Feldkapelle, an der der Zug vorüberkam. 
Den sehr rührigen, durch seine energischen Hirten- 
briefe gegen Katholiken imd Freimaurer bekannten 
Erzbischof Hierotheos von Paträ habe ich leider nicht 
kennen gelernt, da er während meines dortigen Aufent- 
halts zur Inspektion einer Schule ins Innere verreist 
war. Hierotheos ist bekannt als ein sehr energischer 
Prälat. 1898 hat er den katholischen Schtilen seiner 
Diöcese den Krieg erklärt und alle Eltern, welche 
ihre Kinder den Unterrichtsanstalten der katholischen 
Orden anvertrauten, mit dem Banne bedroht. Ver- 
gangenes Jahr ist er mit eben solcher Wucht gegen 
die Freimaurer aufgetreten. In einem Briefe an den 
Präfekten von Achaia, der viel Aufsehen erregte, 
wies er auf die angebliche Ansteckung der Schulen 
durch maurerische Lehrer hin. H. Sarris, ein tüch- 
tiger Mathematiker, Professor am Gymnasium und 
zugleich Freimaurer, hatte mit einigen andren edeln 
Volksfreunden und im Einverständnis mit dem Bischof 
eine Schtile für die armen Lustri (die Stiefelputzer) 
gegründet. Zu der Schule gab der Bischof keinen Zu- 
schufs. Sarris erteilte seinen Unterricht unentgeltlich, 
führte die Kinder in die Kirche imd erklärte ihnen 
das Evangelium. Allein als der Erzbischof vernahm, 
dafs er Freimaurer sei, verbot er ihm die Erteilung 
des Religionsunterrichts und verlangte seinen Aus- 
tritt aus dem Freimaurerorden. Hierotheos war näm- 
lich Präsident des Verwaltimgsrats der Schule. Sarris 
weigerte sich, seinem Befehle nachzukommen, und 
die Majorität des Verwaltungsrats stellte sich auf 
seine Seite. Aber nun trat der Bischof aus dem 
Verwaltungsrat aus und schrieb den oben erwähnten 



— 92 — 

heftigen Briefe), der unter der Bevölkerung eine grofe 
Gärung erzeugte. Die Regierung hat entsetzlickil 

Angst vor dem streitbaren Prälaten, und, sein^it'l 
Drängen nachgebend, versetzte sie den Professot.j| 
nach Athen. Es erklärt sich dies aus dem Umstande^J 
dafs der Erzbbchof einen ganz gewaltigen Anhangs 
unter den einfachen Leuten der Stadtbevölkerung hat^l 
Er ist aufserordentlich mildthätig, verteilt nahezu | 
alles, was er hat, an die Armen und lebt dabei hoch 
exemplarisch. So wird er fast wie ein Heiliger veiv 
ehrt, und bekanntlich haben schon die Fürsten da 
Mittelalters es erfahren, dals es nicht leicht sei, 
imd neben Heiligen zu regieren. Dem üblichei 
Geschrei über Fanatismus und Unduldsamkeit, 
man in solchen Fällen pflichtschuldigst zu erhebei 
pflegt, kann ich mich nicht unbedingt anschliefsen. 
Die aufgeklärten und gebildeten Griechen, welche^ 
eine Wiedergeburt ihrer Nation herbeifülu-en woUei^ I 
haben vor allem die Pflicht, „den Schwachen" keinen! 
Anstofs zu geben, und wahrhaftig! sie haben besserttj 
Mittel, um jenes Ziel zu erreichen, in der Hand, al«] 
den Eintritt in den Maurerbund. In der ersten Hälft 
des vergangnen Jahrhunderts hatte dieser als Oi^* 
nisation der unterdrückten Liberalen in katholischeo.^ 
und romanischen Ländern eine gewisse Daseinsbereclt 
tigung. Heute, im Zeitalter der unumschränkten D» 
mokratie und der allgemeinen Öffentlichkeit, 
mit seinen altvaterischen Ceremonien und komisd 
feierlichen Gebräuchen ein Anachronismus. Männer,1 



1] Auch das Organ des Patriatcbats, „Die kircblicbe Wahrheit*^ ' 
hat bei diesem AslaTs 2wei ungEwBhiilich scharte Artikel gegen c 
FreimaoreT verfaTst. 



— 93 — 

die Führer eines emporstrebenden Volkes zu werden 
beabsichtigen, sollen nicht ihr Heil in Einrichtungen 
suchen, die hinter der Zeit zurückgeblieben sind. 

8. DIE HAUPTMÄNGEL DER ORTHODOXEN KIRCHE. 

Die orthodoxe Kirche hat vor allem in zwei 
Dingen gefehlt Wie sie früher durch Mifsachtung 
der Predigt die geistigen Interessen der Nation ver- 
nachlässigte, so hat sie auch für die socialen Nöte 
des Volkes durchaus nicht genügendes Verständnis be- 
wiesen. Statt in Hirtenbriefen und Zeitungsartikeln über 
die römischen Katholiken zu donnern, sollte die grie- 
chischen Kleriker vielmehr an ihnen ein Beispiel 
nehmen. Sie haben dasselbe vor Augen imd sehen, 
wie glänzend die Leistungen der katholischen Mönche 
und Klosterfrauen auf dem Gebiete des Unterrichts 
und der Krankenpflege sind. Hier hätten nim die in 
der Türkei wie in Griechenland noch so überaus zahl- 
reichen Hieromonachi ein weites Feld für eine viel- 
versprechende Thätigkeit. Aber die beschaulichen 
Jünger des heiligen Basilius haben sich durchaus 
nicht auf der Höhe der Zeit zu halten vermocht Für 
den Historiker sind dieselben ja von allerhöchstem 
Interesse. Sie geben ims vielfach ein Bild der Zu- 
stände der alten Kirche, die man sich nach den 
Phantasiegemälden aus den Büchern oft viel zu ideal 
vorstellt. Aber während die katholischen Orden als 
Lehrer imd Krankenpfleger ein wichtiger Faktor der 
Kultur des XDC. Jahrhunderts geworden sind, was 
haben der Athos, was der Sinai, Patmos oder Mega- 
spiläon Nennenswertes geleistet? Die Griechen klagen 
oft bitter über die mächtigen Fortschritte der katho- 



— 94 — 

Uschen Propaganda, müssen aber selbst zugeben, dal 
die besten Schulen und Hospitäler in der Türkei du 
von den katholischen Orden geleiteten sind. In Athen^ 
dem Centrum hellenischer Civilisation, ist das beste 
Gymnasium nicht die staatliche Anstalt, sondern das 
von katholischen Priestern geleitete Leogymnasium. 
Selbst Abgeordnete und hohe BeaJnte schicken ihr« 
Söhne hin, „weil die Disciplin eine ungleich bessere' 
als in den öffentlichen Anstalten sei". Mit Schelten 
und Klagen ist es hier nicht gethan; hier öffnet sich 
der griechischen Nation und vorab dem griechischen 
Klerus ein weites Feld zum Wettbewerb. Wenn die 
Mönche, ähnlich wie ihre abendländischen Brüder, 
der Bildung und der socialen Hebung ihres Volkes 
sich widmen würden, so hätten die klösterlichen In- 
stitute eine wirkliche Existenzberechtigung gewonnei 
Leider scheint hierzu keine Aussicht vorhanden zu 
sein. Gerade in den Mönchsrepubliken ist sehr wenig- 
geistiges Streben vorhanden. Das Königreich zählt 
170 Männerklöster mit 1322 Mönchen m\ä 2368503 
Drachmen Einkünften. Wie viel könnten diese Geist- 
lichen für den Unterricht thuni Neuerdings haben- 
der Metropolit von Athen und die heilige Synode' 
vorgeschlagen, die beiden reichsten Klöster von 
Attika, Penteli (114025 Drachmen) und Petrald 
(85777 Drachmen), zu vereinigen. Das neue Institut 
soll Petraki- Penteli heifsen und ein Teil seiner Ein- 
künfte zum Unterhalt junger Männer im neuen Se- 
minar „Ball an ei on" verwandt werden; nach abge- 
schlossenem Unterricht sollen die Zöglinge fünf Jahre-' 
als Primarlehrer verwendet werden, zu welchem 
Behuf sie auch pädagogischen Unterricht empfangen. 
Die also vorgebildeten Zöglinge sollen darauf die 









— 95 — 

Priesterweihe erhalten. Wenn dies ausgeführt würde, 
wäre das ein vielversprechender Anfang. Aber im 
Grunde heilst das doch nur: die Klostereinkünfte 
für Zwecke des Unterrichts verwenden. Kann denn 
nicht der höher strebende Teil der Basilianer selbst 
dazu veranlafst werden, seine Lebensaufgabe im Un- 
terricht oder in der Krankenpflege zu erkennen, statt 
in monotonem Psalmengesang und unvernünftig hartem 
Fasten zu verkommen? Man wende auch nicht ein, 
dafs dies dem Geiste des orientalischen Mönchtums 
schnurstracks entgegenlaufe. Die mit Rom vereinig- 
ten Mechitharisten, echte Söhne Armeniens, haben 
blühende Unterrichtsanstalten in Konstantinopel wie 
in der Provinz seit langem unterhalten. Der Athos 
als eine Welt für sich mag nach wie vor die alt- 
christliche Beschatilichkeit pflegen. Die übrigen 
Klostergemeinschaften, wenn sie nicht über kurz 
oder lang der Aufhebung anheimfallen wollen, müssen 
an eine solche zeitgemäfse Reform unbedingt denken. 
Die Gebildeten, von westeuropäischen Ideen erfüllt, 
sehen meist mit Verachtung, ja mit Hafs auf das 
Mönchtum herab, imd die unbegrenzte Verehnmg, 
welche früher der gemeine Mann dem Kalogeros ent- 
gegenbrachte, schwindet zusehends. Nur ein grolser 
sittlicher Aufschwung, welcher ein Nacheifern nach 
den glänzenden katholischen Vorbildern ermöglichte, 
könnte den Ruin des Mönchtums aufhalten. Dann 
mufs aber der beschaulichen Ascese mehr oder we- 
niger der Abschied gegeben werden. Sonst wird 
Wahrheit, was einer der höchstgestellten orientali- 
schen Prälaten mir mit dürren Worten sagte, welcher 
meinte, dafs das Mönchtum im Osten keine Zukunft 
habe und bereits gegenwärtig nahezu völlig tot sei. 



— 96 — 

Es wäre sehr bedauerlich, wenn sich das bewahr- 
heitete. Denn sein Untergang wäre ein unermefs- 
11 eher Schaden für die morgenländische Gesittung. 



AUTOKEPHALIE DER ORTHODOXEN 
UND DAS ROSSENTUM. 



Es ist natürlich, dafs ich in meinen Unterl 
tungen mit meinen griechischen geistlichen und welt- 
lichen Freunden oft auf den hier schon mehrfach ge- 
streiften leidigen Umstand zu reden kam. dafs die 
orthodoxe Religionsgenossenschaft in ungefähr ein 
Dutzend autokephal er Kirchen zerfalle. Es ist das that- 
sächlich ein Haupttriumph für die Katholiken, welche 
mit unerbittlicher Schärfe und vieler Sachkenntnis 
die einzelnen Phasen dieses allmählichen Abbröcke- 
lungsprozesses klarlegen und nicht ohne eine gewisse 
innere Genugthuung daraus den baldigen Zerfall dieser 
einst so mächtigen Kirche prophezeien. Ich habe 
dann immer darauf hingewiesen, dafs man darnach 
streben müsse, die einseitige Hervorkehrung des na- 
tionalen Prinzips, wie sie im vergangenen Jahrhimdert 
herrschend geworden ist, zurückzudrängen und mehr 
die religiösen Fragen in den Vordergrund zu stellen; 
dies könne aber nur geschehen, wenn man, so schwer 
das auch sei, mit der einzigen orthodoxen Grofsmacht, 
mit Rufsland, möglichst Hand in Hand gehe; bei der 
Entwicklung dieser Gedanken verhielten sich jedoch 
die Mitglieder des Klerus unbedingt ablehnend, 
während ich auf der Laienseite viel mehr Verständnis 
und Entgegenkommen fand. Es hat nämlich allen 
Anschein, dafs die Periode der Spaltung und Ab- 
bröckelung, welche in der unglückseligen Lostrennung 



CHE j 

■haJIB 




— 97 — 

der Bulgaren ihren sprechendsten Ausdruck gefunden, 
allmählich ihren Höhepunkt überschritten hat. Es 
mehren sich die Anzeichen, welche einer allerdings 
in femer Zukunft liegenden Einigimg vielleicht als 
erste Vorboten dienen könnten. Dafür sind ein merk- 
würdiger Beleg die aufserordentlich charakteristischen 
Verhandlungen über die Berufung eines ökumenischen 
Konzils der orthodoxen Kirche, wie sie in der Ver- 
sammlung der Freunde der kirchlichen Aufklärung 
in Moskau stattgefunden haben. Es ist bedeutsam, 
dafe der Präsident der Versammlung, einer der höch- 
sten Würdenträger der russischen Kirche, Metropolit 
Wladimir von Moskau, diesen Gegenstand zur Sprache 
brachte. Derselbe äufserte sich dahin, dafs der Ge- 
danke der Einberufung einer ökumenischen Synode 
in der Luft liege. Während aber früher Rufsland 
bei Fragen über Reinheit der orthodoxen Lehre 
aus Griechenland seine Erleuchtung sich holte, so ist 
jetzt das umgekehrte Verhältnis eingetreten. Nicht 
nur die Grriechen, auch die heterodoxen Christen des 
Abendlandes, die katholischen Slawen, Altkatholiken, 
Anglikaner und orthodoxe Protestanten, richten hoff- 
nungsvoll ihre Blicke auf das orthodoxe Rufsland, 
von dem sie die Lösimg ihrer religiösen Fragen er- 
warten. Der Metropolit greift nun auf einen schon 
elf Jahre früher erörterten Gedanken zurück, eine 
ökumenische oder zum mindesten eine russische Natio- 
nalsynode einzuberufen, welche namentlich auch den 
durch die Synode von Moskau 1666/67 hervorgeru- 
fenen Streit zwischen der Staatskirche und dem 
Raskol zu lösen hätte. 

Diese Anschauimgen des Metropoliten sind die 
des heiligsten S)nriod, d. h. des Herrn Pobjedonosszew. 

Geiz er, Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 7 



Indessen man würde sich sehr irren, wenn man diesi 
für die Griechen ungemein verletzenden Ausdnw 
russischer offizieller Überhebung; ohne weiteres 
die nissische Anschauung hinstellen wollte. Das 
wiesen die ebenso lebhaften als interessanten Vi 
handlungen, die auf den Vortrag des Metropoliten 
folgten. General Kirejew machte geltend, dafe eine 
ökumenische Synode nur vom russischen Zaren als dem 
Rechtsnachfolger der römischen Kaiser und ersten 
Fürsten der orthodoxen Christenheit könne einberufen 
werden; er gab aber Professor Dumowo zu, dafs den 
Vorsitz der ökumenische Patriarch führen müsse. In 
der Frage der Einberufung hat Kirejew, uie auch 
Dumowo zugab, historisch vollkommen Recht, ebenso 
aber auch Dumowo mit der Frage des Vorsitz« 
Zwar in den ältesten ökumenischen Synoden 
Ephesus mufs man seines ordnungswidrigen und ta- 
multuarischen Verlaufes wegen absehen — haben die 
Kaiser oder deren Kommissare den Vorsitz geführt, wie 
die Akten des chalcedonensischen und des VI. allge- 
meinen Konzils für jeden klar erweisen. Allein der 
Bilderstreit, welcher nebenbei auch ein freilich keines- 
wegs völlig siegreicher Kampf der Kirche um ihre 
Freiheit war, hat wenigstens insofern eine gröfsere 
kirchliche Selbständigkeit ins Leben gerufen, als von 
jetzt an das Präsidium von den weltlichen Kommissaren 
regelmäfsig auf den höchsten anwesenden Geistlichen 
übergeht. So präsidiert der ökumenische Patriarch 
Tarasius der VII. und der ökumenische Patriarch 
Photius der VIII. allgemeinen Synode, Das ist also 
der seitdem herrschende Brauch, und dieser müfste 
zweifellos bei einer neuen ökumenischen Synode fest- 
gehalten werden. 



ISO ^ 



— 99 — 

Des femern hat Dumowo behauptet, dals ohne 
Zustimmung des ökumenischen Patriarchen eine all- 
gemeine Synode nicht einberufen werden könne. In 
der That haben auch die alten Kaiser vor der Be- 
rufung sich regelmäfsig des Einverständnisses der 
Patriarchen von Alt- und Neu-Rom, sowie derer des 
Ostens versichert. 

Sehr bedeutsam waren aber vor allem seine Aus- 
führungen, welche die russische Kirchenleitung ziem- 
lich verschnupften, es müsse vor Einberufung eines 
ökumenischen ein russisches Landeskonzil berufen 
werden, um verschiedene Anstände aus dem Wege 
zu räumen, „damit", wie der Professor mit aner- 
kennenswertem Freimut äufserte, „im allgemeinen 
Konzil die russische Kirche nicht als Ange- 
klagte und Übertreterin der heiligen Kanones, 
sondern als ihre Wächterin erscheine". Diese 
russische Synode hätte Folgendes zu thun: 

i) müfste sie die 1811 erfolgte Einverleibung der 
Kirchen von Imeretien und Georgien wieder rück- 
gängig machen und denselben ihre Autokephalie zu- 
rückgeben. Auch General Kirejew erkannte an, dafs 
jene Mafsregel vom Jahre i8ii eine Verletzung der 
Kanones gewesen sei. 

2) müfste der russische Patriarchat von Moskau 
wiederhergestellt werden. Zwar haben der ökume- 
nische Patriarch Jeremias und der Patriarch Athana- 
sius von Antiochien feierlich 1723 den heiligsten Synod 
für ihre Schwester in Christo erklärt und ihr alle 
Rechte eingeräumt, welche die vier andren Patriar- 
chen besitzen. Indessen das kann nicht so sehr ins 
Gewicht fallen, weil bei der damaligen traurigen Lage 
der anatolischen Stühle durch Bakschisch so ziemlich 



JL 



alles, Kanonisches und Antikanonisches, zu erreiche^ 
war. Dagegen ist ebenso klar, dafs die Ein 
der Sjmodal Verwaltung entsprechend dem damals im 
protestantischen Kirchenrecht herrschenden Kollegial- 
system eine revolutionäre Neuerung war, welche denn 
auch von Peter bezeichnenderweise auf den Rat des 
Calvinisten Lefort eingeführt wurde. Dafs der 1588 
von einer durch sämtliche vier Patriarchen oder ihre 
Stellvertreter besuchten Synode feierlich gegründete 
Patriarchat von Moskau temporär durch einen Exar- 
chen oder eine Kommission kann verwaltet werden, 
leuchtet ein; dafs aber ein von der Regierung ziem- 
lich willkürlich zusammengesetztes Komitee einfach 
ständig an die Stelle eines Patriarchen tritt, ist that- 
sächlich für die orthodoxe Kirche eine Monstrosität. 
Die kirchenpoliti sehen Gründe, welche Peter zu diesem 
Schritte veranlafsten, nämlich die Möglichkeit, dadurclt 1 
die russische Kirche in eine viel straffere Staats 
abhängigkeit zu bringen, sind hier nicht zu erörtert 
Wohl aber ist sehr bemerkenswert, dafs 
angesehenes Mitglied der russischen Staatskirche t 
dürren Worten die Herstellung des Patriarch; 
verlangt. 

3) Allmählich ist in der orthodoxen Kirche eil» 
starke Verwirrung eingetreten. Die griechischen Ortho< 
doxen haben die Bulgaren für Schismatiker erklär! 
die russische Kirche, obschon in engster Kirchei 
gemeinschaft mit den Gniechen stehend, betrachte 
die Bulgaren als korrekt rechtgläubig, 

4) Die Stellung zum Raskol. 1847 hat eine all« 
dings etwas zweifelhafte Persönlichkeit, der abgesetzte -* 
Metropolit Ambrosius, für die Altgläubigen der Bu- 
kowina die Kirche von Bjelokemica (Fontana Alba) 



lOI 

gegründet. Dadurch erhielten die Altgläubigen ihr 
lang ersehntes Ziel, eine kirchliche Hierarchie. Gegen- 
wärtig hängen von der bukowinischen Metropolis 
zwei Erzbischöfe und zehn Bischöfe in Rufsland ab. 
Einige dieser Bischöfe sind seit 1865 in eine Art 
Gemeinschaft mit der russischen Staatskirche ge- 
treten und werden nun als Gleichgläubige (jedino- 
wierci, ö)li6ttictoi) bezeichnet Eine Bischofsynode von 
Kasan 1881 suchte noch mehr zur Beruhigimg dieser 
Altgläubigen imd ihrer Vereinigung mit der Staats- 
kirche zu thun. Aber die Verhältnisse sind völlig 
unklar. Auch die griechische Kirche urteilt anders 
als die russische über diese Altgläubigengemein- 
schaft von Fontana Alba. 

Die Griechen haben sich sehr skeptisch zu diesen 
Verhandlungen verhalten. Sie behaupten^), seit 1200 
Jahren sei keine ökumenische Synode mehr berufen 
worden; das beweise, dafs die anatolische Kirche „in 
geistlichem Frieden und dogmatischer Ruhe verharre". 
Nun die bulgarische Frage, die Stellimg der russi- 
schen Altgläubigen und die Vergewaltigung der 
georgischen Kirche beweisen das Gegenteil. Sodann 
machen sie geltend, dafs nicht der russische Kaiser, 
sondern der rechtgläubige Landesherr, in dessen 
Gebiet die Synode tagt, das Berufungsrecht besitze. 
Dies ist falsch. Die IV. allgemeine Synode haben 
Marcian und Valentinian, also die Kaiser, berufen, 
obschon die Synode nicht in Valentinians Reich ab- 
gehalten ward. 

Sicherlich hat der bisherige Meinungsaustausch 
bewiesen, dafs die Berufung einer ökumenischen 



I) Vgl. '6kkX. 'AX/)e€ia 1899 Nr. 27. 



I02 



Synode noch in sehr weitem Felde liegt. Und zweifel- 
los haben die von Professor Dumowo gestellten Vor- 
bedingfungen äufserst abkühlend auf die Pläne der 
geistigen Leiter des heiligsten Synod gewirkt. Immer- 
hin ist der Umstand, dafs eine Reihe so hervor- 
ragender Vertreter der orthodoxen Kirche sich mit 
solchen Einigungsplänen und einer dadurch als Not- 
wendigkeit sich ergebenden allgemeinen Synode be- 
schäftigen, von höchstem Interesse. Je deutlicher den 
führenden Geistern auf orthodoxer Seite die Gefahren 
der gegenwärtigen jämmerlichen Zerfahrenheit und 
Zersplitterung zum Bewufstsein kommen, um so ent- 
schiedener wird man in der Verwirklichung dieser 
jetzt noch manchen utopisch scheinenden Gedanken 
die einzige Rettung sehen. 



T^A, 




VI. DER ARMENISCHE PATRIARCHAT VON 
KONSTANTINOPEL. 



I, ORGANISATION DER ARMENISCHEN KIRCHE, 

Nächst den Griechen bilden die ansehnlichste 
christliche Nation des Reiches die Armenier. Sie 
sind auch in geistlicher Beziehung ähnlich wie diese 
organisiert. An der Spitze der türkischen Armenier 
stehen eigentlich vier von einander unabhängige Prä- 
laten, die Katholici von Sis und Aghthamar und die 
Patriarchen von Konstantinopel und Jerusalem. Der 
höchste Geistliche der Armenier ist theoretisch der 
unter russischer Botmäfsigkeit stehende, in Vaghar- 
schapat residierende Katholikus von Etschmiadsin, der 
Patriarch aller Armenier, gewissermafsen der Uni- 
versalpatriarch der ganzen Nation. Allein unmittel- 
bar gebietet er nur über die armenischen Gläubigen 
Rufslands und Persiens. In der Türkei herrscht er 
nur mittelbar mit Ausnahme der kleinen Katholikats- 
sprengel von Sis und Aghthamar, welche von geist- 
lich vollkommen unabhängigen Zwergpäpsten regiert 
werden. Sie haben nur lokale Bedeutung. Denn 
unter Sis stehen nur dreizehn Suffragane, die dazu 
noch teilweise lediglich TitularbischÖfe sind; Aghtha- 



— I04 — 

mar endlich ist sogar nur die gleichnamige Insel i 
Wansee unterstellt. Sis war unter den armenischen. 
Königen Ciliciens lange Zeit, wie königliche Resi- 1 
denz, so auch der Sitz des Hohenpriesters der Nation. 
Aber nach dem Untergang des Reichs im XIV, Jahr- 
hundert durch die Mameluken verlegte der Katho- 
likus seine Residenz wieder in die alte Heimat nach 
Etschmiadsin. Der neben ihm existierende Lokalkatho- 
likus von Cilicien ist daher nichts als eine histo- 
rische Reliquie aus längst vergangener Zeit. Der 
Patriarch von Jerusalem hat in Palästina und Syrien 
fünf Titularbistümer. Das ganze übrige türkische 
Reich, d. h. die überwiegende Majorität der armeni- 
nischen Nation, steht unter dem in Kum-Kapu resi- 
dierenden Patriarchen von Konstantinopel. Er schwingt 
seinen Hirtenstab über nicht weniger als 2 1 Eparchiea. 
Gregenwärtig ist Patriarch von Konstantinopel 
Seine Seligkeit Monsignore Malakhia Onnanian, eine 
der hervorragendsten Kapazitäten der armenischen 
Kirche, zugleich ein bedeutender Gelehrter. Orma- 
nian gehörte zu den unierten Armeniern und war 
Abt der Antonianer zu St, Peter in Rom. Die wohl 
etwas übereilte und jedenfalls höchst unglückselige 
Bulle Reversurus des Papstes Pius IX., welche sich 
starke Eingriffe in die geistliche Selbständigkeit, wie 
der übrigen orientalischen Christen, so auch der 
unierten Armenier erlaubte, warf die Fackel der 
Zwietracht unter diese an geistigen Kräften so hoch 
stehende kirchliche Gemeinschaft. Die Widerstreben- 
den traf ara ib. Mai 1870 der Bannstrahl; unter diesen 
waren sämtliche Antonianer und ihr Abt an der 
Spitze. Ormanian schlofs sich den orthodoxen Ar- 
meniern an und i,vurde bald zum Bischof und Leiter 



— I05 — 

des Patriarchalseminars in Armasch zu Ismid (Niko- 
media) befordert. Diese Stellung gewährte ihm 
grofsen Einflufs auf den heranzubildenden armenischen 
Klerus xmd gleichzeitig Mufse für seine wissenschaft- 
lichen Studien. Von dieser Stelle wurde er an die 
Spitze der armenischen Nation berufen, eine verant- 
wortungsvolle Würde, welche recht eigentlich als 
eine Kreuzeslast bezeichnet werden kann in der 
jetzigen so schweren Lage des unglücklichen Volkes. 
Indessen Patriarch Ormanian erwies sich als seiner 
schwierigen Lage völlig gewachsen. Als er Ostern 
1899 den ökumenischen Patriarchen im Phanar be- 
suchte, entzückte er die Grriechen durch eine Rede, 
welche nicht das Trennende, sondern das Einigende 
zwischen der griechischen und der armenischen Volks- 
kirche betonte. Er sagte unter andrem: „Die frohe 
Botschaft der Auferstehung Christi ist für uns eine 
Stimme der brüderlichen Liebe, weil Jesus Christus, 
der Erstgeborne von den Toten, uns lehrt, dafs wir 
eine Schar vieler Brüder sind, eines Vaters Kinder, 
eines Lehrers Schüler, zu dem Zwecke und damit wir 
beweisen, dafe wir von einander ungetrennte Brüder 
durch Kufs imd Umarmimg sind und durch die brüder- 
lichen Zeichen den Grufe der heiligen Auferstehung 

heiligen Flehen wir, dafe unser von den Toten 

auferstandener Herr Jesus Christus seiner Kirche den 
Trost, die Hoffnung, die Liebe, die Einheit imd die 
himmlischen Gaben des Glaubens gebe und dafs die 
in Christo vereinten Kirchen unter dem Schutze ihres 
Erzhirten derselben geniefsen. Wir alle aber mögen 
uns eins fühlen durch denselben (xlauben und die- 
selbe Hoffnung xmd dieselbe Liebe." Als dann Pa- 
triarch Konstantin V. in der armenischen Patriarchats*- 



kirche von Kum-Kapu den Besuch erwiderte, nannte 
er die Armenier „Brüder im Glauben" und forderte 
sie auf: „Erwerbet das Feuer der Liebe für einander 
und für uns, die Orthodoxen, die euch mit brüder- 
licher Liebe lieben. ... So ehren und verherrlichen 
wir unsren aus dem Grab auferstandenen Heiland in 
geziemender Weise und unterstützen die wahren In- 
teressen der beiden Kirchen und fordern sie und 
hoffen, dafs wir der uns verheifsenen Güter g-ewür- 
digt werden an jenem Tage der Vergeltung." Die 
Katholiken haben zu dieser Annäherung zwischen der 
Kirche der drei Konzilien"^) und der der sieben Kon- 
zilien einige beifsende Randglossen gemacht, indessen 
nicht mit völligem Rechte. Haben denn die ver- 
schiedenen Kirchengemeinschaften wirklich nichts 
Besseres zu thun, als den von 400 — 800 n. Chr. w 
tenden Dogmenstreit immer wieder hervorzusuchen. ^ 
und als das eigentliche Lebenselement im Christen- 
tum zu erweisen? 

Äufserhalb der eigentlichen gelehrten Theologen- 
kreise hat man auch im Orient vielfach den Grund ■ 
des alten Zankes völlig vergessen. Schon bei Barhe- 
braeus kann man lesen, wie freundschaftlich und kolle- 
gialisch vielfach die beiden ärgsten dogmatischen 
Antipoden, der monophysitische Maphrian und der 
nestorianische Katholikus, im Chalifenreiche zusammen 
verkehrten. In neuerer Zeit mehren sich die Anzeichen, 
dafs die orientalischen Kirchengemeinschaften allmäh- 
lich ihre vorsündflutlichen Trennungsgründe in den ■ 



I) Von den allgemeinen ökumenisclien Konzilien erkennen di« d 
Annenier, wie sUe Monophysiten , nnr die drei ersten an: die ' 
Nicaa (325), von Konstantinopel (3S1) und von Ephesus (431}. 



— lo; — 

Hintergrund treten lassen. Bekanntlich haben die mala- 
barischen Thomaschristen vor 1 50 Jahren so völlig ver- 
gessen, was ihre syrisch-persischen Lehrer einst zur 
Abtrennung von der Mutterkirche veranlafste, dafs, 
als man aus Versehen zur Bischofsweihe aus Persien 
einen monophysitischen statt eines nestorianischen 
Patriarchen kommen liefs, sie in harmlosester Naivetat 
eben den Glauben annahmen, den ihre Väter 1 300 Jahre 
lang verflucht hatten. Die Abessinier, welche noch 
vor 200 Jahren das Konzil von Chalcedon als „Narren- 
konvent" verdammten, nehmen heute die dasselbe 
als heiliges ökumenisches Konzil bekennenden Russen 
als Freunde und Glaubensbrüder mit offnen Armen 
auf. Endlich, wenn die Angaben zuverlässig sind, 
hat ein grofser Teil der Nestorianer seine Union mit 
der russischen Kirche vollzogen. Das alles ist hoch- 
bedeutsam, imd in diesem Sinne ist auch die An- 
näherung zwischen der orthodoxen griechischen und 
der armenischen Kirche aufzufassen. Es kommt hinzu, 
dafs während der schweren Unglücksperiode der ar- 
menischen Nation die Griechen eine durchaus würdige 
und den Verfolgten sympathische Haltung einge- 
nommen haben. Wenn ich mit Griechen, sei es 
Geistlichen, sei es Laien, über die armenische Kata- 
strophe sprach, vernahm ich keinerlei Ausdrücke der 
Schadenfreude, wie sie zwischen Mitgliedern rivali- 
sierender Religionsgenossenschaften nur zu häufig 
vorkommen, sondern stets nur unverfälschte Aufse- 
rungen echt christlicher Teilnahme. Diesem Ge- 
danken christlicher Brüderlichkeit hat auch der ar- 
menische Patriarch beredten Ausdruck verliehen, und 
seine Worte sind offenbar auf fruchtbaren Boden 
gefallen. 



Man wird es begreifen, zumal meine Studien sichl 
auch auf dem Boden der armenischen Kirchenge- 1 
schichte bewegen, dals mir daran lag, diesen aus* 1 
gezeichneten iCirchenfürsten persönlich kennen zuJ 
lernen. 

Ich erfuhr, dafs der Patriarch nicht in seiner Re- 
sidenz, sondern in der Wohnung seiner Familie, 
Pera, sich befinde. Auf eine schriftliche Anfrag-e, 
ob mein Besuch genehm sei, wurde ich sogleich auf 
denselben Tag hinbeschieden. Die Stunden, welche 
ich bei Seiner Seligkeit verbrachte, gehören zu den 
interessantesten und genufsreichsten meiner Orient- 
reise. Ich erkannte bald, dals ich es mit einem der J 
leitenden Geister und hervorragendsten Männer des I 
heutigen Orients zu thun hatte. Über meine Arbeiten * 
auf dem Gebiete der iirmenischen Geschichte war 
der Patriarch sehr wohl unterrichtet. Er tadelte nur, 
dafs ich den apostolischen Ursprung der armenischen ■ 
Kirche nicht für historisch halte, wie ganz ähnlich'! 
die Griechen bei allem Lobe, das sie meinen Arbeitend 
spendeten, meine Hinneigung zu Rufsland verurteilten. 
Auf die gegenwärtigen entsetzlichen Zustände ein- 
gehend, klagte er bitter, dafs er denselben vollkommen 
machtlos mit gebundenen Händen gegenüberstehe. 
Sein Volk sieht zu ihm empor als dem Führer, der 
helfen soll, und bei der Regierung ist nichts zu 
erreichen. Dabei dauern die kleinlichen polizeiÜchen 
Quälereien fort, von denen man sich in Europa keine 
Vorstellung macht Ein Schulmädchen reist während 
der Ferien nach Sofia zu Verwandten; wie es zuriick- 
kehren will, erhält es keine Erlaubnis zum Eintritt 



— log — 

ins Reich und mufs notgedrungen seine Schule ver- 
säumen. Eine armenische Dame möchte gern der 
Hochzeit einer Nichte in Philippoifel beiwohnen; nur 
mit grofeer Mühe erhält sie die Erlaubnis, und als 
sie zurückkehren will, wird auch ihr der Eintritt ins 
türkische Reich verboten. Schon bei meinem ersten 
Besuche im September hatte mir der Patriarch er- 
klärt, dafs er daran denke, seine Entlassung einzu- 
reichen, wenn den Beschwerden der armenischen 
Nation keine Rechnung getragen werde,- Das war 
auch der Grund, warum er seine Residenz in Kum- 
Kapu verlassen hatte imd in seine Familienwohnung ge- 
zogen war. Er betrachtete sich gewissermafsen schon 
halb als Privatmann. Während meines Aufenthaltes 
in Halki erfolgte dann thatsächlich seine Demission. 
Als ich nach Konstantinopel zurückkehrte, hielt ich 
es nicht für passend, den Patriarchen in dieser kri- 
tischen Zeit mit meinem Besuche zu belästigen. Ich 
suchte mich daher schriftlich von ihm zu verabschieden, 
wurde aber sofort nach seiner Privatwohnung (nie 
d'Itir i) gebeten. Da hatte ich noch eine interessante 
Stunde. Ich sprach dem Patriarchen mein lebhaftes 
Bedauern über seine Demission aus, wenn ich die 
Gründe derselben auch wohl verstehe. Er entgegnete, 
dafs dieselbe vom Sultan noch nicht angenommen 
sei, er beharre aber vorläufig darauf. Ich fragte, wie 
es denn mit den in den Zeitungen erwähnten Irad^s 
stehe, die doch den meisten Wünschen der armeni- 
schen Nation entgegenkommen. „Ich habe Kenntnis 
davon", erwiderte der Patriarch, „aber nichts Schrift- 
liches in meinen Händen. Ich beharre auf meiner 
Demission, wenn ich nicht die Urkunden selbst er- 
halte." Das war auch der Grund, warum er immer 



noch nicht seine Residenz in Kum-Kapu bezogeit 
hatte. Während ich in Smyma war, erfuhr ich dann^ 
durch die Zeitungen, dafs die Kaiserlichen Erlassel 
thatsächlich dem Patriarchen übergeben wurden. HrA 
hat sich dann sofort, um seinen Dank auszusprechen,« 
zum Padischah, zum Grofsvezier und den übrig-eOu 
beteiligten Ministem begeben und folgenden T^eftl 
einen feierlichen Dankgottesdienst in Kum-Kapu ab-l 
gehalten, wo der armenischen Nation offiziell Mit- 
teilung von den kaiserlichen Gnadenerlassen gemacht 
wurde. So hat dies unglückliche armenische Volk 
der Energie und Staatsklugheit seines geistlichen Ober- J 
hauptes einen grofsen Erfolg zu verdanken, Aberl 
freilich die Ausführung der Erlasse und die völligo^ 
Verwirklichung der gegebenen Befehle ist etwas 
andres; es bedarf noch vieler Arbeit, vieler Leiden 
und unaufhörlicher Vorstellungen, bis ein thatsäch- 
licher Umschwung in den jetzigen unerträglichen Ver- 
hältnissen eingetreten ist. Hoffen wir. dafs die üb- 
liche dilatorische Politik der Hohen Pforte nicht , 
schliefslich alle auf dem Papier gegebenen Ver^^J 
sprechungen rein illusorisch mache I 




VII. DER BULGARISCHE EXARCH. 



MEIN BESDC. 



EIH EXARCHEN. 



Um die Chefs der verschiedenen orientalischen 
Kirchen kennen zu lernen, fehlte mir nur noch der 
bulgarische Exarch, der in dem am Bosporus ge- 
legenen Vorort Ortaköi residiert. Ich wufste nun 
freilich nicht, wie ein solcher Besuch aufgenommen 
werde, da ich keinerlei Beziehungen zum Exarchen 
hatte. Indessen meine Freunde, die französischen 
Augustiner de l'Assomption, die mit dem Oberhaupt 
der bulgarischen Kirche eng befreundet sind ermun- 
terten mich sehr bestimmt dazu. Eines Sonntags 
hatte ich in Jeni-Köi bei dem gelehrten und kenntnis- 
reichen Grofslogotheten Senator Prinz Aristarchi-bey 
Besuch gemacht, um dessen reiche, musterhaft geord- 
nete Sammlungen zur Ergänzung und Berichtigimg 
von Le Quiens Oriens christianus kennen zu lernen. 
Da die Zeit noch reichte, fuhr ich mit dem nächsten 
fälligen Schiffe nach Ortaköi. Es war gegen Mittag; 
ich hoffte daher, in einer menschlichen Restauration 
für des Lebens Notdurft sorgen zu können. Aber 
obwohl ich den nicht groisen Ort nach allen Rieh- 



tungen der Windrose durchstreifte, fand ich nichl 
Preis würdigte s. Zwar boten sich zahlreiche Karoziei 
(Kutscher) und Sandaltschis (Bootsleute) zu meinei 
Weiterbeförderung an, allein was ich suchte, fand 
ich nicht Endlich bequemte ich mich dazu, in ein 
höchst primitives und fragwürdiges türkisches Spei 
haus einzutreten, wo in verdeckten Schüsseln v 
schiedene verdächtig aussehende türkische Leibgi 
richte brodelten. Meine geringe Kenntnis des Tür. 
löschen reichte auch nicht weit. Auf die Frage nacl 
Reis und Hammelfleisch erhielt ich von dem würdigenw 
weifsbärtigen Gastwirte niu- ein wohl verständliches: 
jok! jokl (nein! neini) Wie in einen Lostopf griff 
ich denn in die dunkle Zukunft und hatte es nicht 
zu bereuen. Suppe und zwei Gänge, als Getränk 
nach den Vorschriften des Propheten klares Brunnen- 
wasser und Kaffee, es war ganz erträglich und der, 
Preis 3 Piaster (55 Pfg.) lächerlich bescheiden. Nni 
aber kam die Hauptsache. Ich versuchte dem wüi 
digen Agarsohne klar zu machen, dafs ich nach dei 
Konak des bulgarischen Exarchen wolle, und er soll* 
mir einen Burschen als Führer mitgeben. AUmähliclii! 
dämmerte es; er sagte, sein eigner Sohn, Mustafa, 
werde mich begleiten. Statt eines kamen vier Schling-el, 
unter denen Mustafa der vornehmste war. Während 
sonst die Türken sehr anständig sind und, wenn maa 
ruhig bleibt und nicht schreit, recht gut mit ihnea 
auszukommen ist, war der süfse Pöbel von Ortaköi 
wirklich etwas unangenehm. Meine vier Leibtrabanten 
redeten natürlich alle zugleich sehr lebhaft auf mich 
ein; alle wollten sie ßakschisch haben und suchten 
mein Herz bald durch Drohungen einzuschüchtern, 
bald durch Liebenswürdigkeiten zu gewinnen. Ich 



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4 



— 113 — 

schwieg würdevoll, nur, wenn es zu arg wurde, die- 
selben Worte wiederholend: „Mustafa ist mein Führer**. 
Mustafa führte mich denn auch richtig vor ein auf 
der Höhe gelegenes hübsches Landhaus, das er als 
Konak des Exarchen bezeichnete. Ich schellte drei- 
mal sehr stark; das Haus schien vollkommen aus- 
gestorben. „Wahrscheinlich", dachte ich, „haben Se. 
Seligkeit mit sämtlicher Dienerschaft an dem schönen 
Sonntag Nachmittag eine Landpartie imtemommen." 
Als ich so allein imd etwas verdriefslich dastand, 
kam einer aus meinem ehemaligen Gefolge wieder 
zurück, und mehr aus seinen Gesten als aus seinem 
Rotwelsch entnahm ich allmählich, dafs Mustafa mich 
angelogen habe und dafs der Konak vielmehr auf der 
entgegengesetzten Seite der Strafse in einer etwas 
höher gelegenen Villa sich befinde. Die Angabe 
schien vertrauenswürdig, und so begab ich mich von 
dem Pseudokonak nach dem wirklichen, denn er war 
es in der That. Unter den geistlichen Residenzen 
ist die bulgarische entschieden eine der hübschesten. 
Das Haus ist neu und sehr stattlich und von einem 
wohlgepfleg^en, mit gfufseisemem Gitter eingefafsten 
Blumengarten umgeben. Nach Ablöhnung meines 
ortskundigen Führers betrat ich die Halle. Ich sah 
mehrere Cylinder und hörte lebhaftes Gespräch. 
Offenbar wurde gerade grofse Tafel gehalten. Die 
dienenden Geister wufsten nicht recht, was mit meiner 
Karte machen; indessen sie trugen sie hinein. Nach 
etwa fünf Minuten erschien ein wohlbeleibter und 
sehr behaglich aussehender Laie, wie mir schien, der 
Sekretär oder Mattre d'Hötel des Exarchen. „Sa B6a- 
titude est k table; Elle vous prie de venir demain 
ä trois heures." Da war nun nichts zu machen; dafs 

Geizer, Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 8 



unare Zeit auch kostbar ist und dafs wir mit einem ^ 
zweimaligen Besuche in Ortaköi unendliche Zeit \'er- 
lieren, davon haben diese Orientalen keinen Begriff, 
oder, wenn sie ihn liaben, läfst sie die Sache kalt. 
Mit diesem Bescheide stieg ich zur SchifFlände ( 
hinunter und machte auch hier die Erfahrung, dafe i 
das Schiffer- und Fischervolk von OrtakÖi sich durch 
Zudringlichkeit und Bettelhaftigkeit unvorteilhaft vor I 
den Türken Galatas und des Phanars und den Crriechen 
der Prinzeninseln auszeichnet. Es erinnert stark an 
Neapel. Auch die üblichen halb nackten und ganz 
nackten Jungen, welche sich in die Salzflut stürzen, 
ihre Künste zeigen und dafür den Bakschisch fordern, ' 
fehlen nicht. Ich verhandelte mit einem graubärtigen, 
Vertrauen eintiöfsenden Fährmann; indessen mein Tür- 
kisch langte nur halb. Sogleich kam ein Grieche ■ 
aus einem nahen Xramladen und dolmetschte, sodafs 
der „contratto" zu beiderseitiger Zufriedenheit konnte ' 
abgeschlossen werden. Diese nur aus Menschen- 
freundlickeit entspringende, keinerlei klingenden Lohn ' 
verlangende Dienstfertigkeit der polyglotten Griechen \ 
ist mir mehr als einmal sehr zu statten gekommen. 
Es mufs das um so mehr hervorgehoben werden, 
weil die meisten Touristen gerade in ihren Reise- 
eindrücken über die Griechen mit Vorliebe nur die 
Schattenseiten im Charakter dieser Nation hervor- 
heben. Die Fahrt im Kahn, sobald es sich nicht um 
gTofse Strecken handelt, ist der unangenehmen in den 
kleinen und schlechten Dampfschiffen der türkischen 
Gesellschaft Schirket i Hairije bedeutend vorzuziehen. 
Herrlich war die Fahrt mit meinem Alten durch den 
brausenden Bosporuseingang beim Mädchenturm vor- 
bei nach der neuen Brücke. Ein ims begegnender 



— 115 — 

Sandal war mit frö Wichen Italienern gefüllt, von 
denen einer zur Mandoline: „Margherita, pens' a Sal- 
vatore" sang. Das Gesicht des Bekenners Allahs 
strahlte formlich vor Glückseligkeit; dieser Sang 
Neapels hat auf seinem Triumphzug durch die Welt 
auch die Türkenherzen sich erobert. Hat mir doch 
ein gebildeter Perser, der sehr für deutsche Musik 
schwärmt, als schönstes Zeugnis der deutschen Sanges- 
kunst eben dieses Liedchen vorgeträllert. 

Folgenden Tags verliefs ich um zwei Uhr den 
Phanar und veranlafste meine Fährleute sehr zu ihrer 
Erbauung zu der ziemlich weiten imd demnach auch 
im Tarif höher stehenden Fahrt nach Ortaköi. Sie 
machten es sich übrigens bequem. Ein kleiner 
Dampfer schleppte eine mit Holz beladene Barke; 
an diese hingen sich meine Bootsleute und allmählich 
noch drei andere Barken, wie Schildfische an einen 
Hai, an. Die beiden Türken schmunzelten vor Selig- 
keit, mm ohne die Anstrengung des Rudems und 
bequem rauchend Ortaköi erreichen zu können. 

Dort fand ich diesmal schnell imd ohne Führer 
den Konak des Exarchen und wurde in das übliche 
grofse geistliche Empfangszimmer mit den niedrigen 
Divanen und den Ölgemälden der Hierarchen gefuhrt. 
Nach kaum fünf Minuten erschien der Exarch im 
dunklen Kleide der orthodoxen Geistlichkeit; Se. Selig- 
keit Msgr. Jossif ist ein noch jugendlich aussehender, 
auffallend schöner Mann mit dimklen Augen, kohl- 
schwarzen Locken und Bart^) Da er ganz vorzüg- 



i) In „Bulgarien und Ostrumelien^' S. 204 finde kh folgende 
Charakteristik von ihm: „Auch der bulgarische Exarch Josif wurde 
für die Zwecke der Konservativen ausgenutzt. Dazu bedurfte es nicht 

8* 



— ii6 — 

lieh französisch spricht — alle Slawen haben eine 
merkwürdige Sprachengewandtheit — war nnsre Un- 
terhaltung bald im Flufs. Jeder Unbefangene kann 
den Emanzipationsbestrebimgen der Bulgaren nur 
Sympathien entgegenbringen, und ich habe bei aller 
Betonung meines entschieden philhellenischen Stand- 
punktes dies auch den Griechen gegenüber unum- 
wunden ausgesprochen, die es freilich nicht gern 
hören. 

2. DIE GESCHICHTE DES BULGARISCHEN SCHISMAS. 

Heute spaltet der beklagenswerte Rils der Tod- 
feindschaft die gleichmäfsig orthodoxen Nationen der 
Bulgaren und der Hellenen. Das Plus an Fehlem 
und Versündigungen ist wenigstens in früherer Zeit 
entschieden auf griechischer Seite gewesen. Patriarch 
Samuel Chantzeris (1763 — 1768) kann von den Grrie- 
chen nach dem Wort eines englischen Bischofs als 
fimdi nostri calamitas bezeichnet werden. Indem er 
1767 durch Bestechung des Grofsveziers die autono- 
men Erzbistümer Ochrida und Ped an das ökume- 
nische Patriarchat brachte, meinte er in seiner ver- 
schmitzten Krämerschlauheit einen Meisterstreich 
gethan zu haben. Der phanariotische Klerus, der 



viel; denn Josif besitzt nur so viel Verstand, als nötig ist, die irdi- 
schen Güter zu erwerben und festzuhalten und dem übrigen Pöbel 
von den himmlischen zu sprechen. Da eine Hand die andre wäscht, 
fand sich der edle Exarch bereit, nach Art der ungarischen Kortes 
das Land zu bereisen und seine Schäfchen gegen die Liberalen auf- 
zuhetzen." Bei der bekannten Wahrheitsliebe von Sp. Gopcevic^ ist 
es unnötig, ein Wort über dies ordinäre Gerede zu verlieren. Immer- 
hin ist es ein bemerkenswerter Beitrag zu dem Kapitel: „Die sla- 
wischen Brüder unter sich". 



— 117 — 

schon vier Jahrhunderte früher den bulgarischen Pa- 
triarchat von Tmovo ebenfalls ziemlich formlos 
annektiert hatte, besetzte nun alle Bischofstühle mit 
Nationalhellenen, ganz einerlei, ob die zugehörige 
christliche Bevölkerung ausschliefslich oder in weit 
überwiegender Mehrheit slawisch sprach. Es läfst 
sich nicht leugnen, dafs imter dieser griechischen 
Prälatur in bulgarischen imd serbischen Gebieten 
auch würdige Priester waren; die Mehrzahl aber be- 
trachtete ihre Bischofskrone nur als erwünschtes 
Mittel zur eignen und der Familie Bereicherung. 
Während im vorigen Jahrhundert Russen, Balkan- 
slawen und Hellenen durch das einigende Band der 
Orthodoxie fest zusammenhielten, hat in unsrem das 
Erwachen des Nationalgefühls die orthodoxen Völker 
zerklüftet. Die Bulgaren sahen mit steigendem In- 
grimm in ihren geistlichen Hirten griechischen Ge- 
blüts nur nationalfremde Tyrannen und Blutsauger. 
Die türkische Regierung der fünfziger Jahre empfahl 
den bulgarischen wie muslimischen Gemeinden bessere 
Fürsorge für das Schulwesen. Als aber die bulga- 
rische Gemeinde von Nisch eine Schule errichten 
wollte, meinte der griechische Metropolit: „Was 
sollen euch bessere Schulen? Sollen eure Kinder un- 
gläubige Ketzer werden? Besser ist es, wir sammeln 
Geld zum Bau von Kirchen! Grofse, geräumige Tempel 
zur Ehre Gottes sind die besten Schulen!" Man 
wollte also grundsätzlich das Volk in der Unwissen- 
heit erhalten. 

Furchtbar sind die Beschuldigungen, welche Gri- 
gorovic, Kanitz und Jirecek gegen den phanario- 
tischen Klerus aussprechen. In den Athosklöstem, 
in zahlreichen Klöstern und Kirchen der Bulgarei 



wurden die altslawischen Pergamente systematisch I 
vernichtet, teils vergraben, teils verbrannt. Noch i 
liefs der Metropolit Ilarion von Tmovo die eben auf- 
gefundene alte Patriarchalbibliothek verbrennen. Ich 

meinte, dafs es sich hier um bulgarische Legenden 
oder starke Übertreibungen handle; allein der Exarch 
bestätigte mir die traurige Thatsache, dafs wirklich 
in der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts die griechi- 
schen Kirchenfürsten in Bulgarien systematisch diesen 
Vandalismus begangen haben. 

Hätten die beiden autokephalen Erzbistümer noch 
bestanden, so hätte man diese, wie es das Recht und 
die Geschichte verlangten, mit Slawen besetzen und 
so allmählich die hellenische Prälatur den Bevölke- 
rungsverhältnissen entsprechend in eine hellenisch- 
slawische verwandein können. Seit r86o erhob sich 
im bulgarischen Volke eine mächtige Bewegung, 
welche auf Entfernung der griechischen Geistlichen 
und Lehrer aus den bulgarischen Kirchen und Schulen 
drang. Bei dem hartnäckigen Widerstand des Pha- 
nars suchten sich die Bulgaren einer von Frankreich 
mächtig geförderten Unionsbewegung anzuschliefeen. 
Bereits war ein Erzbischof für die unierten Bulgaren 
geweiht; doch nun legte sich Rufsland ins Mittel, 
und der Erzbischof verschwand. Der nun doch er- 
schreckte Phanar entschlofs sich zu einigem Ent- 
gegenkommen. Es kam zu Kommissionssitzimgen 
und Kongressen, teilweise unter dem Vorsitz türki- 
scher Minister. Aber die Bulgaren spannten ihre 
Forderungen immer höher, und auf griechischer Seite 
antwortete man stets schroffer. Endlich suchten einige 
verständige griechische Laien einen Kompromifs zu- 
stande zu bringen, wonach die heilige Synode zur 



— 119 — 

Hälfte aus Grriechen, zur Hälfte aus Bulgaren be- 
stehen sollte. Nun rächte sich der grofse Fehler 
von 1850. Wäre das hellenische Königreich in geist- 
licher Beziehung dem ökumenischen Patriarchat unter- 
geordnet gewesen, so hätten die Griechen in etwas ent- 
gegenkommen und eine proportionale Vertretung nach 
der Zahl der Diöcesen und Gläubigen vorschlagen 
können; damit hätten die Bulgaren wenigstens eine 
gerechte Repräsentation gewonnen, und die Griechen 
hätten doch die Majorität behalten. Das war nun 
nicht möglich. Und die stets unruhige und stets nur 
Unheil wirkende griechische Nationalversammlung 
verwarf 1866 diese Vorschläge als häretisch und 
demokratisch. Ein letzter Vorschlag des Patriarchen 
Gregorios VI, (1867 — iS?')- wenigstens dem Donau- 
vilajet kirchliche Unabhängigkeit einzuräumen, schei- 
terte an dem Widerstände der Bulgaren, welche ihre 
macedonischen Volksgenossen nicht preisgeben wollten. 
Die Türkei war durch die fortgesetzte Erregung der 
bulgarischen Nation, die sogar zu Aufständen führte, 
selbst beunruhigt; sie fürchtete, dafs die Bulgaren 
sich Rufsland ganz in die Arme werfen würden, und 
so arbeiteten die damaligen wirklich bedeutenden tür- 
kischen Staatsmänner Fuad und Ali Pascha an einer Ver- 
ständigung. Aber alle Kompromiisvorschläge wurden 
von dem Patriarchen, der Synode und der griechischen 
Notabein Vertretung mit der grÖfsten Hartnäckigkeit 
als antikanonisch, anti dogmatisch und antievangelisch 
zurückgewiesen. Über den ersten Vorwurf liefs sich 
thatsächlich reden; die beiden andern waren eine 
Lächerlichkeit. Da griff die Pforte unter Rufslands 
mächtigem Einflüsse, das seine bisherige griechen- 
freundliche Politik völlig aufgab, zu einer entschei- 



denden Mafsregel. Der Ferman vom 27. Februar 1870 1 
gründete eine unabhängige bulgarische Kirche mit J 
einem Exarchen an der Spitze und dreizehn Metro- I 
polen. Dazu erhielt der Exarchat das wichtige Recht, J 
alle Eparchien, wo zwei Drittel der dortigen Christen 1 
sich für ihn erklärten, seinem Sprengel einzuverleiben. 1 
Das war ein furchtbarer Schlag für die Griechen. I 
Sie widersetzten sich nach Kräften seiner Durch- 1 
fuhrung. Aber am 11. Februar 1872 wnirde der erste I 
Exarch eingesetzt, und damit war thatsächlich i 
unabhängige bulgarische Kirche begründet^). 

3. DIE DOPPELSTELLDNG DES EXARCHEN SEIT 
UN ABHÄNGiGKElTS ERKLÄRUNG BULGARIENS. 

Die als Ergebnis des russisch-türkischen Krieges I 
geschehene Loslösung Bulgariens vom Reichsganzen .1 
hatte auch in kirchlicher Beziehung die weitgehendsten I 
Folgen. Dafs sich aber keine mit den Landesgrenzen I 
übereinstimmende autonome bulgarische Kirche kon- 
stituierte, hat seine Ursache in den zaiüreichen bul- ' 
garischen Bevölkerungselementen Macedoniens, die 
in der kirchlichen Gemeinschaft mit ihren befreiten 
Stammesbrüdern bleiben sollen*. Dies ist auch der 



l) ificT erbitterte giiecliisclie Patriarch machte seiner -^Wnt ■ 
Luft, mdem er im September 1S73 die ganze bnlgarisclie GeisÜich- j 
keit verflüchle, d. h. eikommnniiierte — (wer erinnert sich liier nicht 1 
an das römische Sprichwort von den beiden Aognren?!) — was aber 1 
dennoch nicht hinderte, dafs leUtere ebenso fett wurde, als es 
griechische ist." Ich habe absichtlich diese Worte Spiridion Gopcevicg i 
(Bulgarien und Ostrumelien iSSd S. itS) in extenso liingesetxt, u 
damit die geistige Höhe dieses ganz unzuverlässigen Skribenten : 
charakterisieren. Die am Schlüsse angedeuteten Reichtümer d 
griechischen und der bulgarischen Kirche sind natürlich Xfjpoc xal J 



121 

Grund, warum der oberste Geistliche der gesamten 
bulgarischen Kirche, sowohl des Fürstentums als der 
Türkei, in Konstantinopel residiert Ich fragte den 
Exarchen, warum man nicht an eine Herstellimg des 
Patriarchats von Tmovo gedacht habe. Dieser war 
durchaus kanonisch eingesetzt worden; denn der öku- 
menische Patriarch Germanos IL hatte mit Zustim- 
mung der übrigen apostolischen Stühle 1235 ^^^ 
Erzbischof Joakim von Tmovo feierlich als autoke- 
phalen Patriarchen von Bulgarien anerkannt. Wenn 
1393 bei der Katastrophe des Bulgarenreichs . auch 
der Patriarchat zu Grunde ging und dann unter der 
türkischen Gewaltherrschaft durch eine dem ökume- 
nischen Patriarchat unterstellte Metropolis ersetzt 
ward, so konnte das mit Fug und Recht als eine 
sedes impedita bezeichnet werden. Die Bulgaren 
haben, wie mir der Exarch sagte, auf Anraten Rufe- 
lands kein autokephales Patriarchat errichtet, um dem 
Phanar nicht zu scharf entgegenzutreten. Der Exarch 
ist im Grunde gleichfalls ein autonomer Patriarch, 
nur ohne den Titel und die äufsere Ehrung. Dadurch 
aber, dafs der Exarch in Konstantinopel residiert und 
Unterthan der Pforte ist, hat er den grofsen Vorteil, 
der oberste geistliche Hirte nicht allein der unab- 
hängigen Bulgaren, sondern auch der imter türkischer 
Herrschaft stehenden zu sein. Im Fürstentum Bul- 
garien sind die kirchlichen Verhältnisse leidlich 
geordnet. Der Exarch als auswärtiger Geistlicher 
kann natürlich den Vorsitz in der Synode nicht 
führen; er ernennt daher aus der Zahl der bulgarisch- 
orthodoxen Metropoliten einen Stellvertreter, gegen- 
wärtig Msgr. Gregor, den Metropoliten von Rustschuk. 
Wie mir aber der Exarch versicherte, ist der also 



ernannte nicht etwa ein nun fest angestellter Beai 
sondern bleibt sein Vikar und ist ad nutum amovibil 



4. DER NATIONALITÄTENSTREIT IN MAL'EDONIEN. 

Der Kampf der Nationalitäten dreht sich haupt- 
sächlich um das, was man in etwas unklarer Weise 
Macedonien nennt, d. h. die drei türkischen Vilajets 
Selanik (Saloniki), Bitolia und Kossowo. Das ist der 
eigentliche Tummelplatz des Rassenkampfes. Es 
stehen sich Bulgaren, Serben, Griechen und in klei- 
neren Bruchteilen Albanesen und Rumänen (Kutzu- 
vlachen) gegenüber. Es ist sehr schwierig, hier klar 
zu sehen, da die Türken die Statistik sehr wenig 
lieben und die andren Völker gleichmälsig in der 
Schönfärberei zu Gunsten der eignen Nation Grofs- 
artiges leisten. So ist es für einen Unbeteiligten 
völlig unmöglich, in diesem Chaos klar zu sehen. 
Sicher ist nur, dafs die christliche Bevölkenmg des 
Vilajets Kossowo nahezu vollständig, die von Bitolia 
mit Ausnahme der südlichen Bezirke weit über^A'iegend 
slawisch ist. Aber namentlich über die Bewohner der 
westlichen Sandschaks herrscht keine Übereinstim- 
mung. Die Kenner selbst streiten, ob die dortigen 
slawischen Christen bulgarischer oder serbischer Na- 
tionalität seien. Günstiger steht die Sache im Vilajet 
Selanik, Hier ist der Süden und der gesamte Küsten- 
strich bis über Serres und Drama hinaus ganz oder 
überwiegend griechisch, während in den Norddistrikten 
die Bulgaren entschieden die Oberhand haben. Kirch- 
lich ist nun diese Bevölkerung vollkommen gespalten. 
Zu dem ökumenischen Patriarchat halten die Griechen, 
die (unter den Christen) wenig zahlreichen Albanesen 
ausnahmslos und ebenso die Mehrzahl der Rumänen 



— 123 — 

(Kutzovlachen). Aber auch ein grofser Teil der 
Slawen, welche der Exarchat kurzweg Bulgaren nennt, 
andre teils als Serben, teils als Bulgaren bezeichnen, 
halten noch immer zum Patriarchat. Nach den offi- 
ziellen Zahlen des Exarchats bekennen sich in diesen 
drei Provinzen 105 oii bulgarische Familien zum 
Exarchat, 41 047 zum Patriarchat. Rechnet man hiezu 
die gleichfalls patriarchistischen, nicht bulgarischen 
Bevölkerungsteile, so wird man zu einer Summe ge- 
langen, welche den Anhängern des Exarchats min- 
destens gleichkommt^). Immerhin hat das sehr ener- 

I) Dr. Cleanthes Nicolaides, Macedonien, die geschicht- 
liche Entwicklung der macedonischen Frage im Altertum, im Mittel- 
alter und in der neuem Zeit, Berlin 1899, beklagt sich bitter über 
die bedenklichen Legendenfabrikationen, die zum grölsem Ruhme der 
eignen Nation von bulgarischer, serbischer imd rumänischer Seite ver- 
breitet werden. Leider macht er es selbst kaum besser. Was er über 
die Geschichte der Patriarchate Ochrida imd Pec mitteilt, ist recht 
bedenklich, da es vielfach mit den Thatsachen im Widerspruch steht 
oder patriotische Phantasien zum besten giebt. Auch was er über 
bulgarische und griechische Geschichte vorbringt, ist teilweise höchst 
fragwürdig. Dankenswert sind S. 25 fF. die Listen über die Bevöl- 
kerungsverhältnisse Macedoniens. Leider ist auch in diesen Listen 
nicht immer klar, was der Verfasser unter „Griechen" und was er 
unter ,, Bulgaren" versteht. Im Vilajet Bitolia unterscheidet er: „Ortho- 
doxe, d. h. Griechen und griechisch Gesinnte", „Schismatiker, d. h. 
Bulgaren und Anhänger des Exarchats" und „rumänisch gesinnte 
Wlachen". Im Vilajet Saloniki giebt er nur die Zahlen der Griechen, 
Bulgaren und Wlachen an. Wahrscheinlich sind auch diese Zahlen 
in kirchlichem, nicht in ethnographischem Sinne zu verstehen; denn 
z, B. in Berröa kennt er nur Griechen und Wlachen, während die 
Eparchie 19 Dörfer patriarchistischer Slawen enthält. Dann werden 
die Wlachen als „rumänisch gesinnte Wlachen" zu verstehen sein. 
Wozu dann aber eine besondre Rubrik „Christliche Zigeuner"? Im 
Sandschak Skopia dagegen unterscheidet er Griechen, Bulgaren und 
Serben. Diesmal soll das wohl ethnographisch gemeint sein; denn 
kirchlich sind die Zahlen falsch. Kurz man wird nicht klar, wo die 



124 — 

gische und kluge Oberhaupt der bulgarischen Kirche, 
Monsignore Jossif, schon grpfse Erfolge zu verzeichnen. 
Juli 1890 erhielten die Metropoliten von Üsküb, Veles 
und Ochrida das kaiserliche Berat, d, h. das Investitur- 
diplom von der Hohen Pforte. Dazu sind nun in den 
folgenden Jahren noch fünf Metropolen getreten: 
Nevrokop, Monastir (Bitolia), Strumnitza, Dibra und 
Melnik. Aufser diesen acht unterstehen dem Exarchen 
noch elf Diöcesen im Fürstentum Bulgarien, sodafs er 
thatsächlich ein recht ansehnlicher Kirchenfiirst ist. 
Damit scheint aber in der Hauptsache erreicht zu sein, 
was für die Bulgaren möglich war. Es kann sein, dafs 
noch ein und der andre Bischofsitz ihnen zufallt; aber 
die Hochflut der bulgarischen Propaganda ist im Rück- 
gang begriffen. Ihre offiziellen Organe selbst erklären, 
dafs in den Streitgebieten, wie Strunmitza, Florina, 
Vodena, die Jugend den griechischen Schulen zuströmt*). 



Ethnographie aufhört und die Kirchengeographie anfangt. Eine andre 
Übersicht hat M. Thearcevic in Echos d'Orient 1899 S. 275 flf. ver- 
öffentlicht. Diese Statistik hat den grofsen Vorteil, vollkommen klar 
und nach einheitlichen Prinzipien gearbeitet zu sein. Es ist eine 
Übersicht der einzelnen bulgarischen Diöcesen, welche einem offi- 
ziellen Bericht des Exarchats entnommen ist. Derselbe stellt familien- 
weise in den einzelnen Eparchien die Zahlen der Exarchisten und der 
Patriarchisten zusammen, wie sie Ende 1896 gültig waren. Der Bericht 
versteht unter dem Ausdruck „Bulgaren** sämtliche Slawen. Über 
die Zuverlässigkeit dieses Berichtes bemerkt Thearcevic sehr gut S. 282 : 
Ce rapport a pour auteurs des Bulgares. S*il 6tait d*origine grecque, 
il ne donnerait peut-dtre pas toujours les m^mes chiffres, mais je 
n'ose affirmer qu'il f&t d*une plus grande exactitude. Nach diesen 
Listen gestaltet sich die Übersicht der Anhänger des Patriarchats und 
des Exarchats in den acht macedonischen Diöcesen, welche die Pforte 
bereits anerkannt hat, folgendermafsen (siehe S. 125): 

I) Der Exarchat hat den noch nicht mit Metropolen besetzten 
Rest der drei Vilajets in sechs Diöcesen eingeteilt und ebenso viele 



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V26 

Gegenwärtig tobt der Kampf um Üsküb (Skoplje — 
Skopia). Was die Bevölkerungsverhältnisse betrifft, 
so stimmen Bulgaren und Griechen darin überein, 
dafs die weit überwiegende Majorität den Bulgaren 
gehört. Der Exarchat zählt 24630 bulgarische Fa- 
milien seiner Obedienz zu, während 4716 bulgarische 
und 50 rumänische dem Patriarchat gehorchen. Die 
Griechen rechnen im Sandschak Skopia 137 184 Bul- 
garen, 9831 Serben, 5036 Griechen^). Auf jeden Fall 



im Vilajet Edime errichtet. Allein von den Exarchisten gehören 
SS 395 Familien den bereits errichteten acht Diöcesen an; in den 
sieben übrigen (Moglena, Kastoria, Vodena, Solun und Vena, Seres, 
Drama) zählt er nur 16 616 exarchistische Familien, denen mindestens 
eine vierfache Zahl patriarchistischer gegenübersteht. Dabei sind die 
bulgarenfreien Diöcesen Korytza, Servia, Grevena und Elassona noch 
gar nicht berücksichtigt. Im Ejalet Edime existieren 24 776 exar- 
chistische Familien (Odrin — Maronia — Enos — Xanti — Dimotika — 
Ortaköi), denen aber 24368 patriarchistische gegenüberstehen; dabei 
sind die Patriarchisten von Xanthe gar nicht eingerechnet, da mir 
deren Zahl unbekannt ist. Also eine Metropolis Odrin (Adrianopel) 
wird vielleicht die türkische Regierung dem Exarchat noch zugestehen, 
schwerlich viel mehr. Enos und Ortaköi (Lititza) haben lächerlich 
kleine exarchistische Summen. 

i) Die 29396 Familien entsprechen den 152054 Orthodoxen. 
Im Einzelnen bestehen aber starke Divergenzen, und merkwürdiger- 
weise ist der Grieche (Nicolaides S. 25) seiner Partei ungünstiger als 
der Bulgare; denn nach dem Inhalt seines ausführlichen Berichtes 
sollte man nur in den Serben (9831) und Griechen (5036) Anhänger 
des Patriarchats sehen. Allein der Exarchat zählt in dieser Eparchie 
4766 patriarchistische Familien auf. Offenbar ist aber die Liste eine 
ethnographische, und unter den 137 184 Bulgaren sind sowohl die 
Anhänger des Exarchats als die des Patriarchats inbegrüFen. Die 
Rumänen, welche die Exarchatsliste aufzählt, fehlen bei Nicolaides 
ganz, wie bei Thearcevic die Griechen. Oflfenbar sind unter den 
„Griechen" teilweise hellenisierte und zu den Griechen haltende Ru- 
mänen zu verstehen. Keine Partei scheint der andern viel vorzu- 



127 — 

bilden also die Anhänger des Patriarchats nur eine 
verschwindende Minorität, und so versteht man es 
sehr wohl, dafs die griechischen Metropoliten von 
Skopia, Paysios (res. 1891) und Methodios (f 1896), 
die als Serben bezeichneten slawischen Anhänger des 
Patriarchats auf jede Weise zu gewinnen suchten. 
Erst sollte der linke Kirchenchor slawisch singen, 
während der rechte griechisch sang. Dann trat in 
der Metropolitankirche ^) eine Abwechslung zwischen 
slawischem und griechischem Gottesdienst ein. Aber 
die verständigen Metropoliten rechneten nicht mit 
dem blindfanatischen, numerisch ganz schwachen grie- 
chischen Element. Die Griechen, von der auswärtigen, 
sehr energischen Propaganda und ihrer Presse unter- 
stützt, setzten sich in Opposition zu dem friedliebenden 
Metropoliten und störten den nationalslawischen 
Gottesdienst, sodafs sie durch die türkische Polizei 
aus der Kirche entfernt werden mufsten. Nach dem 
Tode des Methodios erwirkten die schroffen Griechen 
die Ernennung eines genehmen Nachfolgers durch den 
Phanar, des Msgr. Ambrosios. Das war ein schwerer 
Fehler. Natürlich verübten nun die Serben dieselben 
Unordmmgen in der Kirche, wie früher die Griechen. 
Schlimmer war, dafs jetzt die serbische Regierung eine 
drohende Haltung annahm. Was hinderte sie, in der 
Form eines Exarchats das alte nationale Patriarchat 
von Pec ebenso zu erneuern', wie das die Bulgaren 
mit dem von Tmovo gethan hatten? Genug, der 
unmögliche Kandidat der griechischen Heifsspome, 

werfen zu haben; beide verstehen das Zahlengmppieren und andre 
kleine Künste vortrefflich. 

i) Der einzigen der Stadt Üsküb, da die beiden andren den 
Exarchisten gehören. 



— 12$ — 

MsgT. Ambrosios, wurde vom Kampfplatze weg; vor- 
läufig nach Konstantinopel abberufen, wo er Mitg-fied 
der heiligen Synode wurde und die Leitung der 
„Kirchlichen Wahrheit" übernahm. Seine Stelle nahm 
ein Kommissar des Patriarchats, ein sog. Exarch 
Msgr, Firmilianos, ein, ein Serbe, der lange Rektor 
der theologischen Schule von Belgrad gewesen und 
bei den Serben aufeerordentlich beliebt war. Durch 
eine Reihe kluger Zugeständnisse wurden die Serben 
jetzt vollständig gewonnen •). Endlich that vergangenen 
Herbst der Ökumenische Patriarch den entscheidenden 
Schritt, Msgr. Ambrosios wurde auf den frei gewor- 
denen Stuhl von Pelagonia (Strumnitza) versetzt, und 
Msgr. Firmilianos konnte nun feierlich zum Metropoliten 
von Üsküb erhoben werden. Dieser sehr verständige 
Schritt wurde von der serbischen Regierung mit einer 
Gabe von jooo türkischen Pfund (55000 Mk.) „für die 
Nöte des ökumenischen Patriarchats" belohnt. Natür- 
lich hat die starr griechische Partei aufs schärfste 
dieser Mafsregel widersprochen und den Patriarchen 
schonungslos kritisiert. Es wurde geltend gemacht, 
dafs bereits eine Metropolis (Prizren) an die Serben 
ausgeliefert sei; nun komme Üsküb und bald eine 
dritte an die Reihe. Damit werde die nationalhelle- 
nische Sache preisgegeben. Solche Gedankengänge 
beweisen, dafs die exaltiert hellenische Partei aus den 
schweren Erfahrungen des bulgarischen Schismas noch 
immer nichts gelernt hat, wie sie das ja auch in der 
antiochenischen Frage gezeigt hat. Die Betonung 

I) Die Liturgie wird in Skopia abwechselnd in slawischer und 
griechischer Sprache abgehalten; in den Landgemeinden, die i 
sluwiseli sind, werden durchweg serbische Geistliche angestellt 1 
wird die Litnrgie nur slawisch gefeiert: das aCein Richtige. 




129 — 

des hellenischen Nationalitätsprinzips in Landschaften, 
wo so gnt wie gar keine Gnesiohellenen vorhanden 
sind, wäre der Gripfel des Unverstandes. Das alles 
zeigt, wie weise Konstantinos' Schritt war. 

Auf slawischer Seite hat man das auch sofort 
verstanden. Darum hat der bulgarische Exarch gegen 
die Bestätigung des Firmilianos bei der Pforte Pro- 
test erhoben. Ein Metropolit slawischer Nationalität, 
anerkannt von dem bei vielen orthodoxen Slawen 
noch immer hochverehrten geistlichen Oberhaupte 
des Reiches, ist natürlich für seine bulgarischen Schäf- 
lein viel gefahrlicher als ein fanatischer und ver- 
hafster Grieche wie Msgr. Ambrosios. Aber gerade 
diese Anfeindungen von den entgegengesetzten Polen 
aus erweisen die Richtigkeit der Handlungsweise des 
Patriarchen. 

5. DIE BEDEUTUNG DER SYNODE VON 1872. 

Ein grofser Fehlgriff der Grriechen war die unter 
Anthimos III. 1872 berufene Synode. Das sehen jetzt 
viele von ihnen ein, und wenigstens Laien geben es 
unumwunden zu. Jener Synode wohnten zwei Ex- 
patriarchen, die Patriarchen von Alexandrien und 
Antiochien, der autokephale Erzbischof von Kypros 
und 25 Metropoliten imd Bischöfe bei. Nur der Pa- 
triarch Kyrillos von Jerusalem verweigerte seine Teil- 
nahme. Um die Bulgaren als Schismatiker erklären 
zu können, erfand man die neue Häresie des Phyle- 
tismos, d. h. die Proklamierung des Nationalitätsprin- 
zips wurde als Trenmmgsgrund angesehen. Sehr 
richtig bemerkte mir der Exarch, dafs, wenn jemand 
der Vorwurf des Phyletismos treffen könne, dies die 
Griechen seien. Diese nötigen den Slawen der Bal- 

G e 1 z e r , Selbsterlebtes n. Selbstgesehenes. 9 



— I30 — 

kanhalbinsel und den Arabern Syriens und Palästinas, 
soweit es in ihrer Macht steht, Prälaten griechischer 
Zunge auf. Begreiflich, dafs die Eingebomen dadurch 
mit Erbitterung erfüllt werden. Infolge der Spaltung 
besitzt nun eine Reihe von Städten zwei orthodoxe Prä- 
laten, so Konstantinopel, Philippopel, Üsküb, Nevro- 
kop u. s. f. Das greifen die Griechen als antikano- 
nisch an; denn nach den heiligen Kanones darf eine 
Stadt nur einen Bischof haben. Nun, dem liefse sich 
leicht abhelfen. So gut die Griechen verlangen, dafs 
die Orthodoxen andrer Nationalität ihre griechischen 
Metropoliten anerkennen, ebenso gut können die zum 
Teil numerisch so geringen griechischen Minoritäten 
Obermacedoniens den bulgarischen Metropoliten als 
ihren Oberhirten verehren, oder aber, wie es in 
Ochrida geschehen ist, der bulgarische Metropolit 
wohnt in Ochrida, sein griechischer Rivale in Kru- 
^ewo, und die Zweiteilung der Eparchie ist fertig. 
In einem wie dem andern Falle sind die Vorschriften 
der „heiligen Kanones" erfüllt Auf alle Fälle war 
es aber ein Mifsgriff, aus kirchenpolitischen Mafs- 
nahmen eine Häresie herauskonstruieren xzu wollen. 
Denn die Bulgaren sind völlig orthodox; schon die 
griechischen Hierarchen des XIII. Jahrhimderts haben 
anerkannt, dafs ihre heilige Schrift aus der griechi- 
schen übersetzt, dafs ihre Dogmen dieselben, ihre 
Kirchenbücher und Heiligenleben dem Griechischen 
entnommen seien, dafs also der scharfsichtigste Dogma- 
tiker zwischen den beiden Nationalkirchen keinen 
Unterschied finden könne. Damals W2ir die Balkan- 
halbinsel in einer ähnlichen Lage wie heute. Die 
Gründung des neubulgarischen Reiches hatte auch 
den alten Stuhl von Ochrida mit seinen zahlreichen 



— 131 — 

Metropolen unter bulgarische Botmäfsigkeit gebracht. 
Demgemäfs wurden diese Stühle mit Prälaten bulga- 
rischer Nationalität besetzt. Als dann durch die Siege 
des epirotischen Kaisers Theodoros Dukas Angelos 
das griechische Element wieder in Macedonien die 
Herrschaft errang, mufsten die bulgarischen Prälaten 
natürlich griechischen weichen. Aber es wurde kein 
Schisma proklamiert, sondern eine achridenische Pro- 
vinzialsynode erkannte feierlich die Weihen der bul- 
garischen Prälaten als rite vollzogen an. Hätte der 
ökumenische Patriarchat 1872, statt in begreiflicher 
Erbitterung überhastete Mafsregeln zu beschliefsen, 
eine ähnliche weise Zurückhaltimg wie einst Deme- 
trios Chomatianos imd seine Synode bewiesen, wäre 
der orthodoxen Kirche viel Unheil erspart worden. 
Es kommt hinzu, dafs der fünfte Patriarchat der ortho- 
doxen Christenheit, die heilige Synode von St Peters- 
burg, die Beschlüsse „der heiligen und grofsen Synode, 
welche in den Monaten August und September 1872 
in der Patriarchalkirche des glorwürdigen Blutzeugen 
St. Georg des Siegreichen über die religiöse bulga- 
rische Frage gehalten wurde", gar nicht anerkennt. 
Sie steht natürlich in Kirchengemeinschaft mit dem 
ökumenischen Stuhl und den Patriarchaten des Ostens, 
aber andrerseits auch mit dem bulgarischen Exarchat. 
So wird die Verwirrung immer gröfser. Es ist ein 
wahrer Jammer, dafs die orthodoxen Völker, statt 
unter sich zusammenzuhalten imd nebensächliche 
Trennungsgründe zu beseitigen, sich immer mehr 
gegenseitig anfeinden. Sie besorgen dadurch nur 
das Geschäft der Türken. 

Dabei soll nun nicht geleugnet werden, dafs Ru- 
mänen und Bulgaren neuerdings in einer Weise rück- 

9* 



— 132 — 

sichtslos vorgehen, dafs man die lauten Klagen der 
Griechen wohl versteht. Wo die Bulgaren, wie im 
Fürstentum, in der Majorität sind, legen sie sich 
keinen Zwang an. Die unglücklichen Griechen von 
Vama, Anchialos und Philippopel haben diese Unter- 
drückung zu fühlen; ihr Kirchengut wird sequestriert, 
ihre Schulen werden geschlossen. Man thut alles, 
um sie zu bulgarisieren. Das ist freilich nicht der 
Weg, auf dem die Bulgaren sich die Sympathien 
Europas erringen können^). 



i) Eben erhebt Msgr. Methodios, der orthodox-bulgarische Metro- 
polit von Stara-Zagora, ein grofses Geschrei, dafs die Väter Resurrektio- 
nisten in seiner Metropolis eine katholische Schule gegründet haben. 
Seine Schrift trägt den pompösen Titel: „Ein Versuch katholischer 
Propaganda in Stara-Zagora, Kampf um Leben oder Tod Bul- 
gariens". Leider herrscht Religionsfreiheit in Bulgarien, und er mufs 
eingestehen, dafs 300 Knaben und ebenso viel Mädchen die städti- 
schen Volksschulen in Stara-Zagora nicht besuchen konnten, da sie 
nicht im stände waren, das mäfsige Schulgeld zu entrichten. Nun, 
wenn die katholischen Väter sie gratis unterrichten, ist denn das ein 
so grofses Unglück, zumal S. Hochwürden klagt, dafs „unter dem 
Einflufs atheistischer und sozialistischer Gymnasialprofessoren das bul- 
garische Volk in seinen religiösen Überzeugungen erschüttert wird 
und zum Materialismus neigt"? 



[ 



VIIL DIE RÖMISCH-KATHOLISCHE KIRCHE IN 
DER TÜRKEI. 

I. DER APOSTOLISCHE DELEGAT VON KONSTANTINOPEL. 

Eine grofse Bedeutung haben endlich in der 
Türkei auch die katholischen Institute. In der ganzen 
Balk anhalb insel bilden die Katholiken mit Ausnahme 
von Bosnien und NordaJbanien nur eine verschwin- 
dende Minorität; aber überall sind sie vorzüglich or- 
ganisiert, und in den von der Türkei unabhängigen 
Staaten ist eine im Verhältnis zu der kleinen Zahl 
der Gläubigen sehr glanzvolle Hierarchie entstanden. 
In Griechenland ist zu den Prälaten der jonischen 
Inseln und der Cyldaden, den bescheidenen Über- 
resten der einst so glorreichen Venetianerzeit und 
Kreuzfahrerherrschaft, 1874 das Erzbistum Athen ge- 
kommen^). Dazu hat Leo Xm. 1883 in Bukarest 

I) Die Zahl der Katholiken im Königreich Griechenland ist 
cnch den dieselben gewifs nicht nnterschätzenden Angaben der Pro- 
paganda anTserord entlieh gering: Erzbistum Athen Sjoo, Erzbütmo 
Korfn 4000, Bistum Zaute-Cefaloni;! lOOO, Erzbistum Naxos 35O, 

1 Santorino 500, Bistum Syra 7000, Tino-Micono SOOO, also 
insgesamt 16710 Katholiken. 



— 134 — 

und 1884 in Jassy Erzbistümer errichtet. Offenbar 
soll in den Residenzen der Balkanstaaten der römische 
Glaube glänzend vertreten sein. Auch in Bosnien^ 
wo Jahrhunderte lang die bescheidenen Franziskaner- 
mönche gewaltet haben, ist seit der Besetzimg durch 
Ostreich eine machtvolle Hierarchie, i Erzbischof 
und 3 Bischöfe, eingerichtet worden^). In der Türkei 
selbst ist 1886 Skutari zum selbständigen Erzbistum 
erhoben worden, und ihm wurden die Bistümer der 
katholischen Albanesen unterstellt, weil deren uraltes 
Erzbistum Antivari an Montenegro gefallen w'ar. 
Daneben bestehen die Erzbistümer Smyma und 
Skopia, das Bistum Nikopolis und eine Reihe aposto- 
lischer Vikariate für die verschiedenen Riten^. Die 
Spitze der gesamten Hierarchie bildet aber der latei- 
nische Patriarchalvikar von Konstantinopel. Seit dem 
vierten Kreuzzug (1204) kannte der Orient einen 
lateinischen Patriarchen von Konstantinopel, der aber 
zum lebhaften Mifsvergnügen des Papstes viel mehr 
ein Geschöpf Venedigs als der Kurie und in der 
Regel ein venetianischer Landsmann war. Nach dem 
Falle des lateinischen Kaisertums wanderte er nach 
den venetianischen Besitzungen im Archipelagus aus, 
erst nach Euböa und nach dessen Eroberung durch 
Mohammed IL (1470) nach Kandia; seinen Unterhalt 
bestritt er aus den Gütern, welche die Republik ihm 
grofsmütig anwies, aber sie unterwarf ihn dafür auch 
ihrem sehr energischen kirchenpolitischen Regiment, 



i) Die Diöcese Marcana -Trebigne ist freilich so unbedeutend, 
dafs sie der Bischof von Mostar administriert. 

2) Syrien, Mesopotamien und Palästina, in geistlicher Beziehung 
eine "Welt für sich, lasse ich hier aufser Betracht. 



— 135 — 

Es ist nun eine Tendenz der Kurie, die man zu allen 
Zeiten beobachten kann, dafs sie sich in ihren kirch- 
lichen Organisationsbestrebungen von diesen welt- 
lichen Schutzmächten, denen sie in momentaner Ver- 
legenheit, aus Dankbarkeit oder andern Ursachen oft 
überschwengliche Vorrechte verliehen hat, gerne im 
Verlaufe der Zeiten emanzipiert. Wie viel Zank 
zwischen Kurie und Staatsgewalt hat doch die aller- 
dings höchst abnorme Monarchia Sicula hervorge- 
rufen! Leo Xni. hat endlich die lang andauernden 
Bestrebungen seiner Vorgänger in Indien zum glück- 
lichen Ausgange geführt, die geistlichen Vorrechte 
oder Ansprüche der Portugiesen aufgehoben imd den 
Prälaten von Goa mit einem glänzenden Titel ab- 
gefunden. Ebenso bekommt gegenüber Frankreichs 
nützlichem, aber auch unbequemem Protektorat der 
Katholiken im Orient die Kurie in neuerer Zeit mehr- 
fach Anwandlungen von Emanzipationsgelüsten, die 
sie aber, sobald Frankreich sein Mifsfallen äufsert, 
rasch unterdrückt. So hat auch die Propaganda 
schon im XVII. Jahrhundert für die Türken sich von 
der venetianischen Obervormimdschaft in geistlichen 
Dingen unabhängig gemacht und 1644 einen Suffra- 
ganbischof nach Konstantinopel geschickt, ohne sich 
um den Patriarchen zu kümmern. Bereits 1651 wurde 
er zum Patriarchalvikar erhoben, und seit die Türken 
mit der Eroberung Kandias dem Patriarchen seine 
letzten Besitzimgen auf der Insel entrissen hatten, 
wurde dieser ein bedeutungsloser Titular des römi- 
schen Hofes. Von dieser Epoche an ist der Patriar- 
chalvikar, der seit einem Jahrhundert regelmäfsig 
den Titel eines Erzbischofs führt und seit 1868 die 
Würde eines apostolischen Delegaten bekleidet, die 



- 136 - 
eigentliche Spitze der katholischen Hierarchie und 

gewissermafsen fiir die das ehemalige byzantinische 1 
Reich umfassenden Teile der Türkei der Nachfolger'J 
des katholischen Patriarchen von KonstantinopeU J 
Ihm unterstehen allein in der Hauptstadt zwölP 
Kirchen imd fünf in der übrigen Diöcese. 300 K1&-J 
riker gehören zu seiner Obedienz und 45 000 Gläubige. 1 



DIE KLÖSTERLICHEN INSTITUTE UER KATHOLIKEhI 



Der Schwerpimkt der katholischen Thätigkeit I 
liegt aber nicht in der bischoflichen Hierarchie, 1 
sondern iii dem ebenso thätigen als einflufsreichen 1 
RegularkleruH. Gegenüber den klösterlichen Institu- 
ten zeigt die türkische Regierung eine an England 
und Nordamerika erinnernde höchst lobenswerte Duld- 
samkeit. Die in unsren Kontinentalstaaten üblichen , 
beschränkenden Polizeimafsregeln und bureaukrati- 
schen Verbote sind hier unbekannt. Deshalb ge- 1 
deihen die von Klostergeistlichen geleiteten Unter- 
richtsinstitute und Krankenhäuser auch in ungeahnter I 
Weise. Sie stehen alle unter Frankreichs mächtigem 1 
Schutze, Die republikanische Regierung, welche inl 
der Heimat zur Befriedigung der gesinnungstüchtigen 1 
Priesterfeinde in periodisch wiederkehrenden Zeit- 1 
räumen und so auch jetzt eine Kirchenverfolgung I 
veranstalten mufs, treibt doppelte Buchführung; denn I 
im Orient ist sie die Gönner in und Förderin der 1 
katholischen Priester. Seine Erfolge im Orient ver- I 
dankt Frankreich nur dem vereinten Wirken der J 
französischen Botschaft und des katholischen Klerus. J 
Ein schlagendes Beispiel hiefur ist die Geschichte | 



— ^37 — 

der AUiance fran9aise zu Konstantinopel. 1884 wurde 
dieselbe gegründet, und zwar mit der ausdrücklichen 
Absicht, weder sich direkt an die Botschaft anzu- 
lehnen, noch zu den religiösen Genossenschaften in 
ein näheres Verhältnis zu treten. Natürlich erwies 
sich nun das Unternehmen als ein von vornherein 
verfehltes ohne alle Lebenskraft Indem die Gründer 
auf den mächtigen Schutz der Botschaft verzichteten 
un(f sich von den Kongregationen fernhielten, be- 
raubten sie sich selbst der wertvollsten Hilfsmittel 
zur Förderung ihrer Zwecke. Nach vier Jahren wurde 
das anders. Das neu organisierte Komitee stellte sich 
unter den Schutz der Botschaft und fand in dem da- 
maligen Vertreter Frankreichs, Herrn Cambon, einen 
sehr thatkräftigen Protektor. Ebenso setzte man sich 
mit den geistlichen Schulen in Verbindung. In den 
sechs ersten Jahren seines Bestehens hat das Komitee 
115 000 Francs zusammengebracht, damit 26 Schulen 
unterstützt und 13 neue gegründet Alle, mit Aus- 
nahme einer Mädchenschule in Ortaköi, stehen unter 
geistlichen Lehrern und Lehrerinnen. Die neugegrün- 
deten französischen Schulen zählen 1200 Schüler. 
Frankreich verdankt also seine grofsen Erfolge im 
Orient nahezu ausschliefslich der Thätigkeit der 
geistlichen Genossenschaften. 

Neben der Schule ist es vor allem die Kranken- 
pflege, in der sie Hervorragendes leisten. Dadurch 
gewinnen sie auch eine beispiellose Popularität 
selbst bei der mohammedanischen Bevölkerung. Die 
Schwestern des heiligen Vincenz von Paula werden 
in Brussa förmlich als Heilige verehrt. Wenn sie 
auf die Strafse treten, küssen ihnen türkische Frauen 
und Kinder das Gewand. Sie können in den 



- 138 - 

schlimmsten Vierteln, welche zu betreten selbst die 
Polizei sich scheut, ohne alle Gefahrdimg verkehren. 
So gTofs ist die Verehrung des Volkes für diese 
Klosterfrauen. 

In nähere Beziehungen trat ich zu zwei klöster- 
lichen Genossenschaften der Katholiken in der Türkei, 
zu den Augustinern de l'Assomption von Kadiköi und 
zu den östreichischen Mechitharistenvätem von Pan- 
kaldi. Mit beiden hatte ich längst wissenschaftlrche 
Beziehungen unterhalten und freute mich, nun mit 
ihnen auch persönlich bekannt zu werden. 

3. DIE UNIONSBESTREBUNGEN LEOS XIII. 

Der Pontifikat Leos XIII. bildet einen bedeut- 
samen Wendepimkt für die Verhältnisse Roms zu 
den Kirchen des Orients. Das alte, nie aus dem 
Auge gelassene Ziel der Kurie, diese Kirchen wieder 
dem Katholizismus zurückzugewinnen, ist mit staunens- 
werter Energie und nicht ohne Erfolg wieder auf- 
genommen worden. Vor allem ist seit dem eucha- 
ris tischen Kongrefs von Jerusalem 1893 Leben in 
diese Bewegung gekommen. Eine eigne Kardinal- 
kommission wurde eingesetzt, die sich mit den ab- 
getrennten Kirchen zu beschäftigen hat. Vor allem 
galt es, neue Studienmittelpunkte in Konstantinopel 
und Asien zu gründen, welche durch Arbeiten über 
die strittigen theologischen Fragen, über die griechi- 
schen und slawischen Riten und Sprachen den Boden 
zur künftigen Einigimg vorbereiten sollen. Diese Auf- 
gabe hat der heilige Stuhl den Augustinern de 
TAssomption übertragen. Eine Anzahl dieser Geist- 
lichen ist daher zum griechischen oder griechisch- 
slawischen Ritus übergetreten. Sie besitzen slawische 



— 139 — 

Gemeinden in Adrianopel und Philippopel und zwei 
griechische in Kum-Kapu, im alten Stambul und in 
Kadiköi, dem ehemaligen Chalkedon. Überall suchen 
diese Geistlichen mit den Griechen in freundliche 
Berührung zu kommen; sie bezeugen die höchste 
Achtimg für die alten griechischen Liturgien, die 
unter dem Namen des Chrysostomus und des Basilius 
gehen. Eine ähnliche Thätigkeit entfalten sie auch 
in Jerusalem, wo der als trefflicher Epigraphiker 
wohlbekannte P. Germer-Durand der Mittelpunkt ist. 
Derselbe erzählte auf dem eucharistischen Kongrefs 
eine charakteristische Anekdote. Der Igimfien eines 
griechischen Klosters kam nach der Kirche der 
Assumptionisten und verlangte die in Rom gedruckten 
liturgischen Bücher der Bibliothek zu sehen. Er 
prüfte sie und fand, dafs sie mit den eignen ortho- 
doxen Büchern völlig stimmten. „Wozu können Ihnen 
diese Bücher dienen?" „Wir benutzen sie für die 
unierten Griechen." „Es giebt also mit Rom unierte 
Griechen?" „Sicher, Gott sei Dank!" „Ich meinte 
Rom dränge allen Katholiken den lateinischen Ritus 
auf." „Das ist ein Irrtum; Rom hält im Gegenteil 
darauf, dafs alle alten Riten erhalten bleiben." „Aber 
warum schliefsen wir uns da nicht der Union an?" 
Nun, so naiv und liebenswürdig sind nicht alle 
Griechen. Auch der unionsfreundliche Ignmen hat 
wohl aus bekannter griechischer Höflichkeit mehr 
gesagt, als er thatsächlich ausführen wollte. Ich 
kann nicht leugnen, mir flöfst die Ausdauer, mit 
der die katholische Priesterschaft seit Jahrhunderten 
den Unionsgedanken festhält, Bewunderung ein. Keine 
noch so niederschlagenden Mifserfolge haben es ver- 
mocht, ihren Eifer zu lähmen. Ob sie ihr Ziel jemals 



— 140 ^ 

erreichen wird? Im Grofsen und Ganzen wohl kaum. 

Die dogmatischen und disciplinaren Unterschiede 
zwischen Orthodoxie und Katholizismus sind ja von 
einer fast lächerhchen Geringfügigkeit. Es ist viel- 
mehr eine nationale Frage. Orthodoxie und griechi- 
sches Volksbe wulstsein sind seit Photius aufs festeste 
verbunden, und unter der türkischen Herrschaft ist 
diese Verschmelzung eine immer innigere geworden. 
Der eigentliche Trennungsgrund ist darum ein natio- 
naler oder meinetwegen kirchenpolitischer. Die Ortho- 
doxen in ihrer grofsen Mehrzahl wollen absolut nichts 
vom Primat des Papstes wissen; das ist, scheint nur, 
ein un übers teiglich er Scheidungsgrund, eine Kluft, 
die so bald nicht überbrückt wird. Es ist deshalb 
aufserordentlich schwer, ein unparteiisches Urteil über 
diese Unionsbestrebungen abzugeben. Kulturgeschicht- 
lich betrachtet, ist das Mifslingen der Union ein Un- 
glück für die Griechen gewesen. Ihre bedeutendsten 
und geistreichsten Prälaten waren in Florenz für die 
Union, die Gegner, wie der hochgefeierte Markus 
Eugenikus von Ephesus und der spätere Patriarch 
Gennadius, ziemlich beschränkte Fanatiker. Es ist 
nicht zu leugnen, dafs durch die Union die Ruthenen, 
wie die Armenier, in Gesittung und Wissenschaft 
grofsartige Fortschritte gemacht haben'): sie wurden 
dadurch bereits im XVI. und XVIL Jahrhundert der 
europäischen Civilisation gewonnen, während die 
Griechen und überhaupt die orthodoxen Balkanvölker 
bis Ende des XVIIL Jahrhunderts in einem bedauert 
werten Zustand der Barbarei verharrten. War 



t) Älmlicb verdanken die Abessioier ihre wenigen KuiturfllM 
e lediglicli der Einwirkung dei Portugiesen. 




— 141 — 

Sieg der „Rechtgläubigkeit" eines so entsetzlichen 
Opfers wert? Die Griechen behaupten es. Geschadet 
hat den Unionsbestrebungen die unvernünftige Po- 
litik des katholischen Klerus, welche derselbe nament- 
lich in Polen trotz des ebenso verständigen als ener- 
gischen Widerspruchs der Kurie immer wieder be- 
folgte. Die dummschlaue Hartnäckigkeit, mit der 
der Adel und die bessern Stände in fortgesetztem 
Mafse zum lateinischen Ritus hinübergezerrt wurden 
und worüber die unionstreuen griechischen Bischöfe 
bitter sich beklagten, die boshafte Art, wie man die 
unierten Bischöfe als Prälaten zweiten Ranges immer 
den katholischen nachstellte, haben unter den Unierten 
Mifstrauen und eine ungeheure Erbitterung erregt 
und machen die massenhaften, freilich hauptsächlich 
durch äufsere Gewalt erzielten Rücktritte zur Ortho- 
doxie im russischen Reiche einigermafsen verständlich. 

4. DIE AUGUSTINER DE l' ASSOMPTION. 

Heute ist das ganz anders. Der römischen Kurie 
und den Assumptionisten ist es mit ihren Unions- 
bestrebungen und ihrem Festhalten am griechischen 
Ritus vollkommener Ernst. Hätte man in solcher 
Weise die Union vor zwei Jahrhunderten nicht nur 
erklärt, sondern auch ausgeführt, wer weifs, ob sie 
nicht die gröfsten Erfolge erzielt hätte. Ist das heute 
noch möglich? Jedenfalls stofsen diese Bestrebungen 
bei den Griechen auf wenig Gegenliebe. Ihr Ver- 
hältnis zu den Assumptionisten ist vielfach ein recht 
unfreundliches. In der „Kirchlichen Wahrheit" er- 
schienen Artikel gegen die Väter, welche sehr feind- 
selig und offenbar mit starken Übertreibungen deren 
Schulthätigkeit in Bithynien schilderten. Auch das 



— 142 — 

Organ der Väter, die „Echos d'Orient", sind sc] 
mehrfach von den Konstantinopolitaner Blattern sehr. 
heftig angegriffen worden. Allerdings läfst sich auch> 
nicht leugnen, dafs diese Zeitschrift gegen die grie«. 
chisch-orthodoxe Kirche eine oft recht scharfe Sprache, 
führt und eine sehr bittere Kritik an Einrichtungfett | 
und Zuständen derselben ausübt. Sie ist übrigens 
ungewöhnlich gut geschrieben und aufs er ordentlich- 
reichhaltig und vortrefflich unterrichtet, dabei sehr 
billig'), Sie enthält wissenschaftliche Abhandlungei 
geographischen, epigraphischen und historischen In. 
halts. Namentlich die griechische Kirchengeschichte, 
die Geschichte der Liturgik und die gesamte Gottes- 
dienstordnung sind hier aufs reichste bedacht. Die 
Mitarbeiter sind vorzügliche Kenner der griechischen 
Kirchengeschichte wie des heutigen kirchlichen 
Hellenenturas. Wer sich über die politischen und 
namentlich die kirchlichen Zustände des heutigen 
Orients unterrichten will, findet hier eine geradezu 
unerschöpfliche Fundgrube wichtiger und zuverlässi- 
ger Mitteilungen. Ausgezeichnet sind z. B. die Ar» 
tikel zur kirchlichen Geographie und Statistik, so 
über den ökumenischen Patriarchat in der Europäischen 
Türkei und in ICleinasien, über den alten Patriarchat 
von Antiochien, über Hierarchie und Bevölkerung^ 
des orthodoxen Patriarchats von Antiochien, über 
die Patriarchen der syrischen katholischen Kirche, 
über die bulgarische Kirche, die administrative Geo- 
grapie des türkischen Reiches, die evangeUsche Schule 
von Smyma u. s. f. Durch ihren langjährigen Aufent- 
halt im Orient haben die Väter Land und Leute sehr 

I) 6 Francs für 6 Hefte von je 64 Seiten. 




— 143 — 

gründlich kennen gelernt, und an Weite des Blicks, 
Gelehrsamkeit und Schärfe des Urteils sind sie ihren 
Gegnern meist überlegen. 

Schon lange stand ich mit den Vätern in brieflichem 
Verkehr. Ich folgte daher gern der gastlichen Einla- 
dung, welche mich von Konstantinopel für zwei Tage 
nach Kadiköi rief. Mit dem Dampfboot war ich schnell 
nach der Skala von Moda gekommen. Wie hatte sich in 
den 28 Jahren, seit ich diese Stätte nicht mehr be- 
treten, der Ort entwickelt! Damals ritt ich von Sku- 
tari mit dem unvergefslichen E. Curtius durch eine 
grüne Fläche nach einem armseligen Dorfe; heute ist 
hier eine sehr ansehnliche Stadt mit mindestens 
30000 Einwohnern aus dem Boden emporgewachsen^). 
Wie Skutari eine vollkommen türkische, sind Kadiköi 
und Moda eine völlig christliche Vorstadt Konstantino- 
pels. Die zahlreichen hübschen Häuser und Villen mit 
ihren Gärten erwecken eher den Eindruck einer ita- 
lienischen oder englischen als türkischen Stadt. In- 
dessen mm galt es, den Wohnsitz der Patres zu 
finden. Mit meinem damals durch langjährigen Mangel 
an Übung etwas schadhaft gewordenen Griechisch 
erwarb ich mir einen Jungen als Führer, der auch 
sogleich versprach, mich zum FaXXiKÖ fiovacTripi (zum 
französischen Kloster) zu führen. Es war ein ziem- 
lich weiter Weg, und ich begann Zweifel an der 
Ortskenntnis meines improvisierten Cicerone zu äufsem; 
allein dieser beteuerte mit den lebhaftesten Aus- 
drücken, dafs er den Weg genau kenne. Endlich 



I) Man vergleiche mit der heutigen Stadt Kadiköi-Moda den 
Plan bei Hammer IV S. 714 von 1831. Da ist aufser dem kleinen 
Dorfe Kadiköi der ganze weite Flächenraum, den jetzt die neue Stadt 
bedeckt, von Weinbergen eingenommen. 



— 144 — 

hielten wir vor einem geräumigen Garten, in dessea 
Hintergrund ein schulartiges Gebäude auftauchte, Iclt-9 
hörte auch das eintönige Geschrei lautierender KinderJ 
Das konnte unmöglich das Seminar der Assumptio 
nisten sein. Glücklicherweise entpuppte sich 
Portier, ein junger Schuster, als ein des Französi- 
schen vollkommen mächtiger Dolmetsch. Er erklärte 
mir, dafs hier sich eine von französischen Geistlichen _ 
geleitete Schule befinde und beschrieb auch meinem 
Hodegeten den Weg zu den Augustinern. Diesel 
war sittlich sehr entrüstet, dafs er in allerdingi 
heilsem Sonnenbrand meinen Handkoffer nun nocld 
weiter zu tragen habe, und machte mir Vorwurf^ 
dafs ich ihm nicht gleich gesagt habe, ich wolle zu] 
,J-ateinischen Kirche" — so heifst nämlich im VolksJ 
mund das Seminar. Da ich nichts Stichhaltiges 
erwidern wufste, zog ich vor zu schweigen. Diiav 
Seminar befindet sich in der That neben der grofseq,! 
echt italienischen Kirche, von deren Campanile mani 

wundervollen Ausblick über das Meer, die 
Prinz enins ein und die umliegenden Küsten genieist. 
Das sehr stattliche Gebäude sollte ursprimglich als 
Sommerresidenz für den apostolischen Delegaten 
dienen. Allein derselbe hat es aus irgend einem 
Grunde verschmäht, und so hat die Propaganda als 
Besitzerin es den Assumptionisten mietweise über- 
lassen. Mein knurrender Graeculus führte mich zu 
einem sehr bescheidenen Pfortchen; indessen ein 
dienender Geist bestätigte, dafs ich am richtigen Orte 
angelangt sei. Bald erschien P. Louis Petit, der Prä- 
fekt des Seminars, der untröstlich war, dafs ich wegen 
der Trägheit meines Griechen durch die Hinterpforte 
den sehr stattlichen Wohnsitz der Assumptionisten 



— 145 — 

betreten hatte. Den Abend verbrachte ich in der 
angeregtesten Weise mit dem P. Präfekten und den 
PF, Pargoire und Vailhe, die sich längst durch üire 
zahh-eichen Arbeiten unter den Byzantinisten einen 
guten Namen erworben haben. Mehrfach glaubte ich 
aufbrechen zu müssen, da die Geistlichen ungewöhn- 
lich früh ihr Tagewerk zu beginnen pflegen und des- 
halb auch früh dasselbe schliefsen; indessen durch 
die grofee Liebenswürdigkeit meiner Wirte wurde ich 
noch eine Weile zurückgehalten. Den folgenden 
Morgen wurde das Frühstück im Refektorium ein- 
genommen. Die Seminaristen waren anwesend, aber 
niiT in beschränkter Zahl, da es Ferienzeit war. Die 
Patres waren sehr beschäftigt; denn in den nächsten 
Tagen sollte ein französisches Pilgerschiff eintreffen, 
dem sie die Honneurs von Konstantinopel und Um- 
gebung zu machen hatten. Auch der P. Provinzial 
der Augustiner war deshalb zum Besuch erschienen, 
ein aufserordentlich lebendiger und frischer langbär- 
tiger Herr, der mit klarem Blick und rüstiger Ent- 
schlossenheit die vielen in seiner Hand ruhenden 
Verwaltungsgeschäfte zu erledigen scheint. Trotzdem 
hat der P. Präfekt den ganzen Vormittag; mir in an- 
genehmster Weise zur Verfügung gestanden; er zeigte 
mir die noch im Entstehen begriffene, aber in By- 
zantinika bereits sehr reiche Bibliothek des Seminars, 
die auch von Seiten der französischen Akademie 
aufserordentlich wertvolle Geschenke erhalten hat, so 
ihre wichtigen auf den Orient und Byzanz bezüglichen 
Publikationen, wie die historiens des croisades u. s. f. 
In seiner Begleitung besuchte ich auch die Schule 
der venetiani sehen Mechitharisten zu Moda. wo ich 
mit einigen freundlichen Patres mich gut unterhielt; 




— 146 - 

leider waren auch hier wegen der Ferien die Schü 
abwesend. 

Herrlich war ein Gang längs der Küste meigl 
unter alten Bäumen mit dem Blick auf das Meer, 
die Prinzeninseln, das bithynische Gebirge und Stam- 
bul. Sehr belebt war wieder das Mittagsmahl, wo 
aufser den drei mir befreundeten Patres und dem 
P, Provinzial auch der französische General Graf 
Touts-Saints Pascha anwesend war, der Jahre lang 
in Algerien gestanden hatte und, dort wie hier Land 
und Leute genau kennend, aufs er ordentlich interessant 
davon zu erzählen wufste. Mit meinem mangelhaften 
Französisch beteiligte ich mich, so gut es eben ging, 
an der Konversation. Grofse Heiterkeit erregte ich, 
als ich von den feierlichen lateinischen Titulaturen 
unsrer "Universitäten und der regierenden Büi^er- 
meister unsrer Hansestädte erzählte. Franzosen muten 
solche ehrwürdige Überreste des Mittelalters ganz 
vorsündflutlich an. Man erkennt dann erst, wie für 
alle Schichten der französischen Bevölkenmg, auch 
für die am weitesten rechts stehenden, die französische 
Revolution in ganz anderer Weise, als bei uns die 
Wende des vorigen Jahrhunderts, einen scharfen ge- 
schichtlichen Abschnitt bildet. Zwischen Vergangen- 
heit und Gegenwart klaiFt ein Abgrund. Was jen- 
seits desselben liegt, ist völlig vergessen und tot und 
lebt höchstens in der Erinnerung des Historikers 
weiter, während Deutschland keinen so radikalen 
Bruch mit seiner geschichtlichen Vergangenheit kennt. 
Für uns, die wir den deutschen Bildungsgang durch- 
gemacht haben und von protestantischen Anschauungen 
bewufst und unbewufst förmlich durchtränkt sind, ist 
ein unbefangener und vorurteilsloser Verkehr mit 



— 147 — 

Männern, die auf einer ganz andren Weltanschauung 
stehen, aulseror deutlich anregend und belehrend. Eine 
Uninenge nationaler und konfessioneller Vorurteile 
schwindet; man erkennt, wie vieles Gemeinsame uns 
auch mit dem national und kirchlich Fremden ver- 
bindet Unser Gesichtskreis erweitert sich, und auf 
diesem Wege üben wir wahre Duldsamkeit, nicht 
indem wir ein eignes mehr oder minder liberales 
kirchliches und politisches System als die Wahrheit 
ansehen und über Andersdenkende rücksichtslos den 
Stab brechen. Die drei oben erwähnten Augustiner- 
patres mit P. Dr. Kalemkiar, dem armenischen Me- 
chitharisten, bereiteten mir die Freude, meine Ein- 
ladung in mein Hotel zu einem kleinen Dejeuner 
anzunehmen. Ich habe selten Stunden in angenehmerer, 
feinerer und anregenderer Gesellschaft verbracht als 
bei diesem Frühstück mit den hochwürdigen Herren 
Patres. 

5. DIE ÖSTREJCHISCHEN MECHITHARISTEN. 

In schönster Erinnerung stehen mir auch die 
Stunden, welche ich in der Studienanstalt der Hochw. 
PP. Mechitharisten auf der Höhe von Pankaldi, in 
Pera, verlebt habe. Zufallig erfuhr ich, dafe der 
Wiener Mechitharistenpater Dr. Kalemkiar, bekannt 
als langjähriger Herausgeber der trefflichen armeni- 
nischen Zeitschrift „Hantess Amsorj'a", in Konstan- 
tinopel weile. Pera ist ein leidlich civilisierter 
Stadtteil; mit Hilfe von Pferdebahn und Fragen fand 
ich mich ziemlich leicht nach dem etwas abseits von 
der Hauptstrafse in einem grofsen Garten versteckt 
liegenden Institut der ö streichischen Armenier, Die 
Patres leiten hier eine unter dem Schutze Ostreichs 




stehende, blühende und stark besuchte Realschul^ 
Pankaldi ist ein im mächtigen Aufblühen begriffene 
nördlich von Taksim und dem grofsen Friedhofe gre- 
leg'enes Quartier von Pera, das mit seinen zahlreichen 
Klosterinstituten, Schulen und Kirchen einen durchaus 
christlichen Eindruck macht. Die auch in den Ding-ei 
dieser Welt sehr gewandten und erfahrenen Patr 
hatten hier vor etwa zwanzig Jahren ein beträclr 
liches Grundstück erworben, das heute mindestem 
den drei- oder vierfachen Wert der damaligen KaiS 
summe besitzt. An dem Rande dieser Besitzung 
gegen die Hauptstrafse zu, sind zahlreiche Häusa 
errichtet, welche als Geschäftsgewölbe von den Vate 
vermietet werden. Ihr eignes Institut liegt an eine| 
stillen Strafse mitten in dem grofsen Garten. Au(^ 
sonst sind die Armenier grofse Grundbesitzer in K« 
stantinopeL Hotel Bristol ist Eigentum des katho-" 
lischen Patriarchats der Armenier; ebenso besitzt der 
orthodoxe armenische Patriarchat einen sehr ansehn- 
lichen Gebäudekomplex an der Grande rue de P6ra, 
welcher früher ein Theater enthielt, jetzt aber wegen 
der Feuersgefahr in Kaufläden umgewandelt worden 
ist Unter den Mitgliedern der nicht sehr zahlreichen 
armenischen Gemeinde von Smyma befinden sich die 
reichsten Grrundstückbesitzer der Stadt, Natürlich 
nimmt die Leitung einer so grofsen Anstalt, ver- 
banden mit der Verwaltung eines so weitläufigen 
Besitzes, die Thätigkeit P. Kalemkiars vollauf in An- 
sprucK Er hatte mich früher von Wien aus bei 
meinen wissenschaftlichen Arbeiten in der liebens- 
würdigsten Weise unterstützt, und ich sprach ihm 
gegenüber mein Bedauern aus, dafs er jetzt seinen 
Arbeiten und der Leitung der Zeitschrift vollständig 



— 149 — 

entrückt sei. „Was wollen Sie? Wir folgen den An- 
ordnungen iinsrer Obern." P. Kalemkiar ist gebomer 
Konstantinopolitaner, spricht aber infolge seines lang- 
jährigen Aufenthaltes in Wien das Deutsche wie 
seine Muttersprache. Diese einfache Unterordnung 
jedes individuellen Einzelwillens unter das Ganze hat 
etwas Grofsartiges und macht diese klösterlichen 
Institute so leistungsfähig. Die Andersdenkenden 
reden und deklamieren viel gegen die katholischen 
Klosterinstitute und ihren wachsenden Einflufs im 
Orient Aber in der Krankenpflege wie im Unter- 
richte leisten dieselben wirklich Bewundernswürdiges. 
Sie handeln, während die andern Worte machen. 
Das allein macht ihre Machtstellung vollkommen ver- 
ständlich. Von P. Kalemkiar wurde ich nach Pan- 
kaldi zu einer „gemütlichen östreichischen Jause" ein- 
geladen und hatte daselbst das Vergnügen, mehrere 
andre der gelehrten und anregenden Herren Patres 
kennen zu lernen. Anerkennung verdient auch die 
vaterländische Gesinnung dieser Männer, die mit 
ganzer Seele an ihrem Kaiserstaate hangen und sich 
mit Stolz als Östreicher fühlen. Doppelt wohlthuend 
wirkt ihr frisches und entschiedenes Vertrauen zur 
Zukunft dieses Reiches gegenüber den skeptischen 
und oft geradezu verzweifelten Aufserungen, die man 
sonst vielfach von den Angehörigen der östreichisch- 
ungarischen Monarchie zu vernehmen bekommt. Wie 
köstlich war es auch, wieder einmal nach Herzenslust 
die deutsche Muttersprache gebrauchen zu dürfen, 
statt sich mit einem mangelhaften Französisch oder 
einem noch notdürftigeren Griechisch durchwürgen 
zu müssen, von meinen philologischen Leistungen auf 
dem osmanischen Gebiete gar nicht zu reden! Diese 



— ISO — 

Männer, die Jahrzehnte im Orient geweilt haben, 
kennen denselben von Grund aus, und darum ist der 
Verkehr mit ihnen ein so überaus belehrender. Mit 
Dank bekenne ich, gerade von selten der Geistlichen 
das Meiste und Wichtigste über orientalische Ver- 
hältnisse erfahren zu haben. Schwer wurde mir der 
Abschied von den gastfreimdlichen Patres, die trotz 
meines Sträubens mit den herrlichsten Früchten des 
Südens mich beschenkten. Die Stunden bei den Ar- 
meniern in Pankaldi lassen sich nur mit den unver- 
gefslichen Tagen vergleichen, die ich in San Lazzaro 
bei ihren Volks- und Ordensgenossen verlebt habe. 



DIE TÜRKEN 




I. DAS TÜRKISCHE VOLK. 



EUTIGE TÜRKENSCBWÄRMEREl. 

Für die Türken zu schwärmen ist heute zeit- 
gemäfs, und wer diese Mode nicht unbesehen mit- 
macht, gilt als beschränkt und als ein Mensch von 
zurückgebliebenen Anschauungen. Ingenieure, Jour- 
nalisten, Stangensche Reisegefährten, sie alle ver- 
kündigen uns in Wochenschriften und Familienzeit- 
schriften das Evangelium von dem braven Türken. 
Ich gestehe, gegen diesen Türkenenthusiasmus einiges 
Mifstrauen empfunden zu haben. Seit meinem ersten 
Besuche im Orient gehören meine Sympathien den 
christlichen Völkern. Mit hervorragenden Vertretern 
der griechischen wie der armenischen Nation stand 
ich seit langer Zeit in wissenschaftlichem und freund- 
schaftlichem Gedankenaustausch, Aber zur Steuer 
der Wahrheit mufe ich heute bekennen, dafs ich die 
Schwärmerei vieler Reisenden fiir dieses biedere, 



rechtschaffene und gegen wohlmeinende Freunde so 
anhängliche Volk wohl begreifen kann. 



2. DIE SANDALDSCBIS. 

Freilich will ich auch gleichzeitig hinzufügen, 
dafs meine Eindrücke für nichts weniger als mafs- 
gebend können angesehen werden; denn ich kenne 
das türkische Volk nicht, sondern nur einen ver- 
schwindenden Bruchteil desselben. Aber dieser ver- 
dient das Lob, das man den Türken zu spenden 
pflegt, in hohem Grade. Ich kenne eigentlich näher 
nur die Bootsleute des Goldnen Homs, die Sandal- 
dschis und Kaikdschis, welche den Verkehr zwischen 
Galata und dem Phanar vermitteln und mit welchen 
ich während meiner vierwöchentlichen Besuche des 
Klosters zum heiligen Grabe in täglichen Verkehr 
zu treten gezwungen war. Die übrigen Orientalen 
mit ihrer Vielsprachigkeit sind so bequem und er- 
leichtern uns Europäern den Verkehr ausnehmend. 
Anders der Türke, d. h der ungebildete Türke, der 
Mann des Volkes. Er spricht ausschliefslich seine 
Sprache. Er zwingt uns dadurch, sie zu lernen, um 
mit ihm verkehren zu können. Die beiden ersten 
Fahrten machte ich mit einem der üblichen Hotel- 
dragomans, einer im Ganzen widerlichen Menschen- 
sorte. Sie sehen ihre Hauptaufgabe darin, den Ein- 
gebomen möglichst schlecht zu behandeln und auf 
den denkbar medrigsten Eohn herunterzu dingen. 
Es war mir ordentlich ekelhaft, mit meinem orts- 
kundigen Führer unter vielfachem Geschrei von seiner 
Seite und von Seiten der Bootsleute drei, vier Barken 
besteigen zu müssen, bis wir endlich den mit seinem 
Preisanschlag einverstandenen Barkenführer glücklich 



— 155 — 
gefunden hatten. Beim Aussteigen knickerte er am 
Trinkgeld, und da gab es aufs neue peinliche Aus- 
einandersetzungen, Er erklärte mir, dafs diese Boots- 
leute ein „Auswurf der Menschheit", „das reinste 
Zigeunergesindel" seien. Ich nahm das in meiner 
Naivetät auf Treu und Glauben hin, da es doch zu 
meinem Bilde pafste, das ich mir in der Studierstube 
von den Türken gemacht hatte. Indessen am dritten 
Tage emanzipierte ich mich von meinem unleidlichen 
Führer. Ich hatte unterdessen das unerläfslichste 
Erfordernis eines mündlichen Verkehrs mit den Türken, 
die Kenntnis der türkischen Zahlwörter, mir erworben 
und wollte sehen, ob sie mich vereinsamten Frengi 
übers Ohr hauen würden. Als ich der Skala nahte, 
entstand ein ungeheures Leben, Wie Seerobben 
lagen die Bootsleute tjäge teils am Ufer, teils in 
in ihren Kähnen. Jetzt zappelten alle, sprangen auf 
und schrieen „burdal burdal" (hierher!) Ich be- 
trachtete kaltblütig die verschiedenen Schiffe; ich 
Avufste, dafs mein Führer einmal drei, das andremal 
vier Piaster {60 — 80 cts.) für die Fahrt nach dem 
Phanar hatte zahlen müssen. Nun fragte ich den 
ersten; „Wie viel willst du?" „Fünf Piaster", den 
zweiten: „Vier Piaster". Doch schon schrie ein junger 
Bursche: „utsch, utsch" (drei). Natürlich nahm ich 
diesen, und das ist für eine Fahrt von zwanzig Mi- 
nuten wahrhaftig nicht zuviel, zumal es der Orts- 
kundige auch gezahlt hatte. Ich weifs wohl, dafe 
1 mit Geduld und Hartnäckigkeit die armen Boots- 
leute und Lastträger oft sehr herunterbieten kann, 
imd Europäer namentlich morgenländischer Abkunft, 
die erster Klasse fahren und persönlich sich nichts 
abgehen lassen, rühmen sich oft gewaltig, dafe sie 



- .56 — 

einen solchen armen Burschen klein und demütig ge- 
kriegt haben, sodafs er den verlangten Dienst fast 
um ein Nichts leistete. Dies widerstrebte mir. Ich 
weifs auch, dafs die Eingebomen, Griechen, Türken 
und Armenier, in diesem Punkte Erhebliches leisten. 
Allein diese Orientalen kennen den trefflichen eng- 
lischen Spruch „time is money" nur zur Hälfte, Sie 
wissen genau, was „money" ist; dagegen mit der 
Zeit treiben sie eine sträfliche Verschwendung. Ich 
habe mehrfach, teils zu meiner Belustigung, teils um 
Land und Leute kennen zu lernen, solchen Verhand- 
lungen beigewohnt. So kam ich einst von Kadiköi 
nach der Dampferlandungsstelle der neuen Brücke. 
Ein junger, höchst eleganter Grieche und sein Vater 
wollten einen vorsündflutlichen Hausrat von unzähli- 
gen, mit Blumen in den grellsten Farben bemalten 
Kisten und Koffern imd zusammengeschnürten Betten 
nach Pera hinaufschaffen. Ein prachtvoller kurdischer 
Chamal mit seinen zwei Adjutanten sollte gemietet 
werden; allein der Grieche wollte so schmählich wenig 
bezahlen, dafs der Kurde, welcher bereits seine Seile 
hervorgezogen hatte und die Ladung tragfähig zu 
machen im Begriff war, energisch von dem Handel zu- 
rücktrat Nun begann ein Redefeuerwerk, unterstützt 
von dem lebendigsten und wirklich sehr anmutigen 
Mienenspiel, das mir als unparteiischem Zuschauer 
die Scene höchst ergötzlich machte. Die Griechen 
sind in dieser Beziehung gebome Schauspieler und 
leisten im Affekt — Attentate auf ihren Geldbeutel 
erwecken ailemal ihre höchste sittliche Entrüstung — 
geradezu Bewundernswürdiges. Indessen an dem 
Sohne des Taurusgebirges prallte Rhetorik 
Mimik, wie an einem rocher de bronze 



und ^^H 
Der ^H 



— 157 — 

Graeculus mufste sein Glück mit einem andren Chamal 
versuchen. Der Ausgang^ des Handels ist mir un- 
bekannt, da ich bereits zehn Minuten mehr zugeschaut 
als zugehört hatte und selbst weiter mufste. Ein 
ander Mal belustigte mich an der Skala von Divan 
Haue ein kurdischer Chamal, der auf seinem Rücken 
einen kolossalen Spiegel mit Goldbronzeumrahmung 
trug, ein Ungetüm, das mindestens einen Meter über 
seinen Kopf emporragte. Es sah ordentlich lebens- 
gefahrlich aus. Der Edle wollte von Pera nach Stam- 
bul hinübersetzen, bot aber ein so elendes Fährgeld, 
dafs keiner der Sandaldschis auf dieses schlechte Ge- 
schäft eingehen wollte. Es war mm ordentlich spafs- 
haft zu sehen, wie der edle Kurde von einer der 
halbverfaulten und morschen Landungsbrücken auf 
die andre humpelte, immer in der Hoffoung, endhch 
einen willfährigen Fergen zu finden. Alles umsonst. 
Auch hier konnte ich nicht den Ausgang des Rede- 
tumiers abwarten, das mir wegen der unbequemen 
Lage, in der der Protagonist es führte, einen unaus- 
löschlichen Eindruck gemacht hat 

Ich habe alle diese Kämpfe mit meinen Türken 
vermieden, indem ich allemal einen festen „Contratto" 
(Vertrag) mit ihnen abschlofs um ein möglichst nie- 
driges Fährgeld. Wenn je einer sagte: „Das setzen 
wir nachher fest", stieg ich sofort wieder aus, und 
ehe ich einen zweiten mietete, hatte der erste seinen 
festen und regelmäfsig recht bescheidenen Preis ge- 
nannt Dann erklärte ich in meinem unerlaubt 
schlechten, aber den Sandaldschis verständlichen Tür- 
kisch: „Wenn Du anständig bist, Bakschisch; wenn 
Du unverschämt bist, ade Bakschisch". Man muls 
die Türken pädagogisch, wie Kinder, behandeln. Ein 



- .58 - 

dreifsigjähriger Türke hat ungefähr den Verstan^l 
eines vierzehnjährigen Jungen, Ich weifs, dafs viele 
Menschen das Trinkgeld für ein unmoralisches In- 
stitut halten, und der grofse Ihering hat dagegen ge- 
schrieben; indessen nicht einmal in Europa ist er 
damit durchgedrungen. Man liest in den Blättern 
von Zeit zu Zeit über Gastwirtzusammenkünfte, welche 
„den Trinkgelderunfug' abzuschaffen beschliefeen; die 
wohlthätigen Folgen habe ich auf meinen Reisen 
noch niemals verspürt. Ich lasse mich in diesen an- 
spruchlosen Blättern auf die wissenschaftliche Theorie 
des Trinkgeldes nicht ein. Einen verständlichen 
Wink zur richtigen Auffassung desselben hat uns 
einer der gröfsten Söhne Englands, Kardinal Manning, 
gegeben, wenn er sagte: „Der hungernde Mensch 
hat ein natürliches Anrecht auf das Brot des Nächsten; 
dieses natürliche Recht ist so tief begründet, dafs es 
allen positiven Eigentumsgesetzen weit voransteht". 
Die Nutzanwendung auf die Trinkgelderfrage lautet: 
„Der für Dich behaglichen Genufsmenschen — denn 
das bist Du Reisender — im Schweifse seines An- . 
gesichts arbeitende Proletarier hat ein natürliches 
Anrecht auf eine über die vertragsmäfsig vereinbarte 
Entlohnung hinausgehende Extragabe; die Anerken- 
nung dieses natürlichen Anrechtes ist fiir jeden an- 
ständigen Menschen selbstverständlich". Nach diesem 
Grundsatz habe ich im Orient gehandelt und wahr- 
scheinlich das eine oder das andre Mal ein paar 
Groschen zu viel ausgegeben. Indessen ich tröstete 
mich mit dem Worte, das mir die sehr gescheite 
Frau eines Diplomaten aus den Balkanstaaten sagte: 
„On ne voyage pas pour faire des economies". Und 
dann, wie lohnt sich das in jeder Beziehung! Die 



— 159 — 

Menschen des Orients sind keine geschraubten Exi- 
stenzen; sie thun nicht das Gute um des Guten willen, 
wohl aber das Gute um des Trinkgelds willen. Ver- 
gefsliche Menschen, wie ich, lassen auf mancher 
Station ein paar Gepäckstücke liegen. Dafs ich 
alles wieder zurückbrachte, verdanke ich nur der 
Liebenswürdigkeit der dienenden Geister, deren Herz 
ich durch den Bakschisch gewonnen hatte. In Patras 
hatte ich mich im anregenden Gespräche mit einem 
griechischen Freunde und ehemaligen Schüler etwas 
verspätet; in der EUe der Abfahrt nach Olympia 
vergafs ich etwa die Hälfte der notwendigsten Reise- 
utensilien; doch der treue „Georges" trug mir mit 
der gröfsten Dienstfertigkeit eines der vergessenen 
unentbehrlichen Dinge nach dem andren zu, sodafs 
ich wohlausgerüstet abdampfte. Mein Reisehandbuch 
Hefs ich bisweilen liegen; einmal in Pera rannte mir 
Aristides, der kleine Albanese aus Dibra, durch zwei 
Strafsen nach, um es mir wieder einzuhändigen. 
Aufs ergewöhnlich praktische und sprachgewandte 
Reisende bedürfen natürlich solcher Hilfen nicht. 
Altere, bequeme und vielleicht gleichfalls vergefs- 
liche Orientbesucher thun gut daran, sich Freunde 
mit dem ungerechten Mammon zu erwerben. Die 
Kapitalanlage ist gering und verzinst sich gut. 

Aufserdem vergesse man eins nicht. Wir „Franken" 
werden von den Einheimischen, seien es Christen, 
, seien es Anhänger des Propheten, ganz ausgezeichnet 
behandelt, gleichsam als eine höhere Rasse. In den 
Läden und im Bazar werden wir mit \-iel mehr Höf- 
lichkeit und Beflissenheit bedient als der Eingebome. 
Ein vornehmer Armenier erzählte mir, dafs Armenier 
und Griechen bisweilen unser eiu-opäisches Rade- 



— i6o — 

brechen des Türkischen in den G-ewölben nachahmen, ' 
weil sie dann viel flinker bedient werden, während 
ein geläufig türkisch sprechender Christ sofort als 
Einheimischer erkannt und mit weniger Aufmerksam- 
keit behandelt wird. Der Lustradschi (der Schuh- 
putzer) entwickelt einen wahren HöIIeneifer, wenn er 
die Stiefel eines Frengi zu putzen hat, weil er vor- 
aussetzt, dals dieser ihm zwei Metalliques (lo Cts.) und I 
nicht einen, wie der Eingebome, verabreichen wird. 

Viele Reisende betrachten aber als ihr Haupt- 
ziel, den Orientalen möglichst verächtlich, fast en 
Canaille, zu behandeln. Er ist schlechte Behandlung 
gewöhnt, hat kein so fein entwickeltes Ehi^efühl 
wie der Europäer auch niedem Standes; aber maa 
täuscht sich, wenn man glaubt, ihm nur durch Roheit 
imponieren zu können. Umgekehrt sind die meisten 
Orientalen für anständige und nur menschliche Be- 
handlung sehr dankbar und rührend anhänglich; ich 
kann nur behaupten, hierin die besten Erfahrungen 
gemacht zu haben. 

Andere klagen über die furchtbare Verderbtheit 
dieser Rassen. „Wo hast Du diese bemerkt?" „Stellen 
Sie sich vor, auf der Douane mufste ich bei der An- 
kunft 12 imd bei der Abfahrt zg Francs bezahlen. 
Solche trübe Erfahrungen mit diesen betrügerischen 
Menschen nahmen mir alle Freude an den Schön- 
heiten des entzückenden Konstantinopels." „Lieber 
Freund, Du scheinst in die Hände ungewöhnlich 
raubgieriger Zöllner und Sünder gefallen zu sein. 
Indessen vollständige Unkenntnis der Landessprachen 
imd äufeerst notdürftige des Französischen oder Ita- 
lienischen werden allerdings mit einem etwas hohem 
Ansatz im Tarif bestraft" Darum lerne man wo- 



— i6i — 

möglich eine der Landessprachen. Es ist von grofsem 
Nutzen. Jedenfalls aber schelte man nicht, nach 
Deutschland zurückgekehrt, über die verderbten imd 
geldhungrigen Orientalen, mit denen man direkt gar 
nicht verkehren konnte, sondern deren Bekanntschaft 
man nur durch Vermittlimg der nichtswürdigen Dra- 
gomanrasse gemacht hat. Diesen allerdings liegt 
daran, die Europäer möglichst während des ganzen 
Konstantipolitaner Aufenthaltes in Abhängigkeit von 
sich zu erhalten. Sind sie eines solchen Ausbeutungs- 
objektes sicher, so nähren sie redlich seinen Ingrimm 
über die betrügerischen Griechen imd Armenier. Sie 
verlieren nichts dabei, imd der Ruf der Eingebomen 
ist ihnen völlig gleichgültig. 

Mit den türkischen Bootsleuten stand ich von 
Anfang an im besten Einvernehmen. Ich gab für 
die Fahrt statt der vertragsmäfsig ausbedungenen 
drei regelmäfsig fünf Piaster, der Not gehorchend, 
nicht dem eignen Triebe. Bei den überaus elenden 
Geldverhältnissen der türkischen Hauptstadt — in 
Smyma ist alles viel besser — gehören nämlich Ein- 
und Zweipiasterstücke zu den gröfsten Seltenheiten. 
Wenn man sich einen Fünfer einwechselt, zieht der 
Wucherer ein oder zwei M6talliques ab. Einen Piaster 
mufste ich anstandshalber dem braven Türken Bak- 
schisch geben. Ging ich mm, imi ihm dies über- 
reichen zu können, zum Wechsler, so blieben mir 
vom Chirek (i Fr. 5 Cts.) ganze 20 Paras (10 Cts.) 
in den Händen, Da zog ich es vor, statt den Hebräer 
zu bereichem, dem Türken lieber einen Chirek zu 
geben. Die Bootsleute von Galata sind meist Lazen 
aus der Umgegend von Trebizonde; in der Provinz 
herrscht vielerorts eine unbeschreibliche Dürftigkeit; 

G e 1 z e r , Sclbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 1 1 



— l62 — 

diese armen Teufel finden in Konstantin opel ihren , 
notdürftigen Unterhalt und betrachten deshalb die 
Kaiserstadt als ihr el Dorado. Wie alle Berufe in 
der Türkei, halten auch die lazischen Sandaldschis 
lards mannschaftlich zusammen. Von diesen Söhnen 
des Meeres habe ich mein Türkisch gelernt, einen,-! 
fürchterlich gemeinen Dialekt; meine plebejische Aiü 
Sprache bildete daher regelmäfsig den Gegenstand! 
gelinden Entzetzens bei einem feingebildeten Perser, 
mit dem ich bekannt wurde. Indessen die Sandal- 
dschis verstanden mich, und das war die Hauptsache. 
Der imgeheure Bildungsdrang unsrer Zeit hat 
auch die Türken ergriffen und sickert durch bis in 
die untersten Volksschichten. Griechen und Arme- 
nier haben längst mit den gröfsten Opfern für ihre 
Nationen Volksschulen gegründet. Aber auch die 
türkische Jugend wird heute geschult. Zu meiner 
starren Verwunderung war die junge Generation 
dieser rohen Sandaldschis des Schreibens wie des 
Lesens sehr wohl kundig, und ich konnte ihnen keine 
grölsere Freude machen, als wenn ich ein paar Worte 
in arabischer Sclirift hinmalte. Bei meinen Fahrten 
habe ich nach den ersten paar Tagen mich immer 
an denselben Bootsmann gehalten. In Venedig hatte 
sich mir diese Praxis als sehr erspriefslich erwiesen, 
und dieselbe Erfahrung machte ich am Goldnen Hom. 
Kedir war ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle; 
nie hatte ich mit ihm wegen der Bezahlung Erörte- 
rungen. Etwas Vornehmes haben die Türken. Während 
die lebhaften Griechen und Italiener ihre Zufrieden- 
heit in den artigsten Redewendungen ausdrücken, 
ist der Türke stets feierlich. Sein Dank besteht nur 
in dem eleganten Gestus des Salam, Doch für freund- 



— i63 — 

liehe Worte zeigte auch er sich sehr empfänglich. 
Seine Hauptsorge war immer zu erfahren, um wie 
viel Uhr ich aus dem Phanar zurückkehre, und wann 
ich folgenden Tages auf der Skala von Galata er- 
scheinen werde. Ich bezeichnete ihm die Zeit alla 
Franca und alla Turca, und pünktlich fand er sich 
zur festgesetzten Stunde ein, pünktlicher als ich, der 
ihn aus allerhand Gründen oft eine halbe oder ganze 
Stunde warten liefs. Indessen das hat im zeitlosen 
Orient wenig auf sich. Der Gehülfe meines Sandal- 
dschi, sein Sohn Astlan, war zwar ein ausgezeichneter 
Schiffer, sonst aber ziemlich einfaltig und ein bifschen 
unverschämt. Er bettelte öfter um ein Extratrink- 
geld oder wenigstens um Tütün (Tabak; die Lazen 
sagen Tutun). Gab ich ihm eine Kleinigkeit, so be- 
merkte er: as bakschisch (wenig Trinkgeld). Da er- 
klärte ich ihm einmal: „Wenn Astlan zufrieden ist, 
bekommt er Bakschisch; wenn er unverschämt ist, 
miete ich einen andren Sandaldschi". Das wirkte wie 
eine Bombe. Der Vater nahm seinen Stock und 
forderte mich auf, seinen ungezogenen Spröfsling 
damit zu bearbeiten. Ich bemerkte, dafs wir in Europa 
die Erziehung • ohne Schläge besorgten. Mein Wort 
hatte übrigens gewirkt. Von jetzt an hiefs es immer: 
Astlan memnun; böjük Bakschisch! (Astlan ist zu- 
frieden; grofses Trinkgeld!) So habe ich pädagogisch 
auf den Sohn des Meeres gewirkt. 

Natürlich sind die Kollegen unter einander neidisch 
wie die Raben. Sie mifsgönnten den beiden meinen 
Bakschisch und guckten immer, wie Raubvögel, zu, 
wenn ich jene ablohnte. Kedir war das höchst fatal. 
Ich erfand daher einen neuen Bezahlungsmodus. 

Während der Fahrt, mitten auf dem Meere, in mög- 

II* 



— 104 — 

liclist einsamer Gegend entrichtete ich meinen Tribu^ 
Beim Aussteigen wechselten wir zur allgemeinen Ver- 
wunderung nur einen kurzen Grruis, und der alte Ked 
lachte auf den Stockzähnen. 

Weil ich regelraäfeig den ganzen Tag im Klost^'l 
des heiligen Grabes blieb, folgte ich gern der £ia*3 
ladung der Mönche, an ihrem Mittagsmahle teilzurl 
nehmen. Im Hotel mulste ich freilich trotzdem be- 
zahlen, da ich Pension abgemacht hatte. Ich pflegte 
mir daher öfter vom Maltre d'Hötel das Frühstück 
mitgeben zu lassen, bat ihn aber keinen Schinken bei- 
zulegen, da mir dieser zu sehr Durst verursache..! 
So erhielt ich ein hübsches Paket mit einer den ] 
Geboten des Propheten nicht widersprechenden Atzui^jJ 
dessen Anblick immer die beiden Türkengesicht« 
vor Freude leuchten machte; denn sie wurden : 
seiner Bestimmung bald vertraut. Für sie war 
allemal ein Festessen. Türken und Kurden (auch I 
die Griechen aus dem Volke) leben unbeschreiblich -j 
einfach, fast ausschliefslich vegetarisch. AlkohoHscha 
Getränke verbietet ihnen ihre Religion , de« 
Satzungen das niedere Volk auf das gewissenhafteste 
hält. Mir war es immer ein Rätsel, wie diese stäm- 
migen und sehnigen Bootsleute und Lastträger, die 
den ganzen Tag rudern oder unglaubliche I..asten 
tragen, mit einigen Früchten oder gebratenen Ka- 
stanien ihren Appetit stillen und dazu Wasser trinken. 
Unsre Arbeiter vermochten das nicht. Dort geschieht's, 
Gewifs wirkt auch das Klima mit; aber die grofse 
Mäfsigkeit bei kolossaler physischer Kraftanstrengui^ 
bleibt trotzdem bewundernswert. 

Bisweilen macht man hübsche Einblicke in das 
türkische Familienleben, Der alte Mustafa, ein Laze 



- i65 - 

aus Trebizonde, hatte erst in späten Jahren eine 
junge Frau geheiratet; er war von Trapezunt nach 
Konstantinopel gezogen, um sein Leben zu fristen. 
Sein ganzer Besitz steckte in dem SandaL Selbst 
zu alt und schwach, überliefs er dessen Bediemmg 
seinen beiden Söhnen, Ali und Astlan, zwei Burschen 
von achtzehn und siebzehn Jahren. Die Mutter be- 
sorgte das Hauswesen, und so hatten diese beiden 
jungen Leute für die Familie zu sorgen. Von ihrem 
Verdienst als Sandaldschis lebte das ganze Haus. Als 
ich von Halki zurückkehrte, fragten sie zu meiner 
grofsen Verwunderung, in welchem Monastir (Kloster) 
ich gearbeitet habe, ob in Hagia Triada oder im Pa- 
nagiakloster. Ich hätte nicht gedacht, dafs diese un- 
wissenden Türken so gut Bescheid wufsten; auch 
von dem Zweck meiner Reise, dem Besuch der dor- 
tigen Bibliotheken, hatten sie ziemlich deutliche Vor- 
stellungen. Diese Sandaldschis fuhren mich und eine 
befreundete griechische Familie einst nach den süfsen 
Wassern Europas. Es war ein Sonntag und daselbst 
eine ziemlich grofse Volksversammlung: Griechen, 
Türken und Armenier, ein fröhliches Gedränge in 
allen Kaffenia. Auf den Wiesen tummelten sich 
einige zu Fufs oder zu Pferd; andere übten sich im 
Wettrudem auf dem sanft dahinfliefs enden, von alten 
Bäumen umschatteten Strome. Wir ergingen uns 
lange in dem schönen Parke, der zu Sultan Mahmuds 
Schlofs gehört. Merkwürdig war der grofse Anstand 
dieser sonntäglich fröhlichen Menge. Im Gegensatze 
zu dem Eindrucke , den Sonntags unsre Vergnü- 
gungslokale gewähren, zeigte sich nirgends unter 
dem jubelnden, meist den untern Standen angehören- 
den Menschengewimmel ein Betrunltener. Nur zwei 



— i66 — 

jungte Türken führten zur Lautenbegleitung 
äufserst graziösen, zum Schlufs allerdings etwas lasciven 
Tanz auf. Der Kavedschi, der uns bediente, ein alter 
Grieche, sagte aber gleich mit verächtlicher Miene: 
eivai ToOpKOi (Es sind Türken), 

Sehr empfänglich sind die Söhne Osmans für 
Scherze kindlicher Art. Einst kaiifte ich bei einem 
Klurden fiir zwei Piaster gebratene Kastanien, und 
an der Lände zeigte ich unter dem üblichen Rufe 
der Händler: Kestana kebab {geröstete Kastanien) 
meine Beute. Das war eine Seligkeit, als ich diese 
an die „gottlosen Agarener" verteilte. Besonders 
freute sich ein gewisser Hussein, der den Löwen- 
anteil davongetragen hatte. Sobald mich später der- 
selbe gewahr WTirde, oft mitten auf dem Goldnen 
Hom, rief er mir mit fröhlichem Lachen: „Kestana 
kebab" entgegen; er hielt das offenbar für einen aus- 
gezeichneten Witz; denn er wiederholte den Scherz 
unermüdlich. 

Der liebenswürdigste unter diesen Bootsleuten 
war ein gewisser Ismail, ein Mensch von wahrhaft 
rührender Anhänglichkeit. Ich bedauerte schlieislich, 
nicht ihn zu meinen regelmäfsigen Fahrten gemietet 
zu haben. Einst fahre ich mit ihm nach Divan Hane, 
um dem Zikr der heulenden Derwische beizuwohnen. 
„Ach, Tschelebil" sagte er, „nimm mich doch auch 
für die Rückfahrt; ich warte gern zwei oder drei 
Stunden an der Skala, wenn Du nur wieder mit mir 
fährst." Leider hatte ich einen Besuch in Pankaldi, 
auf dem Höhenrücken von Pera, zu machen und 
konnte daher die Bitte des Braven unmöglich er- 
füllen, was er übrigens begriff. Als ich zum letzten 
Male das Goldnte Hom durchquerte, fuhr er dicht y 



— 167 — 

neben meinem Kahne eine Strecke mit. Ich wurde 
ungeduldig und sagte: „Ach, Ismail! Du siehst, dafs 
ich heute Kedir gemietet habe. Zwei Sandais brauche 
ich nicht." Da streckte er mir seine gebräunte Rechte 
entgegen und sägte nur: „Tschelebi, addio!" Diese 
zwei Worte haben mich mehr gerührt als der be- 
redteste Abschiedsgrufs. 

Die gröfste Seligkeit der Türken ist der Tabak. 
Alle Türken, auch Frauen imd Kinder, sind leiden- 
schaftliche Raucher, und durch Verteilen der ebenso 
billigen als schlechten Cigaretten der osmanischen 
Regie erwarb ich mir viele Freimde, und wenn ich 
daher der Landungsstelle nahte, begann gleich aus 
vielen Kehlen das Bettelgeschrei: „Mussjul Tutun!" 
Als aber ein Alter einmal etwas zudringlich wurde 
und höchst eigenhändig aus meiner Cigarettenschachtel 
sich bedienen wollte, wies ich ihn zurück: „Du be- 
kommst keinen Tabak; Du bist unverschämt (utanmas)". 
Ganz betrübt und beschämt schlich er sich davon, 
wie ein Schulknabe, der eine schlechte Censur er- 
halten hat, und wiederholte schmerzerfüllt: „utanmas, 
utanmas". Das war doch recht taktlos von dem 
Franken, den reifen Mann vor diesen Gelbschnäbeln 
zu blamieren. Von da an herrschte musterhafte 
Ordnung. 

Als ich nach mehrwöchentlicher Abwesenheit 
wieder nach Konstantinopel zurückkehrte, machte ich 
mich zum voraus auf einen etwas lärmenden Empfang 
von Seiten dieser Kinder der Natur gefafst. Ich 
hatte mich vorbereitet durch Einkauf einer etwas 
gröfsem Quantität Tabak und die Ausarbeitung einer 
wohldisponierten Rede. Natürlich wurde ich, kaum 
an der Skala angelangt, mit lautem Jubelgeschrei 



und der üblichen Tabakpetition begrüfsL Daraul 
sprach ich zum versammelten Schiffsvolke: „Ihr seid 1 
alle Strolche, aber liebenswürdige Strolche; darum J 
habe ich euch gern und gebe euch Tabak". Die ] 
Freude war eine grofse, und wir schieden als die J 
besten Freunde. So könnte ich noch hundert kleine j 
Züge erzählen als Beleg, welch treuherzige, anhäng- 
liche und kindlich brave Menschen diese einfachen \ 
Söhne des türkischen Volkes sind. 



3. DIE FRÖMMIGKEIT DER TÜRKEN. 

Einen mächtigen Eindruck machte auch auf mich 1 
die grofse Frömmigkeit der Türken. Ich besuchte J 
mehrfach in Konstantinopel, wie in Smyma, die Tekkea | 
der heulenden und der tanzenden Derwische, derrai j 
ganzes Leben und Treiben religionsgeschichtlich 1 
höchst interessant ist. In Sjrien und dem östlichea | 
Kleinasien sind die grofeen Schechs und Babas zu ] 
Hause. Bei Amasia hauste der Stifter der Begtaschisj 
in Konia ist das Familiengrab des Stifters der Mew* 
lewis. Auf diesem Boden ist der Mystizismus imdJ 
religiöse Wahnsinn heimisch. Wir wissen aus IblT<] 
Bahitahs Reisen, dafs schon im XIV. Jahrhundertl 
der Islam Kleinasiens eine ganz eigentümlich aiis^ j 
geprägte Physiognomie hatte. Jene Bruderschaften f 
der jungen Leute, welche den arabischen Waller so gast- | 
frei überall aufnahmen und deren nächtlichen GotteSi^ j 
diensten er mehrfach beiwohnte, sind eine speziell in ] 
Kleinasien heimische Einrichtung, Man fragt sich im» 
willkürlich: ist dieses DerwJschwesen mit seinem Mysti- 
zismus eine spezifisch islamitische Institution, oder ] 
reichen seine Wurzeln nicht in vorniohammedanische 1 
Zeiten zurück? Bekannt genug ist, dafs im islamitischen J 



- i69 - 

Orient der Blödsinnige als heilig gilt. Einer der gröfsten 
türkischen Sancti ist der in Osmandschik begrabene 
Gefährte des Schechs der Janitscharen, Hadschi Beg- 
taschi, der heilige Kujunbaba, „der Hammelvater", 
welcher nicht sprach, sondern fünfmal des Tages zur 
Gebetstunde wie ein Hammel blökte. Solche ver- 
rückte Heilige kennt aber auch der vorislamitische 
Orient, Im VL Jahrhundert blüht in Emesa — als 
Höms später das Schiida der Araber — Symeon der 
Narr um Christi willen, ein von der ganzen Stadt 
hochverehrter und trotz oder wegen seiner wahn- 
sinnigen Streiche bewunderter Heiliger. Er hat bei 
den Griechen wie den Russen zahlreiche Nachfolger, 
lind Tolstoi hat in seinen Volkserzählungen (Drei 
Greise) diesem Glauben einen hinreifsenden Ausdruck 
verliehen. Die Tänze und das Geheul der Derwische 
erinnern an den koryb antischen Taumel der Kybele- 
priester. Noch heute schneiden die Derwische Ma- 
nissa's sich in heiliger Wut mit Messern die Arme 
blutig, wie das Apuleius von den Metragyrten erzählt 
Phrygien, eine religiös tief durchwühlte Landschaft, 
ist die Heimat des Montanismus mit seinen enthusia- 
stischen Prophetinnen, und Montanus, das Sekten- 
haupt, soll Kybelepriester gewesen sein, sodals auch 
diese Reaktion des urchristlichen, schroff supranatu- 
ralen und enthusiastischen Geistes ihre Nahrung von 
dem echt phrygisch-orgiastischen Kybelefanatismus 
empfangen hat. Ein andrer präislamitischer Fakir 
und Derwisch war der Diakon Glykerius, der Kappa- 
dozier, der Schützling des heiligen Gregor von Na- 
zianz. Mit jungen Mädchen, seinen ständigen Be- 
gleiterinnen, organisierte er von Gesang begleitete 
Tänze, welche kolossalen Zulauf namentlich von selten 



— I70 — 

der Jungtnannschaft erhielten. Der heilige Basilius 
schreibt darüber mit einer übrigens sehr milden Ent- 
rüstung: „Bedenke, was das für eine Gelegenheit war. 
Das Fest von Venasa wurde gefeiert, und, wie ge- 
wohnt, strömte eine gewaltige Volksmasse durch alle 
Gaue. Er führte den Reigen an, begleitet von jungen 
Männern und im Tanze sich drehend, bewirkend, 
dafs die Frommen ihre Augen niederschlugen u. s. f." 
An Glykerius selbst schreibt er: „Du sollst von Gott 
verworfen werden mit deinen Gesängen und deinem 
Spiel, mit dem du die jungen Mädchen nicht zu Gott, 
sondern zum Schwefelpfuhl leitest". Dafs die geord- 
nete Kirche über diese nächtlichen Tänze der Mädchen 
unter Führung des Diakonus und in Gesellschaft junger 
Bursche in einige Aufregung geriet, ist ganz natür- 
lich. Aber warum ist Bischof Gregor so nachsichtig? 
Sehr passend erinnert Ramsay daran, dafs Venasa 
eines der hochheiligen Centren Kappadoziens war; 
der dortige Oberpriester des Zeus gebot über mehrere 
Tausend Hierodulen und hatte fünfzehn Talente {gegen 
70000 Mk.) jährliche Einkünfte. Offenbar hat Gly- 
kerius ein alteinheimisches heidnisches Fest leise ver- 
wandelt und die uralten landesüblichen Zeustänze mit 
den Kindern der ehemaligen Hierodulen für irgend 
einen christlichen Heiligen verrichtet, wie uns paral- 
lele Vorgänge aus dem benachbarten Armenien im 
Leben des heiligen Grregor des Erleuchters erzählt 
werden. Den durch das Christentum vermittelten 
Zusammenhang zwischen dem alten Naturenthusias- 
mus und dem heutigen Derwischwesen betont auch 
Ramsay in trefflicher Weise'}: „Chorgesai^ und 

l) W. M. Ramsay, Tlie church ia tbe Roman empire, London 1893, 
s. «SS- 



I 




— 171 — 

Reigentanz sind natürliche und regelmäfsige Be- 
gleiter der altem und einfachem Formen der Reli- 
gion, sowohl der heidnischen, wie der jüdischen; 
und in Venasa wurden sie (von den Christen) bei- 
behalten mit einigen Beschränkungen in Worten und 
Bewegungen. An die Stelle der heidnischen Sprüche 
kamen zweifellos geistliche Hymnen. Basilius macht 
keinerlei Andeutung, als wäre der Tanz und Gesang 
nicht ruhig und bescheiden gewesen. Die Ausge- 
lassenheit der alten heidnischen Bräuche war auf- 
gegeben worden; aber in manchen Beziehungen be- 
stand zweifellos eine genaue Verwandtschaft zwischen 
dem alten heidnischen imd dem neuen christlichen 
Feste. Wahrscheinlich giebt uns der Tanz der 
heutigen grofsen Derwischklöster von Kara- 
Hissar und Ikonium die beste Vorstellung von 
dem Fest zu Venasa in den Tagen des Basi- 
lius, wenn au^h der bilderfeindliche Geist des Mo- 
hammedanismus die Ekstase imd die enthusiastische 
Hingabe des alten Rituals noch weiter gedämpft haben 
werden. Aber die fremdartige, geisterhafte Musik 
der Flöte und der Cymbeln imd der aufgeregte, wenn 
auch anständige Tanz machen die Ceremonie nichts- 
destoweniger zu dem entzückendsten und wonne- 
trunkensten Vorgang, den ich je kennenlernte. Durch 
diese Analogie erhalten wir einen Begriff von der 
Macht, welche ein Mann von angebomer Fähigkeit 
und religiöser Inbrunst über zahlreiche jimge Leute 
gewinnen kann. — Glykerius, wie uns Basilius erzählt, 
nahm den Titel und das Kostüm eines ,J^atriarchen" 
an . . . er war der Direktor der Cerfemonie; aber, wie 
der moderne Derwischschech, tanzte er nicht selbst" 
Um die Derwische kennen zu lernen, darf man nicht 



in Konstantinopel bleiben, wo sie durch den Fremden 
konfiux bezahlte Schauspieler geworden sind, sondern) | 
man muTs in die Provinz gehen, um zu erkennen^ 1 
dafs der uralte autochthone Paganismus und die alts- 1 
phrygiache verzückte Religiosität, wenn auch ent- 
stellt und teilweise abgeblafst, in ihnen fortleben. , 
In Smyma ging ich mehrmals zum Zikr der heulenden 
Derwische, wie ich aufrichtig gestehe, mehr aus reli- 1 
gionsgeschichtlichem und auch aus pathologischem 
Interesse, weil ich mich an dem Gebrüll und den 
Bocksprüngen der Heiligen zu erheitern hoffte'). 
Allein so schlecht ich demgemäls auch disponiert 
war, ich mufs bekennen, dafs die aufrichtige Religio- 
sität der Teilnehmer einen gewaltigen Eindruck auf i 
mich machte. Die naive mittelalterliche Frömmig^ 
keit, welche die Christen des Orients kaum mehr b&- ^ 
sitzen und weiche uns im civilisierten Westen nicht j 
einmal vom Hörensagen bekannt ist,, lebt noch uiv j 
gebrochen bei den Türken fort. Wenn der Ruf des J 
Giebetes ertönt, steigt der Landmann, wie ich in i 
Lydien oft sah, von seinem Esel; unbekümmert um J 
Zuschauer und Strafsenstaub , macht er mit gröfstef \ 
Andacht seine Kniebeugungen und Prostrationen, bis ' 
dem religiösen Gebote genügt ist. Dieselbe aufrich^ 

l) Hier will ich auch ein religionsptilosopliisclies GeaprScb lam 
besten geben übet die Derwische, dessen unireiwilljger Zuhörer in 
Hotci Bristol ich wurde. Eine sebr kluge Aincrikanerin verglich die 
Derwischtänze mit den Camp-meeticgs der Mothodisten und meinte: 
„Ces dsnses sont une n^essit^ pour les hommes, ils revieoDent ton> , 
joors ä l'existGDce sauvage. Moi, je comprends cela." Und eine 
alle, sehr starke Rumäcin, welche tapfer Cigarren rnucbte, erwiderte! 
„Moi, je respecte cela; on s'eicite, on crie, on hurle: cela choqoe 1 
les perscnnea qui sont plus civiÜB^es; mois enlin, je comprends cela."* 
Leidet habe ich die Fortsetzung dieses Dialogs nicht aufgezeicilitet. j 



^«ta 



— 173 — 

tige Inbrunst bemerkte ich auch bei den Derwischen. 
In Smyrna kommen selten Fremde zum Besuch; im 
Reisehandbuch ist ihr Tekke nicht notiert, und darum 
kennen sie Europens übertünchte Höflichkeit noch 
nicht; sie leben nur sich und ihrem Gottesdienst. 

Es dauerte allemal ziemlich lange, bis die gläubige 
Gemeinde sich versammelt hatte; dann stellte sich 
der Schech in die Mitte, und die andern traten im 
Kreis auf ihre Lammfelle. Nach dem Eingangsgebet 
knieen sie alle nieder und beten die erste Sure des 
Korans, welche der Schech vorspricht. Dieses Beten 
ist kein einfaches Sprechen, sondern mehr ein modu- 
liertes, kadenziertes Singen in der Weise des litur- 
gischen Gottesdienstes. Darauf singen sie — immer 
mit dem Hochton auf der drittletzten Silbe — das: la 
iläh illa'Uah (Es giebt keinen Gott als Allah). Das 
wiederholen sie mindestens hundertmal, immer in dem- 
selben Tempo; darauf singt es der Schech nochmals 
vor, und zwar in viel schnellerem Tempo. Mit rasen- 
der Schnelligkeit wird es vom Chor etwa hundertmal 
wiederholt. Dabei wiegen sie den Leib immer nach 
vorwärts imd zurück und wackeln mit den Köpfen. 
Als Begleitung dient eine ohrenzerreifsende Flöten- 
musik. Ein blinder Alter und ein junger Bursche, 
der mit seinen grofsen Händen nie recht weifs, wo- 
hin, singen dazu herzbrechend geistliche Lieder. Aber 
auf die Orientalen macht diese eintönige Musik mäch- 
tigen Eindruck; immer erregter werden sie; auch 
den Europäer erfafst allein vom Zuhören ein nervöses 
Kontagium. Auf Befehl des Schechs rufen sie xm- 
zählige Mal: Allah, Allah, dann viel dumpfer und fana^ 
tischer, dafs es wie OUah, OUah klingt; darauf ganz 
wild und verzückt: Allah, Allah, burda, burda. Die 



— 174 — 

g'anze Gesellschaft ist frenetisch erregt und keuchtl^ 
nur noch unzählige Mal: Hui Hui (Erl Erl) Indessen 1 
das wüste Gebrüll und Schäumen, wie in Skutari, 1 
bemerkte ich hier nicht; es war überhaupt keine Spur 1 
von Komödie, auch kein eigentlicher Ausbruch reli- 
giösen Wahnsinns, sondern entschieden eine wenn I 
auch rohe Form tiefempfundener Andacht. Plötzlich | 
tritt allgemeine Stille ein; sie stehen auf, geben sich j 
die Hand und singen ganz hübsch ein langes geist- 1 
liches Lied. Dann tritt ein Derwisch mit hoher Filz- | 
röhre in die Mitte und tanzt um sich selbst; die ' 
andren Mönche bilden einen tanzenden Ring um ihn, 
einen zweiten die Laien; es erinnert an eine Quadrillen- 
figur; auch dazu werden Hymnen gesungen. Was 
mir besonders auffiel, war, dafs an der religiösen 
Übung sich durchaus nicht nur die Derwische, son- 
dern auch zahlreiche Laien in ihrer weltlichen Tracht 
beteiligten; es waren Leute aus dem Volke, Männer 
und Knaben, Friachteverkäufer, Wasserträger, Soldaten, 
kleine Beamte, aber auch einige vornehme Offiziere 
in glänzender Uniform und ein fein und europäisch 
gekleideter alter Herr, der nur durch sein Fez als 
Orientale gekennzeichnet war. Alle diese Laien ver- 
richteten ihre Andachtsübungen mit der gröfsten Innig- 
keit; nur ein junger Händler, der sich mechanisch, 
nicht, wie die andern, vorwärts und rückwärts, sondern 
nur sehr wenig mit dem Kopfe nach links und rechts 
wiegte, schien durchaus nicht bei der Sache zu sein. 
Als ich das zweite Mal kam, waren genau dieselben 
Laien als Teilnehmer erschienen. Offenbar vollzogen 
sie ihre Freitagsandacht mit der Regelmäfsigkeit 
pünktlicher Kirchgänger, Man hatte ganz den Ein- 
druck, als wäre man in einer Versammlung moham- 



— 175 — 

medanischer Gemeinschaftsleute oder Stündeier ge- 
wesen. Das Kloster liegt mitten im türkischen Quartier, 
einer orientalischen Oase in dem immer mehr euro- 
päisierten Smyma unweit der echt türkischen Haupte 
strafse. Auf beiden Seiten derselben sind hohe Bäume 
gepflanzt, in deren Schatten die Kaffeesieder und 
kleinen Handwerker ihre Geschäfte auf offner Strafse 
betreiben. Das zweite Mal besuchte ich das Kloster 
mit einer befreundeten armenischen Dame, die — 
charakteristisch für diese Levantiner^) — obschon in 
Smyma geboren und ihr ganzes Leben dort ansässig, 
noch niemals das Tekke besucht hatte. Als sie, zum 
erstenmal in ihrem Leben, mit mir das Türkenquartier 
betrat, durchfuhr sie ein unwillkürlicher Schauer: Oh! 
comme j'ai peur. Obschon durch den edeln Vali 
Kiamil-Pascha Smyma von den Armeniermorden ver- 
schont geblieben ist, steckt den unglücklichen Volks- 
genossen die furchtbare Erinnerung an dieselben noch 
in allen Gliedern. Aber auch diese Armenierin gab 
mir zu, dafs sie von der tiefen Frömmigkeit dieser 
Andächtigen überrascht worden sei. 

Sehr erheitert hat mich auch die „wissenschaft- 
liche" Theorie eines gebildeten und aufgeklärten 
Koranlesers über das Derwischwesen, welche ganz an 
unsre ehemaligen Erklärungen des Rationalismus vul- 
garis erinnert. Er setzte mir auseinander, diese Tänze, 
Leibverrenkungen und Genuflexionen hätten einen 
sehr guten Zweck. Das religiöse Gesetz, welches die 



I) Mit einer befreundeten griechischen Familie besuchte ich von 
Prinkipo aus Konstantinopel. Die Mutter war in Pera geboren, die 
Kinder mit allen Strafsen der Hauptstadt vertraut. Zum erstenmal in 
ihrem Leben besuchten sie mit mir die Aja Sofia, die Achmedije und 
die Sulimanije. 



_ 176 - 

Derwische ins Kloster einschlofs, habe in sanitäts- 
widriger Weise ihnen die körperliche Bewegung- er- 
schwert, und als Ersatz für Spaziergänge, Bewegimgs- i 
spiele u. s.f. habe dann der Gesetzgeber diese religiöi 
Gymnastik eingeführt. Er war von der Richtigkd 
dieser Ausführungen felsenfest überzeugt und einig'ei 
malsen beleidigt, dafs ich mich mehr humoristii 
als zustimmend darüber äufserte. 

Es ist übrigens nicht an dem, als ob die Gebil- 
deten bereits alle ihre Religion verloren hätten. Auch 
Männer der bessern Stände machen noch mit Inbrunst 
die religiösen Cereraonien mit. So war ich in der 
Achmedijemoschee einst Zeuge eines äufserst sonder- 
baren Vorfalls. Ein junger Türke, nach der feinsten 
Pariser Mode gekleidet, in einem hellrosa Hemde und 
einem taubengrauen Anzug, nahm die gesetzlichen 
"Waschungen vor. Zuerst löste er seine hochelegante 
Krawatte, Faux-cols und Manschetten und wusch Ant- 
litz und Hände; hierauf streifte er von seinen Füfeen 
die gelben Schuhe und Seidenstrümpfe, um auch an 
ihnen das Religionsgesetz zu verwirklichen. Diese 
Mischung von Mohammed und tout Paris wirkte so 
unwiderstehlich komisch, dafs ich imd ein anwesender 
Freund Mühe hatten, das Lachen zu unterdrücken. 
Das hinderte den osmanischen Dandy nicht, mit 
gröfster Ernsthaftigkeit seine Waschungen zu voll- 
enden. Solche Frommen der Modewelt sind übrigens 
sehr selten auch in Stambul. 





II. DIE TÜRKISCHEN EFENDIS, 



I. DER FORTSCHRITT IN DER TÜRKEI. 

Auci die orientalischen Christen geben unum- 
wunden zu, dafe der Türke aus dem Volk ein vor- 
trefflicher Mensch ist. „efvai KttXoi ävöpiuTToi" (Es sind 
gute Leute) bestätigten mir regelmafsig- die griechi- 
schen Prälaten. Indessen ein Deutscher, der durch 
langjährigen Aufenthalt Land und Volk gründlich 
kennen gelernt hat, sagte mir mit vollem Recht: 
„Wenn der Türke nur Unteroffizier geworden ist, 
taugt er schon nichts mehr". Die höhere Gesellschafts- 
schicht osmanischen Geblüts ist überraschend gering- 
wertig. Ich urteile hier weniger aus persönlicher 
Erfahrung, als nach dem, was kompetente Europäer 
mir mitteilten. Ich hatte selbst wenig Gelegenheit 
(suchte sie auch nicht), mit höher stehenden Türken 
in Beziehung zu treten. Gern hätte ich den hoch- 
bedeutenden Vali von Smyma, den ehemaligen Grofs- 



— 178 - 

vezier Kiamil-Pascha, kennen gelernt; aber mang'el. 
haftes Entg-e genkommen von mafsgebender Seite und 
eine Reihe unglücklicher Umstände verhinderten dies. 
Wer wie ich seit beinah dreifsig Jahren Konstaati- 
nopel nicht mehr gesehen hat, ist erstaunt über den 
kolossalen Fortschritt, den nicht nur Pera, sond^m 
selbst Stambul gemacht hat. Rein äufserlich betrachtet, 
welch ein merkwürdiges Schauspiel ist es, dafs man 
jetzt zum Weisheitstempel des grofsen Justinian und 
zu seinem Hippodrom, wo einst die Blauen und die 
Grünen getobt hatten, mit der Pferdebahn fahrt! Das 
ist gleichsam die äufsere Etikette, welche uns darauf 
aufmerksam macht, dafs der europäische Kulturstrom 
sich machtvoll in den noch halb mittelalterlichen, 
halb antiken Orient ergossen hat. Diesen Umwand- 
limgsprozefs zu verfolgen, ist für jeden Geschichts- 
freund ein überaus anziehendes und bedeutsames 
Schauspiel Ähnliche Gedanken und Empfindungen 
mögen in der Brust gebildeter Griechen entstandea 
sein, wenn sie, wie ein Polybius, das langsam seiner 
altangestammten Barbarei sich entwindende Italien 
durchreisten. Besonders überraschend wirkt unmittel- 
bar neben einander der Gegensatz von europäischer 
Hyperkultur und unverfälschter asiatischer Barbarei, 
wie vor allem Kons tan tinopel und SmjTna sie zeigen. 
In die schrillen Pfiffe der Dampfer, welche den Bos- 
porus und das Marmararaeer durchfurchen, mischen 
sich die melodischen Klänge des Muezzin, der die 
Gläubigen zum Gebet aufruft. Von Smyrna aus saust 
man mit der Bahn nun bis ins Herz der kleinasiatischen 
Halbinsel, und neben dem Bahndämme trollen 
vor Jahrtausenden, die lasttragenden Kamelkarawanem 
mit ihrem eintönigen Geläute. Das Grand Rötel 



: 



awanem .^^H 



— 179 — 

Therapia ist elektrisch erleuchtet, und die Neben- 
strarsen von Pera und Smyma entbehren des Nachts 
oft der allerprimitivsten Beleuchtung, sodafs der, dem 
sein Leben lieb ist, hübsch zu Hause bleibt und 
jedenfalls keine einsamen Ausflüge unternimmt. So 
ist das Reich des Halbmonds zugleich das Land der 
seltsamsten Kontraste. Indessen all die riesigen Fort- 
schritte, welche Konstantinopel und die Türkei im 
letzten Menschenalter gemacht haben, sie sind zu- 
stande gekommen nicht durch die Regierung, sondern 
trotz der Regierung. Durch die Klugheit und die 
Energie der Europäer und der christlichen Unter- 
thanen, durch die sehr verständlichen Befehle der 
Grrofsmächte sind sie der widerwilligen Pforte abge- 
rungen worden. 



2. URSACHEN DER GRÖSSE DES ALTTÜRKISCHEH 
REICHS. 

Das eigne Verdienst der Pforte ist bei diesem Kul- 
turfortschritt bedenklich gering. Allein sie kann nichts 
dafür. Es fehlt ihr eben ein tüchtiges Beamtenraate- 
rial, und das ist auf den ersten Blick um so rätsel- 
hafter, weil ja doch in den frühem Jahrhunderten die 
Türken ein Herrscher\-olk waren, vor dem ganz Europa 
zitterte. Die Hohe Pforte besafs Staatsmänner, deren 
Regierungsweisheit die Bewunderung der europäischen 
Botschafter wachrief. Aber das war alles nur Schein. 
Das Türkische Reich ist so grofs geworden durch 
die Christen. Seine genialen Grofsveziere, Kapudan- 
paschas und Statthalter sind seit der Eroberung Kon- 
stantinopels nahezu ausnahmslos Grriechen, Kroaten, 
Herzegowiner und Serben, jVIbanesen, Armenier, Geor- 
gier und ItaUener gewesen. Der regelmäfsig geübte 



Knabenraub hat dem Reiche nicht nur seine tapferstei 
Generale, sondern auch seine bedeutendsten geistigen 
Kapazitäten geliefert. Auf diesen für die Beurteilung ■ 
des türkischen Staatswesens entscheidenden Umstand \ 
hat schon von Hammer aufmerksam gemacht'}: „Re- 
negaten waren die grofsten Feldherren imd Staats- 
männer der Regierung Suleimans und Selims, welche 
das osmanische Reich auf den höchsten Giebel seiner 
Macht erhoben und auf demselben ein Jahrzehnt er- 
hielten. Von zehn Grrofsve zieren dieser Epoche waren 
acht Renegaten: Ibrahim und Suleiman der Verschnit- 
tene Griechen, Ajas, Lutfi und Ahmed Albanesen, der 
fette Ali aus der Herzegowina, wie Pertewpascha, 
wie Hersekoghli und Dukaginoghli; Albanesen und 
Kroaten waren Rüstern und sein Bruder Sinan, die 
Veziere Ferhadpascha, Ahmedpascha, der Verräter, 
der sich in Kairo zum Sultan aufwarf, Daudpascha, 
und der Eroberer von Jemen, Sinanpascha; Bosnier 
der Girolsvezier Mohammed Sokolli, der Vezier Mustafa- 
pascha, die Helden der Grenze, Chosrewpascha und 
die Familie Jahjahoghli's, dann Jailak Mustafapascha, 
Sal Mohammedpascha, der Eroberer C3fpems, Lala 
Mustafapascha, der Statthalter AgyptensMaktulMoham- 
medbeg, Baltaschi Ahmedpascha, Dschenabi Ahmed- 
pascha, Temerrüd Alipascha und Ssofi Alipascha, der 
vor Szigeth getötete Statthalter von Ägypten; Russen 
Hasanpascha, der Statthalter von Jemen, und der Ver- 
schnittene Dschaaferpascha, endlich die Leuchttürme 
des osmanischen Seewesens imd Korsarentums, Ssali- 
pascha (ein Grieche aus der Ebene von Troja), Piale- 
pascha, ein gebomer Ungar oder Kroat, der Calabrese 



I) Gescbicbte d. Osmanisclieii Reichs II' S. 434r vgl. S. 454. 



— i8i — 

Ochiali, und das grofse Raubtier der Meere, Barba- 
rossa, selbst aus griechischem Blute. So ist das osma- 
nische Reich zu Land und zur See nicht durch turk- 
manische Roheit und Unausschliefslichkeit, sondern 
durch griechische und slawische Feinheit und List, 
durch bosnische und kroatische Standhaftigkeit und 
Hartnäckigkeit, durch allen diesen Renegaten gemein- 
same Tapferkeit und Gewissenlosigkeit, durch die 
Talente und die Herrschergaben der Eingeborenen 
der eroberten Länder als Kolofs aufgestiegen, der 
den Nacken der Völker niedertrat, welche durch 
Renegaten- und Sklavensinn ihre eignen Eingeweide 
zerfleischten." 

Charakteristisch ist die Besetzung des Amtes 
des Grofsveziers. Von 1359— 1453 bekleideten dasselbe 
durch vier Generationen von Vater auf Sohn An- 
gehörige der einheimischen Familie der Dschenderli. 
In der Glanzzeit des Osmanenstaates von 1453 — 1623 
folgen einander 49 Grofsveziere; danmter sind: 7 Grie- 
chen, II lUyrier (Kroaten, Herzego winer, Slawonier, 
Bosnier), 11 Albanesen, je ein Italiener, Tscherkesse, 
Georgier, Armenier und nur 5 Türken, während ich 
allerdings bei zehn die ursprüngliche Nationalität 
nicht feststellen konnte^). 



I) Folgendes ist das Verzeichnis der Grofsveziere von Moham- 
med II. bis auf Mustafa I. nach Hammer, wozu ich die Ethnika zu- 
sammengesucht habe: 

Mohammed IL (1451 — 1481). 4. Mahmudpascha zum 2. Male 

1 . Mahmudpascha — 1 467 Grieche — 1 473 

2. Rum Mohammedpascha — 1470 5. Kedük Ahmedpascha — 1477 
Grieche Albanese 

3. Ishakpascha — 1472 Ulyrier u. 6. Mohammedpascha — 148 1 Ka- 
Sklave ramanier. 



Als dajin durch die Siege der christlichen Mächte, 
vor allem Ostreichs und des Deutschen Reichs, der 
christliche Bluttribut aufhören mulste, da verlor das 



Bajesid n. (1481 — 1513}. 

7. IshnkpaEcha wieder ^1483 

8. Daudpaschü — 1497 Albanese 

9. Hersek Ahmedpii6cha — 1498 
Henegowinei, Sohn des Her- 
zogs V. Saba, Stepbsj] Cos- 

10. Ibrihimpascha — '499 ^^' 
fünfte Dscbenderli 

11. Mesihpasclia — 1501 

12. Chadim Alipaacha — 1503 der 
erste Eunoche 

13. Hersek Alrniedpasclia II. 

— 1506 

14. Cliadim Alipascba 11. — [511 

15. Hersek Abmedpascba lU. 

— 1511 

16. KodscbaMustsCipaEchB — 151z 
Grieche p^schems Barbier). 

Selim n. (1511—1520). 

17. Hersek Abmedpascba IV. 

— 1514 

18. Cbadim SiuanpaEcha — 'S'? 
der zweite Eunnch 

19. Junispascha — 'S'?. 
Snieimanl. (1520-1566). 

10. Mohammed Piripasch: 
ein gebomi 
der Familie des Scbeicb Dsche- 
maleddin Akäeraj 

ü.Ibrabimpascha — 'Sjö ein 
Grieche, venetianischer Unter- 
thaa aus Parga, als Violin- 
Spieler LiebÜng Suleimnna 



523 



22. Ajaspascha — 1539 Albanese 

23. Lotfipascha — 1541 Albanese 
14. Suleimanpascba — [544 Grieche 
35. Rustempaschnl. — 1 3S3 Kroate 
z6. Abmedpascba — 1555 Albanese 

27. Rustempascba II. — 1561 

28. Ali — 1565 aus der Henego- 
wina, Sohn eines dalmatisches 
Renegaten aus Brazza. 

Selim n. (1566-1574). 

Murad m. (1574—1595)- 

29. Mohammed Sokolli — 1579 
Bosnier 

3ö.Abmedpascha — 1580 Albanese 

31. Sinanpascba I. — 1582 .AJba- 
nese (Scbweinetirt) 

32. Siawuscbpascha I. — 1584810- 
wonier aus Kaoischa 

3j. Osmanpaäcba — 1 585 Sohn Us- 
demirs des Tscherkessen 

34. Mesihpascha — 1586 

35. Sia Wuschpascha II. — -1586 

36. Sinanpascba H. — 1591 

37. Ferbadpascha I. — 1592 Alba- 
nese (ehem. Schweinehirt) 

38. Siawnscbpascha m. —1593 

39. Sinanpascba UI. — 1595- 

Mobammed III. (1595—1603). 

40. Ferhadpoächa n. — 1595 

41. Sinanpascba IV. —1595 

42. Ijila Mobammedpascha — 1 595 
Sohn eines Saim aus Ssamchas 

43. Sinanpascba V. — 1596 



i«3 — 



Reich die Wurzeln seiner Kraft. Die zwangsweise 
bekehrten Christenkinder hatten dasselbe grofs g^e- 
macht; ihr Verlust brachte ihm eine tödliche Wunde 
bei. Noch einmal haben die grofeen Albanesen, 
das Geschlecht der Köprili: Köprili Mohammed- 
pascha (1656 — 1661), Köprili Ahmedpascha (1661 — 
1676), Köprilisade Mustafa (1689 — 1691) und Amu- 
dschasade Husein Köprili (1697 — 1702), dem Reiche 
Glanz und Kraft verliehen; aber seit der Schlacht 
bei Zenta und dem Frieden von Carlo witz (1699) 
wurde der unaufhaltsame Reichsverfall immer deut- 



44- Ibraliimpascha I. — 1596 Sla- 
wonier aus Kanischa 

45. Cicala Sinanpascha — 1596 Ge- 
nuese 

46. Ibrahimpascha ü. 

47. Chadim Hasan — 1598 Bosnier, 
Sohn Sokollis 

48. Dscherrah Mohammed — 1598 
Barbier 

49. Ibrahimpascha m. 
50.1smidschi Hasanpascha — 1603 

Albanese, Obsthändler. 

5 1 . Jaus Alipaschah Malkodsch 
— 1604 Bosnier aus der Fa- 
milie Malcovich. 

Ahmed I (1603 — 1617). 

52. Lala Mohammedpascha — 1606 

53. Derwischpascha — 1606 
5 4. Muradpascha — 16 1 1 

55. Nassihpaschah — 16 14 Alba- 
nese, Sohn eines Christen aus 
Kumuldschina 

56. Damad Ogüs Mohammedpa- 
scha I. — 16 17 Sohn eines 
Hufschmieds aus KP. 



Mustafa I. (1617 — 1618). 

57. Chalilpascha — 16 19 Armenier. 

Osman II. (1618 — 1622). 

58. Damad Mohammedpascha 
— 1619 

59. Tschelebi Alipascha Güseldsche 
— 1621 Sohn des Beglerbeg 
von Tunis, Ahmed von Kos 
(Grieche?). 

60. Huseinpascha — 1621 Albanese 
aus Ochrida 

6i.Dilawerpascha — 1622 Kroate 

Mustafa I. (1622 — 1623). 

62. Daudpascha — 1622 Kroate 

(Page) 
63.Mere Huseinpascha — 1622 

Albanese (Koch) 

64. Leikeli Mustafap>ascha — 1622 
Grieche? 

65. Gurdschi Mohammedpascha 
— 1623 georgischer Eunuch 

66. Mere Huseinpascha U. 
— 1623. 



- i84 - 

licher. Die Türkei ging an den Türken zu Grund. " 
Das ist die Lösung des Rätsels, warum bei allen Re- 
formen dem türkischen Staat nicht aufzuhelfen ist. 
Die heute regierende Rasse ist ausgezeichnet nur | 
durch vollkommene Unfähigkeit. Wenn in unsrem i 
Jahrhundert irgend ein Türke in der Verwaltung oder ' 
im Heere sich hervorthut, so braucht man nur nach- 
zuforschen und wird finden, dafs er einer nichttürki- 
schen Nationalität entstammt; Mehemmed Ali von 
Ägypten war Albanese, Kiamil-Pascha Jude, Hamdi- 
Bey Chiote u. s. f. Das Avancement in der türkischea 
Beamtenhierarchie war ein äufserst demokratisches, 
Schweinehirten aus Albanien, Holzknechte, Barbiere 
imd Strafsenverkäufer aus der Hauptstadt, kurz Men- 
schen aus den niedrigsten Lebensstellungen konnten i 
es leicht zum Paschah mit drei Rofsschweifen und 
zum Grofsvezier bringen. Freilich hat dieser demo- i 
kratische Zug auch seine sehr bedenkliche Kehrseite. 
Der Kavedschi oder Tschibukdschi des Paschas oder 
Sultans verdankte seine Beförderung in der Regel i 
weder seinem Geiste und seiner Anstelligkeit, noch ' 
seinem Wissen; durch sein schönes Aufsere war er | 
der Ganymed seines Herrn geworden und aus dieser j 
wenig ehrenvollen Tiefe allmählich alle Sprossen der j 
bureauk ratischen und militärischen Ehrenleiter empor- 
geklettert^). Merkwürdig ist nur, wie viele ausge;-! 



t) Nocb im varigen Jalitliuiidert beginnt die Ämtercairieie der J 
Grofsveiiere gewÖhnlicli ao. 

Kalatlikos Abmedpascba 1704 war Boltadscbi (Holzhauer) des i 

Serai, dann Vorsteber der Kaffeeliöcbe. 
Balladscbi Moliammedpascha 1704—1706, ßaltadscbi im Serai. 
Tschorlili Alipascha 1706 — ^1710, Sohn eines Barbiers, begann j 
als Page im Serai. 



- i85 - 

zeichnete Talente sich unter diesen Subjekten be- 
funden haben. Denn die meisten grofsen Staatsmänner 
und Generale des alten türkischen Reichs haben in 
dieser Weise ihre Laufbahn begonnen, und zuver- 
lässige Kenner des türkischen Staates haben mir 
versichert, dafs es noch heute im Grunde nicht 
anders ist^). 

3. DIE RASSE. 

Natürlich sind die Jahrhunderte nicht spurlos an 
dem Stamme Osmans vorübergegangen. Türke sein 
heifst — jedenfalls in den Städten — mehr eine Reli- 
gion bekennen, als einer Nationalität angehören. Die 



Suleimanpascha 1712 — 1713 ein Abäse, Freigelassener des Kis? 

laraga Jusuf. 
Chalilpascha 1715 — 1716 Albanese, kam als Bostandschi (Gärtner) 

ins Serai. 
Ibrahimpascha Kabukulak 1731, ehem. Kammerdiener des 

Köprili. 
Topal Osmanpascha 1731 — 1732, Kashegdschi (Nufswächter) 

im Serai. 
Emin Mohammedpascha 1750 — 1752, zubenannt Diwitdar(Tinten- 
zeughalter), weil er diesen Posten beim Grofsvezier Ibrahimpascha 
bekleidet hatte. 
Muhsinsade 1765 — 1768 trat als Kämmerer in Dienst. 
Hamsapascha 1768 kam 15 jährig als Zuckerbäcker ins Serai. 
Silihdar Mohammedpascha 1770 — 1771 kam als Page ins Se- 
rai u. s. f. 

i) So sagt der vorsichtige und mafsvolle Rosen von Mehemed 
Ali-Pascha, dem Grofsmeister der Artillerie und Kapudan-Pascha unter 
Machmud II. (1808 — 1839): „Mehemed Ali war ein Konstantinopoli- 
taner von niederer Herkunft; man sagt, dafs ihn Sultan Machmud als 
Sattlerlehrling in der Ladenwerkstatt seines Meisters entdeckt und ihn 
in das grofsherrliche Pageninstitut aufgenommen habe, wo er sich nur 
durch körperliche Vorzüge auszeichnete". G. Rosen, Gesch. d. Türkei 
II S. 87. 



— i86 — 

seit Generationen fortgesetzten Verbindungen mit 
christlichen Sklavinnen haben in den obem Ständrai 
den mongolischen Typus ziemlich verwischt. Die 
zahlreichen Ahnfrauen russischen, griechischen, vene- 
tianischen, jüdischen und georgischen Geblüts haben 
wohl bewirkt, dais in den Adern der Dynastie Osman 
kaum mehr ein Tropfen echten Türkenbluts rollt 
Auch auf dem Lande sieht man, dais die alten Rassen 
geblieben sind; nur die Religion haben sie, wie ein 
Gewand, gewechselt. Die Bewohner Lykiens erinnerten 
Fellows in auffälliger Weise an die antiken Landes- 
bewohner, wie die Denkmäler sie darstellen. In 
Milet konnte ich Griechen und Türken nicht unter- 
scheiden; es ist dieselbe kühn und unternehmend 
ausschauende, bronzefarbene Rasse mit starkem Haar- 
und Bartwuchs, auch in der Kleidung heute kaum 
unterschieden. 

4, DAS KAPITEL JAWASCH JA 

Die herrschende Schicht dieser Türken genannten 
Mischrasse taugt zum Herrschen nur wenig, weil sie 
von ihren seldschukischen Ahnen wenigstens eine 
Eigenschaft mit zahester Pietät festgehalten hat: eine 
unbezwingliche Faulheit. Die gebildeten Efendis und 
hohem Beamtenkreise sind im Verkehr meist ganz 
nett und sprechen fliefsend französisch. Fragt man 
einen solchen jungen Bureaukraten nach seiner Be- 
schäftigung, so antwortet er in sehr charakteristischer 
Weise: „j'ai une place". Das ist bezeichnend für 
ihre Auffassung der Amtspflichten. Eine Stelle haben 
heifst zehn bis zwanzig oder mehr Pfund monatlich 
beziehen; dafür hat man als Gegenleistung ; 
irgend eines der zahlreichen Regie rungsbui 



U llKJliaLUUU ^_ 

ixng sich in ^^M 
bureaux zu ^^M 



verfügen; man raucht, trinkt Kaffee und schwatzt 
nach Herzenslust, bis das Bureau geschlossen wird. 
In irgend einem Winkel sitzt ein unglücklicher Grieche 
oder Armenier an einem Tische, der allein alle Ar- 
beit — natürlich für ein geringes Entgelt — zu ver- 
richten hat; solch ein gemütliches Leben wiederholt 
sich täglich bis zum Bureauschlufs. Dieser Thätig- 
keitsdrang der Orientalen färbt manchmal auch auf 
die dortigen Levantiner ab. Als ich in dem Bureau 
der Mesaageries Russes mein Billet nach Sniyma be- 
sorgen wollte, fand ich daselbst rier rauchende und 
schwatzende Beamte vor. Keiner that das Geringste, 
und alle meine Fragen nach dem Billet wurden mit 
einem ebenso höflichen als bestimmten: Asseyez-vous, 
attendez! beantwortet, bis nach einer halben Stunde 
der Kassier zu erscheinen geruhte, um mich um sechs 
Francs über den Fahrpreis hinaus zu betrügen. 

Diese türkischen Efendis haben — zu ihrem Lobe 
sei es gesagt — sehr liebenswürdige Manieren, die 
sehr wohlthätig von dem schroffen Unterofhzierstoo 
nnsrer einheimischen höhern undniedemBureaukraten 
abstechen. Kommt einer, um seine Sache zu betreiben 
oder eine Klage vorzubringen, so hören sie mit 
grofeer Geduld die langatmigsten Berichte an, und 
zum SchluTs sagen sie ein paar fi-eundliche Trostes- 
worte, sie wollen sich die Sache überlegen, das Beste 
thun U.S.W. — jaryn „morgen". Morgen soll der Petent 
kommen. Getröstet geht er von dannen. Pünktlich 
stellt er sich folgenden Tc^es ein, um sein Anliegen 
vorzubringen. Wieder wird er mit einem liebreichen 
jaryn entlassen, und so kann es wochenlang fort- 
gehen. Einer meiner Bekannten, ein Russe, gehörte 
zu den Unglücklichen, welche finanzielle Forderungen 



an die türkische Regierung- haben. Jeden Tag ging 
er nach dem Seraskierpalast, um beim Kriegsminister 
vorstellig- zu werden, und nachher in die Bureaux 
des Jyldyzkiosk. Das Fangballspielen mit dem Russen I 
dauerte zwischen den beiden Ressorts schon in den ' 
dritten Monat; als ich abreiste, war noch kein Ende 
abzusehen. Trotzdem sagten mir meine griechischen 
Bekannten: „Da er ein Russe ist, wird er sein Geld 
bekommen, wenn auch spät; ein Einheimischer würde 
gar nichts bekommen". Das Lieblingswort der Tür- 
ken ist darum: jawasch, jawasch (langsam, langsam). 
Das ist die goldne Richtschnur aller Bureaux und 
der gesamten Regierung. Das Ideal ist, dafs gar 
nichts geschehe. Darum bilden auch den Gegenstand 
der Verzweiflung für alle diese Beamten die Gesandten, 
Konsuln und ihre Dragomans, Die erscheinen immer 
mit neuen Anliegen; immer neue Schriftstücke und 
Erlaubnisscheine müssen ausgefertigt werden; und 
wenn man da tröstet: jarjTi, antwortet der Botschaft- 
sekretär oder Dragoman sehr energisch: nein, sofortl 
Dann folgt ein wahrhaft entsetzlicher Moment, Man 
mufs sich aus seiner kontemplativen Ruhe aufraffen 
und unter vielen Seufzern und Stöhnen dem unge- 
duldigen und herrschsüchtigen Europäer zu WUlen 
sein; denn alle dilatorische Behandlung hilft nichts; 
er weicht und wankt nicht, bis er das verlangte 
Schriftstück ausgefertigt erhalten hat. 

Unzählige Gänge, eine unendliche Gedidd und 
sehr reichliche Bakschischs kostet es, bis ein kaiser- 
licher Irad6 „erflossen" ist, wie man in Östreich- 
UngEim sagt. Namentlich bis der Hausbesitzer Bau- 
erlaubnis erhält, bedarf es endloser Scherereien und 
Weitläufigkeiten. Der Privatmann hilft sich, wie er 



— i89 — 

kann. Der geistliche Leiter einer Unterrichtsanstalt 
in der Provinz wollte auf sein Insitut ein neues Stock- 
werk aufsetzen; er bekam die Erlaubnis nicht. Kurzer- 
hand mietete er die nötigen Maurer und Zimmer- 
leute; diese blieben auch die Nacht im Klloster, und 
da dasselbe exterritorial war und unter dem Schutze 
einer fremden Grofsmacht stand, durften die Stadt- 
polizisten dasselbe nicht betreten. Als das Gebäude 
fertig war, rächte sich die Santa Hermandad dadurch, 
dafs sie die nunmehr entlassenen Arbeiter sämtlich 
ins Gefängnis warf. Da mufste nun das Klloster 
Bakschisch zahlen, um die armen Leute zu befreien. 
Aber sein Stockwerk war aufgesetzt. 

Eine andre Genossenschaft bedurfte dringend der 
Erlaubnis, einen Flügel an ihr Gebäude ansetzen zu 
dürfen. Auch hier war der fradö nur nach weit- 
läufigen Formalitäten und einem entsetzlich hohen 
Trinkgeld zu erlangen. Da ging der Direktor zum 
Bauinspektor des Quartiers und zahlte ihm persön- 
lich ein Drittel des sonst nötigen Bakschisch, dabei 
den Wunsch aussprechend, er möge sich in den 
nächsten vier Wochen in den Strafsen um die Schule 
nicht zeigen. Der Treffliche that also, und als nach 
vier Wochen der neue Flügel fix und fertig war, 
fügte er sich in die vollendete Thatsache. Man baut 
eben ohne Irad6. Diese thörichte Regierungsweise 
zwingt die ruhigsten und konservativsten Leute zu 
einer unausgesetzten, aber mit der gröfsten Kalt- 
blütigkeit verrichteten Gesetzesübertretung. 



5- DER OKIEKT ALS SCHULE DER GEDULD FÜR DEH ] 
EUROPÄER. 

Ein Gutes hat diese Langsamkeit und Thaten- J 
losigkeit des Orients. Der ungeduldige Europäer ' 
lernt sich hier in Geduld üben. Das habe ich nicht 
nur bei den Türken, sondern auch bei den andren 
unter dem segenspendenden Scepter Abdul-Hamid 
Khans lebenden Völkern erfahren. Fünfthalb Jahr- 
hundert Türkenherrschaft haben auch die christlichen 
Rajas des Zeitbegriffs entwöhnt, wie ich mit Schmerzen 
am eignen Leibe erfahren muTste. Bei meinem ersten 
Besuche im Metochion von Jerusalem erwies sich der 
Bibliothekar gleich als die Freundlichkeit selbst. Ich 
erhielt die Erlaubnis, täglich von Morgens 8 Uhr I 
bis zu jedem beliebigen Termin im Kloster zu ap« ] 
beiten. Voller Freude erschien ich folgenden Tages 
zu früher Stunde; aber die Vorhalle des Klösterleins 
war nur von dem schwatzenden und rauchenden 
Dienstpersonal erfüllt. „Wo ist der Herr Epitropos?" 
„Er ist in Kadiköi!" „Wo ist Herr Jakobos (der | 
Bibliothekar)?" „Er ist im Patriarchat." Endlich er- 
barmte sich ein dienstbarer Geist meiner und ver- 
sprach, ihn im Patriarchat zu holen. Nach einer halben 
Stunde kam er zurück: Herr Jakobos sei nicht im 
Patriarchat; er wisse nicht, wo er sich aufhalte. Ich ; 
gehe selbst hin und trage meinem Freunde, dena | 
Archivar Dr. Joakim Phoropulos, den traiirigen Fali i 
vor, und er antwortet lächelnd: „"exäcait ^iav fm^pav" 
(Ihr habt einen Tag verloren). Das stand fest, und es ' 
blieb mir nichts übrig, als ein Boot zu nehmen und j 
wieder nach Pera hinüberzufahren. 

In der theologischen Schule zu Halki wurde ich . 



— 191 — 

mit der gröfeten Liebenswürdigkeit und Zuvorkommen- 
heit aufgenommen; ich erhielt g'leich nach meiner 
Ankunft den sehr ausfuhrlichen handschriftlichen 
Katalog der Handschriftensaramlung; ich excerpierte 
ihn noch denselben Abend und verabschiedete mich 
dann von den gastfreundlichen Professoren, um andren 
Moi^ens mit frischen Kräften an die Arbeit zu gehen. 
Ich kam; doch da herrschte einige Verlegenheit. 
Archimandrit K. hatte den Schlüssel des Hand- 
schriftenzimmers mit nach IConstantinopel genommen; 
man hatte ihm geschrieben, er hatte aber einen 
falschen zurückgeschickt. Was blieb da übrig, als 
sich in Geduld zu fassen? Die Patres rieten mir, 
unterdessen in der 'GjaTTopiirfi cxoXii (der Handelsschule) 
zu arbeiten, dem ehemaligen Panagiakl oster, wo 
ebenfalls Handschriften verwahrt wurden. Ich wTorde 
sehr freimdlich aufgenommen und nach diversen 
Glykos und Kaffees kam ich auch glücklich in das 
Allerheiligste; freilich der Sekretär war gerade stark 
beschäftigt, sodaTs zu meiner Beaufsichtigung ein er- 
wachsener Schüler hinbcfohlen wurde. Der Arme 
langweilte sich entsetzlich und las von oben nach 
unten und von vom nach hinten während der vier 
Stunden eine alte Zeitung immer aufs neue. Aber 
ich konnte wenigstens arbeiten. Es war ein Sonnabend, 
Mont^ stellte ich mich wieder ein. Nachdem der 
Sekretär, der zugleich die Schulutensilien verkauft, 
vielerlei Geschäfte mit dem wissensdurstigen Jung- 
hellas abgeschlossen hatte, wandte er sich an mich 
mit den Worten: „Vons voulez travailler k la biblio- 
thfeque?" Ich bestätigte dies und erfuhr nun, dais 
gestern am Sonntag der englische Botschafter der 
Handelsschule einen Besuch abgestattet und sie sehr 



genau, auch die Bibliothek, besichtigt habe. Leiderj 
habe der Bibliothekar, der sie ihm zeigte, den Schlüssel ' 
abgezogen und befinde sich jetzt in der (eine halbe 
Stunde entfernten) theologischen Schule, wo er Unter- 
richt zu erteilen habe. Indessen ich wurde getröstet. 
Ein Pädi wurde abgesandt, um den Schlüssel zu 
holen. Es kam auch nach einer Sttinde glücklich 
zurück. „Aber Du hast ja nur den grofsen Schlüssel 
gebracht; es gehört noch ein kleiner dazu. Ohne 
den kann ich nicht öffnen," Schliefslich wurde auch 
dieses Hindernis genommen, und nachdem ich von 
8 bis 1 1 in rosigster Stimmung mich in der Tugend 
der Geduld geübt hatte, wurden endlich die würmer- 
zerfressenen Schätze der Wissenschaft meinem sehnen- 
den Auge enthüllt. Indessen von da an ging alles 
glatt und prächtig, in der Handelsschule, wie nament- 
lich in der theologischen. Wenn mich aber jemand 
fragte, wie lange gedenken Sie in Konstantinopel, 
Halki, Smyma u. s. f. zu bleiben, so antwortete ich 
immer: „bis ich fertig sein werde". Ein Zeitpunkt 
läfst sich bei diesen tausend Zufälligkeiten, von denen 
im Orient die Arbeit smÖglichkeit abhängt, niemals 
mit Sicherheit bestimmen, Allgemein herrscht das 
türkische jawasch, jawasch. Ähnlich ist es übrigens 
auch im Königreich Grtiechenland. Die Nationalbiblio- 
thek zu Athen befindet sich im Universitätsgebäude 
und hat genau dieselben Ferien, wie die Universität. 
Geschlossen ist sie an allen Feiertagen, und deren 
hat die orthodoxe Kirche unheimlich viele. Die 
Universität schliefst auch für drei Tage zum Zeichen 
der Trauer, wenn ein Professor gestorben ist. Zu 
meiner Zeit war ein alter, längst pensionierter Medi- 
ziner Damianos gestorben; natürlich trauerten Uni- 



— 193 — 

versität und Bibliothek drei Tage. Hätten nicht die 
aufserordentlich liebenswürdigen und entgegenkom- 
menden Bibliotheksbeamten in jeder Weise meine 
Arbeiten unterstützt und gefordert, so hätte ich auch 
hier durch unfreiwillige Mufee viel kostbare Zeit nutz- 
los verloren. 

Eins bleibt gegenüber dem Türken wie dem 
Orientalen unumgänglich notwendig. Man darf seine 
gute Laune nie verlieren. Aufgeregtes Wesen und 
Entrüstung, die sich in Worten Luft machen, helfen 
uns keinen Schritt weiter gegenüber diesen prakti- 
schen Philosophen und ihrer unerschütterlichen dTrd- 
6€ia. Hier führen nur Geduld amd Hartnäckigkeit 
zum Ziel. 

6. AUFGEKLÄRTE TÜRKEN. 

Man wird nun einwerfen: Mag auch die herr- 
schende türkische Beamtenrasse wenig taugen, das 
wissen die Türken selbst, und darum hat sich aus 
ihrer Mitte die Partei der Jungtürken oder Reform- 
türken herausgearbeitet, welche ihre ganze Kraft 
daran setzen, aus der Türkei einen europäischen 
Staat zu machen. Dieses Ziel ist nun allerdings ein 
Phantom. Ein auf theokratischer Grundlage aufge- 
bautes Gemeinwesen kann niemals ein modemer Staat 
werden, wenn dasselbe nicht die eigentlichen Grnmd- 
säulen seiner Existenz vernichten solL Weil dafür 
den europäischen Diplomaten das Verständnis in der 
Regel abgeht, haben sie dem unglücklichen Padi- 
schah in den Verträgen Bedingungen aufgenötigt, die 
beim besten Willen nicht erfüllt werden können und 
daher notwendig papieme bleiben müssen. Was ich 

sodann von diesen Reformtürken kennen lernte, er- 
Geiz e r , Selbsterlebtes n. Selbstgesebenes. 1 3 



— 194 — 

schien mir wenig vertrauenerweckend. In meinem 
Hotel wohnte ein vornehmer Araber aus Kairo, einer 
der Führer der ausgesprochensten Reformpartei. Jeden 
Morgen zwischen 8 und g Uhr verfugte er sich ins 
Rauchzimmer; dann erschienen zwei Adepten, der 
eine vom mittleren Alter, der andre sehr jugendlich, 
beide sehr beschränkt aussehend, und mm hielt er 
ihnen mit ungeheurer Zungenfertigkeit lange poli- 
tische Vorträge, welchen seine beiden Jünger mit 
schauerlicher Andacht zuhörten. Eine im Brustton 
der Überzeugung vorgetragene Lehre — mag es 
auch .der gröfste Galimathias sein - — wirkt auf den 
Orientalen geradezu fascinierend. In ähnlicher Weise 
mögen die Emissäre der Karmaten, Fatimiden und 
Assassinen auf die unklaren Köpfe im IV. und V. Jahr- 
hundert der Hedschra eingewirkt haben. Manchmal 
kam noch ein zweiter Ordenschef, und dann wurde 
nicht arabisch oder türkisch, sondern französisch ge- 
sprochen. Natürlich hörte ich mit Interesse diesen 
Auseinandersetzungen zu; ich war aber sehr enlv 
täuscht; keine Spur von staatsmännischen Gedanken, 
der gewöhnliche liberale Pariser Jargon, pikant ge- 
macht mit einigen nihilistischen Zuthaten. Der grofse 
kairinische Reformer war höchst elegant nach der 
neuesten Mode gekleidet, aber echt orientalisch un- 
reinlich. Charakteristisch für diesen Freiheitsapostel 
war, dafs kein Gast das Dienstpersonal brutaler und 
mehr von oben herab behandelte, als gerade dieser 
Vorkämpfer einer neuen Zeit, Wie er die neue Ideal- 
zeit der Freiheit verstand, sagte er uns einmal ganz 
offenherzig, indem er meinte: „Moi, je suis le mari 
de toutes les femmes". Am meisten thun sich diese 
Reformer darauf zu gute, mit allen religiösen Vor- 



— 197 — 

den menschengefüllten ersten Saal — die ganze per- 
sische Kolonie schien anwesend — in den zweiten 
geführt, wo mein Freimd, der Kanzler, mich Seiner 
Excellenz Kulam Ali-Khan vorstellte, einem sehr 
fein und wohlwollend aussehenden alten Herrn. Ich 
wurde sogleich auf den Ehrenplatz zu seiner Rechten 
genötigt, und nun entwickelte sich ein Dialog mit 
Hindernissen, da S. Exe. nur über die drei orienta- 
lischen Sprachen verfügt Indessen der erste Drago- 
man, ein sehr patenter Armenier, besorgte die Über- 
tragung mit grofser Gewandtheit. Dabei wurde der 
rotfarbige persische Thee in Gläsern serviert. Ka^ml 
hatte ich mit Mühe ein Glas des vortrefflichen, aber 
glübend heifsen Getränkes vertilgt, so huschte ein 
Diener herbei und füllte es aufs neue bis zum 
Kelchesrand. Um diesem ununterbrochenen Thee- 
trinken zu entgehen, verliefs ich die interessante 
Stätte schneller, als nötig war. Erst spater erfuhr 
ich, dafs ich nur den Löffel in den Becher hätte 
stecken sollen; allein diese persische Haltpantomime 
war mir damals noch unbekannt. Im Kreise herum 
safe sehr ernsthaft und pagodenmäJsig eine An- 
zahl vornehmer persischer Kaufleute, welche Thee 
tranken und rauchten, aber auch nicht einen Laut 
von sich gaben. Sie wurden, wie mir schien, von 
den Spitzen als quantitö n^gUgeable behandelt. Eine 
sehr erfreuliche Erscheinung war der junge Kon- 
sulatskanzler, der mich während meines Smyma- 
aufenthaltes Öfter besuchte und mit dem ich auch 
Ausflug nach Bumabad unternahm. Er war 
vollkommen europäisch gebildet, sehr verständig und 
erzählte mir vielerlei vom Leben und Treiben in 
seinen Kreisen. Seine ganze Jugend hatte er in 



— 198 — 

Skutari zugebracht, wo sein Vater wohnte, sodafs er 
seine Heimat Persien noch gar nie betreten hatte. 
Er gestand mir auch freimütig, dafs es ihm völlig 
unmöglich sei, aufserhalb des Kreises der euro- 
päischen Civilisation zu leben. Lieber würde er auf 
seine Laufbahn verzichten, als später etwa eine 
Stellung in Jescht oder Schuster annehmen; in- 
dessen hat die persische Regierung so zahlreiche Kon- 
sulatsposten im türkischen Reiche errichtet, dafs, 
wer diese Laufbahn einschlägt, wohl mit ziemlicher 
Sicherheit darauf rechnen kann, innerhalb der osma- 
nischen Staatsgrenzen zu bleiben. In solchem Grade 
hat bereits die westeuropäische Gesittung die Söhne 
Ismaels unter ihren dominierenden Einflufs gezogen. 




DIE TÜRKBI ALS KLIENTELSTAAT UNTER 
VORMUNDSCHAFT DER GROSSMXCHTE. 

„Mahmud 11, war der letzte Padischah der Osmanli 
und die Schlacht von Nisib der letzte spontane Lebens- 
akt der fünfhundertjährigen Monarchie. Vom Tage an 
gerechnet, an dem Sultan Abdul-Medschid eine Supplik 
an die Christenheit sandte und um Rettung vor den 
Drohungen seines Dieners bat, hat er als unabhängiger 
Monarch abdiciert und sein Los unbedingt in die 
Hand des Occidents gelegt." Mit diesen geistvollen 
Worten hat J. Ph. Fallmerayer') bereits im Jahre 1840 
auf das allertrefFendste den Zustand des heutigen 
türkischen Reichs charakterisiert. Der sogenannte 
kranke Mann lebt weiter und wird wohl noch geraume 
Zeit fort vegetieren, weil er auf die politische Selb- 
ständigkeit verzichtet hat und ein abhängiger IClientel- 
Staat geworden ist ^^'ie einst im Altertum die Kö- 

1) Neoe Frugmente aixs dem Orient I S. 348. 



nige von Ägypten, Syrien und Macedonien unter di 
Obervormundschaft von Senatus populusque Rom; 
standen, so steht auch S. M, Abdul-Hamid-Khan, derJ 
34. Souverän vom Stamme Osmans, der GrofssultaB|.] 
und Khakan, der Diener und Herr der Städte Mekki 
Mediiia, Kuds u. s. w., unter einem sehr energisch» 
europäischen Aufsichtsrate. Die thatsächlichen 
bieter im Reiche des Herrschers aller Gläubigen sindj 
die Hexarchen, die sechs Botschafter, welche in ihrei 
von den prachtvollsten Gärten umgebenen Villen- 
palästen am Bosporus, in Jeni-Köi, Therapia uni 
Büjükdere, hausen. Dafs wir es hier aber nicht mil 
einer idyllischen Villeggiatur zu thun haben, zeigt 
die Stationäre, die gewaltigen Kriegsschiffe, welch« 
zur Disposition der einzelnen Botschafter stehen und! 
in diesem etwas unordentlich regierten Grofsreichi 
eine hochnötige und oft sehr segensreich wirkend! 
Oberpolizei bilden. Ein Unparteiischer wird es allei 
dings begreifen, dafs die oft von ungewöhnlich frischei 
I,ebensmut und einer sehr energischen Schaffenskraft 
erfüllten Stationäre Rufslands und Englands ihre 
'fhätigkeit nicht immer zum Wohlgefallen des Jyldyz- 
Kiosk ausüben, und türkische Patrioten knirschen, 
wenn sie sehen, dafs ihre Regierung fast bei allen 
Maßnahmen und Thätigkeitsv ersuchen von dem ge- 
strengen Vormund beaufsichtigt und zvr Thatenlosig- 
keit verurteilt wird, so wenn sie das Postwesen in 
eigne Verwaltung nehmen oder die Zölle erhohen 
will. Aber alle dort Lebenden versicheni, dafs ohne 
die Angst vor dieser Obervormundschaftsbehörde 
und ihrer mit Dampf durch die Fluten rauschende! 
Ausführungsorgane Recht für die Schwachen, 
die Christen, zu erlangen unmöglich wäre. Ein Bi 




spiel aus jüngster Zeit möge als Beweis genügen'). 
Artak ist ein kleiner Flecken auf der gleichnamigen 
Insel im Süden des Marmararaeers. Im Februar 1898 
landete dort ungefähr ein Dutzend beurlaubter Sol- 
daten, welche nach ihrer Heimat auf dem Festland 
wollten, aber, da sie zu spät mit dem Dampfer an- 
gekommen waren, daselbst übernachten mufsten. Um 
nicht unter freiem Himmel bleiben zu müssen, kamen 
sie auf die schlaue Idee, die Fenster der kleinen 
Kirche zu zerbrechen imd so in dieselbe einzudringen. 
Sehr früh brachen sie auf, hatten aber ihre Spuren 
hinterlassen, Sie hatten die Bänke, den Boden und 
den Altar beschmutzt; nicht einmal die heiligen Ge- 
fäfse waren verschont worden. Als der Küster zur 
gewohnten Stunde erschien, fuhr er vor Entsetzen 
zurück und beeilte sich, dem Archimandriten und 
den Demogeronten den Frevel an heiliger Stätte mit- 
zuteilen. Diese wandten sich klagend an den Kaima- 
kam; allein derselbe verhöhnte sie und forderte sie 
auf, ihm die Schuldigen nachzuweisen. Einige Bauern 
jedoch hatten die abziehenden Soldaten bemerkt. 
Sofort machten sich die Grriechen an deren Verfolgung. 
Indessen, als sie die Soldaten eingeholt hatten, fanden 
diese an dort angesiedelten Muhadjirs*) Bundesge- 
nossen; diese begrüfsten die unbewaffneten Griechen 
mit Steinwürfen und jagten sie bis zum griechischen 
Friedhof zurück, den sie verwüsteten. 

Der Archiraandrit hatte an den Bischof von Pro- 
konnesus telegraphiert, der in Panderma residiert, und 
dieser nach dem Phanar. Der Patriarch schickte so- 
ll Vgl. tchos d'Orient II 7 S. 222. 

2) Mobammedanische Auswanderer ans dem bulgariscben Fürsten- 
tam oder Tbestajien, welche sich in der Türkei niedeigelnEsen haben. 



fort einen Bischof zu dem russischen Botschafter Si- 
nowiew mit der Frage, was zu thun sei. Sinowiew, 
dem der Palast seit der berühmten Audienz in der 
tirmenischen Frage grollte, benutzte mit Freuden die 
Geleg-enheit, wieder einmal Rufslands Einflufs geltend 
zu machen. Der erste Dragoman der russischen 
Botschaft, der wirkliche Staatsrat Maximow, der ge- 
furchtetste Mann im Jyldyz-Kiosk, erschien daselbst, 
um Erklärungen zu verlangen. Natürlich wufste man 
gar nichts von der Sache von Artak; aber eine Kom- 
mission sollte hingeschickt werden, um eine Enquete 
zu erheben. Als die Enquete in beliebter türkischer 
Weise verschleppt werden sollte, überbrachte Maxi- 
mow Sonntags eine neue Note: wenn binnen 24 Stun- 
den nicht Genugthuung geschafft sei, würde der 
russische Stationär nach Artak fahren. Die 24 Stun- 
den waren noch nicht verflossen, als die Pforte be- 
kannt gab, dafs der Kaimakam abgesetzt und die 
Kirche auf Regierungskosten gereinigt sei. Allein 
der Phanar verlangte eine viel weiter gehende Rei- 
nigung der Kirche; neue Bänke, einen ganz neuen 
Fufsboden an Stelle des beschmutzten, Ersetzung der 
verunreinigten Säulen u. s. f , kurz und gut: fast so 
viel als eine neue Kirche. Auch das mufete die 
Regierung zugestehen. 

Doch ein Unglück kommt selten allein. Auf 
dem von den Muhadjirs verwüsteten griechischen 
Friedhof war auch ein Engländer begraben. Sogleich 
verlangte die englische Botschaft eine feierliche Her- 
stellung des Friedhofs imd Errichtung eines Mauso- 
leums an Stelle des geschändeten Grabes. Sir Philipp 
Curie drohte gleichfalls, seinen Stationär zu schicken, 
und wiederum mufsten die Türken zahlen. 



— 203 — 

So ist die Unabhängigkeit der Türkei mehr 
Schein als Wirklichkeit. Man sa^ gewöhnlich, dafs 
die Regierung ihr Leben friste nur durch die Eifer- 
sucht der Grofsmächte, von denen keine der andren 
das Erbe gönne. Nun, im Ganzen befinden sich die 
Grrofsmächte bei dieser gemeinsamen Oberherrschaft 
recht gut; die Türken freilich sind in jeder Weise 
die Geschädigten. 

Nach Konstantinopel gekommen, erwartete ich 
mit Rücksicht auf die Vorgänge der letzten Jahre 
und die deutschen Zeitungsberichte hin, dafs Deutsch- 
land am Goldnen Hom eine sehr glänzende, ja ge- 
radezu dominierende Stellung einnehmen werde. Das 
scheint aber keineswegs der Fall zu sein. Gerade 
deutsche Angehörige haben mit Schwierigkeiten und 
Weiterungen gegenüber den türkischen Behörden viel 
zu kämpfen. Und treten die deutschen Vertreter 
beschwerdeführend auf, so antwortet man mit Ver- 
wundening: Deutschland sei ja der Freund der Tür- 
ken. Diese letztem sind der naiven Anschauung, 
dafe Beschwerden und Forderungen unfreundschaftlich 
sind. Freundlichen Bitten sind sie unzugänglich; sie 
verlangen ein Lied aus dem hohem Chor. 

Darum ist die herrschende und einfiufsreiche 
Macht am Bospoms Rufsland, das freiUch auch die 
geriebensten und schneidigsten Diplomaten besitzt. 
Ein sehr erfahrener Orientale klärte mich über diesen 
mächtigen Einflufs der Russen auf, als ich ihm darüber 
meine Verwunderung aussprach: „Sehen Siel die 
Russen sind furchtbar grob, darum sind sie so mächtig. 
Wenn man zum Türken sagt: Lieber Herr! ich habe 
! Bitte an Sie, die ich Ihnen gehorsamst unter- 
breite; da denkt der Türke: Der Mann ist gewifs 




recht unbedeutend, weil er so höflich ist; geben wir! 
ihm einen Tritt. Dagegen der Russe sagt: Kerll 1 
das thust du und zwar sofort, oder ich haue dich 1 
auf die Schnauze, dafs sie blutet. Da denkt der 
Türke: Das mufs ein sehr vornehmer und sehr mäch- ■ 
tiger Mann sein, weil er so entsetzlich grob sein darf, 
und antwortet: Gewifs, lieber Herr, alles geht nach 
Ihren Wünschen. Sehen Sie! das ist das ganze Ge- 
heinuiis der russischen Suprematie!" Einheimische, 
wie Europäer, die lange im Lande geweilt, haben 
mir lachend die Richtigkeit dieser etwas drastischen 
Erklärungen der russischen Politik zugegeben. Und 
drastisch scheinen die Russen auch zeitweise aufzu- 
treten. Während der Armenier-Massacres soll einst, 
von seinem Botschafter geschickt, Staatsrat Maximow i 
im Palais erschienen sein mit der Erklärung: „Wenn i 
die Schlächterei nicht aufhöre, werde binnen 24 Stun- 
den der Monitor erscheinen und Jyldyz-Kiosk bom- 
bardieren". Das wirkte; die von oben her angeord- ' 
neten Mördereien hörten auf. Als die Nachrichten ' 
von den Massenmorden in Wan und Charput kamen, 
ging Nelidow, der damalige Botschafter, in den Pa- 
last und sagte dem Sultan auf den Kopf zu, er habe j 
persönlich den Befehl zu den Metzeleien gegeben. I 
Natürlich leugnete der Padischah entrüstet, und nun j 
entspann sich folgender Dialog: 

Der Botschafter: Ich habe die Nachricht aus ] 
erster QueUe. 

Der Padischah; Aber es ist nicht wahr. 

Der Botschafter: Meine Quelle ist so gut, dafe 1 
ich an ihrer Zuverlässigkeit nicht zweifeln kann. 

Der Padischah: Wer ist denn diese Quelle? 

Der Botschafter: Ihr erster Sekretär. 



— 205 — 

Der Unglückliche wird herbeigerufen, und nun 
fragt ihn der Padischah in Gegenwart des Botschaf- 
ters, ob er diesem wirklich eine solche Mitteilung 
gemacht habe. Er mufs den Zorn der Russen für 
noch fürchterlicher als den Abdul-Hamids gehalten 
haben, denn er bestätigte die Richtigkeit von Neli- 
dows Behauptung. Abends fühlte sich der Sekretär 
sehr unwohl und folgenden Morgens starb er. Ich 
mufs natürlich die Verantwortung für die Authenti- 
cität dieser Berichte vollständig meinem nissischen 
Gewährsmann überlassen; er stand mit Staatsrat 
Maximow auf sehr gutem Fufs und behauptete, die 
Erzählungen aus dessen Munde erfahren zu haben* 
Man begreift deshalb, warum am Goldnen Hom unter 
den Grolsmächten die Russen die gefürchtetsten oder 
richtiger die allein gefürchteten sind. 

Jeder empfindet unwillkürlich Mitleid, wenn er 
sieht, wie grenzenlos schlecht die hilflose türkische 
Regierung von ihren Vormündern behandelt wird; 
aber leider ist das die einzige Art, etwas bei den 
Türken durchzusetzen. Bereits 1832 schrieb ein eifriger 
Turkophile, der östreichische Gesandte: „Der hart- 
näckige Charakter der Türken hindert sie immer, im 
günstigen Augenblick nachzugeben und die guten 
Ratschläge zu benutzen, die man ihnen giebt. Dafür 
geben sie denjenigen, welche sie einzuschüchtern 
wissen, alles preis. Der Vernunft unzugänglich, beugen 
sie sich vor der Furcht. Canning hat sich mit Er- 
folg seines Systems von Drohungen bedient, sodafs 
die Pforte ihre Verschleppimgsversuche aufgab".^) 



i) K. Mendelssohn -Bartholdy, Gesch. Griechenlands I 1870 
S. 348. 



2. SULTAN ABDUL-HAMID KHAN, 

Sultan Abdul-Hamid Khan mufs ein hochbegabter 
Herrscher sein. Alle, welche mit ihm in nähere Be- 
rührung kommen, sind von ihm bezaubert, und die 
deutschen Offiziere, welche sein Heer ausbilden, weihen 
ihm einen förmlichen Kultus. Indessen die schreck- , 
liehen Vorgänge, welche ihn auf den Thron gebracht ] 
haben, scheinen sein Gemüt umdüstert zu haben. 
Die in alten, vornehmen Familien herkömmliche starke 
Belastung zeigt sich in dem Verfolgungswahnsinn, 
dem er verfallen ist und der ihn zu den sonderbarsten 
Mafsregeln, wie dem Verbot der Legung von Telephon- 
leitungen im türkischen Reich, veranlafst. Aus dem- ' 
selben Grund verläfst er seinen Jyldyz-Kiosk nur Frei- 
tags und nur zum Besuch der benachbarten Moschee. 
Konstantinopel entbehrt deshalb des stilvollen Auf- 
zugs der frühem Herrscher, welche an hohen Feier- 
tagen das Kanzelgebet in den Hauptmoscheen Stam- 
buls zu verrichten pflegten. Es ist daher merkwürdig, 
dafs der Sultan bei all seiner reaktionären Politik die 
Fermane für die anatolischen Bahnen gegeben hat, 
diese Bahnen, wo durch das geschickte Zusammen- 
wirken der deutschen und der französischen Gesell- 
schaften die Engländer mit ihrem Strang Srayma- 
Aiasuluk-Äidin vollständig aufs Trockne gesetzt sind. 
Aber wie viel Mühe hat es auch gekostet, bis diese 
Fermane der ewig zögernden und hinterhältigen Re- 
gierung entlockt waren! Man begreift den stillen 
Widerwillen der Regierung, An jede Bahnstation 
kleben sich bald kleinere, bald gröfsere europäische 
Hotels an. Die westliche Gesittung dringt mit Macht 1 
in das Land; sie nivelliert dasselbe und raubt ihm ] 



207 — 

seinen echt orientalischen, urtümlichen Schmelz. Die 
Türken fühlen es instinktiv, dafs das Vordringen des 
Dampfrosses die Grundsäulen der auf dem Koran 
aufgebauten Staatsordnung erschüttert. Aber selbst 
Abdul-Hamid Khan ist, wie die andren Herrscher, 
in erster Linie Geschäftsmann und erst in zweiter 
Hoherpriester und Chalif. Diese hündischen Giaurs 
bringen ein erkleckliches Geld in das Land. Dieses 
selbst blüht mächtig auf. Während früher die Früchte 
im Innern für ein Spottgeld an Ort und Stelle los- 
geschlagen werden mufsten oder unverkäuflich ver- 
faulten, sah ich jetzt auf der Fahrt nach Lydien un- 
geheure aromatisch duftende Güterzüge mit grofsen 
Wagenladungen Tomaten, Weintrauben in gefloch- 
tenen Körben, hübsch mit Blättern zugedeckt, Vallo- 
neen. Orangen u. s. f. Alle diese Bodenerträgnisse 
gehen jetzt nach Smyma und werden über See ver- 
frachtet. Natürlich erzielen sie jetzt ganz andre 
Preise als früher. So ist überall im Innern Klein- 
asiens ein mächtiges Aufblühen zu bemerken, und 
wäre, nicht das nichtswürdige Zehntverpachtungs- 
system, welches durch seine niederträchtigen Chikanen 
den braven, fleifsigen Bauer um den Lohn seiner 
harten Arbeit förmlich zu betrügen sucht und da- 
durch vielerorts allen Fleifs und allen Eifer lähmt, 
so würde der Aufschwung noch ein viel gröfserer 
sein. Immerhin haben sich die Erträgnisse der lydi- 
schen, phrygischen und karischen Landschaften der- 
mafsen gesteigert, dafs man es wohl versteht, wenn 
der Padischah zu der koranwidrigen Thätigkeit der 
ungläubigen Ingenieure sein tolerari posse spricht 
Dabei darf man freilich nicht vergessen, dafs das 
Vilajet Aidin (Smyrna) vielleicht das bestregierte des 



— 208 — 

ganzen Reiches ist. Sein Vali trägt darum auch mit 
Recht den Namen Kiamil (der Vollkommene). 

Die Regierung hat leider ein seltnes Geschick, 1 
die durch den Abgabendruck ohnehin unzufriedene 
Stimmung ihrer Unterthanen durch systematische 
Zurücksetzung der nicht türkischen Volkselemente zu 
vermehren. 

Alle Vilajets besitzen einen Verwaltungsrat, zu 
dessen Mitgliedern auch die nichtmohamraedaniscben 
Notabein zählen. Kraft einer Entschliefsung der ge- 
setzgebenden Sektion des Staatsrates ist nun am , 
21. Oktober 1899 festgesetzt worden, dafs die Mit- J 
glieder des Verwaltungsrats in folgender Reihe sitzen 1 
sollen: 

1. der Vali, 

2. der NaVb (Kadi, zweiter Oberrichter), 

3. der Muawin (Stellvertreter des Vali), 

4. der Defterdar (der Chef des Rechnungswesens), 

5. der Mektubdji (der Generalsekretär des Vilajets), 

6. der Mufti, 

7. die religiösen Chefs und die gewählten Mitglieder 
nach ihrem Rang. 

Dieselbe Ordnimg gilt für die Unterabteilungen , 
des Vilajets, die Sandjaks und die Kazas, wo der ' 
Müssetarif und der Kai'makam den Vorsitz führeo. 
Natürlich hat das grofee Erbitterung hervorgerufen. 1 
Im VUajet von Monastir haben der Mufti und ebenso 
die Metropoliten von Kastoria, von Grevena und 
Korytza gegen diese neue Ordnung protestiert Sie 
haben geltend gemacht, dafs, wenn auch schliefslich 
diese Ordnung für Vilajets und Sandjaks angenommen 
werden müsse, es eine schreiende Ungerechtigkeit 
sei, sie auch in den Kazas einzuführen, wo der Chef 



— 2og — 

des Rechnungswesens und der Sekretär oft ganz 
junge, brotlose Anfänger sind; allein als Muslime 
haben sie den Vorrang vor den Metropoliten, die 
doch mit dem Orden zweiter Klasse des Medjidi6 
geschmückt sind. 

Aber die Staatsratssektion hat entschieden, dafs 
diese jugendlichen Bureaukraten auch in den Kazas 
den Vortritt vor dem Mufti und den geistlichen 
Oberhäuptern haben sollen. Wie man sieht, hat die 
türkische Bureaukratie der abendländischen nur ihre 
Pedanterei und ihren anmafsenden Hochmut mit 
merkwürdigem Verständnis abgelauscht. 

Was die Politik Sultan Abdul-Hamid Khans be- 
trifft, so teilt er mit andren hochbegabten Herrschern 
den bei diesen nicht selten anzutreffenden Fehler, 
alles selbständig entscheiden und alles persönlich re- 
gieren zu wollen. Das ist auf alle Fälle ein Unglück, 
zumal aber bei einem Fürsten, der seinen Palast nie 
verläfst. Von ihm gilt das Wort, das der Geschicht- 
schreiber der Osmanen^) von Mustafa in. (1756 — 1775) 
bei aller Anerkennung seines rühmlichen Strebens 
sag^: „Alles dies tritt in den Hintergrund vor dem 
Ruine des Reichs, den er durch seine Sucht, selbst 
zu herrschen, ohne hiezu Fähigkeit und Kraft zu be- 
sitzen, herbeigeführt". Über die Grundgedanken sei- 
ner Politik gab mir ein im diplomatischen Dienste 
einer Grofsmacht ergrauter Beamter Folgendes an, 
was mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkam. Abdul- 
Hamid Khan hat aus seinem Kriege mit den Russen 
1878 die wohl nicht ganz unbegründete Lehre ge- 
zogen, dafs Rumelien, die europäische Türkei für die 



I) Hammer IV S. 649. 
G e 1 z e r ,- Selbsterlebtes u. Selbstgfesehenes. 1 4 



Türken verloren sei. Diese schönen Landschaftei 
die Eroberungen seiner glorreichen Ahnherren, 
endgültig den Giaurs verfallen. Von seinen unmittel- 
baren Besitzungen machen die albanischen Provinzen, 
was sie wollen, und der Padischah ist weit. Es blei- 
ben eigentlich nur noch Macedonien und Thracien, 
das bifschen Küstenland, wo die Türken wie im Aus- 
tragsstübchen hausen. Da das vollkommen feststeht, 
wendet er seine ganze Energie und seine Regierungs- 
kunst auf die Festhaltung der kleinasiatischen PrOr| 
vinzen. Wenn es heifst: Europa den Christen, dai 
mufe es auch lauten: Anadoli den Türken und 
den Türken. Dieses Ziel schwebt ihm unverrückt' 
vor Augen. Darum mufs die nichttürkisch 
Bevölkerung türkisiert werden. Da sind nun 
das Haupthindernis die Christen, im Westen die un- 
glaublich rasch sich vermehrenden und die Türken 
verdrängenden Griechen und im Osten die Armenier, 
Eine Geschichte von vierunde inhalb Jahrhunderten 
hat unumstöfslich erwiesen, dafs diese Rassen in ihrer, 
immensen Majorität dem Islam nimmermehr gewonnei 
werden. Daher heifst es: Ecrasez l'infame. Das ist der 
Schlüssel zu der fürchterlich blutigen Lösung der arme- 
nischen Frage durch Sultan Abdul-Hamid Khan. Es 
kann nicht geleugnet werden, dafs durch die Thaten der 
letzten Jahre der Padischah in dieser Beziehung erhel 
lieh vorwärts gekommen ist. Natürlich würde man mil 
den Griechen gern in ähnlicher Weise abrechnen. 
Aber da stehen die russischen Glaubensbrüder drohend 
im Hintergrund. Die russische Diplomatie, welche 
den armenischen Massacres kühl bis ans Herz hinan 
zuschaute und sich erst aufraffte, als es reichlich spät 
war, würde wohl aus politischen und nationalen Be- 



us- 

:ht, ^1 

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he^ 



1 



weggründen gegen einen griechischen Aderlafs nichts 
Erhebliches einzuwenden haben. Indessen sie hat mit 
den religiösen Gefühlen der Geistlichkeit und der 
Massen zu rechnen, welche 1878 in so bestimmter 
Weise sich gellend machten, und deren Bedeutung 
seit Alexanders IH. Regierung wieder machtvoll ge- 
stiegen ist. Einen Massenmord der rechtgläubigen 
Christen, so nützlich er aus politischen Gründen sein 
mag, wird die Pforte daher schwerlich wagen. 

Dafür konzentriert sie ihren ganzen Thätigkeits- 
drang auf die mohammedanischen nichttürkischen 
Volker. Diese sollen nicht allein durch die Religion, 
sondern ebenso durch Sprache und Gesittung mit 
den Türken zu einer kompakten und homogenen 
Masse verschmolzen werden. Da ist es vor allem 
auf das kräftige und grausame Kurdenvolk abgesehen. 
In Konstantinopel haben sie die armenischen Cha- 
mals ersetzt nicht zur Zufriedenheit der Peroten. 
Ich konnte, so oft ich mit ihnen zu thun hatte, mich 
über dieselben nicht beklagen. Charakteristisch ist 
an diesen bronzefarbenen , prachtvoll gewachsenen 
Gesellen mit ihren scharf geschnittenen Gesichtern 
ihre Farbenfreudigkeit, die besonders an Feiertagen 
hervortritt, wo sie nicht nur in Lumpen gehüllt sind 
und von Schmutz starren. Da stehen sie in gelben 
Jacken, blauen Hosen, einen blutroten Gürtel um die 
Lenden geschlungen und einen buntfarbigen Turban 
auf dem Kopf. Andre sind in Grün, Violett und Hell- 
rot gehüllt Dieser Kurdennation hat nun der Padi- 
schah seine besondre Aufmerksamkeit und seine bei- 
nahe zärtliche Liebe zugewendet. Aus ihnen sind 
die Hamidije-Regimenter gebildet, wodurch den rohen 
,\lpensöhuen die türkische DiscipÜn beigebracht wer- 




den soll. Vorläufig sind es gefürchtete Räuber. Dil 
Söhne der kurdischen Agas und Begs, die Blüte di 
nationalen Adels, sollen dem autochthonen Umgangs- 
kreise ihrer Heimatbezirke entrissen werden; fiir 
diese vornehmen Klassen des Kur den Volkes sind 
höhere Schulen in Konstantinopel errichtet wordei 
worin ihnen die übliche türkisch-französische Bildui 
eingetrichtert wird. So sollen von oben herab 
Kurden in Türken verwandelt werden. Wenn dii 
wirklich, wie mir versichert worden ist, die Gedankt 
gänge Abdul-Hamid Khans sind, dann kann ihm 
in all ihrer rücksichtslosen und blutigen Härte 
gewisse Grofsartigkeit nicht abgesprochen werdi 
FreÜich werden sie immer eine nicht zu verwirf 
lichende Chimäre bleiben. Die serbische Aristokral 
Bosniens wurde durch ungleich zugkräftigere Mil 
als europäische Bildung, durch Landlehen und Feudj 
baronien, dem Islam und Türkentum völlig bis 
Fanatismus gewonnen; doch sie selbst und das Lahl 
sind serbisch geblieben, wie auch die Bergknrden 
schwerlich jemals Türken werden wollen. Die natio- 
nale Einheit eines völlig türkischen Kleinasiens ist 
eben der Traum eines Schwärmers. 



3. DIE ARMEE. 

Nur eines ist vorzüglich im türkischen Reich, 
die von deutschen Offizieren einexerzierte Armee. 
Nichts ist schöner als ihr Anblick beim Selamlik. 
Die hohen Dignitare, die dicken Generale mit ihren 
goldstrotzenden Uniformen, wie sie in zwei Gänse- 
märschen an uns vorbeiwackeln, will ich nicht schil- 
dern, so wenig als die ganze allbekannte Feierlichkeit. 
Unübertrefflich hat dies schon Failmerayer gethan: 



k. ■ 




— 213 — 

„Alle Civil- und Militärherrlichkeiten samt aller Pracht 
des kaiserlichen Hofes sahen wir nach und nach 
langsam und dicht an uns vorüberziehen .... Die 
wohlbeleibten muslimischen Stabs- und Generaloffi- 
ziere mit ihren strotzenden Fischthrangesichtem mach- 
ten keinen vorteilhaften Eindruck, wenn man an die 
magern Gestalten und an die intelligenten, zornigen 
Physiognomien europäischer Paraden denkt." Aber 
die Truppen, allerdings meist auserlesene Garde, 
sahen vortrefflich aus, wie sie allmählich aufmar- 
schierten imd die ganze Umgebung des Palastes ab- 
sperrten. Erst Garden in blauer Uniform mit dem 
Fez, dann Marinetruppen ganz in Weifs mit blauen, 
rotbordierten Jacken, dann die Zuaven in Blau, rot- 
berändert und mit grünen Turbanen, sehr schmucke, 
gebräimte und muskulöse Gesellen; ein Marketender 
brachte ihnen zum Ertragen der Sonnenhitze „frisches 
Wasser", das sie aus einer flachen messingenen Schale 
tranken. Es folgten die Albanesen, kaffeebraun oder 
weifs mit phantastischen, auf der Uniform aufgesteckten 
schwarzen Bändern. Ganz unten hielten die Lanciers 
zu Pferd mit roten Fähnchen. Die Kavallerie ist der 
eigentliche Stolz der Armee. Wenn ich nach Pan- 
kaldi hinauf mufste, machte es mir immer Vergnügen, 
am Hofthor der Pompierskaseme für eine Viertel- 
stunde Halt zu machen und die Evolutionen der dort 
exerzierenden Kavalleristen anzusehen. Wunderbar 
schön war es, wenn sie in kurzem, verhaltenem Galopp 
angesaust kamen. Wie aus Bronze gegossen safsen 
diese Albanesen, Syrer und Araber auf ihren Tieren 
und schienen mit ihnen förmlich verwachsen zu sein. 
Die deutschen Offiziere haben hier Erstaunliches ge- 
leistet; aber sie haben offenbar auch ein ganz vor- 



214 — 

zügliches Material zur Ausbildung erhalten. Und was 
dieses leisten kann, haben Silistria, Plewna und 
der Krieg mit Griechenland in glänzender Weise 
bewiesen. 

Wenn Deutschland die Armeereform befordert 
und die andren Mächte dies wenigstens nicht hindern, 
so ist darum nicht nötig anzimehmen, dafs heute die 
Grofsmächte wesentlich edler dächten als vor loo Jah- 
ren, wo die drei nordischen Mächte in Polen syste- 
matisch die Korruption forderten und jede Reform 
hinderten, um das Land um so schneller zur Auftei- 
lung reif zu machen. So weit ist es offenbar mit 
der Türkei noch nicht Die Liquidation bleibt vor- 
läufig noch aus; denn, wie ein Franzose mir sagte, 
la poire n'est pas encore müre. 



DIE UNTERWORFENEN VÖLKER 




I. DIE GRIECHEN 

(innerhalb und aufserlialb der Türkei). 



I. DIE VERDERBLICHE POLITIK DER GROSSMÄCHTE. 

Der Philhellenismus ist bei uns in Deutschland 
gründlich ausgestorben. Die Anschauungen haben 
sich seit hundert Jahren vollständig verändert. Wie 
die grofsen Männer der französischen Revo- 
lution . von den Idealen des Klassizismus förmlich 
durchtränktl Welche Epoche in unsrem geistigen 
Leben hat das Bekanntwerden der Elgin marbles be- 
deutetl In Olympia, Pergamon und Sidon sind min- 
destens gleichwertige Funde gemacht worden; sie 
sind nahezu spurlos an unsrer Generation vorüber- 
gegangen, weil wir das Altertum, wie Hermann 
Grimm so schon sagt, nicht mehr mit Goetheschem 
Auge ansehen. Die Begeisterung für unsre klassische 
Epoche ist ja offiziell und bei den Altem noch vor- 
handen; aber sie macht den Eindruck des Mumien- 



haften. Die von oben her befohlene Abkehr von 
den altererbten Bildungsidealen wirkt tödlich auf den 
Hellenismus ein. Je mehr die Realschulbildung do- 
minirt, ura so mehr müssen die klassisch-griechischen 
Ideale in den Hintergrund treten. Eine natürliche 
Folge ist, dafs philhellenische Gesinnung als eine 
überlebte Anschauung hinter der Zeit Zurückgeblie- 
bener verhöhnt oder wenigstens mitleidig belächelt 
wird. 

So teilt denn auch heute das Hellenenvolk den j 
Hafs und die Verachtung, welche die Menschen des ' 
neuen Jahrhunderts der von jenem überlieferten Ge- 
sittung entgegenbringen. Das kleine Königreich 
Griechenland, bei dessen Gründung so viel deutsche, 
allerdings mit Undank belohnte Liebe und Begeiste- 
rung mitgewirkt hat, steht heute nicht eben hoch im 
allgemeinen Kredit. Politisch haben freilich die Söhne ] 
der Hellenen reichlich so viel Unverstand bewiesen ' 
als die alten ävbpec 'Aenvaioi, 

Allein hierbei darf man nicht vergessen, dafe die 
intellektuellen Urheber von Griechenlands ungenü- 
gender politischer und wirtschaftlicher Entwickelung 
die seine Existenz begründenden Schutzmächte ge- 
wesen sind. Die Gründung eines Griechenstaates 
ohne Thessalien und Epirus, ohne Kreta und die 
Sporaden war eine Monstrosität, eine ganz unglück- 
selige Mifsgeburt, die nicht leben und nicht sterben \ 
konnte. Das betonte mit vollem Recht bereits 1830 
der kluge Prinz Leopold von Coburg, als man ihm 
die Krone anbot; er schrieb an den Freiherm 
von Stein: „Leider werden Sie bereits aus den Zei- 
tungen erfahren haben, auf welche traurige Weise 
man die Grenzen bestimmt hat Ich habe gethan. 



— Siq — 

was ich konnte; zu leugnen ist jedoch nicht, dafa ohne 
Kandia und bei der schlechten Kontinentalgrenze 
man den neuen Staat nur als einen provisorischen 
ansehen kann. Die Finanzen sind in diesem Augen- 
blick der Gegenstand meiner Diskussion mit den 
Mächten, es sollen von ihnen Anleihen garantiert 
werden; ich habe einen Betrag bestimmt, den der 
traurige Zustand Griechenlands nötig macht, wenn 
überhaupt etwas aus der Sache werden solL Die 
Mächte wollen nur wenig über die Hälfte meines 
Vorschlags garantieren." Er sah sich bei dem Übeln 
Willen der Mächte aufser stand, sein Vorhaben zu 
verwirklichen, und gab das Amt in die Hände der 
drei Bevollmächtigten zurück, „welches die Umstände 
ihm nicht mehr gestatten mit Ehren für ihn selbst, 
mit Nutzen für Griechenland, mit Vorteü für die all- 
gemeinen Interessen Europas zu bekleiden". Selbst 
Mettemich, der geschwome Feind der Griechen, der 
jetzt über „die deplorable Haltung des Prinzen Leo- 
pold" sich erregte, mufste ihm doch Recht geben: 
„Der Kaiser Nikolaus hat das Verfahren Leopolds 
als d^fection honte use bezeichnet. Aber welchen 
Prinzen werden die Mächte für die Leitung einer 
Barke ohne Boden und ohne Steuerruder gewinnen?"^) 
Kann man ein vernichtenderes Urteil über die 
völlig verfehlte Gründung des Griechenstaates fallen, 
als es der damalige Mentor des politischen Europas 
gethan hat? Auch hierin sind die Großmächte die 
getreuen Nachahmer der von Rom seinen Klientel- 
staaten gegenüber eingeschlagenen PoUtik. Nach dem 



l) Vgl. MendelssoliD.BaithoIdy, Gescbiclite Griechenlands n 
S, 200. 206, 207. 



Sturze des Perseus haben die Römer das ehemalige 
macedonische Königreich in vier Republiken geteilt 
und mit Eifer dafür gesorgt, dafs diese Miniatur- 
staaten wirtschaftlich zu Grunde gingen, und dabei 
spreizte sich ganz wie bei uns der Senat mit seiner 
Befreiungsthat „Vor allem beschloJs man, die Mace- 
donier für frei zu erklären, um allen Völkern zu 
zeigen, dafs die Waffen des römischen Volkes nicht 
freien Volkem Knechtschaft, sondern im Gegenteil 
geknechteten Freiheit bringen, und damit die von 
Königen regierten Völker erführen, ein Krieg mit 
den Römern gewähre diesen Sieg, ihnen selbst aber 
Freiheit"^). Und es ist gar nicht zu bezweifeln, dafs 
einige Philhellenen im Senat aufrichtig meinten, ein 
Befreiungswerk vollzogen zu haben, wie die franzö- 
sischen Girondins, als sie die batavische, helvetische 
und cisalpinische Republik gründeten. 

Auch wirtschaftlich sind die Grofemächte in Roms 
Fulstapfen getreten. Das befreite Hellas war ein 
rauchender Trümmer häufe. Ohne finanzielle HUfe 
konnte dasselbe nicht existieren. Da die drei allein 
ausschlaggebenden Mächte RuTsland , England und 
Frankreich den neuen Staat geschaffen hatten, lag 
ihnen auch die Verpflichtung ob, für seine Unterhal- 
tung zu sorgen. Aber statt sich 1832 mit der Garantie 
der 60 Millionen -Anleihe zu begnügen, hätten sie 
dem jungen, vollkommen kraftlosen Staat Subsidien 
gewähren sollen. Dafs derselbe die Anleihe nicht 
verzinsen, geschweige denn zurückzahlen könne, war 
von vom herein klar. Aber so blieb er wirtschaft- 
lich unmündig, und durch von Zeit zu Zeit wiederholte 

1) Vgl, Livius 45, 18, 



4 



221 

Zahlungsbefehle konnte man, wenn man auch mit 
ihnen nicht Ernst machte, den Griechen ihre völlige 
politische Macht- und Hilfslosigkeit recht deutlich 
vor Augen führen. 

Die Entfernung der Deutschen und Bayern 1840 
war schnöder Undank gerade gegenüber den selbst- 
losesten und hingehendsten Philhellenen und hat 
zweifellos viel zu dem für Griechenland so verderb- 
lichen Stimmungsumschwung in der öffentlichen Mei- 
nung Europas beigetragen. Aber im Grund hatten 
die philorthodoxe Gesellschaft und die napistische 
Partei ganz Recht, wenn sie Griechenland unter Rufs- 
lands Einflufs und ausschliefsliches Protektorat bringen 
wollten. Die geschichtliche Entwicklung und die Re- 
ligion wiesen auf Rufsland, zu dem Byzanz die Brücke 
bildete. Die Begeisterung für die Söhne des Leo- 
nidas und des Miltiades war Schwärmerei für ein 
Wolkenkuckucksheim; aber gerade dieser Enthusias- 
mus für die altklassische Vorzeit, welcher jede ge- 
schichtliche Vermittlung abweist, ging den Griechen 
in Fleisch und Blut über. Es ist eine alte Lehre, 
dafs die Völker zu allen Zeiten sich mit Vorliebe 
für das Thörichte begeistern. Die Klraft Griechen- 
lands lag in seiner nationalen Kirche und der von 
dieser übermittelten Gesittung. Das wies auf An- 
schlufs an Rufsland hin. Allein so hatten England 
imd Frankreich nicht gewettet. Sie beglückten das 
völlig unreife Land mit dem damals in Westeuropa 
blühenden liberalen Konstitutionalismus, wie der rö- 
mische Senat die Königreiche des Ostens republika- 
nisierte. So hat Europa alles gethan, um das Land 
politisch und wirtschaftlich seinem Ruin entgegen- 
zuführen, und da wundert man sich, wenn Griechen- 



land thatsächlich Bankrott gemacht hat. Es liegt 1 

mir fem, den guten Willen vieler damaliger Staats- i 
manne r und vor allem der Völker zu verkennen, 
"Wenn etwas für Griechenland geschah, so verdankt 
es dies dem starken Druck der öffentlichen Meinung. 
Damals waren eben die grofsen "Freiheits- und die 
Humanitätsgedanken, die Kinder der französischen 
Revolution, noch in aller Herzen festgegründet, 
während sie unter dem verrohenden Einflufs des 
heutigen Utilitarismus immer mehr zur Phrase werden. 
Das Europa des XDC. Jahrhunderts leistete Unvoll- j 
kommenes zur Befreiung der Völker; das XX. Jahr- 
hundert wird für solche ideale Ziele gar nichts thun, t 



2. DAS HEUTIGE GRIECHENLAND. 

Doch dem sei nun, wie es wolle, wir müssen 
mit der momentan unabänderlichen Thatsache rechnen, 
dafs der Philhellenismus bei ims zur Rüste gegangen 
ist. Nicht zum wenigsten haben die finanziell sehr 
wenig einwandsfreien Mafsnahmen der griechischen Re- 
gierung diesen Stimmungsuraschwung hervorgerufen. 
Denn wer sein Geld verliert, dessen sittliche Entrüstimg 
gebraucht als Entladungsobjekt nicht mit Unrecht den 
Urheber dieser metallischen Schmerzen. Nun, Grie- 
chenland hat auch schwer gebüfst, und die finanzielle 
Kontrolle, der es sich jetzt unterziehen mufs, ist ein 
kaudinisches Joch. Aber es scheint thatsächlich in 
Griechenland besser zu werden. Es ist eine betrü- 
bende, aber nichtsdestoweniger feststehende Thatsache, 
dafs nur Unglück, nicht Glück zur sittlichen Hebung 
der Völker beiträgt. Wie segensreich hat im Gegen- 
satz zu 1870 das Jahr 1806 auf Deutschlands geistige 
Wiedergeburt eingewirkt! Ähnlich scheint auch der 




unglückliche Krieg mit der Türkei, an dem freilich 
die Verlockungen des perfiden Albions die Haupt- 
schuld tragen, erhebend und sittlichend auf das helle- 
nische Volk eingewirkt zu haben. Bei meinem Aufent- 
halte in Griechenland ist mir im Umgang mit zahl- 
reichen befreundeten Griechen vor allem aufgefallen, 
wie grofs im Gegensatz zu frühem Zeiten jetzt die 
Selbsterkenntnis geworden ist. Der unerträgliche 
nationale Dünkel ist entschieden in der Abnahme 
begriffen. Das Unglück dieses engbrüstigen, von 
seinen Vätern verpfuschten Kleinstaates war es, dafs 
seine sämtlichen Bürger mit der Muttermilch die 
(JETÖXil ibett einsogen, den grofsen Gedanken der Her- 
stelltmg des griechischen Kaisertums. Historische 
Erinnerungen, verbimden mit ungenügender Ge- 
schichtskenntnis, wirken in der Regel schädigend 
auf die nachgebomen Geschlechter. Die Griechen 
dachten an die Glanzzeit der macedonischen Kaiser 
und der Komnenen und träumten von deren Wieder- 
herstellung. Sie vergafsen, dafs im XI. Jahrhundert 
die Seldschuken imd Ende des XIL Jahrhunderts die 
Bulgaren imd Rumänen, jene auf asiatischem, diese 
auf europäischem Boden die Ausmordung der grie- 
chischen Nation so gründlich besorgt hatten, dafs in 
Kleinasien nur der westliche Küstenstrich und ebenso 
in Thrakien und Macedonien eigentlich nur das Mittel- 
meergestade griechische Landschaften im wahren 
Sinne des Wortes geblieben sind. Eine kleine Nation 
kann kein Grofsreich gründen. Anders lagen die 
Sachen im XVIII. Jahrhundert, als Katharina von 
Rufsland von einer russischen Sekundogenitur in 
Konstantinopel träumte. Damals wufste man noch 
nichts von dem ^ebenso unglücklichen als einföltigen 



224 

Nationalitätenhader. Das eine feste Band der Ortho- 
doxie umschlang Griechen wie Bulgaren und Serben. 
Freilich ein griechisches Nationalreich wäre auch 
damals nicht entstanden; aber alle Bedingungen waren 
gegeben, ein giiechisch-slawisches Reich imter russi- 
schem Schutze zu gründen, und das hätte eine ge- 
sunde Entwicklung nehmen können. Doch die Un- 
fähigkeit der Gebrüder Orlow vereitelte den Erfolg. 
Von da an hat bei den Griechen das immer lebhafter 
hervortretende Nationalgefühl eine unübersteigliche 
Scheidewand gegenüber den rechtgläubigen Slawen 
gezogen, und damit waren die Grundbedingungen 
des erhofften Kaiserstaates verloren gegangen. Seit- 
dem ist die christliche Balkanhalbinsel der Klein- 
staatsmisere und dem unerquicklichen Nationalitäten- 
hader verfallen. Es ist hart, aber die Griechen 
müssen auf alle byzantinischen Repristinationsgedan- 
ken verzichten. Ein Grofsgriechenland wird die Zu- 
kunft nicht bringen, aber einen gesunden, kräftigen 
und blühenden Mittelstaat kann sie sehr wohl schaffen. 
Es ist ein wahres Glück, dafs viele Verständige unter 
den Griechen allmählich von der grofsen Idee zurück- 
zukommen beginnen und nicht mit phantastischer 
Rhetorik, sondern mit praktischer Nüchternheit von 
der nichts weniger als verzweifelten Zukunft ihres 
Landes zu sprechen beginnen. 

Gerade diese den Griechen angebome Rhetorik 
und Fabulierungslust ist ihr Unglück geworden. Schon 
die spätere byzantinische Brieflitteratur ist ein merk- 
würdig steriles Gebiet; die Verfasser strengen sich 
an, in elegantester Form und wohlabgerundeten Pe- 
rioden nichts zu sagen. Und dieses rhetorische 
Schellengeklingel wird noch heute nachgeahmt und 



— 225 — 

bewundert. Von den Griechen gilt das französische 
Wort: „ils se grisent en parlant". Darum ist es 
hocherfreulich, dafs unter den Griechen selbst heute 
Männer aufstehen, welche diesem Krebsschaden der 
inhaltsleeren Schwätzerei mit furchtlosem Mannesmut 
zu Leibe gehen. So schreibt das Asty vom 15. No- 
vember 1899: „Niemand bestreitet den Wert des 
rednerischen Geschicks und der Begabung hiefur, 
welche uns von alters her als Geschenk und Ver* 
jnächtnis unsrer Vorväter überliefert worden sind; 
aber leider hat dies allezeit unsre übrigen Verpflich- 
tungen in den Hintergrund gedrängt, und wir meinten, 
das Ziel sei erreicht und das Werk gethan, wenn wir 
unsre Stimme erheben wie Schauspieler im Drama 
und den Funken der Vaterlandsliebe und den Tau 
unsrer Herzenswünsche aufs Papier werfen. Die Ver- 
teidigung unsrer (nationalen) Rechte jedoch vor dem 
Forum der Grofsmächte mufs nicht nur mit viel 
Mäfsigung und Nüchternheit geschehen, sondern auch 

mit einem unsrer heiligen und erhabenen National- 

> 

Sache würdigen Scharfsinne." Also nicht grofse Worte 
und elegante Redensarten, sondern thatsächliche Be- 
weise. Es ist viel, dafs man so etwas heute in Grie- 
chenland zu schreiben wagt. 

Wie bei uns in Deutschland, wenden sich auch 
in Griechenland viel zu viel Bürger den wissenschaft- 
lichen Studien, vor allem der Rechtswissenschaft, zu* 
Die Folge ist ein gelehrtes Proletariat, welches aus 
Hunger sich an die Stellenjägerei macht. Die häu- 
figen Ministerkrisen sind daher, wie in Nordamerika, 
mit einem vollständigen Wechsel der hohen wie der 
niedem Beamten bis hinab zu den Museumskustoden 
verbunden. Sogar die Professoren der Gymnasien 

G e 1 z e r , Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 1 5 



— 226 — 

wurden gewechselt, je nachdem die Losung Trikupis 
oder Delijannis lautete. Ein Freund und Schüler von 
mir war Professor am Gymnasium in Patras. Obschoi 
er selbst ein durchaus unpolitischer, nur der Wissen- 
schaft und seiner Lehrthätigkeit lebender Mann ist^ 
wollte Delijannis ihn absetzen, weil sein Vater mit 
Trikupis befreundet ist. Indessen der einflufsreiche 
Deputierte von Patras war gleichfalls mit ihm be- 
freundet, und so kam es nicht zur Absetzung, sondern 
gegen seinen Willen zur Versetzung nach Zakynthos. 
Ein neuer Dekorationen Wechsel auf der ministeriellen 
Schaubühne hat ihn dann wieder nach Patras zurück- 
gebracht. Ein andrer Schüler von mir, der in Athen 
lehrt, ist dreimal abgesetzt worden, weil er sich wei- 
gerte, in die Provinz zu gehen und einem zufällig- 
von den Hochmögenden patronisierten Streber seinen 
Platz zu räumen. Er ist in guten Verhältnissen und J 
kann sich das leisten. Aber wie das auf den Geist J 
der Schulen wirken mufste, braucht nicht näher aus-1 
gefuhrt zu werden. Es ist nun ein groises Verdienst | 
des leider vor kurzem zurückgetretenen Unterrichts- 
ministers Evtaxias, dafs er diesen unwürdigen Zu- 
ständen ein Ende gemacht hat. Von jetzt an dürfen 
gesetzlich Lehrer von ihren Stellen nur entfernt wer- 
den, wenn sie wissenschaftlich ihrer Stelle nicht ge- 
nügen oder sich ein sittliches Vergehen zu Schulden 
kommen lassen. Damit ist der politische Stellenmarkt 
glücklich aus der Schule entfernt. 

Man bemüht sich übrigens sehr, in Unterricht 
und Methode mit den Fortschritten des Westens 
Schritt zu halten. Auch die neue Wissenschaft der 
Pädagogik hat in zwei Sektionschefs des Unterrichts- 
ministeriums begeisterte Vertreter, welche auf die 



iJ.^ 



— 227 — 

Philologen und ähnliche Handwerker vornehm herab- 
sehen. In den gebildeten und gelehrten Kreisen 
sprach man übrigens mit etwas ironischem Lächeln 
von diesen neuen Weisheitsaposteln und ihrer Selbst- 
zufriedenheit. „Sie schreiben Bücher für ganz kleine 
Kinder und nennen das Wissenschaft" sagte mir ein 
sehr kluger, aber etwas kaustischer Geistlicher. 

Dafs die Griechen im letzten KJriege schlecht ab- 
geschnitten haben, können sie natürlich nicht leugnen. 
Aber allgemein, auch unter Leuten der untern Stände, 
mit denen ich mehrfach über die Militärfrage sprach, 
herrscht die Überzeugung, dafs die Soldaten ein gutes 
Materi2il seien und dafs nur die Offiziere nichts 
taugen. Überall wurde mir von hoch und niedrig der 
Wunsch ausgesprochen: Wenn doch nur der Deutsche 
Kaiser ein paar Offiziere nach Griechenland schicken 
wollte; dann würde die griechische Armee bald 
ebenso bedeutende Fortschritte machen, wie die tür- 
kische. So grofe ist der Glaube an die imerreichte 
VortreflFlichkeit des deutschen Militärs. 

Überhaupt würde man sich irren, wenn man 
meinte, dafe in Griechenland wegen der bei uns 
herrschenden Turkophilie etwa Deutschenhafs be- 
stände. Das Gegenteil ist der Fall. Die Griechen 
verstehen sehr wohl zu unterscheiden. Sie wissen, 
dafs die Regierung und die Militärs ganz auf der 
Türkenseite stehen, dafs dagegen bei den Gelehrten, 
die freilich wenig genug bedeuten, das keineswegs 
überall der Fall ist. Viel hat zu dieser günstigen 
Stimmimg auch während der Zeit der Spannung die 
Haltung des Deutschen archäologischen Instituts bei- 
getragen, dessen Leiter überzeugte Hellenenfreunde 
sind und die dieser Überzeugimg auch Ausdruck zu 



— 228 — 

geben verstanden. Aber so gereizt war während des 
Krieges die Stimmung in den hohem Regionen 
Deutschlands, dafe Artikel von in Griechenland an- 
sässigen Deutschen, welche gegenüber dem fanatischen 
Türkenenthusieismus nur in mafsvoUer Weise das 
„Audiatur et altera pars" vertreten wollten, einfach 
zurückgewiesen wurden. Die Waschzettel empfangen- 
den, imsre öffentliche Meinung beherrschenden Prefs- 
organe hatten eben von oben her die sehr bestimmte 
Weisung erhalten, absolut nichts den Ghriechen Gün- 
stiges zu veröffentlichen. So ist denn künstlich und 
gewaltsam eine antigriechische Stimmung in Deutsch- 
land grofsgezogen worden. Die Griechen urteilen 
hier sehr verständig. Ein trefflicher Gelehrter sagte 
zu mir: „In Europa und besonders in Deutschland 
ist viel über die Griechen geschimpft worden; aber 
sie haben mit Recht geschimpft". Es ist gar keine 
Frage, dafs diese überall hervortretende Erkenntnis 
der alten nationalen Fehler und das eifrige Streben, 
sie abzulegen, der Anfang einer Umkehr der Nation 
auf gesundere und bessere Bahnen sein wird. 

3. GRIECHISCHE BESONDERHEITEN. 

Gewisse alte, aber sehr unschuldige Eigentüm- 
lichkeiten sind den Griechen geblieben. Namentlich 
bei der altem Generation und den Geistlichen ist 
ein sehr beliebter Gesprächsgegenstand seit langer 
Zeit die TTpocpopd (die Aussprache), die Frage, ob 
imsre erasmische oder die einheimische Aussprache 
die richtige sei. Da ich mich von meinem ersten 
Aufenthalte her mit Entsetzen der endlosen Debatten 
über diese Materie erinnerte, habe ich hier diese 
Redetumiere sehr summarisch und schnell zu Ende 



229 

geführt, indem ich ohne weiteres zugestand, dais die 
einzig vernünftige die neugriechische Aussprache und 
unsre ein veredteter Schulmeisterzopf sei, den man 
baldigst abschneiden sollte; sie sei gerade so imbe* 
gründet und gerade so lächerlich, als die englische 
Oxfordaussprache des Lateinischen. Früher sei dies 
eine reine Doktorfrage gewesen; heute, wo so viele 
Deutsche, nicht blofs Philologen und Archäologen, 
Griechenland imd Kleinasien bereisten, würde die 
Einfuhnmg der neugriechischen Aussprache in den 
G3min2isien eine wesentliche amd grofse Erleichtenmg 
des Erlemens der neugriechischen Sprache für die 
Reisenden bilden. Thaten dann infolge dieser meiner 
Konzessionen die Griechen gar zu stolz, dämpfte ich 
ihren Siegesübermut durch die Bemerkung, natürlich 
sei die heutige Aussprache der Griechen von der des 
Perikles und Demosthenes toto caelo verschieden, imd 
brachte dann die bekannten Tierstimmen ßf| ßrj und 
aö aö vor, da doch kein Schaf wi wi blöke und kein 
Hund aw aw belle. Das erregte regelmäfsig grofse 
Trauer; ich tröstete dann, in Pompeius' Zeit müsse 
bereits eine der heutigen ähnliche Aussprache Platz 
gegriffen haben, da der Ausruf des Feigenhändlers 
Caomeas (kaunische Feigen) nur nach der neugriechi- 
schen Aussprache Kawneas als cave ne eas (Hüte 
dich abzimiarschieren) habe gedeutet werden können. 
Das war Balsam auf die Wunde; immerhin hätten 
sie gewünscht, dafs ich die weltbewegende Prophora- 
frage mit etwas mehr Ernsthaftigkeit behandelt hätte. 
Eine andre Streitfrage, auch noch ein Erbteil 
der alten übermäfeigen Betonung der formalen und 
sprachlichen Dinge, ist der Streit, wo das eleganteste 
Griechisch gesprochen werde. In Konstantinopel 



— 230 — 

wurde mir versichert, das geschehe entschieden in 
der Hauptstadt selbst und speziell im Phanar; gerade 
die höhere Geistlichkeit spreche und schreibe das 
feinste und gewählteste Griechisch. In Athen sei 
das weniger der Fall, weil hier keine alte Überliefe- 
rung herrsche, sondern seit der Befreiung ein Konflux 
aus allen Gauen der helleuischen Zunge stattgefunden 
habe. Natürlich erregte ich mit diesen von mir harm- 
los vorgetragenen Lehren an den Ufern des Ilissos 
einen Sturm der Entrüstung, Übrigens hat man schon 
in der Zeit der Antonine gefunden, dafs durch das 
Zusammenströmen so vieler Fremder, der massenhaften 
Studenten und Epheben, das reine Attisch bedenklich 
gelitten habe. Kein Land ist so zäh wie der Orient. 
Dieselben Zustände und Anschauungen tauchen trotza 
allen Wechsels der Jahrhunderte immer wieder au^-l 



4, DIE GRIECHEN IN DER TÜRKEI. 

Man mufs übrigens nicht meinen, dafs „die Grie*^ 
chen in der Knechtschaft" (die Angehörigen des tür- 
kischen Reichs) etwa mit grofsem Neide auf ihre 
Brüder im freien Hellas hinüberblicken. Sie sind 
eine sehr seibstbewufste und stolze Rasse und haben 
Grund dazu. In Kleinasien macht das Griechentum 
ungeahnte Fortschritte. Es vermehrt sich mächtig, 
da die Familien sehr kinderreich sind, Sie dringen 
immer weiter ins Innere vor. Zuerst siedelt sich ein 
Bakal (Krämer) an; dann zieht er ein paar Familien 
nach; ein'Lehrer folgt; eine Kirche wird gebaut und 
ein Geistlicher angestellt, und bald ist die griechische 
Gemeinde fertig, Aiwaly (Kydonies), eine blühende 
halb griechische, halb türkische Stadt, war in den 
Freiheitskriegen vollständig türkisch geworden, da 



— 231 — 

die griechische Bevölkerung einfach ausgemordet 
.ward. Die Türken teilten sich in die Häuser, Acker 
und Weingärten der ehemaligen griechischen Be- 
wohner. Aber im Laufe der Zeit kamen die Griechen 
wieder, setzten sich fest, kauften die trägen, ökono- 
misch zurückgehenden und numerisch sich gar nicht 
vermehrenden Türken aus. Heute ist Kydonies eine 
sehr ansehnliche, blühende und reiche Griechenstadt 
mit einem stattlichen, gut geleiteten Gymnasium. Dieser 
Vorgang ist typisch für den Westen Kleinasiens. 

Nicht wenig haben auch zur Hebung des Wohl- 
standes in einzelnen Dorfschaften die deutschen ar- 
chäologischen Ausgrabungen des letzten Jahrzehnts 
beigetragen. Die griechischen und türkischen Erd- 
arbeiter sind mäfsig, wie die Italiener. An der fünf- 
jährigen Blofslegung von Priene haben sich haupt- 
sächlich die Bauern des benachbarten Griechendorfs 
Kelebesch beteiligt. Es ist jetzt ein schmucker, rein- 
licher Ort mit hübschen neuen Häusern, welche seine 
Einwohner aus dem Ertrag ihrer Arbeit errichtet 
haben. Ganz ebenso sind in Ajasiduk (Ephesus) durch 
die östreichischen Ausgrabungen zwanzig neue Häuser 
entstanden. In Palati, der versumpften Stätte des 
alten Milet, ist durch die von Dr. Wiegand gezo- 
genen Abiaufgräben der Gesundheitszustand ein er- 
heblich besserer geworden. Der Ort ist nicht mehr 
das hoffnungslose Fiebemest der fniheren Zeit. Auch 
das benachbarte Ak-kiöi (weifses Dorf), welches 
zahlreiche Arbeiter für die Ausgrabimgen liefert, 
macht seinem Namen mit den zahlreichen frisch ge- 
tünchten Neubauten Ehre. So ist durch die wissen- 
schaftliche Thätigkeit der Deutschen und Östreicher 
in den Flufsthälem des Kaystros und des Mäandros ein 



— 232 — 

verhältnismäfsiger Wohlstand eingekehrt, der haupt* 
sächlich' der griechischen Bevölkerung zu gute kommt. 

Freilich hört man auch Klagen über die türkische 
Regierung. In Ephesus ist die Wasserleitimg zerstört. 
Da ihre Herstellimg Sache der Regierung wäre, unter- 
bleibt sie, und infolge des imgesunden Wassers ist 
während des Sommers ein grofser Teil der Bevölke- 
rung fieberkrank. Man sucht auch durch kleinliche, 
vexatorische Mafsregeln die Fortschritte der Griechen 
zu hemmen. Die griechische Gemeinde von Tire in 
Lydien hat ein beträchtliches Grundstück für ihren 
Friedhof gekauft; die türkische Regierung verbietet 
die Benutzung, da das Grundstück Wakf (islamitisches 
Kirchengut) sei, und so sind die armen Griechen ge- 
zwungen, ihre Toten wider alle Grundsätze der 
Hygiene mitten in der Stadt, in der Kirche zu be-» 
gpraben.] 

Die Griechengemeinden im Norden, in Pontus, 
imd im Innern, in Pisidien, Lykaonien und Kappado- 
zien, haben vielfach seit Jahrhunderten ihre Mutter- 
sprache verlernt und gebrauchen das Türkische als 
Umgangssprache. Ich lernte auf Halki eine griechische 
Dame aus Samsun (Amisos) kennen, die mit ihrem 
Töchterchen dort einen Sommeraufenthalt machte, 
aber nur Türkisch und kein Wort Griechisch verstand. 
Indessen seit fünfzig Jahren hat durch die Schulen 
eine mächtige Rückhellenisierung begonnen, und die 
jüngere Generation — wenigstens die Männer — spricht 
fliefsend griechisch. Besondre Freude machte mir die 
Unterhaltung mit zwei trefflichen griechischen Kauf- 
leuten aus dem fernsten Osten, aus Konia und Nigde. 
Wenn man diese Männer mit ihrer frischen Ent- 
schlossenheit sah und von ihren mutigen Plänen hörte, 



— 233 — 

wie sie ihr Volk emporzubringen hoflften, bekam man 
von dieser kräftigen, aufstrebenden Rasse einen über- 
aus günstigen Eindruck imd grofse Achtung vor ihr, 
Ernst Curtius hatte einmal bei einem Diner in Smyma 
einen Toast ausgebracht, der in dem Satze gipfelte: 
Ol KdXXiCTOi "€X\iiv€C elvai Suj ttic '€XXdboc (die besten 
Griechen sind aufserhalb Griechenlands). In Konstan- 
tinopel, in Tire, in Smyma und sonst erregte ich mit 
diesem Bonmot allemal enthusiastische Begeisterung. 
Namentlich wurde an den Professoren von Athen 
nachgewiesen, dafs die bedeutendsten aus Adrianopel, 
Macedonien, Mitylene, Epirus, Kreta u. s. f. stammten. 
Als ich einwandte, der bekannte Philologe Kontos sei 
aber aus Amphissa in Lokris gebürtig, wurde mir 
entgegengehalten, sein Vater sei aus Epirus zuge- 
wandert In den 28 Jahren meiner Abwesenheit hat 
das Griechische als Umgangssprache mächtige Fort- 
schritte gemacht. Damals hatte noch das Italienische 
als lingua franca eine unbedingte Herrschaft ausge- 
übt in Konstantinopel, den Dardanellen und überall. 
In Smyma waren alle Barkarolen Genuesen, ein un- 
angenehmes und unverschämtes Volk. Das hat voll- 
ständig aufgehört. Auch nach dem Eingeständnis 
italienischer Seeleute ist das Italienische völlig zurück- 
gegangen; seine Stelle nimmt nun das Französische 
ein. Alle Griechen, nicht nur die Gebildeten, auch 
die Leute aus dem Volke, sprechen französisch oder 
können sich wenigstens mit ein paar Brocken not- 
dürftig verständlich machen. Es kommt hinzu, dafs 
auch die gebildeten Türken französisch sprechen, so- 
dafs dieses nun wirklich die lingua frcinca in Kon- 
stantinopel und in Kleinasien geworden ist. 



5. DIE GRIECHEN IN SMYRNA. 

Eine ungewöhnlich lebendige, liebenswürdige und 
unternehmende Rasse sind die Griechen KJeinasiens, 
entschieden die Pioniere der Kultur in diesen durch 
die Eisenbahnen allmählich der Kultur sich erschlie- 
fsenden Landschaften. Das „Smyma der Ungläubigen" 
{Griaur Ismir) mit seiner weit überwiegend christlichen 
und speziell griechischen Bevölkerung ist der eigent- 
liche Brennpunkt dieses an atoU sehen Hellenismus. 
War ich arbeitsfrei, besonders an Sonntagen, pflegte 
ich stundenlang im Bazar zu verweilen, weniger um 
zu kaufen, als um diese fröhliche, quecksilberne, in 
unaufhörlicher Bewegung befindliche Eichhomchen- 
bevölkerung näher zu studieren. Namentlich Griechen 
und Hebräer zeichneten sich durch eine ebenso grofse 
Lebhaftigkeit, als eine ganz kolossale Volubilität der 
Zunge aus, die ihresgleichen suchte und alle Ge- 
wölbe mit dem Rauschen eines tosenden Wasserfalls 
erfüllte. Sehr unterhaltend war auch namentlich 
Abends der Besuch des Früchte- und Fischmarktes, 
wo sich die kauflustige, für ihre Abendmahlzeit sor- 
gende Menge drängte. Die Verkäufer verstehen, auf 
reizende Weise ihre Fische in flachen Körben sym- 
metrisch zu gruppieren und ebenso hübsch die Früchte 
und Gemüse aufzubauen, sodafs schon der Anblick I 
die Käufer heranlockt. Auf den Fischkörben undJ 
über den Früchteauslagen haben sie überall kleine'1 
Wachskerzen angebracht Diese Orientalen haben 1 
einen angebomen Sinn für Anmut und Schönheit, J 
Sehr lebendig ging es immer im Bazar bei den Kauf-i 
Verhandlungen mit diesen Söhnen Merkurs zu, G&*J 
wohnlich schlugen sie unverschämt vor; indessen dasj 



— 235 — 

störte meine Ruhe nicht; ich machte auch ihre StoflFe 
oder sonstigen Waren nicht herunter, sagte, alles sei 
sehr schön, aber im nächsten Gewölbe bekomme ich 
es billiger. Lachend und freundlich schieden wir; 
kaum hatte ich den Laden verlassen, so ruft mir der 
Verkäufer nach oder sein Pädl holt mich zurück. 
Sofort sind wir nach meinem Vorschlag handelseinig 
imd scheiden als die besten Freunde. Ein Grieche, 
dem ich allerdings ein wenig zugesetzt hatte, meinte, 
so könne er gar nicht bestehen; er hätte mir die 
Tücher und Teppiche einfach zum Einkaufspreise 
überlassen und absolut keinen Gewinn gehabt. Ich 
kondolierte ihm von Herzen und wünschte ihm für 
die Zukunft bessere Geschäfte; schliefslich brachen 
wir beide über die rhetorische Komödie in ein Ge- 
lächter aus. Alle diese Leute sind natürlich geneigt, 
uns übers Ohr zu hauen; aber sie thun's mit so viel 
Liebenswürdigkeit und Grazie, dafs sittliche Ent- 
rüstamg eigentlich nicht am Platze ist. 

Eine heitere Erinnerung an Smyma ist die Be- 
kanntschaft eines waschechten Smymioten aus dem 
Volke, eines veritabeln Galgenvogels, aber gemüt- 
lichen netten Kerls, den ich an der Karawanenbrücke 
kennen lernte, Georgios Misirlis. Eines Sonntags 
Nachmittags hatte ich erst den Bazar besucht und 
war deum zur Karawanenbrücke gegangen, um das 
liebliche Dianenbad zu besuchen. Der Staub und 
der Sonnenbrand erregten Durst; die KaflFenia bei 
der Karawanenbrücke sind von einer bedenklichen 
Simplizität Indessen das genierte mich nicht weiter: 
ich trat in eines derselben; vier raubvogelartige Ge- 
stalten safsen da „und spielten mit trüglichen Karten" 
so andachtsvoll, dafs sie meinen Eintritt gar nicht 



— 236 — 

wahrnahmen und ich mich erst durch eihen Zuruf be- 
merklich machen mufste. Auf meine Bitte um KaflFee 
stürzte einer der nur mit Hemd und Hose bekleideten 
Jünglinge hinaus und kehrte nach wenigen Augen- 
blicken zurück, um mir den heifsen Trank einzu- 
giefsen. Die schmutzigen Karten wurden beiseite 
gelegt, und nun gruppierte sich die ganze Räuber- 
gesellschaft um den unklugen Europäer, der sich in 
ihre Höhle gewagt hatte. Der eine, der sich als 
Kellner aufgethan, setzte sich ungeniert neben mich 
und fing an französisch mit mir zu parlieren. Er be- 
schnupperte mit der Neugier dieser Leute mein Reise- 
handbuch; leider war es deutsch; aber nachdem er 
die Karte entfaltet hatte, fand er Gelegenheit, das 
Licht seiner Bildung und Gelehrsamkeit vor seinen 
Spiefsgesellen leuchten zu lassen; er zeigte auf die 
Hauptpunkte: Athenes: trfes bien; Constantinople: 
trfes bien; Salonique: trfes bien u. s. f. (offenbar skla- 
vische Übersetzung des üblichen ttoXü KaXd). Plötz- 
lich fragte er: TToO eTvai fj 'A|i€piKa; (Wo ist Amerika?) 
Ich suchte ihm nun klar zu machen, dafs meine Karte 
des Agäischen Meeres nicht bis zum westlichen Kon- 
tinent reiche. Sein Interesse für Amerika wurde er- 
klärlich. Er fragte: Do you speak English? und er- 
zählte, dafs er als Matrose nach Malta gekommen sei; 
von dort hatte er sich nach einer Stadt fem im 
Westen — Frisko heifse sie — verheuert. Aber er 
wurde krank, imd der Arzt im Hospital erklärte ihn 
für zu jung zu solch anstrengender Reise. Seinen 
Namen Georgios Misirlis schrieb er in mein Reise- 
handbuch zum Staunen seiner Genossen in griechi- 
scher und lateinischer Schrift ein. Er war mm der 
Herr und bestellte mehrfach für uns Samierwein, den 



— 237 — 

ich natürlich bezahlen mufste; er war übrigens g^t und 
lächerlich billig. Als ich nun aufbrechen wollte, meinte 
er: ""Ac K(i|iiJü|i€ TrepiTraiov (Wir wollen einen Spaziergang 
machen). Ich war natürlich etwas verwundert über 
diese Unverfrorenheit, hatte aber, nachdem er sein 
Äufseres einigermafsen civilisiert hatte, nichts gegen 
seine Begleiterschaft einzuwenden. Wir kamen bei der 
Weinhandlung des Deutschen Handelsvereins vorbei. 
Mein Cicerone erklärte: Hier wohnt Kyrios Ignatios 
Müller und setzte andachtsvoll hinzu: GTvai irXoucnJüTaTOC 
(Er ist schwerreich). Er war dort in Stellung ge- 
wesen; aber die Intrig^en eines osmanischen Kollegen 
haben den unschuldsvollen Misirlis, der sich natürlich 
nie das Geringste hatte zu Schulden kommen lassen, 
aus seiner g^ten Stellung verdrängt, und nun mufs 
er sich ärmlich durchschlagen. Wir gelangten zum 
Stawros (der Kreuzung der Smyma-Sardes- und der 
Smyma-Aidin-Bahn) und erfrischten uns in einem be- 
nachbarten entzückenden Orangengarten, wo zum Ab- 
schied der Wirt mir einen Zweig mit vier grünen 
Orangen schenkte. Auf dem Wege nach Hause 
kamen wir durch eine enge Gasse; mein Führer hielt 
vor einem erleuchteten Haus mit geschlossenen Ja- 
lousien, aus dessen Innerm Musik und Jubel männ- 
licher und weiblicher Stimmen erscholl. Er war sehr 
verwundert, als ich keine Neigung bezeigte, diese 
ziemlich eindeutige Merkwürdigkeit Smymas zu be- 
suchen. Es war dunkel geworden, und ich suchte 
einen Wagen. Der Edle wollte durchaus für mich unter- 
handeln, und ein Kutscher war bereit, „pour cent 
piastres" die Fahrt zu unternehmen. Ich lachte ihn aus 
imd nahm einen zweiten, der einen Viertelsmedjid^) 

I) 5 Piaster. 



— 238 - 

verlangte. Der Grieche war ganz verwundert; der! 
erste Wagen sei schöner und nicht teurer ge- [ 
wesen. „Du schwätzest dummes Zeug." „Mais nonl J 
il a demand^ le mSme." „Comment? il a demand&l 
Cent piastres." „Eh bien! un, deux, trois, quatra, ' 
Cent." Da klärte ich nun den TrefFUchen zu i 
Staunen über den Unterschied von cent (^kotöv) und 
cinq {n^VTt) auf. Sich verabschiedend, meinte er, 
wir weihen bald wieder einen Spaziergang machen; 
ich war schwach genug, es ihm zuzusagen, mir in 
der Stille vornehmend, das zu vergessen. Indessen 
seinem Schicksal entrinnt man nicht. Am letzten , 
Tage hatte ich Besuch im persischen Konsulat ge- ] 
macht und ging nichts ahnend auf den nahen Kassaba- 
bahnhof. Da kommt mir im Fez strahlenden Antlitzes 
und gut gekleidet mein Freund Georg Misirlis ent- 
gegen und meldet mit Selbstbewustsein, dafs er wieder 
eine soziale Stufe emporgestiegen sei; er ist Karo- 
zieris (Kutscher) geworden. Er wollte sofort mich 
als seinen Fahrgast ausbeuten. Wir verabredeten 
denn auf den Nachmittag eine Fahrt längs der Süd- J 
küste des Golfs, nach Gestepe, die mir immer als J 
besonders schön war geschildert worden. Alles ver- i 
lief programmmäfsig; unterwegs erzählte er mir, er J 
liebe sehr die Engländer. Die Königin hätte jetzt < 
einen gro&en Krieg mit dem ßaciXeüc TÜJv Mnoiipiuv 
(dem König der Buren). Die Engländer hätten in 
Smyma schon zahlreiche Leute angeworben; er wolle 
auch mit. Ich riet ihm entschieden ab. Erstens 
seien die Buren kein Königreich, sondern eine freie 
Dimokratia, gegen welche ein hochgesinnter Hellene 
nicht fechten solle. Auch bekäme er zwar als eng- 
lischer Söldner gute Nahrung, aber viel Prügel, und 



— 239 — 

den dortigen Anstrengungen sei er nicht gewachsen. 
Das schlechteste Leben in Smyma sei besser als das 
beste in England. Er begriff das und schlug mir 
dafür vor, als mein Diener mich nach Athen zu be- 
gleiten; es kostete viel Worte, diesen neuen Vor- 
schlag einem so projektenreichen Kopfe auszureden. 
Er riet mir nun, den Rückweg durch die Agora 
(Bazar) zu nehmen, was mir in Anbetracht der Enge 
der Gewölbe und der Menschenmenge etwas bedenk* 
lieh vorkam. Allein mein Rosselenker setzte seinen 
Willen durch. So viel Schimpfworte und halbunter- 
drückte Flüche haben sich niemals über mein schuld* 
loses Haupt ergossen, als während dieser unvernünf- 
tigen Fahrt durch den Bazar, wo kaum für Kamele 
und Menschen, geschweige denn für Karossen ge- 
nügend Raum ist. Und das Verhängnis nahte mit 
raschen Schritten. An einem Kreuzungspunkte, wo 
drei Strafsen in einander einmündeten, stiefs er mit 
zwei beladenen Karren zusammen, und rückwärts 
ausweichend geriet er in die Auslage eines türkischen 
Mehlhändlers. Die Glasscheiben klirrten, und im Nu 
sammelte sich um unsren Wagen eine wütende Volks- 
menge, an ihrer Spitze der geschädigte Kaufmann.^ 
Mein armer Karozieris wurde an den Beinen ziem- 
lich unsanft vom Bock heruntergerissen; doch da 
erschien die Polizei, hieb die erregten Staatsbürger 
auf die Köpfe; Ruhe trat ein, und ein Thatbestand 
wurde aufgenommen. Wir konnten ungehindert ab- 
fahren. Als ich ausstieg, fragte ich meinen Kutscher, 
ob er seinen Namen habe angeben müssen. Er be- 
jahte es. „Mufst Du zahlen?" „Ich werde alles be- 
zahlen", und dabei liefen dem armen Burschen die 
dicken Thränen über die Backen herunter. „Wie 



— 240 — 

yiel mufst Du denn bezahlen?" ,|A^Ka Ypöccia" (zehn 
Piaster = i Mk. 60 Pfg.) sagte er unter Schluchzen. 
Nun, dem Manne konnte geholfen werden. Bald sauste 
er mit verklärten Zügen von dannen. 

Als ich dieses Erlebnis einem griechischen Freunde 
erzählte, war er mäfsig von meinem Berichte erbaut 
imd sagte: „Das werden sein die Anekdoten, die sie 
werden erzählen in Europa von unsrem Volke, und 
Sie werden machen die Griechen lächerlich!** Nim, 
ich hoffe, dafs er mir darum nicht gram sein wird, 
wenn ich dieses Erlebnis mit dem Smymioten der 
Öffentlichkeit nicht vorenthalte. 



IL DIE SPANISCHEN JUDEN. 

Mit vielen Typen der ethnographischen Muster- 
karte, welche der Padischah mit eiserner Rute weidet, 
bin ich in keine oder, wie z. B. mit Bulgaren, Ar- 
nauten, Persem, Tsiganen u. s. f., nur in so oberfläch- 
liche Berührung gekommen, dafs ich mich eines per- 
sönlichen Urteils über diese interessanten Nationali- 
täten durchaus enthalten mufs. Einigermafsen lernte 
ich dagegen in Smyma die Spaniolen kennen. Die 
spanischen Juden sind bekanntlich durch die Frömmig- 
keit der katholischen Majestäten und durch den 
Thatendrang der heiligen Inquisition ihrem iberischen 
Heimatland, das sie seit der Westgoten- und Araber- 
zeit in dichten Scharen besiedelt hatten, entfremdet 
worden. Die Unglücklichen wanderten nach den 
afrikanischen Raubstaaten und nach dem Reiche des 
Grofstürken aus, wo sie in Smyma, Aidin und zahl- 
reichen andern Städten einen erheblichen Bruchteil 
der Bevölkerung, in Saloniki sogar die gute Hälfte 
(75000 von 150000 Einwohnern) bilden. Diese spa^ 
nischen Juden, die sogenannten Sephardim, unter- 
scheiden sich von den Aschkenasim, den deutschen 
und polnischen Juden, als eine besondre Rasse. Sie 
behaupten — natürlich eine ganz unbegründete Tra- 
dition — von den Judäem abzustammen, während die 
deutschen Juden die Nachkommen des geringwertigen 

G e 1 z c r , Selbsterlebtes u. Selbstgesehenes. 1 6 



— 242 — 

-g'aliläischen Mischvolkes sein sollen. Jedenfalls sind] 
aber die spanischen Juden eine kräftige und un-1 
gewöhnlich schöne Menschenrasse. Die Männer sind 
meist gut gewachsene schlanke Gestalten mit einem 
sehr sympathischen Gesichtsausdruck. Wenn man 
am Sabbat durch Balat, das dem Phanar benachbarte 
Judenquartier Stambuls, flaniert, freut man sich des 
Anblicks der feiertäglich gekleideten Bevölkerung. 
Unter den Greisen sieht man wahre Prachtgestalten 
mit kühngeschnittenem Profil, in langem, milchweifsem 
Bart, der auf den gelbseidnen, durch einen roten Gürtel 
zusammengehaltenen Kaftan hinabfliefst, eigentliche 
Patriarchentypen, Es ist ein aufserordentlich betrieb- 
samer und fleifsiger Stamm; die meisten leben trotz- 
dem in sehr dürftigen Verhältnissen, ein schlagender 
Beweis für die grofse Ehrlichkeit, für die sie auch 
berühmt sind. Der verstorbene Humann erzählte mir, 
dafs er sein Geld bei einem spanischen Geldwechsler 
zu deponieren pflege, weil diese Leute die zuver- 
lässigsten seien. Wie alle Völkerschaften, besitzen 
auch die Juden in Smyma ihr Sonderquartier, das 
sich eben nicht durch grofse Reinlichkeit auszeichnet. 
Ansteckende Krankheiten in der Stadt sollen, wie 
mir von amtlicher Seite versichert wurde, allemal 
ihren Urspnmgsherd im Judenvierte! haben. Aber 
liebenswürdige Menschen bleiben sie trotzdem. Ein 
köstliches Exemplar dieser Rasse lernte ich in meinem 
Lustradschi (Stiefelputzer) Joshua Yarhi kennen, einem 
hochbegabten Burschen, der geläufig sechs Sprachen 
redete, und um den es jammerschade war, dafe die 
bittere Armut seiner Familie ihm keine bessere Er- 
ziehung ermöglichte. Durch seinen muntern Wit£^ 
nahm er mich sehr für sich ein und durch die ud*1 



— 243 — 

widerstehlich komische Art, mit der er seinen Kunden 
schmeichelte: „Monsieur est si bon; tout le monde 
Taimel" „Mais Josu6, vous mentez eflEront^ment; per- 
sonne ne me connattl" „Parole d'honneuri moi je 
ne parle que la pure v6rit61 moi qui connais toute 
la ville, je sais ce qu'on pense de vous." Er besafs 
in hohem Mafse das, was die Franzosen drölerie 
nennen; dabei erwies er sich als ein vorzüglicher 
Führer bei meinen Geschäftsgängen, der auch mit 
kleinem Lohn stets zufrieden war. In einem Falle 
zeigte er die Mäfsigkeit seiner Rasse. Als ich ihm 
einmal ein Glas Limonade anbot, von der ich an- 
nahm, dafs sie koscher sei, dankte er, trotzdem es 
sehr heifs war: „Cela n'est rien pour nous; c'est pour 
les gens riches; nous sommes contents, si nous avons 
ä manger." Ein schöner Zug ist auch die strenge 
Religiosität dieser Juden. Während sonst der Quai 
und die Frankenstrafse von ihnen winmieln, sind sie 
am Sonnabend wie durch einen Zauberschlag alle 
verschwimden; dieser Tag gehört bei Alt und Jung 
nur dem Gottesdienste, Diese Religiosität ist bei 
den Juden wie bei den Türken entschieden eine der 
Wurzeln ihrer Kraft 



i6' 



III. DIE ARMENIER, 

I, DIE ARMENIER IN DEN AUGEN EUROPAS. 

Es ist zum voraus ein vergebliches Unternehmen, 
einem gerechten imd billigen Urteil über die un- 
glückliche armenische Nation zum Durchbruch zu 
verhelfen. Die Voreingenommenheit gegen dieselbe 
ist in der öffentlichen Meinung eine zu grofse und 
wird von den zahlreichen Orientbesuchem, welche, 
selbst befangen, das Land sich ansehen, aufs red- 
lichste genährt. Ein so verdienter Kenner von Land 
imd Leuten wie Rohrbach vermag mit seinen An- 
schauungen, die durchweg das Richtige treffen, nicht 
durchzudringen. Im besten Falle hört man uns Ar- 
menierfreunde geduldig imd freundlich an und denkt 
im Stillen: Mit den türkischen drakonischen' Mafs- 
regeln ist es den Armeniern ganz recht geschehen; 
sie haben erhalten, was ihre Thaten wert waren, 
diese Gauner, Betrüger und Wucherer. Hierbei 
passiert den also Urteilenden eine kleine Denk- 
konfusion. Ihr Hafs konzentriert sich auf den arme- 
nischen Handelsstand. Die Wucht der türkischen 
Metzeleien hat aber in erster Linie den grundbraven 
armenischen Bauernstand getroffen, jene fleifsigen, 
gänzlich unpolitischen und nichts weniger als betrü- 
gerischen Menschen, welche Moltke christliche Türken 



— 245 — . 

genannt hat. Das Los dieser bescheidenen und nichts 
weniger als wucherischen Leute ist ein schreckliches 
gewesen. Ein deutscher Arzt, welcher seit langem 
in der Türkei ansässig und entschieden kein Arme- 
nierfreund ist, sagte mir, er habe die Vilajets Wan, 
Charput und Bitlis durchreist. Der Anblick sei ein 
furchtbarer. Überall sieht man nur die Ruinen der 
verbrannten und ausgemordeten Dörfer. So müsse 
Deutschland nach dem dreifsigiährigen Kriege aus- 
gesehen haben. Jahrzehnte würden vergehen, ohne 
daJs es möglich sei, die frühere Blüte herzustellen. 
Eine Hauptschuld trifft auch hier wieder England, 
welches zuerst die unvernünftige armenische Aktions- 
partei ermunterte und der Nation die Errichtung eines 
Süzeränen Fürstentums nach der Analogie des Li- 
banon vorspiegelte, aber nachher die Armenier in 
schmachvoller Weise im Stiche liefs. Da hat die 
vielgeschmähte französische Regierung Napoleons UI. 
nach den greuelvollen Christenschlächtereien von Da- 
maskus anders ehrenhaft gehandelt. Damals war 
aber auch die ganze Öffentliche Meinung Europas 
aufs furchtbarste erregt, und doch sind damals nur 
1 1 ooü Maroniten und Syrier getötet worden, gegen 
die ungeheuren Massen, die während der armenischen 
Greuelperiode geblutet haben, eine lächerlich geringe 
Zahl. Man höhnt sehr thöricht über den militärischen 
Spaziergang Napoleons und vergifst, dafs damals noch 
die Humanitätsgedanken, wie sie das XV Ul. Jahr- 
hundert geboren, eine Macht waren. Dagegen heute, 
im Zeitalter des Realismus, bewundem wir die in 
Abdul-Hamids Schlächterscenen sich manifestierende 
Kraft. Die Gleichgültigkeit, mit der unsre Regie- 
rungen diesem Volksmord zugeschaut haben, ist ein 



— 246 — 

deuüicher Beweis der immer sieghafter um sich 
greifenden moralischen Dekadenz unsrer Generation, 
Das ist eine brutale Thatsache, die man bedauern, 
die man aber nicht ändern kann, und mit der man 
rechnen mufs. 



2. DIE ARMENISCHEN KAUFLEUTE. 

Aber warum sind denn die Armenier so ver- 
hafst? Der Hauptgrund ist der Merkantilismus der 
armenischen Rasse. Die Armenier sind gebome 
Kaufleute. Ihre Gewandtheit und Verschmitztheit 
in allen Geschäften sind hervorragend. Die meisten 
kaufmännischen Unternehmungen im Osten von Klein- 
asien sind in ihren Händen. Sie besitzen eine un- 
gewöhnliche Elastizität und wissen sich in alle Ver- 
hältnisse zu fügen. Der armenische Handelsmann 
sucht rücksichtslos nur seinen Vorteil. Er nutzt den 
wirtschaftlich Schwachen erbarmungslos aus. Sind 
die andren kommerziell genial veranlagten Nationen, 
Engländer, Amerikaner und Juden, darin viel besser? 
Man kann den Hafs der Türken und andrer Völker 
verstehen; er stammt aus einem ähnlichen Beweg- 
grund, wie bei uns der Antisemitismus. Aber die- 
selben Menschen, welche über die Judenabschlach- 
timgen durch die wirtschaftlich mifshandelten Stadt- 
bürger zur Zeit des schwarzen Todes blutige Thränen 
vergiefsen und sich nicht genug über die geistige 
Finsternis des XIV. Jahrhunderts aufregen können, 
finden im XIX. Jahrhundert dasselbe summarische 
Verfahren gegenüber den Armeniern ganz in der 
Ordmmg. Wie so oft, heifst es auch hier: Si duo 
faciunt idem, non est idem. 



— 247 — 

Es ist nicht zu leugnen, der armenische Händler 
teilt mit dem osteuropäischen Schacherjuden viele 
seiner Unarten. Auch den reichen Grofskaufleuten 
fehlt ein gewisser höherer Zug. Ein hochgestellter 
Armenier sagte mir selbst, jenen grandiosen Gemein- 
sinn der Griechen suche man bei seinen schwer- 
reichen Landsleuten in Konstantinopel und Smyma 
vergebens. Selten haben sie so grofsartige Werke 
wissenschaftlicher, humaner oder patriotischer Art 
geschaflFen, wie die reichen Griechen es gethan haben. 
Der begüterte Armenier scharrt vielfach nur das 
glänzende Metall zusammen. Es fehlt ihm der natio- 
nale Gemeinsinn. Aber es ist eine Ungerechtigkeit, 
wegen dieser bei einzelnen Individuen sich findenden 
Fehler über den gesamten Handelsstand oder vollends 
über die ganze Nation schonungslos den Stab zu 
brechen. Ein wohlunterrichteter, im Orient ansässiger 
Deutscher bezeichnete auch die Erziehung der ge- 
retteten armenischen Waisen in Deutschland als ein 
Unglück, weil sie dadurch ihrem heimischen Boden 
imd nationalen Gedankenkreis entrissen würden. Diese 
Armenier widmeten sich herangewachsen wohl aus- 
nahmslos dem Handelsstand, und da sie nun das 
deutsche Geschäft von Grund aus kennen, würden 
sie, in den Orient zurückgekehrt, bei ihrer Bedürfnis- 
losigkeit bald die ohnehin auf schwachen Füfsen 
stehende deutsche Konkurrenz in Konstantinopel und 
Smyma lahm legen. Indessen die meisten dieser 
Waisen werden ja in Brussa, Urfa u. s. f., also in der 
Heimat, erzogen. Sodann, ist es denn ein so schlimmes 
Verbrechen, wenn der Armenier für gewisse Geschäfte 
gröfsere Begabung als andre Nationen entwickelt? 
Man kann ihnen so wenig als den Juden verbieten 



gescheit zu sein. Unbequem mag dies den andrenl 
ja bisweilen werden. 



WIKTSCHAFTLICHEN FOLGEN 
MOKDE, 



ARM ENI ER- 



Vorläufig hat man in Konstantinopel durch die 
Armeniermorde nur erreicht, dafs die Geschäfte über- 
haupt nicht gehen. Es herrscht allgemeine Geld- 
klemme in Pera. Europäer und Griechen klagen aufs 
bitterste über die völlige Geschäftslosigkeit Geld 
ist auch zu hohen Zinsen absolut nicht zu bekommen, 
seit die Armenier weg sind. Niemand will seine 
Kapitalien in dortigen Unternehmungen wagen. Diese 
Klagelieder habe ich nahezu täglich gehört. Ein 
ungarischer Ge werbtreibender, ein wohlhabender Mann, 
gesellte sich einst zu uns, als wir Abends in üblicher 
Weise auf der Strafse vor dem Cafe safsen. Plötz-i 
lieh wurde Feueralarm gemacht. Die Löschmann- 
schaften kamen he rangestürmt. Jedes Quartier hat 
seine fi-eiwillige Feuerwehr. In fliegender Eile und 
mit grofsem Geschrei toben sie durch die Strafsen; 
sie kündigen sich an als „die tüchtigen Bursche von 
Tschiraghi Hasan, von Kodscha Mustafapascha u. s. f.", 
je nach den Namen ihrer Quartiere. Alle sind weifs 
uniformiert. Einer trägt eine Laterne, vier eine Losch- 
pumpe, in die sie die gestohlenen Sachen legen. Denn 
„die tüchtigen Bursche" sind ein ganz ver%vorfenes 
Zigeunergesindel, das sich aus den untersten Schichten 
des Stambuler Pöbels, den Frucht Verkäufern und 
sonstigen fliegenden Händlern der mohammedanischen 
Bevölkerung, rekrutiert Aber auch viele griechische 
und armenische Voyous schliefsen sich an, da eiifi 



he^H 
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— 249 — 

solcher Brand eine vorzügliche Gelegenheit zu aller- 
hand bedenklichen Manipulationen ist. Einst, wie 
unser Gewährsmann erzählte, brach in einem Hut- 
geschäft Feuer aus. Im Nu war das Geschäft ge- 
leert; denn die biedere Löschmannschaft stülpte sich 
Mann für Mann ein oder zwei Hüte auf den Kopf 
und verschwand unter den schützenden Fittichen der 
Nacht Neben diesen freiwilligen Feuerwehren giebt 
es auch ein starkes offizielles Pompierscorps, welches 
von der Regierung gebildet worden ist. Dasselbe 
ist ganz europäisch organisiert und hat einen Ungarn 
zum Leiter. Diese Mannschaft ist mit allen den mo- 
dernen Anforderungen entsprechenden Gerätschaften 
ausgerüstet und funktioniert ganz vortrefflich. Sobald 
diese kommen, atmen die bedrohten Hausbesitzer 
auf, Militär sperrt die Strafsen ab, und das frei- 
willige Diebsgesindel wird femgehalten. Diese letztem 
Kerle sehen wahrhaft unheimlich aus; alle tragen 
grofee Stöcke; mit diesen schlugen sie die Armenier tot. 
Plötzlich kam eine neu heranrasende Bande ganz 
nahe an uns vorbei. In üblicher Weise waren die Stühle 
und Tische des Caf6s bis weit in den Strafsendamm 
hinausgestellt. Da stiefs ein solcher Löschmann einen 
friedlich seines Weges gehenden Arbeiter so unsanft 
an, dafs er gegen ein benachbartes Tischschen flog, an 
dem vier Herren safsen. Eine Wasserkaraffe und die 
Tarsen flogen in Scherben zu Boden. Der Arbeiter 
war vollkommen schuldlos, wie alle Anwesenden be- 
zeugten. Natürlich war der Übelthäter längst ver- 
schwunden. Der Wirt, der den Schaden hatte, und 
der Kellner kehrten lautlos die Scherben zusammen. 
Unser Gewährsmann sagte zu uns: Sehen Sie, das sind 
die Banden, welche die Armenier ermordet haben. Ein 



— 250 — 

Wink von oben, ein bifschen Energie der Polizei, und 
nichts wäre geschehen. Aber die Sache war eine von 
oben gewollte. Er erzählte uns, dafs er als Arbeiter in 
seinem Geschäft acht Armenier gehabt habe. Während 
der Massacres versteckte er diese in einen Holzkeller, 
zu dem er allein den Schlüssel hatte, und eigenhändig 
versorgte er sie mit Lebensmitteln. Dreimal erschienen 
die Türken imd verlangten nach seinen Armeniern 
Er erklärte, dafs sie entwichen seien, und als die 
Kerle nachsuchen wollten, trat er ihnen — er ist ein 
herkulisch gebauter Mann — mit solcher Energie und 
Schärfe entgegen, dafs sie brummend abzogen. Nach- 
her verschaffte er den Unglücklichen östreichische 
Pässe, sodafs sie Pera verlassen konnten. Besonders 
fanatisch war die niedere persische Bevölkerung. Er 
mufste selbst mit ansehen, wie diese fürchterlichen 
Menschen selbdritt unmittelbar vor seiner Wohnung 
einen armenischen Geistlichen in der scheufslichsten 
Weise tot stachen. Wer diese Greuelscenen gesehen, 
wird den Eindruck nicht mehr los. Alle Geschäfte, 
fuhr er fort, sind seit den Massacres tot. Niemand 
hat mehr Geld. In der ganzen Stadt jammert man 
darüber. Das hat der Sultan davon. Man lebt eben 
unter Wilden; da will niemand sein Geld riskieren. 
Er meinte, er wäre längst fortgezogen, wenn er nur 
könnte; aber die vielen bösen Schuldner fesseln ihn 
an den Boden von Pera. 

Am wenigsten sind bei diesen Blutthaten die 
unierten Armenier in Mitleidenschaft gezogen worden, 
weil sie meist unter dem starken Schutze irgend einer 
Grofsmacht stehen. Aber ein hochstehender Dignitär 
der unierten armenischen Kirche gestand mir nicht 
ohne eine gewisse verlegene Beschämung ein: „Der 



— 251 — 

Grund ist, weil wir nicht so patriotisch sind, wie die 
andren Armenier". 

SCHLÜSS. 

Ein furchtbarer moralischer Druck lastet auf 
der imglücklichen armenischen Nation. Aber, wie 
ich schon einmal andeutete, die traurigen Ereig- 
nisse des vergangenen Jahrzehnts haben die ver- 
schiedenen christlichen Völker, vorab die Griechen 
und die Armenier, einander näher gebracht Man 
gewinnt im Orient den Eindruck, als wenn die alten 
Unterscheidungslehren, welche im Mittelalter die Völ- 
ker spalteten, allmählich der Vergessenheit anheim- 
fielen, imd als ob eine neue Zeit reinerer Religiosität 
anbräche. Mit dem Erwachen des politischen Geistes 
im vergangenen Jahrhxmdert ist auch das National- 
gefühl erstarkt. So berechtigt diese Neubelebimg 
des volkstümlichen Geistes ist, in dem Nationen- 
gemengsel Östreich-Ungams und vollends in den Bal- 
kanstaaten mit ihrem ebenso fanatischen als lächer- 
lichen Nationalitätenhader, der seine widerlichste 
Gestalt in Bulgarien angenommen hat, ist die grofse 
und erhabene Idee zum Zerrbild und zur Karikatur 
geworden. Es wirkt imwiderstehlich komisch, wenn 
man sieht, wie die slawischen Gelehrten sich aufs 
hitzigste darüber herumstreiten, ob gewisse Kantone 
Ostmacedoniens serbisch oder bulgarisch seien. Die 
Bevölkerung selbst weifs es nicht. Man sieht, wie 
gewaltig diese völkerabsperrenden Schranken sind. 
Diese nationale Verbitterung, welche die einzelnen 
Balkanstaaten zerklüftet, ist ein Beweis für die poli- 
tische Inferiorität der heutigen, in den Einzelstaaten 
herrschenden Generation. Vielleicht wird aber das 



neue Jahrhundert ein neues Geschlecht xmd neue 
Männer ans Ruder bringen, welche sich nicht in 
erster Linie als Serben, Bulgaren, Griechen, Ru- 
mänen u. s, f. fühlen, sondern welche in der Weise 
der Vorzeit das alte Banner des orthodoxen Glaubens 
wieder aufrichten. Wenn es möglich wäre, in diesem 
so siegreichen Zeichen wieder eine Solidarität der 
christlichen Balkanvölker zustande zu bringen, so 
wäre das ein Element von welthistorischer Kraft 
und würde eine glänzende Zukunft für diese so reich- 
begabten Völker verbürgen. Wenn sich aber die 
einzelnen Nationen und Natiönchen immer mehr in 
den unerquicklichen und geradezu selbstmörderischen 
Bruderfehden festbeifsen, dann ist ihr Schicksal be- 
siegelt; sie haben sich über kurz oder lang als 
„Kultur dünger" irgend einem gröfsem Ganzen an- 
ziischliefsen. Die grofsserbischen, grols bulgarischen 
und grofsrumänischen Träume sind noch viel un- 
sinniger als die grofsgriechi sehen; denn sie haben, 
nicht — oder doch nur in sehr beschränktem Mafse — 
als Entschuldigungsgrund die unauslöschliche Er- 
innerung an eine glanzvolle Vergangenheit geltend 
zu machen. Doch ich glaube nicht, dafs die Freunde 
dieser Völker mit ernster Besorgnis in die Zukunft 
zu bücken haben. Dieselben haben in den beiden 
letzten Generationen durch die immer intensivere 
Aneignung der westeuropäischen Kultur so macht- 
volle Fortschritte im Geistesleben und in ihrer gesam- 
ten Gesittung gemacht, dafs die Hoffnung nicht aus- 
geschlossen ist, sie werden allmählich die Kinder- 
krankheit des Nationalitätenhaders überwinden und 
ohne Aufgabe des ethnischen Selbstbewufstseins, aber 
in einträchtigem Wirken mit ihren rechtgläubigen 



— 253 — 

Glaubensbrüdem in das Mannesalter des fruchtbaren 
politischen Wirkens übertreten. Diese Völker, noch 
vor hundert Jahren verachtete Rajas, nahezu un- 
bekannt für den gebildeten Europäer, sind heute 
immer mehr unsre gleichberechtigten Brüder ge- 
worden, und immer mehr möge das grofse Wort in 
Erfüllung gehen: 

Gottes ist der Orient! 
Gottes ist der Occident! 
Nord- und südliches Gelände 
Ruht im Frieden seiner Hände. 






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Iluf eninD etnn Hilfr burd? polatt'nn fyu bn ÜitfaHa uni I 
jHdiiin Ridjt nut con trm Cnn»« frlbll, fpnixtn aiirti Don uU »cm, iD' 
lifrDOK oBft iibft es Ijingtgangni ifl Im tauf! ^I^ jnbrtaafmbe — tm iuvi«|tiu«u>s, 
farbotrrtrf-M BtlB, in bfra Bt( palrlotdien jsiotfs nnB ble Wteiijf abrfr , BaclCi unh 
lEStiflui. Sic nllrn Ilflner unb tut Storni Uloliainmrts tlnanimi nblöfcn. 

fi immelsbiiö unö tTeltanfdjauung im Wanbel 
4jÖer Reiten. Don Crocls^Cunb. lÄ^ 9- 1'"^; 

. . . «s iS eine toolite (oft, Wtfem funlilsfn ont geipreldjen iftljiec 
onf bem langen, aber ntf nrnOBrnBen ITegc ]o folgen, btn n uns bunt Jltim. aftifo 
ünB Cutopa, Ouri^ ailicüim unB Itllllrlallei bis Ijerüb In ble Rmjtit fäl]tl. . . . 
«s ift ein mei[ ans einem,.Sii6, in groSen glgen un» otine alle 

WnMiDfgsbas üertlenfl lies ürttaflccs idjmÄlfrn, Befftn fifjanem, in^nllsrcic^tm 
nnB anccgenBem^iidie toli DiEimcbc einen i<d)t aiDfttn Cefnhels nidjt nui unlei ben 
lanftlgen i^elttiiten, ^anllini auit| untei ben gt bllbeKn C alen iDan|c()en. Denn es l|t 
nt*l nur eine gefiiii^tdcbf. ti. Ij. bet öergansenliHt angeljartge jiagt, We iarin crärtect 
nhb, fonbnn OB* eine toliiie, die jcbem Benfenben auf ben iingern biennt. 
Unb ni*l Immer mlib aber (oldje Dinge !o fanblg unb (o fiel, fo Ielbtn> 

gefdiirl)!. . . . IBl, Ileflle i.b. Jollrhiäclietn f.*. rinn.aHen.,®(t*.a.tieiil(*e£ll[er.) 

■^rrbeit unö J^tj^t^mus. Don Prof. Karl Budjer. 

,^1 3»el!c. flnrf oenndjrte Huflage. gr. 8. (EcbeftH .« 6— ■, gefi^matfDoU 

(Ui v.OilanioDlncinafUenbotff in bn Dfatfifien ClttnatuciSeitnng.) 
... Sie abrlge Semeinbe aUgemein ffiibiEbdeE, meldie nidft blog btefe ober 
in bn 6*rri*er ütbelt (nll|a[tmen njltjenfiljafliidjen 8rran«m= 
biefflefamlbeil bes f elbfldnbtgen 
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imus aufiirlj.lg fteBcnbarf, B-irt 
1* bofäc brfonbets banibat (ein, ta% er 
ndttfert ^at, »el^e ble ebeiflen Senäffe 

Seoba*lün9,"niiV'Vl"pfmVllVryÄ'at^rtn'bereAtVnil^^^^^ (önbe"tn"au'.S 
allldglidier, OBf Sdiiitl unb Ciilt um begeanentiBi Sefdrebnif (e. 

(O. 0. rnair in b» SeiEagc ]. UUgem. gig.) 
. . . Da* (ßffanle njicft genOgm, jrtin «lebljabec btt Kuliurs unb nllttJ 
(il,aftS3e[*i*H, Eie geinDoilei BelcarftlBn« bei arofi.n ä"('""m<"' 
hange aUes m«if*Hcl,»n tebens auf btc feine nn^ inleietfanie Untetfudjung 
tllniBdjfiim, (®.5<i,m oller im 3iilitbu* f. ®e|eBfl'l»'n9 u, f. mo 

^^ie 2?enaiffance in ^^orenj un& Kom. Jldjt 
^Dorträgc con prof. Dr. K. Bxanbi. tf.-'^l- 

Sas Uuib bietet bit eifte ju(ammenfa|fenbe unb entictifelnbc Sebaiibiuna btetcr 
ffli ble «efdjidjte b« menf*!l*en »eiSei \t 
fc^rinunani bes tebrns, 5- ■-■-'■-- - - 
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